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Jorge Louis Borges: Die Darstellung der gespaltenen Identität durch das Motiv des Doppelgängers

Untertitel: Erinnerungsprozess, Nicht-Identität oder metaphysische Doppelung?

Magisterarbeit, 2008, 94 Seiten
Autor: Christine Jochum
Fach: Romanistik - Lateinamerik. Sprache, Literatur, Landeskunde

Details

Institution/Hochschule: Universität Hamburg
Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2008
Seiten: 94
Note: 1,6
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V135952
ISBN (E-Book): 978-3-640-43477-0
ISBN (Buch): 978-3-640-43498-5

Zusammenfassung / Abstract

Zweifellos gilt der Argentinier Jorge Luis Borges (1899-1986) als einer der bekanntesten, wenn auch nicht gerade unumstrittensten Autoren und „postmodernen Denker“ unserer Zeit. Neben seiner umfangreichen Tätigkeit als Autor von Kurzgeschichten, Gedichten, Essays, Zitatsammlungen und Bücherkatalogen war er unter verschiedenen Pseudonymen in Zusammenarbeit mit seinem Freund Adolfo Bioy Casares Herausgeber von Leitfäden wie etwa der „Antología de la literatura fantástica“. Borges war Professor für englische Literatur an der Universidad de Buenos Aires, er leitete viele Jahre die Nationalbibliothek in Buenos Aires und eine Zeit lang auch die Aufsicht auf dem zentralen Geflügelmarkt der Stadt. Er beschäftigte sich umfassend mit der Weltliteratur und der Philosophie, etwa der Antike, skandinavischer Sagen, des fernen Ostens auch mit der Kabbala und dem Buddhismus. Borges übersetzte Werke von Virginia Woolf, Walt Whitman Franz Kafkas Verwandlung u.a. ins Spanische. In der Sekundärliteratur wird immer wieder auf die Universalität seinesWerks hingewiesen, da sich Borges an viele große Themen heran wagte, wobei er sich eher mit philosophischen Konzepten und der Wissenschaft und dem Medium der Literatur auseinander setzte als mit sozialpolitischem Zeitgeist. Nicht nur in der Gattungsvielfalt sondern auch thematisch weist sein Werk Pluralität auf. Insbesondere literaturtheoretische Konzepte wie Intertextualität, Sprachskepsis, Historie, Mythos und Erzählverfahren werden in seinen Erzählungen thematisiert und reflektiert. In dieser Vielfalt gibt es zudem zentrale immer wiederkehrende Motive und Themen, wie die Täuschung, die Erinnerung, die Bibliothek oder das Labyrinth. Borges greift diese miteinander verwobenen Themenkreise wiederkehrend auf, nahezu wie besessen, wobei ihm die Täuschung des Lesers sowie die Erkenntnis über die anzuzweifelnde Wahrnehmung von Realität von zentraler Bedeutung sind. In der Forschung wird seinem zeitlosen Werk deshalb neben der Universalität auch Homogenität in der Thematik zugesprochen.


Textauszug (computergeneriert)

Jorge Louis Borges

Die Darstellung der gespaltenen Identität durch

das Motiv des Doppelgängers - Erinnerungsprozess,

Nicht-Identität oder metaphysische Doppelung?

Wissenschaftliche Hausarbeit zur Erlangung des akademischen

Grades Magister Artium (M.A.) der Universität Hamburg

vorgelegt von

von Christine Jochum

Hamburg, Februar 2008


2

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

EINLEITUNG

4

Kapitel II

DAS DOPPELGÄNGERMOTIV

7

1. Realität und Ideal in der Romantik (Philosophie und Literatur)

9

1.1. ,,Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hofmann

12

1.2. Peter Schlemihl

14

2. Das Doppelgängermotiv in der modernen Literatur

16

3. Versuch einer psychologischen Deutung des

Doppelgängerphänomens

18

4. Spiegelung/Mise en abyme als erzählerisches Mittel der

Doppelungen

20

Kapitel III

EXKURS: KOMMUNIKATIONSTHEORETISCHE

VORAUSSETZUNGEN

25

1. Die Doppelstruktur der Sprachlichkeit

25

2. Von der Informationstheorie zur semantischen Dimension des

,,Kommunikats"

26

3. Folgerungen

30

Kapitel IV

METHODIK: KONZEPT DER ISOTOPIENBILDUNG

32

Kapitel V

DIE ,,KRISE DES SUBJEKTS" UND DIE FOLGEN

36

1. Krise des Subjekts aus systemtheoretischer Sicht (Luhmann)

36

2. Postmoderne Theorie des Subjekts: Identität und Nicht-Identität

39

Kapitel VI

RAUM, ZEIT, SPRACHE UND MOTIVE BEI BORGES

45

1. Zeit und Raum in Borges` Werk

46

2. Der Spiegel bei Borges

48

3. Die Sprache bei Borges

50

4. ,,Memoria" ­ Erinnerung als Darstellungsperspektive

51

5. Weitere Motive bei Borges

53

5.1. Die Bibliothek

53

5.2. Das Labyrinth

54

Kapitel VII

ANALYSEN VON FÜNF KURZGESCHICHTEN

55

1. ,,El jardin de senderos que se bifurcan" ­ Der Doppelgänger als

Enthüller

55


3

2. ,,Los teólogos" ­ Der Doppelgänger als Rivale und deren

(Wieder-)Vereinigung im Geiste Gottes

60

3. ,,Las ruinas circulares" ­ Die unendliche Doppelung

66

4. ,,El Sur" ­ Die Isotopie der Unsicherheit

70

5. ,,Borges y Yo" ­ Der Doppelaspekt des Autors

76

Kapitel VIII

CONCLUSIO: JORGE LUIS BORGES ALS VORREITER DER

POSTMODERNE

80

LITERATURVERZEICHNIS

88


4

Kapitel I

Einleitung

,,Dios ha creado las noches que se arman

de suenos y las formas del espejo

Para que el hombre sienta que es reflejo y vanidad.

Por eso nos alarman."

Jorge Louis Borges

(Aus ,,Los espejos" in dem Gedichtband ,,El Hacedor" von 1960)

Zweifellos gilt der Argentinier Jorge Luis Borges (1899-1986) als einer der bekanntesten,

wenn auch nicht gerade unumstrittensten Autoren und ,,postmodernen Denker" unserer Zeit.

Neben seiner umfangreichen Tätigkeit als Autor von Kurzgeschichten, Gedichten, Essays,

Zitatsammlungen und Bücherkatalogen war er unter verschiedenen Pseudonymen in Zusam-

menarbeit mit seinem Freund Adolfo Bioy Casares Herausgeber von Leitfäden wie etwa der

,,Antología de la literatura fantástica". Borges war Professor für englische Literatur an der

Universidad de Buenos Aires,

er leitete viele Jahre die Nationalbibliothek in Buenos Aires und

eine Zeit lang auch die Aufsicht auf dem zentralen Geflügelmarkt der Stadt. Er beschäftigte

sich umfassend mit der Weltliteratur und der Philosophie, etwa der Antike, skandinavischer

Sagen, des fernen Ostens auch mit der Kabbala und dem Buddhismus. Borges übersetzte

Werke von Virginia Woolf, Walt Whitman Franz Kafkas Verwandlung u.a. ins Spanische. In

der Sekundärliteratur wird immer wieder auf die Universalität seines Werks hingewiesen, da

sich Borges an viele große Themen heran wagte, wobei er sich eher mit philosophischen Kon-

zepten und der Wissenschaft und dem Medium der Literatur auseinander setzte als mit sozial-

politischem Zeitgeist. Nicht nur in der Gattungsvielfalt sondern auch thematisch weist sein

Werk Pluralität auf. Insbesondere literaturtheoretische Konzepte wie Intertextualität,

Sprachskepsis, Historie, Mythos und Erzählverfahren werden in seinen Erzählungen thema-

tisiert und reflektiert. In dieser Vielfalt gibt es zudem zentrale immer wiederkehrende Motive

und Themen, wie die Täuschung, die Erinnerung, die Bibliothek oder das Labyrinth. Borges

greift diese miteinander verwobenen Themenkreise wiederkehrend auf, nahezu wie besessen,

wobei ihm die Täuschung des Lesers sowie die Erkenntnis über die anzuzweifelnde Wahrneh-

mung von Realität von zentraler Bedeutung sind. In der Forschung wird seinem zeitlosen

Werk deshalb neben der Universalität auch Homogenität in der Thematik zugesprochen.


5

,,Ahora, en cuanto a lo de inventar historias, quizá haya pocos argumentos. Cada época

vuelve a contar los mismos argumentos, con un ligero matiz, que es precioso, sin duda. Quiza

estemos condenados arepetir los mismos versos pero con variaciones preciosas, a contar las

mismas fábulas con pequeñas variaciones que son asimismo preciosas, pero ése es nuestro

deber.

" (Abgedruckt in: Literatura Fantástica (1985). Madrid. S.18).

Die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Borges Werken konzentriert sich

schon zu Beginn der Rezeptionsgeschichte stark auf erzähltechnische Verfahren des Autors

und betont immer wieder deren hohen Anspruch und außergewöhnliche Ausführung. Diverse

strukturalistische Untersuchungen zur Narrativik, zu kabbalistischen, psychoanalytischen

oder theologischen Methoden, die Untersuchungen zur Symbolik in seinem Werk etc. füllen

die umfangreiche Sekundärliteratur.

Dass die erzähltechnischen Aspekte ins Zentrum der wissenschaftlichen Diskussion rück-

ten, ist nicht zuletzt auf die Aktivitäten des Autors selbst zurückzuführen. Borges beschäftigt

sich, auf einer wissenschaftlichen Basis, fast ebenso ausgiebig, mit den theoretischen Belan-

gen des Schreibens und der Funktion der Literatur, wobei er in außergewöhnlich erscheinen-

dem Maße sein eigenes Werk reflektiert.

Im Rahmen dieser Arbeit kann nur eine Auswahl relevanter Sekundärliteratur zitiert

werden, um exemplarisch den Standpunkt der Literaturwissenschaft zum Werk Borges in

Bezug auf das Thema der Doppelung aufzuzeigen.

Das Motiv des Doppelgängers oder der Doppelung bzw. weiter gefasst das Motiv des

,,Anderen" wird in vielen seiner Erzählungen in unterschiedlicher Weise thematisiert. Als

Untersuchungsgegenstand bietet es sich an, die Verwendung dieses Motivs in Verbindung mit

postmodernen literatur- bzw. kulturtheoretischen Konzepten zu stellen, da Borges eben

solche auch thematisiert und sich in seinen Erzählungen kritisch damit auseinander setzt.

Sowohl bei Borges als auch bei Jacques Derrida findet man den Gedanken, dass es nie

dieselbe Wiederholung einer Bedeutung geben kann, es also nie möglich sein kann noch

einmal das Gleiche abzubilden. Erinnerung, Rolle des Autors, Brechung der Ebenen der

Erzählinstanzen und Distanzierung zu Erzählverfahren im Allgemeinen charakterisieren

Borges Erzählungen und drücken seine tiefe Skepsis gegenüber der Erfassbarkeit und Wahr-


6

nehmung von Wirklichkeit und folglich auch gegenüber der Sprache selbst aus. Dieser

Gedanke des Nicht-Abbildbaren gehört, verallgemeinert gesagt, zu den Grundüberlegungen

der postmodernen Zeit und hier soll nun untersucht werden ob das Motiv des Doppelgängers

im Zusammenhang mit dieser Problematik gesehen werden kann.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist, anhand der Analyse von fünf Kurzgeschichten das

Motiv des Doppelgängers zu untersuchen und herauszufinden, ob dieses Motiv für postmo-

dernes Denken in Bezug auf die Konstruktion einer Vorstellung von Subjekt und Identität

zentral ist und darzustellen, ob und inwieweit Borges darauf Bezug nimmt. Dabei wird

Borges´ eigene ,,Literaturphilosophie" näher eingegrenzt.

Die Arbeit beginnt mit einem theoretischen Teil, in dem zunächst der Entstehungshinter-

grund des Motivs des Doppelgängers in der Literatur erläutert und verglichen werden soll. Es

sollen Bezüge hergestellt werden zu den Gedanken einzelner Vertreter poststrukturalistischer

Strömungen zum Thema Subjekt und Identität. Dabei wird die Forschungskontroverse über

das Subjekt diskutiert.

Der praktische Teil der Arbeit verwendet die erarbeiteten theoretischen Grundlagen für

eine Auswahl von Kurzgeschichten und deren Deutung an. Die ausgewählten Kurzerzählun-

gen repräsentieren unterschiedlichste Arten der Doppelung bzw. des Doppelgängermotivs.

So sollen die verschiedenen Darstellungen des Doppelgängermotivs bzw. des Phänomens der

Doppelung nebeneinander aufgezeigt und in ihrer Struktur und ihrem semantischen Aufbau

verglichen werden, soweit es Überschneidungen gibt. Dabei wird versucht, den Zusammen-

hang zwischen Motiv und metaphysischen Überlegungen, die in den Erzählungen zum Aus-

druck kommen, zu klären. Die einzelnen Texte werden auf die für das Motiv maßgeblichen

semantischen Elemente und Strukturen hin analysiert. Das Prinzip der

Mise en abyme

soll

hier auf die Motivanalyse der Erzähltexte übertragen werden und strukturgebend sein.

Zudem wird versucht verschiedene Isotopien zu den jeweiligen Doppelungsarten zu erstellen.

Das Konzept der Isotopiebildung eignet sich besonders für die Analyse eines Motivs, weil es

thematische Felder minutiös auflöst bzw. zusammensetzt und so eine Vergleichsbasis eines

Motivs, das unterschiedlich zur Geltung kommt, schaffen kann.


7

Kapitel II

Das Doppelgängermotiv

Die Thematik der Doppelung und des Doppelgängers scheint die Menschen seit jeher als

literarisches Motiv in seinen Bann zu ziehen und taucht in der Geschichte unserer Mythologie

immer wieder auf. Sowohl in der okzidentalen als auch in der abendländischen Kultur bot das

Motiv der Doppelung Stoff für Verwechslungskomödien, man denke beispielsweise an Plau-

tus` Komödie ,,Menaechmi" aus dem 2. Jahrhundert vor Chr., an der sich Shakespeares

Komödie der Irrungen anlehnt und in der Shakespeare das Zwillingsthema von Plautus ver-

doppelt (Fichtner, 1999, S.3). Das Motiv der Doppelung verfügt über einen hohen Symbolge-

halt und lässt sich, in seiner einfachen Form der Verdoppelung oder Zweiteilung, leicht veran-

schaulichen, etwa als Darstellung dualistischer Gegensätze wie Gut und Böse. Der

hinduistische Pantheon beschreibt diese Dualität als bestehenden Charakter unserer Welt in

seinen Götterfiguren und ihren Avataren, also den jeweils möglichen Erscheinungsformen

der Götter, die diese Gegensätze vereinen, wie etwa die in der vielgesichtigen Gottheit Shiva,

welche die Welt erschaffen und zugleich zerstören kann. In der Romantik taucht das Motiv

des Doppelgängers besonders häufig auf. In der Science Fiction findet man das Motiv vielfach

in der Idee des Klons repräsentiert, der unheimlichen exakt identischen Vervielfältigung einer

Person (Fichtner, 1999, S.5). Hierin kann man den Wunsch nach Unsterblichkeit erkennen

aber auch die Auslöschung von Individualität. Die Doppelung scheint unheimlich zu sein,

vielleicht weil durch sie die Austauschbarkeit einer Person möglich ist, die für den Einzelnen

einer Auslöschung gleich kommt, ähnlich wie durch den Tod, der die eigene Existenz in der

abendländischen Kultur vernichtet.

Ein weiteres stereotypes Motiv des Doppelgängers sieht Schwarcz in Franz Kafkas "Pro-

zess", der in den beiden vollkommen identisch erscheinenden Dienern der Macht, die am

Ende des Romans K.′s Henker sein werden. Sie repräsentieren es in ihrer Anonymität oder

Identitäslosigkeit, sie sind aller individuellen Züge beraubt, eine Form von Öffentlichkeit von

"Ausführenden", die ersetzbar und multiplizierbar wären (Schwarcz, 1999, S. 8).

Wenn man von Doppelung oder dem Phänomen des Doppelgängers in der Literatur

spricht, steht man also vor der Herausforderung, eine Vielzahl von Doppelungsarten unter-

scheiden zu müssen. Betrachtet man das Phänomen der Faszination des Motivs der Doppe-


8

lung in der Moderne, so trifft man auf ganz andere Denkkonzepte als z. B. noch in der griechi-

schen Mythologie. In dieser Arbeit soll nun vorgestellt werden, welche Arten der Doppelung

existieren, es werden darüber hinaus einige bestimmte Motive genauer betrachtet, die dann

auch für die Erzählungen von Borges relevant sein können. Als erzähltechnisches Verfahren,

wie etwa durch Formen der

Mise en abyme

oder als spannungserzeugendes Element durch

Täuschung u.Ä. wird uns das Motiv des Doppelgängers bei Borges öfter begegnen. Die Litera-

tur zu diesem Motiv ist sehr umfangreich: Es gibt Untersuchungen zu dem Phänomen aus der

Psychoanalyse oder der Psychologie, wie die bekannten Abhandlungen von Freud oder Lacan,

und andere wissenschaftliche Untersuchungen von Jean Paul, Derderer, die hier allerdings

nicht alle hinzugezogen werden können.

Der Begriff des Doppelgängers bekam vor allem in der deutschen Romantik größere

Bedeutung; er wurde von Jean-Paul Richter 1776 eingeführt. Man kann zwischen dem "psy-

chologischen Double", das die Beziehung des Selbst beschreibt, und dem "Fantastischen

Double", welches als Wahrnehmung einer Anomalie in der Ordnung der Dinge verstanden

werden kann, unterscheiden (Jourde, Tortonaise, 1996, S.3). Allerdings wird in dieser Arbeit

nicht genauer untersucht, inwieweit das Motiv charakteristisch für die Phantastik sein kann,

sondern es wird versucht, das Motiv gelöst von Genre zu durchleuchten.

Bei dem Motiv des Doppelgängers geht es oft um den Dualismus von Gut-Böse, Engel-

Teufel, Körper-Seele usw. "Der Dualismus ist eine Erzählstruktur die diesen dämonischen

Dualismus gut ausdrückt." (Fichtner, 1999, S.6). Es kann sich um die Verschmelzung zweier

Pole oder aber auch um die Entzweiung einer Einheit, z.B. einer Identität handeln.

Eine weitere Manifestation des Motivs des Doppelgängers, ist die Identitätsproblematik,

die in der Literatur der Gegenwart eine große Rolle spielt.

In der Identitätsproblematik geht es um eine existenzielle Infragestellung des Ich-Begriffs

(Fichtner 1999, S.8). Doch dazu später mehr.

Als Vorlauf zu einer engeren Untersuchung des Doppelgänger-Phänomens in der Litera-

tur gilt es jedoch zunächst, die enge Verwandtschaft des Doppelgänger-Motivs mit anderen

Motiven, die als ,,Nachtseiten" der Seele bzw. der individuellen Persönlichkeit des Subjekts

zusammengefasst werden können, zu beschreiben. Da, wie schon erwähnt, diese Motive


9

zuerst geballt in der Romantik auftraten, werden zunächst in einem Exkurs die wichtigsten

literarischen Motive der Romantik behandelt, und zwar am Beispiel E.T.A. Hofmanns und der

Erzählung von ,,Peter Schlemihls wundersame Geschichte".

1. Realität und Ideal in der Romantik (Philosophie und Literatur)

Die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, kann als die Zeitspanne angesehen werden, in

der sich der philosophische und literarische ,,Paradigmenwechsel" von der

Neoklassik zur

Romantik

vollzog (Bonarius 1950, S. 19 ff.). Die Romantik kann als der ,,Überwinder" der

Aufklärung

angesehen werden, wobei Romantik und Aufklärung/Neoklassik jedoch nicht als

starre Gegensätze zu begreifen sind, sondern als zwei Geistesströmungen, wo die Eine gleich-

sam die

,,blinden Flecken"

der Anderen beleuchtet und umgekehrt. Die Romantik setzte sich

mit dem

Rationalismus

von Aufklärung und Neoklassik auseinander, wobei speziell der Dich-

ter Keats sich sehr ausführlich mit dem Gedankengut der Aufklärung befasste, und so die Vor-

aussetzungen für die Befreiung des romantischen Geistes schaffte. (ebd., S. 20).

Aufklärung und Romantik kann man allerdings nicht einfach nur gegenüberstellen. Zwi-

schen Neoklassik/Aufklärung und Romantik besteht nicht ein starrer Gegensatz, sondern

eine

dialektische Spannung,

wo geistesgeschichtliche Strömungen die

Einheit der Widersprü-

che

widerspiegeln und durch welche das ,,Ich" und die Problematik der Identität ins Zentrum

der Kunst und Literatur rückt (Watkins, 1989, S. 188 ff.).

Romantische Literatur wurde zu einer Zeit geschrieben, als die ,,Nachwehen" der Franzö-

sischen Revolution in Form der Napoleonischen Kriege Europa erschütterten. Zwischen 1810

und 1820 erschien das Napoleonische Regime als die einzige ,,aufgeklärte" Alternative zu den

restaurativ-feudalistischen Mächten des alten Europa, die der französischen Revolutionsar-

mee allerdings entschiedenen Widerstand entgegen setzten (Lukács, 1977, S. 38 f.). Die Nie-

derlage Napoleons bei Waterloo erzeugte eine Periode von Unsicherheit. Es schien, als ob

Europa in als längst überholt geglaubte Zeiten zurückfallen würde, in eine extrem konserva-

tive und reaktionäre, potenziell unterdrückerische und gewalttätige politische Situation.

Speziell die Periode zwischen 1815 und 1820, war ein äußerst kritischer historischer

Moment, da soziale Umwälzungen, in England und anderen Teilen Europas, in die unter-

schiedlichsten Richtungen sich hätten entwickeln können. Gleichwohl war ­ in der histori-



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