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Evolutionäre Medienpsychologie: Die Evolution der Emotionen im Zusammenhang mit medialer Unterhaltung als emotionales Planspiel

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2009, 22 Pages
Author: M.A. Sandra Kemerle
Subject: Psychology - Media Psychology

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2009
Pages: 22
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V135790
ISBN (E-book): 978-3-640-44409-0


Abstract

Die evolutionäre Medienpsychologie beschreibt menschliches Erleben, Verhalten und Funktionieren im Umgang mit Medien aus einer evolutionspsychologischen Perspektive, die durch natürliche und sexuelle Selektionskräfte beeinflusst wurden. Der erste Teil der Arbeit geht auf die Evolution der Emotionen ein und versucht eine definitorische Erklärung von Emotionen und deren Abgrenzung zu anderen Konstrukten, wie Gefühlen, Stimmungen, Instinkten und Reflexen, zu geben (siehe Kapitel 2). Ein Überblick in die bestehende Emotionsforschung und in die damit einhergehenden emotionstheoretischen Ansätze soll in Kapitel 2.1 der unterschiedlichen Betrachtungsweisen von Emotionen gegeben werden. Die Funktionalität von spezifischen Emotionen und die Frage, ob Emotionen biologisch und/oder kulturell/sozial gefärbt sind, werden in Kapitel 2.2 und 2.3 näher betrachtet. Der zweite Teil der Arbeit versucht eine evolutionspsychologische Verbindung zwischen Emotionen und medialer Unterhaltungsrezeption herzustellen. Heutzutage haben Medien einen festen und notwendigen Platz im Alltag und in unserer Umwelt gefunden und werden als kognitive und emotionale Werkzeuge, mehr oder weniger bewusst, verwendet und genutzt (Schwan & Hesse, 2004; Schwab, in Druck). In der Medienpsychologie werden verschiedene Gegenstandsbereiche (u.a. Auswahl, Nutzung, Wirkung) und Nutzungsbedürfnisse (u.a. Information, Unterhaltung, Interaktion) der Rezipienten im Umgang mit Medien betrachtet (siehe Kapitel 4.1) (Aelker, 2008). Mediale Unterhaltung wird als ein Rezeptionsphänomen in Kapitel 4.2 beschrieben und die Evolutionspsychologie fragt nach der Funktion von Unterhaltung (Anpassung oder ein Nebenprodukt der Evolution). Warum beschäftigen sich Menschen mit unterhaltsamen Themen und verbringen viel Zeit damit, sich unterhalten zu lassen. Die bestehende Unterhaltungsforschung und die damit einhergehenden theoretischen Erklärungsansätze (Medienpsychologische Emotions- und Unterhaltungstheorien) sollen überblicksartig dargestellt werden. Ein möglicher Erklärungsansatz (siehe Kapitel 4.3) der evolutionären Medienpsychologie versteht Unterhaltungsrezeption als „Emotionale Planspiele“ (Schwab, in Druck). Dieser Ansatz wird im Anschluss näher erörtert und der Frage unterzogen, ob dieser möglicherweise einen biologisch funktionalen Zweck von Unterhaltung und damit einen Fitnessvorteil, aus evolutionspsychologischer Sicht, erklären könnte.


Excerpt (computer-generated)

Universität des Saarlandes

Arbeitseinheit: Organisations- und Medienpsychologie

Seminar: Evolutionäre Medienpsychologie

Die Evolution der Emotionen im Zusammenhang mit medialer

Unterhaltung als emotionales Planspiel

von Sandra Kemerle

Sommersemester 2009

Abgabetermin: 31.07.2009


Sandra Kemerle ­ Die Evolution der Emotionen

2

Inhaltsverzeichnis

Teil I ­ Evolution der Emotionen 3

1 Einleitung 3

2 Emotionen - Begriffsabgrenzung und Definition 4

2.1 Emotionsforschung und Emotionstheorien im Überblick 6

2.2 Die Funktion spezifischer (Basis-) Emotionen 9

2.3 Nature vs. Nurture der Emotionen ­ Biologische und kulturelle Aspekte 10

3 Fazit 11

Teil II ­ Evolutionäre Medienpsychologie 12

4 Emotionen und Medien ­ kognitive und emotionale Werkzeuge 12

4.1 Evolutionäre Medienpsychologie ­ Gegenstandsbereiche und Nutzungsbedürfnisse 12

4.2 Entertainment is Emotion ­ Positive Emotionalität medialer Unterhaltung 13

4.3 Unterhaltungsrezeption als ,,Emotionales Planspiel" 15

5 Zusammenfassung 18

6 Literaturverzeichnis 20


Sandra Kemerle ­ Die Evolution der Emotionen

3

Teil I ­ Evolution der Emotionen

1 Einleitung

,,Moderne Medien vor Augen, aber Steinzeit im Kopf?"

(Grau, 2008, S. 59)

Evolutionspsychologen sagen, dass unser Gehirn dafür da ist, spezifische Probleme zu lösen, die

unsere frühen Vorfahren bewältigen mussten und dadurch einen Selektionsvorteil in der

Phylogenese erreichten. Wenn dem so sei, dann dürften Emotionen, neben kognitiven

Mechanismen, auch einen adaptiven Wert haben und das Produkt natürlicher Selektion sein. Diese

Ansicht vertrat schon Darwin (1872), als er emotionale Ausdrücke zwischen und innerhalb

verschiedener Kulturen verglich. Ein Jahrhundert lang wurde dies entweder unbeachtet gelassen

oder ignoriert. Zumindest akzeptieren heutzutage die meisten Psychologen einige der

Basisemotionen (Überraschung, Freude, Traurigkeit, Ekel, Furcht, Wut) als universale

Mechanismen, sprich als kulturübergreifend beobachtbar, erlebbar und produzierbar (vgl.

Heckhausen, 2006). Dieser Schluss führt jedoch zu neuen Fragen. Wenn einige (Basis-) Emotionen

universal sind, dann sind sie adaptiv. Wie aber kann ein bestimmter Gesichtsausdruck dem

Überleben oder dem Reproduktionserfolg dienlich sein? Was genau definiert eine Emotion? Welche

Funktionen haben demnach subjektives Erleben, externale Produktion bzw. Expression und die

Erkennung von Emotionen? Warum haben wir Emotionen? Welche Möglichkeiten der

Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Messung von Emotionen gibt es?

Evolutionspsychologische Ansätze beziehen verschiedene Ebenen beim Versuch einer

Erklärung mit ein, die nicht nur physiologische, psychologische (proximate Erklärungen) und

ontogenetische Vorgänge beschreiben, sondern auch warum Emotionen in der Evolution entstehen

konnten, welche biologische Funktion sie hatten und haben und welche Funktionen spezifische

Gesichtsausdrücke haben, die mit emotionalen Reaktionen einhergehen (ultimate Erklärungen). In

der vorliegenden Arbeit werden folgende evolutionspsychologische Themenbereiche in den

Blickwinkel gerückt: Der erste Teil der Arbeit geht auf die Evolution der Emotionen ein und

versucht eine definitorische Erklärung von Emotionen und deren Abgrenzung zu anderen

Konstrukten, wie Gefühlen, Stimmungen, Instinkten und Reflexen, zu geben (siehe Kapitel 2). Eine

Zusammenfassung der bestehenden Emotionsforschung und damit einhergehende

emotionstheoretische Ansätze soll in Kapitel 2.1 der unterschiedlichen Betrachtungsweisen von

Emotionen gegeben werden (siehe Kapitel 2.1). Die Funktionalität von spezifischen Emotionen und

die Frage, ob Emotionen biologisch und/oder kulturell/sozial gefärbt sind, werden in Kapitel 2.2


Sandra Kemerle ­ Die Evolution der Emotionen

4

und 2.3 näher betrachtet.

Der zweite Teil der Arbeit versucht eine evolutionspsychologische Verbindung zwischen

Emotionen und medialer Unterhaltungsrezeption herzustellen. Heutzutage haben Medien einen

festen und notwendigen Platz im Alltag und in unserer Umwelt gefunden und werden als kognitive

und emotionale Werkzeuge, mehr oder weniger bewusst, verwendet und genutzt (vgl. Schwan &

Hesse, 2004; Schwab, in Druck). In der Medienpsychologie werden verschiedene

Gegenstandsbereiche (u. a. Auswahl, Nutzung, Wirkung) und Nutzungsbedürfnisse (u. a.

Information, Unterhaltung, Interaktion) der Rezipienten im Umgang mit Medien betrachtet (siehe

Kapitel 4.1) (vgl. Aelker, 2008). Mediale Unterhaltung wird als ein Rezeptionsphänomen in Kapitel

4.2 beschrieben und die Evolutionspsychologie fragt nach der Funktion von Unterhaltung. Obwohl

bewegte Bilder (Filme) gerade ein knapp 100 Jahre altes Medium sind (vgl. Schwender, 2006, S. 3),

kommt die Frage im evolutionären Kontext auf, ob Unterhaltungsrezeption eine Anpassung oder ein

Nebenprodukt der Evolution ist? Warum beschäftigen sich Menschen mit unterhaltsamen Themen

und verbringen viel Zeit damit, sich unterhalten zu lassen. Die bestehende Unterhaltungsforschung

und die damit einhergehenden theoretischen Erklärungsansätze (Medienpsychologische Emotions-

und Unterhaltungstheorien) sollen überblicksartig dargestellt werden. Ein möglicher

Erklärungsansatz (siehe Kapitel 4.3) der evolutionären Medienpsychologie versteht

Unterhaltungsrezeption als ,,Emotionale Planspiele" (vgl. Schwab, in Druck). Dieser Ansatz wird

im Anschluss näher erörtert und der Frage unterzogen, ob dieser möglicherweise einen biologisch

funktionalen Zweck von Unterhaltung und damit einen Fitnessvorteil, aus

evolutionspsychologischer Sicht, erklären könnte.

2 Emotionen - Begriffsabgrenzung und Definition

Losschimpfen, weinen, vor Angst zittern, sich riesig freuen - die großen Gefühle kennt jeder. Nur

die Wissenschaft Psychologie kannte sie Jahrzehnte lang nicht. In der Forschung war das Fühlen

lange Zeit kein Thema (vgl. Geuter, Podcast, 2008). Und doch hat sie bereits eine sehr lange

Tradition hinter sich. Der Behaviorismus beherrschte zwischen ca. 1920 und 1960 die

wissenschaftliche Landschaft. Reine Reiz-Reaktions-Ketten waren Gegenstand der Untersuchung

dieser Strömung (u. a. bei Watson und Skinner) und schlossen Emotionen regelrecht als eine

mögliche Begründung für Verhalten aus (Schwender, 2006, S. 24). In der Zeit davor waren

Emotionen durchaus ein Thema und verschiedene Wissenschaftler wie z. B. Darwin, James und

Wundt brachten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verschiedene Theorien zu Emotionen hervor

(siehe Kapitel 2.1). Mit der ,,kognitiven Wende" bis ca. Mitte der 60er Jahre wurden Emotionen

erneut als Thema entfacht und das Interesse an Beschreibung, Erklärung und Vorhersage


Sandra Kemerle ­ Die Evolution der Emotionen

5

psychischer Zustandsänderungen aufgrund von emotionalen Mechanismen wuchs bis heute stetig

an (vgl. Faullant, 2007, S. 37). Heute ist die Emotionspsychologie ein breit gefächertes Gebiet der

Psychologie und bietet viele verschiedene Theorien über Emotionen an, doch gibt es bisher keine

klare Antwort darauf, was Emotionen genau sind. Begriffsdefinitionen gibt es so viele wie

Emotionsforscher augrund der unzähligen unterschiedlichen theoretischen Zugänge zu dem Thema.

Kleinginna und Kleinginna haben 1981 92 Definitionen für den Begriff Emotion aus der

emotionspsychologischen Literatur gesammelt und konnten keine einheitliche Erklärung entwickeln

(vgl. Kleinginna et al., 1981, S. 345).

In der Literatur finden sich u. a. folgende Aussagen, was eine Emotion alles ist: Eine

Emotion ist ein intersubjektiv beobachtbares Reaktionsmuster, das durch bestimmte

Umweltgegebenheiten verlässlich ausgelöst wird (Watson); ein Erlebenszustand körperlicher

Reaktionen, der auf die Wahrnehmung eines erregenden Reizes erfolgt (James), der aus bestimmten

Bewertungen resultiert und dem bestimmte Handlungen nachfolgen (Weiner). Eine Emotion ist ein

Syndrom aus verschiedenen Komponenten: aus einem Erlebenszustand, Kognitionen,

physiologische Reaktionen, Handlungsimpulse und beobachtbares Verhalten (Plutchik). Emotionen

sind bestimmte neurophysiologische Reaktionen (LeDoux), werden sozial ausgehandelt und sind

soziale Konstruktionen (Gergen). Je nach Betrachtungsweise werden unterschiedliche Aspekte von

Emotionen betont. Diese werden in Kapitel 2.1 deutlicher hervorgehoben und anhand verschiedener

Emotionstheorien erläutert.

Wichtig für Emotionspsychologen ist die Abgrenzung von Emotionen von anderen

theoretischen Konstrukten wie Gefühlen, Stimmungen, Instinkten und Reflexen. Um Emotionen

von anderen theoretischen Konstrukten abgrenzen zu können, schlagen Meyer, Reisenzein und

Schützwohl (2001) eine Arbeitsdefinition vor. Diese besagt, dass Emotionen zeitlich datierte,

konkrete, einzelne Vorkommnisse (z. B. Freude, Wut, Angst, Ekel, Überraschung) von aktuellen,

objektgerichteten, psychischen Zuständen einer bestimmten Qualität, Intensität und Dauer sind, die

in der Regel drei Aspekte besitzen: einen Erlebensaspekt (subjektives Empfinden einer Emotion),

den physiologischen Aspekt (biologische und körperliche Veränderungen) und den Verhaltensaspekt

(Mimik, Gestik, Handlungstendenzen) (vgl. Meyer et al., 2001, S. 24). ,,Gefühle" hingegen sind die

privaten und mentalen Erfahrungen von Emotionen, die nach innen gerichtet sind. Die subjektive

Wahrnehmung oder Interpretation von Ereignissen und die Fähigkeit zur Selbstreflexion werden

betont. ,,Stimmungen" sind im Gegensatz zu Emotionen eher mittel- und langfristige

Veränderungen. Es folgen keine Reaktionen auf unmittelbare oder spezifische Reize. Stimmungen

sind von geringerer Intensität, von längerer Dauer und sind nicht durch Objektgerichtetheit

bestimmt (vgl. Meyer et al., 2001, S. 24-26). ,,Instinkte" sind weitgehend festgelegte



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