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Subtitle: Die Reproduktion sozialer Ungleichheit im Lichte von Bourdieus Habitus-Theorie
Bachelor Thesis, 2009, 42 Pages
Author: Anne Mey
Subject: Pedagogy - Science, Theory, Anthropology
Details
Year: 2009
Pages: 42
Grade: 2,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-42777-2
ISBN (Book): 978-3-640-42390-3
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Abstract
Pierre Félix Bourdieu wurde am 1. August 1930 in Denguin geboren und starb am 23. Januar 2002 in Paris. Er war ein französischer Philosoph und Soziologe. Eines seiner Hauptwerke ist das Buch „Die feinen Unterschiede“ aus dem Jahre 1979. In diesem Werk bezeichnet er die französische Gesellschaft als Klassengesellschaft und macht klar, dass dies auch für alle anderen westlichen Industriegesellschaften der Fall ist. Im Grunde ist Bourdieus Theorie „eine Weiterführung der Theorien sozialer Ungleichheit“. Wäre das gesellschaftliche Leben mit einem Glücksspiel vergleichbar, so hätte jeder Mensch jederzeit die Chance, einen neuen, höheren Status innerhalb kürzester Zeit zu erlangen. Oder anders gesagt, es bestünde auch immer die Gefahr, von einem sehr hohen Status in einen sehr niedrigen zu fallen. Das Glücksspiel ist zufällig und absolut unabhängig von der Vergangenheit, ein Paradebeispiel an Chancengleichheit. Keiner hätte einen Vorteil durch seine Eltern und ihre Arbeit, ebenso wenig hätte keiner einen Nachteil aus seiner Herkunft zu befürchten. Dies ist aber in unserer Gesellschaft nicht der Fall. PISA und andere Studien zeigen, dass in Deutschland keine Chancengleichheit, sondern soziale Ungleichheit herrscht. Bourdieu hat mit seiner Theorie die Mechanismen der Reproduktion von sozialer Ungleichheit aufgedeckt. Daher wird diese Arbeit zunächst seine Habitus-Theorie aufgreifen und die wesentlichen Begriffe erklären. Was ist die Kapitaltheorie? Wie äußert sich der Habitus und was sind die verschiedenen Geschmäcker, die Bourdieu beschreibt? Diese Fragen werden in den Mittelpunkt des größeren, theoretischen Teils gerückt. Als Einstieg dient zunächst eine kurze Explikation des Begriffes „soziale Ungleichheit“. Im zweiten Teil soll Bezug auf die aktuelle Lage in Deutschland und die Reproduktion sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem genommen werden. Im Mittelpunkt werden dabei die Bildungsexpansion und ihre Folgen für die Reproduktionsmechanismen, der durch das Elternhaus bestimmte Schul- und Universitätserfolg und die Einflussnahme des Habitus bei der Vergabe von Spitzenpositionen im Beruf stehen.
Excerpt (computer-generated)
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Institut für Erziehungswissenschaft
Bachelorarbeit
im Studiengang 2-Fach Bachelor
(Germanistik und Erziehungswissenschaft)
,,Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!" -
Die Reproduktion sozialer Ungleichheit im Lichte von
Bourdieus Habitustheorie
,,An apple doesn′t fall far from the tree!"-
The reproduction of social inequality as reflected in
Bourdieu′s Habitus-theory
vorgelegt von:
Anne-Katrin Mey
Abgabetermin: 10.06.2009
Inhalt
1
Einleitung 1
2
Was verbirgt sich hinter dem Begriff ,,soziale Ungleichheit"?
Begriffsexplikation 2
3
Die Kapitaltheorie 4
3.1
Ökonomisches Kapital 5
3.2
Kulturelles Kapital 6
3.2.1
Inkorporiertes Kulturkapital 6
3.2.2
Objektiviertes Kulturkapital 8
3.2.3
Institutionalisiertes Kulturkapital 9
3.3
Soziales Kapital 10
3.4
Symbolisches Kapital 13
3.5
Transformation des Kapitals 13
4
Habitus, Klassen und Geschmack 15
4.1
Der Habitus 16
4.2
Die Geschmackssorten 18
4.2.1
Der legitime Geschmack 20
4.2.2
Der mittlere Geschmack 21
4.2.3
Der populäre Geschmack 22
5
Reproduktion sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem 23
5.1
Die Bildungsexpansion Weg zur Chancengleichheit!? 23
5.1.1
Überblick der Bildungsexpansion 23
5.1.2
Fazit der Bildungsexpansion: Veränderte Reproduktionsstrategien25
5.2
Pisa und Co. - Oder wie der Habitus die Schulkarriere bestimmt 26
5.3
Die Erben Studenten und der Habitus 30
5.4
Der Habitus als Karrierekiller: Wer die Wahl hat...Nimmt den, der ihm
am ähnlichsten ist! 33
6
Fazit und Ausblick 36
7
Literaturverzeichnis 38
1
1 Einleitung
Pierre Félix Bourdieu wurde am 1. August 1930 in Denguin geboren und starb
am 23. Januar 2002 in Paris. Er war ein französischer Philosoph und Soziologe.
Eines seiner Hauptwerke ist das Buch ,,Die feinen Unterschiede" aus dem Jah-
re 1979. In diesem Werk bezeichnet er die französische Gesellschaft als Klas-
sengesellschaft und macht klar, dass dies auch für alle anderen westlichen In-
dustriegesellschaften der Fall ist. Im Grunde ist Bourdieus Theorie ,,eine Wei-
terführung der Theorien sozialer Ungleichheit".1
Wäre das gesellschaftliche Leben mit einem Glücksspiel vergleichbar, so hätte
jeder Mensch jederzeit die Chance, einen neuen, höheren Status innerhalb kür-
zester Zeit zu erlangen. Oder anders gesagt, es bestünde auch immer die Ge-
fahr, von einem sehr hohen Status in einen sehr niedrigen zu fallen. Das
Glücksspiel ist zufällig und absolut unabhängig von der Vergangenheit, ein
Paradebeispiel an Chancengleichheit.2 Keiner hätte einen Vorteil durch seine
Eltern und ihre Arbeit, ebenso wenig hätte keiner einen Nachteil aus seiner
Herkunft zu befürchten. Dies ist aber in unserer Gesellschaft nicht der Fall.
PISA und andere Studien zeigen, dass in Deutschland keine Chancengleichheit,
sondern soziale Ungleichheit herrscht. Bourdieu hat mit seiner Theorie die Me-
chanismen der Reproduktion von sozialer Ungleichheit aufgedeckt. Daher wird
diese Arbeit zunächst seine Habitus-Theorie aufgreifen und die wesentlichen
Begriffe erklären. Was ist die Kapitaltheorie? Wie äußert sich der Habitus und
was sind die verschiedenen Geschmäcker, die Bourdieu beschreibt? Diese Fra-
gen werden in den Mittelpunkt des größeren, theoretischen Teils gerückt. Als
Einstieg dient zunächst eine kurze Explikation des Begriffes ,,soziale Un-
gleichheit". Im zweiten Teil soll Bezug auf die aktuelle Lage in Deutschland
und die Reproduktion sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem ge-
nommen werden. Im Mittelpunkt werden dabei die Bildungsexpansion und ihre
1 Abels 2007a, S. 309.
Hradil sieht dies anders: ,,Aber im Hinblick auf soziale Ungleichheiten sind Bourdieus An-
nahmen offenkundig überzogen." (Hradil 1999, S. 139.) Dennoch werde ich Bourdieus Theorie
im weiteren Verlauf der Arbeit als eine Theorie der sozialen Ungleichheit behandeln.
2 Vgl. Bourdieu 2005, S. 49f.
2
Folgen für die Reproduktionsmechanismen, der durch das Elternhaus bestimm-
te Schul- und Universitätserfolg und die Einflussnahme des Habitus bei der
Vergabe von Spitzenpositionen im Beruf stehen.
2 Was verbirgt sich hinter dem Begriff ,,soziale Un-
gleichheit"? Begriffsexplikation
Die Bevölkerung in modernen Gesellschaften gliedert sich in verschiedene
Gruppierungen. Man kann die Personen beispielsweise nach Beruf, Alter, Ge-
schlecht, Familienstand, Religion oder Wohnortgröße einteilen. Je nachdem zu
welcher sozialen Kategorie man gehört, hat man gemeinsame (mit den Mit-
gliedern derselben Kategorie) oder unterschiedliche Lebensumstände. So un-
terscheiden sich beispielsweise die Lebensbedingungen eines Chefarztes von
denen eines Krankenpflegers. Auch die Lebensbedingungen eines 15-jährigen
Jungen sind vollkommen anders als die seines 75-jährigen Großvaters. Allein
durch diese objektiven Merkmale werden die Mitglieder einer Gesellschaft
unterschieden.3
Der Begriff der sozialen Ungleichheit impliziert jedoch, dass es Einteilungen in
soziale Kategorien in einem Verhältnis von besser-schlechter oder höher-tiefer
gibt. So bezieht sich die Bedeutung zunächst einmal auf bestimmte
Güter
, ,,die
im Rahmen einer Gesellschaft als ′wertvoll′ gelten".4 Je mehr jemand von die-
sen wertvollen Gütern besitzt, desto besser sind seine Lebensbedingungen in
der Gesellschaft. Diese wertvollen Güter verschaffen ihren Besitzern Vorteile,
wodurch der Eindruck entsteht, dass jene Personen besser oder höhergestellt
sind als andere, die weniger oder kaum wertvolle Güter besitzen. Der Wert von
Gütern ist historisch gesehen jedoch nicht konstant, sondern verschiebt sich mit
der Zeit. So ist ein hoher Bildungsabschluss heute als äußerst wertvolles Gut
anzusehen, während Bildung im Mittelalter für den Großteil der Bevölkerung
keine Rolle spielte. ,,Insofern bestimmte ′Güter′ also (wie z.B. Geld oder eine
unkündbare Berufsstellung) Lebens- und Handlungsbedingungen darstellen,
die zur Erlangung von allgemein verbreiteten Zielvorstellungen einer Gesell-
3 Hradil 1999, S. 23.
4 Hradil, 1999, S. 24.
3
schaft dienen, kommen sie als Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit in
Frage."5
Zudem impliziert der Begriff der sozialen Ungleichheit eine gewisse Vorstel-
lung darüber, wie die Verteilung der wertvollen Güter aussehen muss, damit
man von
ungleich
sprechen kann. Zu unterscheiden sind dabei die
relative
und
die
absolute
Ungleichheit. Von einer absoluten Ungleichheit spricht man, wenn
jemand mehr wertvolle Güter einer Gesellschaft in seinem Besitz hat als je-
mand anderer. Absolut ungleich ist es also, wenn jemand höherwertige Bil-
dungsabschlüsse besitzt als beispielsweise sein Nachbar. Von relativer Un-
gleichheit spricht man dagegen, wenn die Verteilungskriterien unterschiedlich
sind. So ist zum Beispiel das Einkommen je nach Beruf unterschiedlich hoch.
Demnach verdient ein erfolgreicher Unternehmer mehr als sein Hausmeister.
Diese Differenz der Löhne ist Ausdruck der sozialen Ungleichheit. Soziolo-
gisch verwendet beinhaltet der Begriff also nicht zwangsläufig, dass die Un-
gleichheit mit Ungerechtigkeit gleichzusetzen ist.6
Außerdem schließt der Begriff der sozialen Ungleichheit nur wertvolle Güter
ein, die regelmäßig aufgrund der Stellung von Menschen in gesellschaftlichen
Strukturen ungleich verteilt werden. Dazu zählen Einkommens- und Machtun-
terschiede, da diese mit bestimmten beruflichen Positionen zusammenhängen.
Der soziologische Begriff schließt damit individuelle, zufällige und kurzfristige
Ungleichheiten aus, obwohl diese zum Teil eng mit sozial strukturierten Un-
gleichheiten zusammenhängen können. Man kann den Begriff zum einen ver-
wenden, um von einer ungleichen Verteilung der wertvollen Güter unter allen
Mitgliedern der Gesellschaft zu sprechen (z.B. Lohnunterschiede bei allen Er-
werbstätigen). Zum anderen kann man ihn aber auch für die Unterschiede zwi-
schen bestimmten Gruppen verwenden. Ein Beispiel dafür wäre die Lohndiffe-
renz von erwerbstätigen Männern und Frauen. An die zweite Strukturierungsart
ist nicht selten eine politische und gesellschaftliche Brisanz gebunden. In die-
ser Arbeit soll deshalb auch vor allem die zuletzt genannte Strukturierungsart
im Vordergrund stehen. Abschließend fasst Hradil den Begriff der sozialen
Ungleichheit folgendermaßen zusammen: ,,′Soziale Ungleichheit′ liegt dann
5 Hradil 1999, S.24.
6 Vgl. Hradil 1999, S. 24f.
4
vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen
von den ′wertvollen Gütern′ einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere
erhalten."7
3 Die Kapitaltheorie
Soziale Ungleichheit hängt zu einem großen Teil mit der Verfügung über Kapi-
tal zusammen. Von Karl Marx entlehnte Pierre Bourdieu den Begriff
Kapital
und interpretierte diesen in völlig neuer Weise. Für ihn ist das ökonomische
Kapital, auf welches sich Marx bezog, nur eine Form seiner drei Kapitalarten8.
Nach Jurt hat Bourdieu diesen Begriff vor allem wegen seiner formalen Eigen-
schaften (Akkumulationsstrategien, Transmission eines Erbes, Gewinnschöp-
fung) gewählt.9 ,,Mit Karl Marx teilt Bourdieu die Überzeugung, dass ökono-
misches Kapital ein wichtiges Merkmal zur Bestimmung von Klassen ist, und
er nimmt auch an, dass es typische Formen des Denkens und Handelns in jeder
Klasse gibt."10 Jedoch sieht Bourdieu im ökonomischen Kapital nicht das ein-
zige Kriterium zur Unterscheidung der Klassen.
Für Bourdieu ist es wesentlich, dass es sich bei Kapital stets um ,,akkumulierte
Arbeit" handelt, die in Form von tatsächlich greifbarem Material oder in inkor-
porierter Form auftreten kann. Zudem braucht die Akkumulation immer auch
Zeit. Die Anhäufung von Geld benötigt ebenso Zeit wie das Erwerben von
schulischen und akademischen Titeln.
Wichtig ist für Bourdieu auch, den Kapitalbegriff in allen seinen Erscheinungs-
formen zu benennen, um der ,,Struktur und [dem] Funktionieren der gesell-
schaftlichen Welt gerecht zu werden".11 Wird der Kapitalbegriff nur im öko-
nomischen Sinne verwendet, so zieht dies nach sich, dass jegliche andere For-
men des sozialen Austausches (abgesehen vom Warenaustausch) uneigennüt-
zig sind. Dies würde bedeuten, dass nur der ökonomische Austausch einen Pro-
fit mit sich bringt. Doch genau dem widerspricht Bourdieu. So führt er folge-
7 Hradil 1999, S. 26.
8 Siehe Kapitel 3.1
9 Jurt 2008, S. 70.
10 Abels 2007a, S. 309.
11 Bourdieu 2005, S. 50.
5
richtig an, dass auch ,,scheinbar unverkäufliche Dinge"12 ihren Preis haben.
Und auch Akte des sozialen Handelns können eine Belohnung mit sich brin-
gen. So führt Jurt an, dass selbst im Bereich der sozialen oder kirchlichen Ar-
beit kein völlig interessenfreies und selbstloses Handeln vorhanden ist, denn
Selbstlosigkeit wird in diesem Umfeld geachtet und dementsprechend auch
belohnt, selbst wenn dies nur durch
Gottes Lohn
geschieht.13
Es gibt in diesem Zusammenhang drei Arten von Kapital: das ökonomische
Kapital, das kulturelle Kapital und das soziale Kapital. Außerdem wird noch
das symbolische Kapital angeführt, welches jedoch keine weitere Kapitalform
ist, sondern als das Ansehen beschrieben werden kann, welches der Besitz der
einen oder anderen Kapitalart mit sich bringt. In welcher Form das Kapital
auftritt, hängt vom jeweiligen Anwendungsbereich und den damit verbundenen
Transformationskosten ab, denn alle Kapitalformen können (mit mehr oder
minder großem Aufwand) in die jeweiligen anderen transformiert werden.
Die Zusammensetzung dieser drei Kapitalsorten bestimmt den Platz, den ein
Mensch in der gesellschaftlichen Hierarchie einnimmt. Ihre jeweilige Kombi-
nation charakterisiert die einzelnen Klassen.14
3.1 Ökonomisches Kapital
Das ökonomische Kapital zeichnet sich dadurch aus, dass es ,,unmittelbar und
direkt in Geld konvertierbar"15 ist. Es eignet sich besonders zur ,,Institutionali-
sierung in der Form des Eigentumsrechts [...]"16 Es bezeichnet also sämtliche
Güter und Besitztümer eines Menschen. Diese Kapitalform ist nach wie vor für
die Differenzierung nach Klassen wichtig. Der Kampf um gesellschaftliche
Macht wird jedoch im Bereich des kulturellen Kapitals entschieden, welches
im Folgenden beschrieben werden soll.
12 Bourdieu 2005, S. 52.
13 Vgl. Jurt 2005, S. 72.
14 Vgl. Abels 2007a, S. 311.
15 Bourdieu 2005, S. 52.
16 Ebd.
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