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Die Funktion des Phaon Stradmann in Gerhart Hauptmanns "Die Insel der Großen Mutter oder Das Wunder von Île Des Dames"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 23 Pages
Author: Philipp Sedlak
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 23
Grade: 2,3
Language: German
Archive No.: V134211
ISBN (E-book): 978-3-640-42130-5
ISBN (Book): 978-3-640-42141-1

Abstract

Die wie aus dem Nichts geborene Gemeinschaft von Frauen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Fähigkeiten und unterschiedlicher Begabungen lässt eine bis dato von Menschen unbesiedelte Südseeinsel zum Schauplatz eines utopischen, ja mythischen Romans werden, in welchem der auktoriale Erzähler schon zu Beginn den Hinweis auf das Hauptproblem gibt, welches jede Gesellschaft begleitet, die fortbestehen, also eine Zukunft haben will: „Nur eine der Damen, Tochter eines vielfachen Millionärs, eine achtzehnjährige junge Frau, die auf der Hochzeitsreise um die Welt mitten im höchsten Glück und außerdem grade beim Diner durch die Katastrophe überrascht worden war, eine deutsche Lady, die ihren heißgeliebten Lord verloren hatte, wurde in ihrer Verzweiflung zur Rasenden und rannte entweder, mit der Absicht sich zu ertränken, in die Brandungen oder brach, zurückgeholt und von vielen Armen gehalten, in Schreikrämpfe aus“ (683f). So wie der jungen Lady ergeht es den meisten Frauen auf der Insel in Gerhart Hauptmanns Roman „Die Insel der Großen Mutter oder Das Wunder von Île des Dames“, welcher Im Jahre 1924 erschien. Alle Männer (bis auf den jungen Phaon) gehen mit dem „Kormoran“, dem Schiff der Reisegesellschaft, unter. Der Hinweis über den Fortbestand der Gesellschaft ist für Weitsichtige hier also schon gegeben: Unter Berücksichtigung der Fakten kann es sich bei der Frauengruppe nur um eine temporäre Erscheinung auf der Insel handeln, da sie nicht reproduktionsfähig ist. Soheir Gohar geht in seiner Analyse sogar noch einen Schritt weiter. Aus der Verhaltensweise der jungen Lady schließt er: „Der plötzliche Verlust der patriarchalischen Ordnung lässt die Frauen recht ratlos in der Welt stehen und führt gar zu Selbstmordgedanken.“ Selbstmordgedanken und Unsicherheit bei den Frauen also nicht nur wegen des großen schmerzlichen Verlusts bedingt durch den Tod der geliebten Gatten, sondern auch durch den Verlust der gewohnten Ordnung, der Ordnung und der Führung des Mannes. Gerade deshalb bietet sich eine Analyse des einzig männlichen verbliebenen Wesens unter all den Frauen, Phaon Stradmann, besonders an. [...]


Excerpt (computer-generated)

Universität Stuttgart, Institut für Literaturwissenschaft

Abteilung für Neuere Deutsche Literatur I

Hauptseminar: Mythos

WS 2006/2007

Die Funktion des Phaon Stradmann in Gerhart Hauptmanns

,,Die Insel Der Großen Mutter oder

Das Wunder Von Île Des Dames"

vorgelegt von:

Philipp Sedlak

Germanistik (HF, 7. Semester)

Politikwissenschaft ( HF, 7. Semester)


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

2. Phaon Stradmann 3

3. Der gewandelte Gemeingeist: Das neue Männerbild 7

4. Die Projektionen der Frauen in Phaon 10

5. Exkurs: Die Frage der Vaterschaft 13

6. Das Dogma wird zum Mythos 13

7. Aufstieg, Blüte und Verfall des Matriarchats 16

8. Resümee 19

9. Literaturverzeichnis 20

1


1. Einleitung

Die wie aus dem Nichts geborene Gemeinschaft von Frauen unterschiedlichen Alters,

unterschiedlicher Fähigkeiten und unterschiedlicher Begabungen lässt eine bis dato von

Menschen unbesiedelte Südseeinsel zum Schauplatz eines utopischen, ja mythischen Romans

werden, in welchem der auktoriale Erzähler schon zu Beginn den Hinweis auf das

Hauptproblem gibt, welches jede Gesellschaft begleitet, die fortbestehen, also eine Zukunft

haben will:

,,Nur eine der Damen, Tochter eines vielfachen Millionärs, eine achtzehnjährige junge Frau, die auf der

Hochzeitsreise um die Welt mitten im höchsten Glück und außerdem grade beim Diner durch die

Katastrophe überrascht worden war, eine deutsche Lady, die ihren heißgeliebten Lord verloren hatte,

wurde in ihrer Verzweiflung zur Rasenden und rannte entweder, mit der Absicht sich zu ertränken, in

die Brandungen oder brach, zurückgeholt und von vielen Armen gehalten, in Schreikrämpfe aus"

(683f).1

So wie der jungen Lady ergeht es den meisten Frauen auf der Insel in Gerhart Hauptmanns

Roman ,,Die Insel der Großen Mutter oder Das Wunder von Île des Dames", welcher Im Jahre

1924 erschien.

Alle Männer (bis auf den jungen Phaon) gehen mit dem ,,Kormoran", dem Schiff der

Reisegesellschaft, unter. Der Hinweis über den Fortbestand der Gesellschaft ist für

Weitsichtige hier also schon gegeben: Unter Berücksichtigung der Fakten kann es sich bei der

Frauengruppe nur um eine temporäre Erscheinung auf der Insel handeln, da sie nicht

reproduktionsfähig ist. Soheir Gohar geht in seiner Analyse sogar noch einen Schritt weiter.

Aus der Verhaltensweise der jungen Lady schließt er: ,,Der plötzliche Verlust der

patriarchalischen Ordnung lässt die Frauen recht ratlos in der Welt stehen und führt gar zu

Selbstmordgedanken."2

Selbstmordgedanken und Unsicherheit bei den Frauen also nicht nur wegen des großen

schmerzlichen Verlusts bedingt durch den Tod der geliebten Gatten, sondern auch durch den

Verlust der gewohnten Ordnung, der Ordnung und der Führung des Mannes.

Gerade deshalb bietet sich eine Analyse des einzig männlichen verbliebenen Wesens unter all

den Frauen, Phaon Stradmann, besonders an.

Welche Beziehungen entwickeln sich auf engem Raum zwischen einer großen Anzahl

unterschiedlicher Frauen und einem zu Beginn des Romans zwölfjährigen Jungen? Welche

1 Hauptmann, Gerhart: Die Insel der grossen Mutter oder das Wunder von Ile Des Dames. Eine Geschichte aus

dem utopischen Archipelagus, in: Ders.: Sämtliche Werke. Centenar-Ausgabe. Zum hundertsten Geburtstag des

Dichters, 15. November 1962, hrsg. von Hans-Egon Hass. Bd. 5: Romane. Frankfurt am Main 1962, S. 681-

902.Die in der folgenden Arbeit in Klammern stehenden Seitenzahlen beziehen sich auf diese Ausgabe.

2 Gohar, Soheir: Der Archetyp der Großen Mutter in Hermann Hesses ,,Demian"und Gerhart Hauptmanns ,,Insel

der Großen Mutter", Frankfurt am Main 1987. S. 197.

2


Gefühle werden dem Jungen entgegengebracht? Mit welchen Projektionen seitens der Frauen

in seine Person muss sich Phaon auseinandersetzen? Wie ist oder wird ein Junge, der wie er in

dieser konstruierten Situation zu bestehen hat? Welche Rolle im Roman und welche Funktion

in der Frauengesellschaft nimmt der junge Phaon überhaupt ein?

Viele Fragen, deren Beantwortung für eine Analyse des Phaon Stradmanns unumgänglich ist.

2. Phaon Stradmann

Beim Lesen des Romans fällt sofort auf, dass eine Analyse nur aufgrund der Textstellen, die

unmittelbar mit Phaon zu tun haben, zu keinem befriedigenden Ergebnis führen würde. Zu

bedeutend ist Phaon für die ganze Komposition, den Handlungsablauf und das endliche

Scheitern des Matriarchats auf der Insel. Der Roman steht und fällt mit Phaon Stradmann.

Trotzdem bleibt Phaon bis zum Schluss des Romans äußerst rätselhaft. Leseerfahrungen

zeigen, dass Protagonisten eines Werkes in der Regel charakterisiert werden können. Dazu

bedienen sich Autoren des inneren Monologs, der Bewusstseinsströme, der erlebten Rede, der

Dialoge oder des Erzählers, welcher den Protagonisten einordnet und beschreibt.3 Der

rätselhafte Phaon gelingt zum einen dadurch, dass diese erzählerischen Mittel vom Autor nur

bedingt Verwendung finden, zum anderen aber auch durch die Textkonstruktion und den

Handlungsablauf, die Phaon selbst zur Leerstelle, zu einem Prinzip, ja fast zum Mythos

werden lassen.

Die Psychoanalyse definiert fünf Charakterstrukturen, die sich in ihren vorherrschenden

Abwehrmechanismen und in ihrem Erleben und Verhalten voneinander unterscheiden: die

narzisstische, die schizoide, die depressive, die zwanghafte und die hysterische

Charakterstruktur.4 Jede dieser Charakterstrukturen wird von völlig verschiedenen

Eigenschaften determiniert, so dass man in der Lage ist, eine Person, sei es im literarischen

oder realen Sinne einer dieser fünf Obergruppen zuordnen zu können. Nicht so bei Phaon. Es

bleibt verborgen wie er zu sich und zu anderen Menschen innerhalb seines Umfelds steht und

welche Eigenschaften ihn konkret ausmachen.

Dennoch bleibt Phaon dem Leser nicht vollständig verschleiert. Durch den Erzähler, Phaons

direkte Erzieherin Miss War und seinen Erziehungsrat, bestehend aus Anni Prächtel, Laurence

Hobbema, Rodberte Kalb und Fräulein Egli (Vgl. 745), erfährt man immer wieder, von

welcher Schönheit seine Physiognomie, seine Gestalt, ja seine ganze Erscheinung sein muss:

3 Vgl. Martinez, Matias / Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie, München 1999. S. 61 f.

4 Doering, Stephan / Schüßler, Gerhard: Theorie und Praxis der psychodynamischen Diagnostik,

Indikationsstellung und Therapieplanung, in: Leichsenring, Falk (Hrsg.): Lehrbuch der Psychotherapie, Bd. 2,

Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Therapie. München 2006. S. 18.

3


,,Er wachte aber nur kurz einen Augenblick, rieb sich zwei große blaue Augen in einem von lichtem

Gelock umgebenen Angesicht, lächelte mit verschlafener Verbindlichkeit, atmete auf und war

entschlummert" (696).

Rodberte erwähnt zweimal: ,,Der Knabe ist wirklich schön." (697)

Der auktoriale Erzähler äußert sich ähnlich:

,,Der Knabe war, wie Rodberte gesagt hatte, wirklich schön. Er war es wenn er schlief oder flüchtig

erwachte, aber noch mehr, wenn er aufrecht stand und sich leicht und heiter umherbewegte" (701).

Zu den äußeren Eigenschaften werden ihm noch weitere zugeschrieben, welche eine große

Bedeutung für die Frauen der ganzen Kolonie mit sich bringen.

Erzähler:

,,Aber er ging den werdenden Amazonen mit leidenschaftlichem Eifer und nie ermüdender Lust voran,

die von jedem Untertone des Kummers so frei waren, dass man es zeitweilig in Phaons Nähe vergaß,

von aller Welt verlassen auf eine Insel des Südmeers verschlagen zu sein" (702).

Trotz des Schiffunglücks

,,...hatte sein feuriger, im Rausche des Lebens glückseliger Geist den Schmerz über den Verlust des

Vaters in eine an Gewissheit grenzende Hoffnung, er sei gerettet, verwandelt, und so kam auch der

Gedanke an den möglichen Verlust seiner Mutter bei ihm keineswegs in Betracht" (Ebd.)

Eine erste Funktion Phaons für die Frauen der Kolonie wird hier deutlich gemacht: ,,Diese

unverbrüchlich feste Glücksgewissheit war es, die dem Geiste der Kolonie wie ein immer

belebender Trunk zustatten kam, was man auch allgemein empfand" (702).

Die Bedeutung des Jungen für die Frauen wird auch durch eine andere Tatsache belegt. So

wollte man alle Geburtstage ausnahmslos feiern, allerdings ,,war es der Phaons, dem man mit

der heitersten Erwartung entgegensah" (703). Die mögliche Erklärung für diesen Umstand,

dem Geburtstag eines Kindes immer mit einer besonderen Erwartung entgegenzufiebern trifft

hier nicht zu, da mit der von Laurence Hobbema adoptierten Dagmar Diodata noch ein

weiteres Kleinkind unter den Frauen lebt, welchem aber bei weitem nicht diese Wertigkeit

zuteil wird wie Phaon.

Zur weiteren Beschreibung Phaons geht aus einem Dialog zwischen Laurence Hobbema und

Miss War hervor, welch ,,aufgeweckter Junge" er ist und Laurence staunt, ,,bis zu welchem

Grade Phaon eines eigenen, gewissermaßen reifen Denkens mitunter schon jetzt fähig ist"

(706).

Die beiden wichtigsten Personen für Phaon bilden sich auf der Insel in der Priesterin Laurence

Hobbema und der weltlichen Präsidentin Anni Prächtel heraus.

,,Die Malerin wurde vielleicht am meisten von Rita und seltsamerweise von Phaon geliebt, der bei jeder

Gelegenheit zu ihr lief und Stunden in ihrer Gesellschaft zubrachte. Sie sah ihn gern, liebte seinen

immer beschäftigten, schnellen Geist, seine göttliche Zuversicht und seine Schlagfertigkeit" (707).

4



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