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Allerleirauh - Ein Märchen in unterschiedlichen Fassungen

Termpaper, 2006, 25 Pages
Author: Magister Artium Susanne Krebs
Subject: German Studies - Genres

Details

Event: Volksmärchen, Kunstmärchen und fantastische Literatur im Deutschunterricht
Institution/College: University of Koblenz-Landau (Germanistik)
Category: Termpaper
Year: 2006
Pages: 25
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V135451
ISBN (E-book): 978-3-640-43779-5
ISBN (Book): 978-3-640-43806-8

Abstract

Märchen sind etwas, das von vergangenen Zeiten erzählt und nicht mehr zeitgemäß ist. Märchen sind nichts für Kinder, weil sie zu brutal und grausam sind. So oder ähnlich argumentieren viele. Doch woher kommen solche Pauschalurteile? Offensichtlich ist vielen nicht bewusst, was Märchen eigentlich sind und welchem Zweck sie dienen. Märchen sind Lehrstücke, und enthalten wertvolles Wissen über Sachverhalte, die uns alle betreffen können. Dass das nicht nur angenehme Erfahrungen sind, sondern oftmals erschütternde, liegt auf der Hand. Man soll etwas lernen von Märchen, aus dem Menschheitswissen, das hier angesammelt wurde. Märchen sind nicht unumstritten, sie polarisieren stark. Und sie prägen auch. Fragt man im Familien- und Freundeskreis nach, so gibt es sowohl Lieblingsmärchen als auch ungeliebte Märchen, wobei die Gründe für Präferenz bzw. Ablehnung unterschiedlich sind. Die Lieblingsmärchen sind meist die, die quasi jedermann nennen kann, wenn man nach Märchen fragt. Diese Märchen von Grimm, Andersen, Hauff oder Bechstein findet man dann auch in diversen Auswahlsammlungen, durch die sie von Generation zu Generation weiter getragen werden. Doch was ist mit Märchen, die nicht in solchen „Best of – Zusammenstellungen“ auftauchen? Geraten sie in Vergessenheit? Wer besitzt schon Gesamtausgaben und liest dann auch noch regelmäßig Märchen? Denn eins ist klar: Die ursprünglich mündliche Überlieferung ist längst passé und „unser Märchenerlebnis beruht fast ausschließlich auf schriftlicher Überlieferung“. „Das Märchen ist ursprünglich von Erwachsenen für Erwachsene erzählt worden.“ Erst mit der Zeit wurde es vornehmlich Kindern erzählt. Der Wandel des Publikums, wie auch der Wandel von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit könnten Auslöser dafür gewesen sein, die Ursprungsmärchen zu verändern, sie quasi dem Zielpublikum anzupassen. „Die besondere Wirksamkeit der Märchenbilder und Handlungskonstellationen auf Kinder“ ist gewiss unbestreitbar, und der lehrreiche Effekt, den Märchen erzielen sollen, seit dem 18. Jahrhundert mit seinem aufstrebenden Bildungsbürgertum mehr als intendiert. Nicht umsonst nannten die Gebrüder Grimm ihre Märchensammlung Kinder- und Hausmärchen.


Excerpt (computer-generated)

Allerleirauh

­ Ein Märchen in unterschiedlichen

Fassungen

Hausarbeit für das Seminar

,,Volksmärchen, Kunstmärchen und fantastische Literatur im

Deutschunterricht"



WS 2005/2006


Vorgelegt von

Susanne Krebs

Anglistik

Germanistik

Magister

(6. Semester)


Inhalt:

1) ,,Es war einmal..." und ist womöglich immer noch?

Aktualität und Lehrhaftigkeit von Märchen 2

2) KHM 65

Ein Märchen im Wandel 4

3) Der Cinderella-Zyklus

Allerleirauh

im Kontext artverwandter Märchen 5

4) Allgemeines zum Aufbau von Allerleirauh

Merkmale des Volksmärchens 7

5) Allerleirauh 1857

Die Ausgabe letzter Hand 9

6) Allerlei-Rauh 1812

Die Erstausgabe 17

7) Resümee 20

Literaturverzeichnis 22


1) ,,Es war einmal..." und ist womöglich immer noch?

Aktualität und Lehrhaftigkeit von Märchen

Märchen sind etwas, das von vergangenen Zeiten erzählt und

nicht mehr zeitgemäß ist. Märchen sind nichts für Kinder, weil sie zu

brutal und grausam sind. So oder ähnlich argumentieren viele. Doch

woher kommen solche Pauschalurteile? Offensichtlich ist vielen nicht

bewusst, was Märchen eigentlich sind und welchem Zweck sie dienen.

Märchen sind Lehrstücke, und enthalten wertvolles Wissen über

Sachverhalte, die uns alle betreffen können. Dass das nicht nur

angenehme Erfahrungen sind, sondern oftmals erschütternde, liegt auf

der Hand. Man soll etwas lernen von Märchen, aus dem

Menschheitswissen, das hier angesammelt wurde.

Märchen sind nicht unumstritten, sie polarisieren stark. Und sie

prägen auch. Fragt man im Familien- und Freundeskreis nach, so gibt

es sowohl Lieblingsmärchen als auch ungeliebte Märchen, wobei die

Gründe für Präferenz bzw. Ablehnung unterschiedlich sind. Die

Lieblingsmärchen sind meist die, die quasi jedermann nennen kann,

wenn man nach Märchen fragt. Diese Märchen von Grimm, Andersen,

Hauff oder Bechstein findet man dann auch in diversen

Auswahlsammlungen, durch die sie von Generation zu Generation

weiter getragen werden. Doch was ist mit Märchen, die nicht in solchen

,,Best of ­ Zusammenstellungen" auftauchen? Geraten sie in

Vergessenheit? Wer besitzt schon Gesamtausgaben und liest dann

auch noch regelmäßig Märchen? Denn eins ist klar: Die ursprünglich

mündliche Überlieferung ist längst passé und ,,unser Märchenerlebnis

beruht fast ausschließlich auf schriftlicher Überlieferung".1

,,Das Märchen ist ursprünglich von Erwachsenen für Erwachsene

erzählt worden."2 Erst mit der Zeit wurde es vornehmlich Kindern

erzählt. Der Wandel des Publikums, wie auch der Wandel von

1 Scherf, Walter:

Lexikon der Zaubermärchen

, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1982,

Einleitung.

2 Richter, Dieter und Johannes Merkel:

Märchen, Phantasie und soziales Lernen

, Basis-Verlag,

Berlin 1974.

2


Mündlichkeit zu Schriftlichkeit könnten Auslöser dafür gewesen sein,

die Ursprungsmärchen zu verändern, sie quasi dem Zielpublikum

anzupassen. ,,Die besondere Wirksamkeit der Märchenbilder und

Handlungskonstellationen auf Kinder"3 ist gewiss unbestreitbar, und der

lehrreiche Effekt, den Märchen erzielen sollen, seit dem 18.

Jahrhundert mit seinem aufstrebenden Bildungsbürgertum mehr als

intendiert. Nicht umsonst nannten die Gebrüder Grimm ihre

Märchensammlung

Kinder- und Hausmärchen

.

Die ursprüngliche Intention von Märchen ist, nicht bloß zu

unterhalten, sondern zu lehren, zu helfen und zu warnen.4 Neben

dieser didaktischen Funktion ,,enthalten Märchen Anweisungen, Ängste

und Schrecken zu verarbeiten, die sich bei der menschlichen

Entwicklung ergeben".5 Dem Rezipienten sollen Probleme aufgezeigt

und mögliche Lösungen angeboten werden; das Unaussprechliche soll

Gehör finden. Denn durch Märchen lernt das Kind spielerisch mit

alterstypischen Konflikten umzugehen und bekommt Strategien zur

Problemlösung an die Hand. Scheinbar ist es die Konkurrenz der

Konflikte im Märchen und die im Leben des Kindes, die die Märchen so

attraktiv machen. Märchen gründen sich nun einmal auf Dinge, die das

alltägliche Leben der Menschen bestimmen, was ihre Universalität

unterstreicht. Oft assoziiert man mit Märchen nur etwas Magisches,

Unrealistisches, das zudem immer glücklich endet. Dabei gibt es

genügend Beispiele für Problematiken und Verhaltensweisen in

Märchen, die alles andere als magisch und realitätsfern sind, so auch

unser vorliegendes Exempel

Allerleirauh

. Wie die Dinge sein sollen und

wie die Dinge tatsächlich sind, zwischen diesen Entitäten klafft nicht

selten eine Lücke.

3URL: <http://www.jugendliteratur.net/download/kirsch.pdf>

4 Vgl. Pilinovsky, Helen:

Donkeyskin, Deerskin, Allerleirauh: The Reality of the Fairy Tale

,

2001. URL: <http://www.endicott-studio.com/rdrm/fordnky.html>

5 Bühler, Charlotte und Josephine Bilz:

Das Märchen und die Phantasie des Kindes

, Springer,

Berlin 1977.

3


2) KHM 65

Ein Märchen im Wandel

Ich habe mir zur genaueren Betrachtung ein Grimmsches Märchen

ausgesucht, das eher in die Kategorie der ungeliebten Märchen fällt.

Das tut es, weil es eine Thematik behandelt, die gern totgeschwiegen

wird: Inzest. Doch angesichts der heutigen Situation, wo man kaum die

Zeitung aufschlagen oder die Nachrichten einschalten kann, ohne von

Kindesmissbrauch zu lesen bzw. zu hören, scheint es mir angebracht,

mich mit einem Text zu beschäftigen, der durch seine Darbietungsform

so realitätsfern scheint, durch seinen Inhalt jedoch so realitätsnah ist.

Das Märchen, um das es geht, ist

Allerleirauh

, offiziell Märchen Nr.

65 in Grimms

Kinder- und Hausmärchen

. Ich kenne dieses Märchen

seit meiner Kindheit und mochte es, weil Titel und Symbolik mich

ansprachen. Den Inhalt begriff ich als Kind noch nicht, denn niemand

hatte mir erklärt, was es mit dem Märchen auf sich hat. Das kann man

aus heutiger Sicht vielleicht bemängeln, aber ich denke, dass Eltern

zwar aufklären sollen, dieser spezielle Fall allerdings Probleme bereiten

dürfte. Anstatt also Vorwürfe laut werden zu lassen, werde ich nun

meinerseits versuchen, besagtes Märchen zu erläutern. Zu diesem

Zweck werde ich mich vorrangig an die heute noch geläufige und

publizierte Form aus der Ausgabe letzter Hand halten, diese aber mit

der Version aus der Ausgabe erster Hand vergleichen, denn es hat dort

eine interessante Entwicklung stattgefunden.

Allerleirauh

tauchte bereits in der Erstausgabe der Grimmschen

Kinder- und Hausmärchen von 1812 auf, wurde aber bis zur Ausgabe

letzter Hand von 1857, die heute noch gilt, inhaltlich verändert. ,,Nicht

nur der Wortlaut des

Allerleirauh

- Märchens, sondern auch der Sinn

des Textes wird über die verschiedenen Fassungen einem Wandel

unterzogen."6 ,,Mutationen sind beim Übergang von den

6 Ikeda, K.:

Die Entstehung des KHM 65 Allerleirauh. Eine progressive Annäherung an den
Cinderella-Stoff

in Doitsu bungaku, H. 86. Tokyo 1991, S. 124.

4


handschriftlichen zu den gedruckten Märchenfassungen die Regel"7,

hier jedoch wurde, um den bürgerlichen Normen Genüge zu tun und

das Märchen abzumildern, d.h. die Unglaublichkeit der Begebenheit

dem Rezipienten nicht so unvermittelt zuzumuten, inhaltlich verändert.

Die Version der Ausgabe letzter Hand deckt sich in einigen

entscheidenden Punkten nicht mehr mit der Version der ersten Auflage.

Warum ist das so? Was genau wurde verändert? Ist die

Verständlichkeit dabei möglicherweise auf der Strecke geblieben?

Diesen Fragen möchte ich nachgehen.

3) Der Cinderella-Zyklus

Allerleirauh im Kontext artverwandter Märchen

Allerleirauh

gehört als Märchen in den so genannten Cinderella-

Zyklus, der weltweit verbreitet ist und den vielleicht beliebtesten

Märchenkreis überhaupt darstellt.8 Hauptsächlich die südeuropäische

Überlieferung, aber auch ganz Europa, vereinzelt Asien, Afrika und

Brasilien kennen AaTh 510B.9 Im Gegensatz zu

Aschenputtel

stellt

Allerleirauh

allerdings eine Variante des Märchentyps dar, die sich nicht

unbedingt großer Beliebtheit erfreut. Die Abweichung ist im Grunde

minimal, betrachtet man die Märchenkategorien nach Aarne und

Thompson10, doch sie scheint gravierend. Der Stoff selbst verfügt über

starke Wirklichkeitsbezüge, die eine direkte Identifikation der

Rezipienten ermöglichen, unabhängig von kultureller Zugehörigkeit11,

und gehört, besonders durch die rational erklärte Herkunft der Gaben,

eher zu den Novellenmärchen12. Als Entstehungszeit wird das

Mittelalter vermutet, denn die Vorgeschichte mit dem Inzestmotiv ist seit

7 Rölleke, Heinz

: Die Märchen der Brüder Grimm ­ Eine Einführung

, Philipp Reclam jun.

GmbH & Co., Stuttgart 2004, S.40-41.

8 Vgl. Ranke, Kurt:

Enzyklopädie des Märchens

, Bd.3, de Gruyter, Berlin 1981, S.39.

9 Ibid, S.43.

10 Aaarne, Antti and Stith Thompson:

The Types of the Folk-tale: A Classification and
Bibliography

, Suomalainen Tiedeakatemia, Helsinki 1928, S.81-82.

11 Vgl. Ranke, Kurt:

Enzyklopädie des Märchens

, Bd.3, de Gruyter, Berlin 1981, S.39.

12 Ibid, S.43.

5



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