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Kultur und Nation

Subtitle: Vom Mythos der deutschen Kulturnation zu einer integrativen Kulturpolitik

Thesis (M.A.), 2009, 122 Pages
Author: Nikolai Blaumer
Subject: Politics - International Politics - Topic: Miscellaneous

Details


Abstract

Nähert man sich dem Münchner Prinzregententheater, so fällt einem hoch über dem Eingang die Inschrift des Portikus ins Auge. In goldenen Lettern prangt dort der Wahlspruch des Theaters: DER DEUTSCHEN KUNST. Das Prinzregententheater stellt mit seiner Losung durchaus keinen Einzelfall dar. Viele Kulturinstitutionen in Deutschland tragen heute den Zusatz „deutsch“ oder „national“ im Namen: Die Neue Nationalgalerie in Berlin, das Mannheimer Nationaltheater, die Deutsche Oper am Rhein – handelt es sich hier bloß um wohlklingende Titulierungen aus vergangenen Tagen? Oder sind jene Bezeichnungen nicht vielmehr Ausdruck eines historisch gewachsenen Verständnisses von Nationalität? Im ersten Teil dieser Magisterarbeit wird die Ideengeschichte der deutschen Kulturnation sowohl auf humanistische wie spätere nationalistische Bezüge hin untersucht. War der Gedanke der deutschen Kulturnation bei Schiller und Novalis noch verbunden mit der Hoffnung auf eine menschlichere Zukunft, so vollzog sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine geistige Kehrtwende, nach der nunmehr die rückwärtsgewandte mythische Verklärung germanisch-deutscher Kulturwerte zum Leitmotiv nationaler Einigung wurde. Der demokratische Nationalstaat – so die These des zweiten Teils dieser Arbeit – kann seine Legitimation weder in seiner Geschichte, noch in kollektiven Identitäten, sondern alleine im Zusammenschluss seiner Bürger erfahren. Da der freiheitlich-demokratische Staat die ihm zugrunde liegenden Voraussetzungen nicht garantieren kann, bedarf es Foren zivilgesellschaftlicher Kooperation, in denen sich Bürger über die Grenzen ihrer kulturellen, religiösen oder ethnischen Gemeinschaften hinweg über allgemein verbindliche Regeln des Zusammenlebens verständigen können. Zivilgesellschaftliche Kooperation mit dem Ziel einer freiheitlichen aber wohlgeordneten Gesellschaft zu fördern und zu erhalten – das ist zentraler Auftrag des demokratischen Staates. Welche kulturpolitischen Handlungsmöglichkeiten stehen dem demokratischen deutschen Nationalstaat zur Verfügung, um diese Aufgabe zu erfüllen? Anhand der Handlungsfelder kulturelle Bildung, kulturelle Infrastruktur und Ordnungspolitik wird im dritten Teil dieser Arbeit gezeigt, dass der Kulturpolitik wirksame Mittel gegeben sind, um zivilgesellschaftliche Kooperation nachhaltig zu stärken. Nikolai Blaumers Magisterarbeit wurde vom Münchner Philosophen und ehemaligen Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin betreut.


Excerpt (computer-generated)

Ludwig-Maximilians-Universität München

Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft

Wintersemester 2008/09

KULTUR UND NATION

Vom Mythos der deutschen Kulturnation

zu einer integrativen Kulturpolitik

- Magisterarbeit -

Nikolai Blaumer


,,So ist Realität unter den Bedingungen einer

gemeinsamen Welt nicht durch eine allen Men-

schen gemeinsame ,Natur′ garantiert, sondern

ergibt sich vielmehr daraus, daß ungeachtet

aller Unterschiede der Position und der dar-

aus resultierenden Vielfalt der Aspekte es

doch offenkundig ist, daß alle mit demselben

Gegenstand befaßt sind."

Hannah Arendt, Vita Activa

2


INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG 4

TEIL I

DIE KULTURNATION ALS GEDACHTE ORDNUNG 11

A. Zur Genealogie des Nationenbegriffs 11

B. Westeuropäische Nationenbildung bis zur frühen

Neuzeit 15

C. Die deutsche Kulturnation als transpolitische Idee. 24

D. Kultur und deutscher Nationalismus 31

TEIL II DIE NATION ALS ZIVILGESELLSCHAFTLICHER VERTRAG

40

A. Über Multikulturalismus und deutsche Leitkultur ... 41

B. Kooperation in der offenen Gesellschaft 46

C. Die Zivilgesellschaft als Ort der Integration 54

D. Über die Bedeutung Sozialen Kapitals 60

TEIL III AKTIVIERENDE KULTURPOLITIK 65

A. Paradigmen deutscher Kulturpolitik 66

B. Aktivierende Kulturpolitik und ihre Handlungsfelder 74

B.I Kulturelle Bildung 77

B.II Kulturelle Infrastruktur 83

B.III Ordnungspolitik 91

C. Kooperativer Kulturföderalismus im geeinten Europa

94

NACHWORT 107

LITERATUR 110

3


EINLEITUNG

Nähert man sich dem Münchner Prinzregententheater, so

fällt einem hoch über dem Eingang die Inschrift des Por-

tikus ins Auge. In goldenen Lettern prangt dort der

1

Wahlspruch des Theaters:

DER DEUTSCHEN KUNST

. Der Besu-

cher mag stutzen. ,,Was ist denn

deutsche

Kunst " , wird

er sich fragen. Und warum ist das Haus gerade der deut-

2

schen und nicht etwa der Kunst schlechthin gewidmet? Das

Prinzregententheater stellt mit seiner Losung durchaus

keinen Einzelfall dar. Viele Kulturinstitutionen in

Deutschland tragen heute den Zusatz ,,deutsch " oder ,,na-

tional " im Namen: Die Neue Nationalgalerie in Berlin,

das Mannheimer Nationaltheater, das Deutsche Schauspiel-

haus in Hamburg, die Deutsche Oper am Rhein ­ handelt es

sich hier bloß um wohlklingende Titulierungen aus ver-

gangenen Tagen? Oder sind diese Namen nicht vielmehr

Ausdruck eines bestimmten, historisch gewachsenen Ver-

ständnisses von Nationalität?

Äußern sich deutsche Politiker zum Verhältnis von Kultur

und Nation, so vertreten sie in vielen Fällen die An-

sicht, das eine sei die Grundlage des anderen. Bundes-

präsident Horst Köhler nahm kürzlich anlässlich des Ta-

ges der Deutschen Einheit zu diesem Thema Stellung. Die

Feierlichkeiten fanden im Jahr 2008 unter dem Motto

,,Kulturnation Deutschland " statt. Der Bundespräsident

betonte in seiner Festrede mehrfach die für die nationa-

3

le Einheit konstitutive Bedeutung von Kultur. Kultur

1 Dabei umfasst Spielplan des Hauses nicht nur deutsche, sondern ebenso viele Werke

außerdeutscher Provenienz. Bereits 1901 ­ also noch im Jahr der Eröffnung ­ wurden

im Prinzregententheater Stücke Shakespeares aufgeführt. Zur Geschichte des Hauses

vergleiche Artikel der NZZ vom 16.08.2001 zum 100jährigen Jubiläum. Internetquelle:

http://www.nzz.ch/2001/08/16/fe/article7JAZR.html (aufgerufen am 12.03.09).

2 Das Theater war ein Geschenk des Prinzregenten Luitpold an die ,,deutsche Nation

vom Bayernvolke" und ursprünglich als Wagner- und Festspielbühne konzipiert. Diese

Tatsache ergibt durchaus eine plausible Erklärung für den ursprünglichen Sinn der In-

schrift. Allerdings bleibt offen, aus welchem Grund diese seit der Renovierung in den

1990er Jahren nun wieder in goldenem Glanz erstrahlt. Vgl. Schaul 1987, S. 42ff.

3 Siehe Rede des Bundespräsidenten vom 03.10.08. Internetquelle:

4


biete ,,Orientierung, Maßstäbe für Qualität, sogar

Trost. " Sie sei ein Speicher an Erinnerungen, Erfahrun-

gen und Gelerntem. Kultur sei das, was uns Deutsche ge-

meinsam bestimme. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ist

der Überzeugung, Kunst und Kultur dokumentierten die Zu-

sammengehörigkeit unserer Gesellschaft. Sie seien ,,das

4

einigende Band für unser Deutschland" : ,,Deshalb spre-

chen wir auch nicht umsonst von der Kulturnation

Deutschland " , so die Kanzlerin. Ohne jedes Politiker-

wort gleich auf die Goldwaage legen zu wollen, drängt

sich doch die Frage auf, was denn eigentlich mit dem

Ausdruck

Deutsche Kulturnation

gemeint ist. Welches po-

litische Denken liegt dieser Begrifflichkeit zu Grunde?

Streng genommen reicht die Begriffsgeschichte der

Kul-

turnation

gerade einmal hundert Jahre zurück. Der Berli-

ner Historiker Friedrich Meinecke traf in seinem 1908

veröffentlichten Werk ,,Weltbürgertum und Nationalstaat "

die noch heute etablierte Unterscheidung zwischen ,,Kul-

tur- " und ,,Staatsnationen " . Während sich die deutsche

Nation nach Meinecke auf ,,gemeinsam erlebten Kulturbe-

sitz " gründet, beruht die französische Nation ,,auf der

vereinigenden Kraft einer gemeinsamen politischen Ver-

5

fassung." Fasst man den Begriff Kulturnation weiter ­

als die Identifikation von

politischer

und

kultureller

Gemeinschaft ­ so finden sich Nachweise dieses politi-

schen Denkens bereits im antiken Griechenland. Der Polis

diente ein gemeinsamer Kult als konstitutives Element

6

öffentlichen Zusammenlebens. Platon begriff Kultur und

7

Religion als Instrumente öffentlicher Erziehung. In sei-

http://www.bundespraesident.de/Reden-und-Interviews-,11057.649657/Wo-wir-uns-

finden-Rede-von-Bun.htm?global.back=/-%2C11057%2C1/Reden-und-

Interviews.htm%3Flink%3Dbpr_liste (aufgerufen am 01.12.08.)

4 Rede vom 28.10.08 anlässlich der Festveranstaltung zum zehnjährigen Jubiläum des

Amtes des ,,Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien." Siehe Internet-

quelle: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2008/10/2008-10-28-merkel-

10-jahre-bkm.html (aufgerufen am 02.12.08).

5 Vgl. Meinecke 1919, S. 3ff.

6 Vgl. Michael Bordt 2006, S. 151.

7 Vgl. etwa Platon: Nomoi Lg. 738.

5


nen

Nomoi

empfiehlt er, die Bürger sollten sich bei kol-

lektiven Opfer-Ritualen untereinander bekannt machen und

ihre Gemeinschaft festigen. Ihm zufolge gründete sich

die Einheit der Polis auf religiöse und kulturelle Iden-

tität.

In welchem Zusammenhang stehen Nationalstaat und kultu-

relle Identität im heutigen Deutschland? Diese Frage ist

vor dem Hintergrund zunehmender Migration eine höchst

relevante. Ausgehend von Bassam Tibis im Jahr 1998 er-

schienenen Publikation ,,Europa ohne Identität. Die Krise

8

der multikulturellen Gesellschaft " hat sich hierzulande

eine gesamtgesellschaftliche Debatte entfacht, die im

Begriff

Leitkultur

ihren streitbaren Titel fand. Anfangs

oszillierten die Beiträge zumeist zwischen Provokation

und Hysterie. Jörg Schönbohm, brandenburgischer Innenmi-

nister und Verfechter deutschnationaler Leitkultur, pol-

terte im Spiegel: "Wir dürfen nicht zulassen, dass die

Basis dieser Sdeutschen, Anm. d. A. 9

Ausländern zerstört wird. " Kritiker verkürzten die Dis-

kussion dagegen nicht selten auf die Frage nach der Kor-

rektness des Begriffs Leitkultur. So warnte etwa die e-

hemalige Grünen-Chefin Claudia Roth im Deutschlandradio:

"Wenn ich deutsche Leitkultur höre, Patriotismus und Va-

terland - dann hat das etwas sehr, sehr Ausgrenzendes

10

und nicht Integratives." Zwar wurden in der Debatte

11

mittlerweile auch sachlichere Ergebnisse erbracht, sel-

ten wurde dabei allerdings ernsthaft die Frage gestellt,

8 Tibi, Bassam: Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft,

München, 1998. Zur Chronologie der Debatte vgl. Internetquelle 3sat:

http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/11772/index.html

(aufgerufen am 10.03.09).

9 Siehe Spiegel-Interview vom 20.11.2004. Internetquelle:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,328781,00.html

(aufgerufen am 10.03.09).

10 Vgl. Internetquelle: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/imgespraech/433029/

(aufgerufen am 10.03.09).

11 Vgl.: Lammert, Norbert (Hg.): Verfassung, Patriotismus, Leitkultur, Was unsere Ge-

sellschaft zusammenhält, Hamburg, 2006. Nida-Rümelin, Julian: Humanismus als Leit-

kultur, München, 2006. Pautz, Hartwig: Die deutsche Leitkultur, Eine Identitätsdebatte,

Stuttgart, 2005.

6


welche Ursachen denn dazu führten, dass gerade in der

Tradition deutschen politischen Denkens Kultur und Nati-

12

on üblicherweise als Einheit begriffen werden.

Ziel des ersten Teils dieser Magisterarbeit wird sein,

die Ideengeschichte der deutschen Kulturnation zu rekon-

struieren und die Rolle der Kultur im deutschen Nationa-

lismus zu verdeutlichen. Anhand des Begriffs der

imagi-

ned community

(Anderson)

wird gezeigt werden, dass die

Nation als gedachte Ordnung konventionellen Ursprungs

ist. Dies äußert sich zum Beispiel in der Differenz des

deutschen und französischen Nationenbegriffs. Ausgelöst

durch die politischen Umbrüche des 18. Jahrhunderts

schied sich im französischen politischen Denken das De-

mos vom vorpolitischen Ethnos (Francis). Die Verfassung

wurde damit zur Grundlage demokratischer Nationalität.

Die Bevölkerung deutscher Lande kompensierte ihr Defizit

politischer Mitbestimmungsrechte und territorialer Ge-

schlossenheit in einer ­ im Vergleich zu England oder

Frankreich ­ späten kulturellen Einigung. War der Gedan-

ke der deutschen Kulturnation bei Schiller und Novalis

noch verbunden mit der Hoffnung auf eine bessere,

menschlichere Zukunft, so vollzog sich zu Beginn des 19.

Jahrhunderts eine geistige Kehrtwende, nach der nunmehr

die rückwärtsgewandte mythische Verklärung germanisch-

deutscher Kulturwerte zum Leitmotiv der nationalen Eini-

gung wurde. Anhand von Johann Gottlieb Fichtes Werk wird

zu belegen sein, wie sich mit dem Einmarsch Napoleons

die kulturelle Einigung vom universalistischen Projekt

deutscher Romantiker innerhalb von kürzester Zeit zu ei-

nem chauvinistischen Kulturnationalismus verkehrte.

Der demokratische deutsche Nationalstaat ­ so die These

des zweiten Teils ­ kann seine Legitimation heute weder

12 Zur ,,deutschen Kulturnation" gibt es durchaus Literatur. Etwa Wolf Lepenies: Kultur

und Politik, Deutsche Geschichten, München, 2006. Allerdings stehen Publikationen

wie diese nur in indirektem Zusammenhang mit der aktuellen politischen Debatte. Nicht

wenige Historiker, Philosophen und Politikwissenschaftler weigern sich, aus ihren Ü-

berlegungen konkrete politische Handlungsziele abzuleiten. Eben das soll hier aber ver-

sucht werden.

7


in seiner Geschichte, noch in kollektiven Identitäten,

sondern alleine im Zusammenschluss seiner Bürger erfah-

ren. Das vertragsartige Übereinkommen der Bürgerschaft

drückt sich demzufolge sowohl in der gemeinsamen Verfas-

sung als vor allem auch in der Praxis zivilgesellschaft-

lichen Lebens aus. Der deutsche Staatsbürger sollte sich

und seine Mitbürger als Glieder einer offenen Gesell-

schaft (Karl R. Popper) verstehen, die nicht auf vorpo-

litischer Identität, sondern auf reziproker Anerkennung

menschlicher Rechte und Bereitschaft zur wechselseitigen

Kooperation gründet. Voraussetzung zivilgesellschaftli-

cher Kooperation ­ und damit soll ein dritter Weg zwi-

schen Leitkultur und Multikulturalismus beschritten wer-

den ­ ist die allgemeine Verständigung über einen ,,dün-

nen " normativen Konsens, der seine notwendige Zustim-

mung in der Alltagspraxis bürgerschaftlichen Lebens fin-

13

det (Rawls, Nida-Rümelin). Da der freiheitlich-

demokratische Staat die notwendige ,,moralische Sub-

stanz " der Gesellschaft nicht garantieren kann (Böcken-

förde), bedarf es Foren zivilgesellschaftlicher Koopera-

tion, in denen sich Bürger über die Grenzen ihrer kultu-

rellen, religiösen oder ethnischen Gemeinschaften hinweg

über allgemein verbindliche Regeln des Zusammenlebens

verständigen können. Zivilgesellschaftliche Kooperation

13 Das zeitgenössische politische Denken bietet zur Frage nach den moralischen Grund-

lagen moderner Gesellschaften zwei Grundpositionen. Es kann stark vereinfacht zwi-

schen Vertretern des modernen Liberalismus ­ die zumeist in der Tradition von John

Rawls′

Theorie der Gerechtigkeit

stehen (Dworkin, Nagel, Ackerman u. a.) ­ und so

genannten ,,Kommunitaristen" (MacIntyre, Walzer, Taylor u. a.) unterschieden werden,

deren Denkströmung durch Michael Sandels

Liberalism and the Limits of Justice

be-

gründet wurde. Während Rawls von den Prämissen eines methodologischen Individua-

lismus ausgeht, aber einen dünnen normativen

overlapping consensus

als moralische

Grundlage moderner Gesellschaften voraussetzt, fordern Kommunitaristen wie MacIn-

tyre oder Bellah gemeinsame Vorstellungen einer ,,guten Ordung" oder eines ,,guten

Lebens". Im Folgenden soll hier vor allem der Argumentation Rawls gefolgt werden.

Literatur zur Liberalismus-Kommunitarismus-Debatte: Rawls, John: A theory of justice,

Oxford, 1972. Sandel, Michael: Liberalism an the limits of justice, Cambridge, 1982.

Honneth, Axel: Kommunitarismus, Eine Debatte über die moralischen Grundlagen mo-

derner Gesellschaften, Frankfurt/New York, 1993. Reese-Schäfer, Walter: Kommunita-

rismus, Frankfurt/New York, 2001.

8


zu fördern und zu erhalten ­ das ist demnach zentraler

Auftrag des demokratischen Staates.

Welche kulturpolitischen Handlungsmöglichkeiten stehen

dem demokratischen deutschen Nationalstaat zur Verfü-

gung, um diesen Auftrag zu erfüllen? ­ Der Frage geht

der dritte Teil dieser Arbeit nach. Zunächst sollen zur

Klärung des Sachverhalts einige Grundparadigmen deut-

scher Kulturpolitik vorgestellt werden, um dann in geis-

tiger Anknüpfung an die

neue Kulturpolitik

der 1970er

Jahre eine genauere Vorstellung von

aktivierender Kul-

turpolitik

(Sievers, Scheytt) zu gewinnen. Kulturpolitik

soll im Rahmen dieser politikwissenschaftlichen Arbeit

in erster Linie als integrative Gesellschaftspolitik

begriffen werden. Anhand der Aufgabenbereiche

kulturelle

Bildung,

kulturelle Infrastruktur

und

Ordnungspolitik

wird zu zeigen sein, dass gerade der Kulturpolitik wirk-

same Mittel zur Verfügung stehen, um die hier intendier-

te Stärkung zivilgesellschaftlicher Kooperation zu er-

möglichen. Entsprechend des Titels dieser Arbeit soll

zuletzt die Frage gestellt werden, welche Bedeutung ge-

rade der bundesdeutschen, nationalen Kulturpolitik in

einem heute zunehmend politisch integrierten Europa zu-

kommt. Dabei sollen Wege aufgezeigt werden, die zum Zie-

le eines kooperativen europäischen Kulturföderalismus

beschritten werden können.

Der Anspruch dieser Arbeit besteht nicht darin, vollkom-

men unbekannte Thesen zu präsentieren. Insbesondere die

Themengebiete der ersten beiden Teile ,,Der Mythos der

deutschen Kulturnation" und ,,Der Nationalstaat als zi-

vilgesellschaftlicher Vertrag " wurden in zahlreichen

Publikationen für sich genommen ausführlicher bearbei-

tet, als dies im Rahmen einer Magisterarbeit möglich ge-

14

wesen wäre. Auch das Konzept aktivierender Kulturpoli-

14 Eine gründliche Untersuchung zur europäischen Nationenbildung bietet ­ neben dem

bereits erwähnten Friedrich Meinecke ­ beispielsweise der Historiker Hagen Schulze in

seinem Werk: Staat und Nation in der europäischen Geschichte, München, 2004. Poeti-

scher und mehr auf die Verbindung zwischen deutscher Romantik und Nationenbildung

9


tik ist keineswegs ein völlig neues, sondern orientiert

sich an aktuellen Publikationen deutscher Kulturpoliti-

15

ker. Die Herausforderung der Arbeit bestand darin, das

Verhältnis von Kultur und Nation nicht in disziplinärer

Trennung ideengeschichtlich, demokratietheoretisch oder

systemisch zu untersuchen, sondern unterschiedliche abs-

trakte Überlegungen zum Thema auf stringente Weise so

darzustellen, dass sie sich in möglichst konkrete Hand-

lungsziele deutscher Kulturpolitik übersetzen lassen. Ob

dies gelungen ist, darf der Leser im Folgenden selbst

beurteilen.

geht zum Beispiel Rüdiger Safranski in seiner neuesten Publikation auf das Thema ein:

Romantik, Eine deutsche Affäre, München, 2007.

Zur Demokratietheorie des zweitens Teils vergleiche insbesondere: Habermas, Jürgen:

Faktizität und Geltung, Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen

Rechtsstaats, Frankfurt am Main, 1992. Und: Nida-Rümelin, Julian: Demokratie als

Kooperation, Frankfurt am Main, 1999.

15 Vgl. etwa Scheytt, Oliver: Kulturstaat Deutschland, Plädoyer für eine aktivierende

Kulturpolitik, Bielefeld, 2008. Schwenke, Olaf: Europa eine Seele geben ... Kulturpoli-

tik auf dem Weg zu einer europäischen Bürgergesellschaft, in: Wagner/Sievers 2000, S.

303-314. Norbert Sievers: Fördern, ohne zu fordern, Begründungen aktivierender Kul-

turpolitik, in: Wagner, Sievers 2000, S. 131-157.

10



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