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Die Irritation des Lesers durch das Erzählmedium in Elfriede Jelineks ´Lust´

Hausarbeit, 2001, 19 Seiten
Autor: Fanny Jimenez
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Details

Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2001
Seiten: 19
Note: 2
Literaturverzeichnis: ~ 16  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V1354
ISBN (E-Book): 978-3-638-10831-7

Dateigröße: 83 KB


Textauszug (computergeneriert)

FU Berlin

Die Irritation des Lesers durch das Erzählmedium
in Elfriede Jelineks "Lust"

von

Fanny Jimenez

2001

 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung Seite 1

1. Aus Sprache gebaut - der Konstruktionscharakter
1.1. Erzählform - Distanzierung vom Subjektbegriff Seite 2
1.2. Perspektivenwechsel und Identitätsprovokation Seite 5

2. Erzählverhalten und Erzählhaltung
2.1. Assoziation und Bilderfülle Seite 6
2.2. Stellungnahme und Konfrontation Seite 7
2.3. zeitlich-inhaltliche Konturen Seite 10

3. Der Sprung in die Erzählwelt
3.1. Erzählsituation und Standort des Erzählmediums Seite 11
3.2. Sichtweise und Arten der Darbietung Seite 13

4. Schlusswort Seite 14

5. Literaturverzeichnis Seite 16

 

Einleitung

Orientierungslosigkeit und Irritation. Diesen Eindruck wird Elfriede Jelineks Buch "Lust"1 (1989) wohl bei den meisten Lesern hinterlassen haben. Einen großen Anteil an dieser Verunsicherung hat neben anderen Faktoren das Erzählmedium, mit dem ich mich in dieser Hausarbeit beschäftigen möchte. Warum fühlt sich der Leser so "aus dem Gleichgewicht gebracht"? Was bringt ihn durcheinander? Die Autorin setzt in "Lust" ein Erzählmedium ein, das gegen die üblichen Lesererwartungen verstößt und so den Leser immer aufs neue irritiert und verunsichert. Wie diese Lesererwartungen aussehen und wie sie umgangen und enttäuscht werden, darum soll es hier gehen.

Ich habe mir drei inhaltliche Schwerpunkte gesetzt, die in ihrem Aufbau Jürgen H. Petersens "Erzählsysteme. Eine Poetik epischer Texte."2 folgen und auf seinen Kategorien aufbauen. Inhaltlich habe ich mich zum größten Teil auf Jutta Schlichs "Phänomenologie der Wahrnehmung von Literatur: Am Beispiel von Elfriede Jelineks "Lust"(1989)"3 gestützt.

Wir sind es gewohnt einer Erzählinstanz wie auch den Figuren eines Buches wie realen Personen zu begegnen, sie kennen- und einschätzen zu lernen. Warum das in "Lust" nicht funktionieren kann und beim Leser zu Orientierungslosigkeit führt zeige ich im ersten Teil. Im zweiten Teil wird es um das Verhalten des Erzählmediums und seiner Haltung zu Figuren und Leser gehen. Auch hier wird deutlich werden, wie festgelegt unsere Vorstellungen von einem Erzähler traditionell sind.
Im dritten Teil schließlich soll es darum gehen, den Sprung des Erzählmediums in seine eigene Erzählwelt zu verfolgen um zu zeigen, dass nicht nur der Leser, sondern auch das Erzählmedium und die Figuren selbst die Kontrolle über das Geschehen verlieren bzw. aufgeben und welche Konsequenzen das hat.
Mich interessiert an dem Thema vor allem das Weltbild und die Vorstellungen, die wir in uns tragen und vor dessen Hintergrund eine solche Verunsicherung überhaupt erst stattfinden kann.
Elfriede Jelinek scheint ihren Spiegel zu erheben und uns zuzurufen. "So geht′s wenn Menschen untergehen, die mit dem Leben scherzen!"4

1. Aus Sprache gebaut - der Konstruktionscharakter

1.1. Erzählform -Distanzierung vom Subjektbegriff

Die Geschichte: Hermann ist Direktor einer Papierfabrik und wendet sich aus Angst vor Aids vom Bordell ab und seiner trinkenden Frau Gerti zu. Diese versucht seinen Übergriffen durch die Hinwendung zum gemeinsamen Sohn zu entgehen, was ihr nicht gelingt. Als sie den Studenten Michael bei einem Ausbruchversuch trifft, verliebt sie sich in ihn und will noch einmal von vorn beginnen. Michael jedoch spielt mit ihr und demütigt sie. Sie muss zurückkehren und erstickt schließlich ihren Sohn.

Bei dem Versuch, die Erzählinstanz in "Lust"5 nach Jürgen H. Petersens Kategorien der Erzählanalyse6 zu untersuchen, stößt man auf nicht unerhebliche Probleme. Schon bei der Bestimmung der Erzählform stellt man schnell fest, dass es kein einheitliches Verhältnis der Erzählinstanz zum Erzählten gibt. Zwar dominiert die Er/Sie Erzählform ("Der Mann geht ganz allein weiter.")7, daneben gibt es jedoch fließende Übergänge zur Wir-("Wir Knechtgestalten".)8 , Ich- (Ich fordere Sie ernstlich auf: Luft und Lust für alle!")9 und Du-Erzählform.("Fahren Sie vorsichtig.")10

Der Leser kennt den Erzähler traditionell als einheitliche Figur, d.h. wie auch alle anderen Figuren als Subjekte mit festem Wesenskern und Eigenschaften. Die fließenden Übergänge haben zur Folge, dass der Leser keine Orientierung mehr dafür hat, wer bzw. was spricht. Die schnellen Wechsel der Sprecher, die im Text meist nicht eindeutig zu erkennen sind, verunsichern zusehends. Dem Leser wird gewissermaßen die "Kontaktperson" genommen. Er kann der Erzählinstanz nicht wie gewohnt als Person begegnen, er kann ihr nicht vertrauen, da er gar nicht weiß, an wen oder was er sich wendet. Den traditionellen Erzähler des bürgerlichen Romans, als Person, die nach logischen "Gesetzmäßigkeiten" handelt, den Leser an die Hand nimmt und ihn sicher durch die Erzählung führt gibt es in "Lust" nicht mehr. Er erfüllt keine Überblicks- Klärungs- und Ordnungsfunktion innerhalb der Erzählung mehr und verhindert auf diese Weise auch, dass der Leser sich ein klares Bild von den Geschehnissen machen kann.

[...]


1 Jelinek, Elfriede: Lust. Reinbek bei Hamburg 1989; wird im Folgenden nur noch als "Lust" zitiert

2 Petersen, Jürgen H.: Erzählsysteme. Eine Poetik epischer Texte. Stuttgart, Weimar 1993

3 Schlich, Jutta: Phänomenologie der Wahrnehmung von Literatur: Am Beispiel von Elfriede Jelineks "Lust"(1989)" (Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte; Bd.71) Tübingen 1994

4 Jelinek, Elfriede: Lust, S.138

5 Jelinek, Elfriede: Lust.

6 Petersen, Jürgen H.: Erzählsysteme. Eine Poetik epischer Texte. Stuttgart, Weimar 1993

7 Jelinek, Elfriede: Lust, S.18

8 Jelinek, Elfriede: Lust. , S.80

9 Jelinek, Elfriede: Lust., S.105

10Jelinek, Elfriede: Lust, S.117


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