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Das Phänomen der Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne

Bachelor Thesis, 2009, 30 Pages
Author: Theresa Hartig
Subject: Theater Studies

Details

Category: Bachelor Thesis
Year: 2009
Pages: 30
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V135749
ISBN (E-book): 978-3-640-42176-3
ISBN (Book): 978-3-640-42186-2

Abstract

Unabhängig von Thema und Art einer Aufführung machen Theaterzuschauer im zeitgenössischen Theater regelmäßig die Erfahrung, dass Darsteller sich teilweise oder auch komplett entblößen, und dies in Inszenierungen von Stücken von der Klassik bis zur Gegenwart. Auf den zeitgenössischen Bühnen zeigt sich ein neuer Umgang mit Nacktheit, der sich schon seit mehreren Jahrzehnten in der Gesellschaft, in den Medien und schließlich auch in der Kunst entwickelt hat. Nur noch selten allerdings zeigen sich heutzutage Zuschauer schockiert über nackte Haut auf der Bühne, dennoch wird die Nacktheit im Theater nicht wie in anderen Medien einfach nebenbei hingenommen. Auch ist der Umgang mit der Nacktheit der Darsteller innerhalb einer Inszenierung sehr verschieden, teilweise ist sie nur beiläufig und bleibt unkommentiert, in anderen Aufführungen dagegen wird exzessiv darauf hingewiesen. Doch schnell wird sichtbar, dass Nacktheit auf der Bühne nicht einfach nur die Zurschaustellung von nackter Haut sein und auch nicht zwingend in Verbindung mit Sexualität stehen muss, sondern zu neuen, eigenen Ausdrucksweisen führen kann. Diese Arbeit untersucht, welche Bedeutung das Phänomen der Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne repräsentiert, sowohl für die Zuschauer als auch für die Bühnenkunst selbst und wie es überhaupt zu der Entstehung dieses Phänomens kam. Hierzu wird zuerst ein Überblick zu den konventionellen Ansichten von Nacktheit in einer christlich geprägten Gesellschaft gegeben und anschließend das Aufkommen und die Entwicklung der sexuellen Revolution der letzten Jahrzehnte vorgestellt. Daraufhin wird die Entfaltung von Nacktheit auf der Bühne, insbesondere im experimentellen Theater der 1960er- und 70er-Jahre, sowie die Übernahme von Nacktheit auf den großen Theaterbühnen näher beleuchtet. Ebenfalls eingegangen wird auf die Ursachen der zunehmenden Nacktheit auf der Bühne und ihre Wahrnehmung durch den Zuschauer. Außerdem wird die Frage behandelt, warum die Reaktionen auf Nacktheit im Theater sich derart von jenen bezüglich anderer Medien unterscheiden. Schließlich wird die Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne in den Kontext der umgebenden Theatermittel sowie der veränderten Bühnenkunst und Darstellungsformen gesetzt und aufgeführt, welche neuen Bilder und Bedeutungen die Nacktheit auf der Bühne entstehen lassen kann.


Excerpt (computer-generated)

Das Phänomen der Nacktheit

auf der zeitgenössischen Bühne

Bachelorarbeit im Fach

Theaterwissenschaft

an der

Freien Universität Berlin

Institut für Theaterwissenschaft

Sommersemester 2009

von

Theresa Hartig

Berlin, Juli 2009


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

3

2 Nacktheit in der Gesellschaft

5

2.1 Sexualität in der konventionellen Gesellschaft 5

2.2 Die sexuelle Revolution 6

3 Entwicklung von Nacktheit auf der Bühne

8

3.1 Bühnenexperimente in den 1960er- und 70er-Jahren 8

3.2 Einzug der Nacktheit auf die großen Bühnen 10

3.2.1

Sex sells

­ Eine Ursache der allgemein zunehmenden Nacktheit 10

3.2.2 Ursachen von Nacktheit auf den großen Bühnen 11

3.2.3 Wahrnehmung von Nacktheit auf der Bühne 12

4 Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne

15

4.1 Körperlichkeit und Nacktheit im postdramatischen Theater 15

4.2 Einsatzmöglichkeiten von Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne 17

4.2.1 Beispiele von Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne 17

4.2.2 Umgang mit Nacktheit innerhalb einer Inszenierung 18

4.2.3 Sexualität und Erotik 20

4.2.4 Wildheit und Animalität 21

4.2.5 Nacktheit als Kostüm 23

4.2.6 Nacktheit als Leinwand 24

5 Schlussbetrachtung

26

Literaturverzeichnis

28

- 2 -


1 Einleitung

Unabhängig von Thema und Art einer Aufführung machen Theaterzuschauer im

zeitgenössischen Theater regelmäßig die Erfahrung, dass Darsteller sich teilweise oder

auch komplett entblößen, und dies in Inszenierungen von Stücken von der Klassik bis

zur Gegenwart. Auf den zeitgenössischen Bühnen zeigt sich ein neuer Umgang mit

Nacktheit, der sich schon seit mehreren Jahrzehnten in der Gesellschaft, in den Medien

und schließlich auch in der Kunst entwickelt hat. Nur noch selten allerdings zeigen sich

heutzutage Zuschauer schockiert über nackte Haut auf der Bühne, dennoch wird die

Nacktheit im Theater nicht wie in anderen Medien einfach nebenbei hingenommen.

Auch ist der Umgang mit der Nacktheit der Darsteller innerhalb einer Inszenierung sehr

verschieden, teilweise ist sie nur beiläufig und bleibt unkommentiert, in anderen

Aufführungen dagegen wird exzessiv darauf hingewiesen. Doch schnell wird sichtbar,

dass Nacktheit auf der Bühne nicht einfach nur die Zurschaustellung von nackter Haut

sein und auch nicht zwingend in Verbindung mit Sexualität stehen muss, sondern zu

neuen, eigenen Ausdrucksweisen führen kann.

Diese Arbeit untersucht, welche Bedeutung das Phänomen der Nacktheit auf der

zeitgenössischen Bühne repräsentiert, sowohl für die Zuschauer als auch für die

Bühnenkunst selbst und wie es überhaupt zu der Entstehung dieses Phänomens kam.

Hierzu wird zuerst ein Überblick zu den konventionellen Ansichten von Nacktheit in

einer christlich geprägten Gesellschaft gegeben und anschließend das Aufkommen und

die Entwicklung der sexuellen Revolution der letzten Jahrzehnte vorgestellt. Daraufhin

wird die Entfaltung von Nacktheit auf der Bühne, insbesondere im experimentellen

Theater der 1960er- und 70er-Jahre, sowie die Übernahme von Nacktheit auf den

großen Theaterbühnen näher beleuchtet. Ebenfalls eingegangen wird auf die Ursachen

der zunehmenden Nacktheit auf der Bühne und ihre Wahrnehmung durch den

Zuschauer. Außerdem wird die Frage behandelt, warum die Reaktionen auf Nacktheit

im Theater sich derart von jenen bezüglich anderer Medien unterscheiden. Schließlich

wird die Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne in den Kontext der umgebenden

Theatermittel sowie der veränderten Bühnenkunst und Darstellungsformen gesetzt und

- 3 -


aufgeführt, welche neuen Bilder und Bedeutungen die Nacktheit auf der Bühne

entstehen lassen kann.

Zwar gelten viele der hier getroffenen Aussagen für die Entwicklung des Theaters in der

westlichen Welt allgemein, Hauptuntersuchungsfeld und Beispiel ist jedoch das

zeitgenössische deutsche Theater. Wohlgemerkt wird auch stets auf die dem Phänomen

der Nacktheit vorausgegangen Entwicklungen eingegangen, nicht jedoch auf die

langwierigen Prozesse, die zu diesen führten oder Voraussetzung für diese waren und

zum Teil schon Jahrzehnte vorher in Gang gesetzt wurden. Des Weiteren sei angemerkt,

dass Nacktheit nicht zwingend mit Sexualität und Erotik in Verbindung stehen muss,

viele der Entwicklungen, die die Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne begünstigten

jedoch erst einmal mit der Forderung nach einer freien Sexualität begannen, die

Nacktheit somit aber auch betrafen. Materialgrundlage für diese Arbeit waren neben

zeitgenössischen Theaterinszenierungen, Texte zum sexuellen Verhalten von Mann und

Frau sowie der Position der Sexualität in der konventionellen Gesellschaft, Literatur zur

Entwicklung von Nacktheit im Theater und in anderen Medien sowie

Veröffentlichungen zum zeitgenössischen Theater allgemein.

- 4 -


2 Nacktheit in der Gesellschaft

In einer Untersuchung des Phänomens der Nacktheit auf der Bühne ist es unabdingbar,

erst einmal den Kontext der Bühnen zu betrachten: die Gesellschaft, zu der sie gehören.

Erst bestimmte gesellschaftliche Veränderungen machten die große Präsenz von

Nacktheit auf der Bühne überhaupt möglich, zugleich ist der Einsatz von Nacktheit

jedoch auch nicht zuletzt geprägt von der Rebellion gegen die früheren Konventionen.

2.1 Sexualität in der konventionellen Gesellschaft

Alfred Kinsey stellt in seinen Untersuchungen zum sexuellen Verhalten des Mannes

und der Frau, den sogenannten

Kinsey Reports

, Beobachtungen zur Entwicklung der

Sexualität in den westlichen Gesellschaften auf. Hierbei sieht er die prägenden Faktoren

für das gesellschaftliche Bild der Sexualität in der Religion und in frühen kulturellen

Einflüssen: ,,...es gab Kulturen und Religionen, die in der Sexualität in erster Linie das

notwendige Mittel zur Fortpflanzung sahen, das nur in der Ehe genossen werden darf,

und auch nur dann, wenn die Zeugung das Ziel des Aktes ist"1. Schon sehr früh entstand

bereits bei den Vorgängern der westlichen Kulturen der Gedanke, dass Sexualität soweit

wie möglich unterdrückt werden muss und nur im absoluten Bedarfsfall zum Einsatz

kommen darf. Diese Beschränkung des sexuellen Aktes auf den Bereich der Ehe war

außerdem zugleich ein Faktor, der die Eheschließung und -erhaltung unterstützte.2

Sexualität dagegen als ein natürliches, biologisches Vorgehen zu definieren, wurde als

primitiv und animalisch abgestempelt3, denn in der christlichen Religion gilt der

Mensch als das höchste Wesen auf Erden, das den Tieren überlegen ist. Folglich sollte

er sich nicht wie diese verhalten und seinen sexuellen Trieben folgen, sondern diese

durch seine Kultivierung unterdrücken.

Neben den allgemeinen moralischen Ansichten in der Gesellschaft war ­ natürlich

ebenfalls geprägt von diesen ­ die Zensur lange Zeit das, was die Nacktheit nicht auf

neue Bühnen vordringen lies. In Demokratien, in denen die Freiheit des Sprechens zu

1 Kinsey et al. 1948, S. 249.

2 Vgl. Kinsey et al. 1953, S. 17.

3 Vgl. Kinsey et al. 1948, S. 249.

- 5 -


den höchsten Gütern gehört und außerdem der Kunst die Freiheit und der Bedarf des

Experimentierens zugesprochen wird, konnte diese Zensur jedoch nicht dauerhaft

aufrechterhalten werden.4

2.2 Die sexuelle Revolution

Die entscheidenden gesellschaftlichen Entwicklungen, die eine sexuelle Revolution der

Gesellschaft und somit auch der Theater auslösten, gingen aus der sogenannten

Gegenkultur der 1960er hervor.5 Die Gegenkultur entstand insbesondere unter

Einwirkung der Nachkriegsgeneration des Zweiten Weltkriegs auf ihre Kinder, welche

in den 1960er-Jahren Jugendliche waren.6 Diese Generation beschäftigte sich mit Ideen,

die sich von jenen der etablierten Gesellschaften vollkommen unterschieden und

experimentierte mit Drogen, Psychologie und orientalischen Mythen sowie ebenfalls

einer neuen Vorstellung von freier Sexualität. Die Einflüsse auf die Gegenkultur sind

vielfältig und zahlreich, einige davon sind ,,bei der Tiefenpsychologie, bei Resten linker

Ideologie, bei östlichen Religionen, dem romantischen Weltschmerz, bei anarchistischer

Gesellschaftslehre, beim Dadaismus [und] bei amerikanisch-indianischer

Überlieferung"7 zu finden. Diese Zeit der Rebellion ist vor allem geprägt von Protesten

gegen den damaligen Vietnamkrieg, den Aufstand gegen Autoritäten, dem Streben nach

Gleichberechtigung und Gleichstellung von Minderheiten sowie dem Verlangen nach

einer größeren sexuellen Freiheit. Die Gegenkultur wurde jedoch nicht nur von

Jugendlichen begründet, sondern auch erwachsene Schriften, wie beispielsweise jene

von Sigmund Freud und Alfred Kinsey im Bereich der Sexualität, beeinflussten ihre

Entstehung entscheidend. Viele Erwachsene, die einen Einfluss auf die Gegenkultur

hatten, wendeten sich konkret an Jugendliche, andere wurden einfach gerne von diesen

aufgegriffen und zitiert. Die Gegenkultur brachte einen Umbruch in der Gesellschaft

hervor, und ihre Forderungen nach einer freien Sexualität waren ein entscheidender

Antrieb, der noch Jahrzehnte später Auswirkungen auf das Bild von Sexualität und

Nacktheit in der Gesellschaft hat.

4 Vgl. Hanson 1970, S. 32.

5 Die folgenden Darlegungen zur

Gegenkultur

stützen sich auf Roszak 1968, S. 12-19.

6 Vgl. Hanson 1970, S. 17.

7 Roszak 1968, S. 14.

- 6 -



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