Subtitle: Literatur als Werbeträger
Essay, 2009, 11 Pages
Author: Jessica Schweke
Subject: German Studies - Miscellaneous
Details
Institution/College: University of Duisburg-Essen (Germanistik: Literatur und Medienpraxis)
Year: 2009
Pages: 11
Grade: 2,7
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-44024-5
ISBN (Book): 978-3-640-44019-1
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Abstract
Jährlich werden über 50.000 Novitäten aus sämtlichen Sachgebieten produziert. Selbstverlage und Buchneuerscheinungen auf Nachfrage boomen. Für den Verbraucher ist es daher oft gar nicht einfach den Überblick zu behalten. Gleichzeitig ist es unmöglich eine Vielzahl dieser Neuerscheinungen und Erstauflagen tatsächlich zu lesen, selbst wenn er systematisch nur ein Genre lesen sollte. Wie wird das Kaufverhalten im Literaturbetrieb überhaupt beeinflusst? Hat das Aussehen eines Buches etwas mit dem Kaufanreiz und vielleicht sogar mit der Interpretation der Geschichte zu tun? Gérard Genettes Konzept des Paratextes besagt, dass ein literarisches Werk erst aus dem Zusammenspiel seiner innerliterarischen Merkmale und den außerliterarischen Ergänzungen, dem Peritext und dem Epitext, entsteht. Der Paratext ist ein Kommentar zum eigentlichen Haupttext und ergänzt ihn so, dass die zugefügten Informationen die Lektüre beeinflussen können. Nur als Gesamtheit mit dem Peri- und dem Epitext wird aus dem reinen Basistext ein literarisches Werk, welches sich der Öffentlichkeit auch als solches präsentiert. Zu den peritextuellen Merkmalen zählt er unter anderem den Buchtitel, den Namen des Autors auf dem Umschlag, die Umschlaggestaltung, das Vorwort, den Klappentext, Illustrationen und Ähnliches. Also alles, was in der Ausgabe selbst Rückschlüsse auf den Inhalt zulässt und zum Lesevergnügen und Interpretationsansätzen beiträgt.
Excerpt (computer-generated)
Vom Wort zum Bild Wie Literatur zum Weberträger wird
Jährlich werden über 50.000 Novitäten aus sämtlichen Sachgebieten produziert.1
Selbstverlage und Buchneuerscheinungen auf Nachfrage boomen. Für den Verbraucher ist es
daher oft gar nicht einfach den Überblick zu behalten. Gleichzeitig ist es unmöglich eine
Vielzahl dieser Neuerscheinungen und Erstauflagen tatsächlich zu lesen, selbst wenn er
systematisch nur ein Genre lesen sollte. Wie wird das Kaufverhalten im Literaturbetrieb
überhaupt beeinflusst? Hat das Aussehen eines Buches etwas mit dem Kaufanreiz und
vielleicht sogar mit der Interpretation der Geschichte zu tun?
Gérard Genettes Konzept des Paratextes besagt, dass ein literarisches Werk erst aus dem
Zusammenspiel seiner innerliterarischen Merkmale und den außerliterarischen Ergänzungen,
dem Peritext und dem Epitext, entsteht. Der Paratext ist ein Kommentar zum eigentlichen
Haupttext und ergänzt ihn so, dass die zugefügten Informationen die Lektüre beeinflussen
können. Nur als Gesamtheit mit dem Peri- und dem Epitext wird aus dem reinen Basistext ein
literarisches Werk, welches sich der Öffentlichkeit auch als solches präsentiert. Zu den
peritextuellen Merkmalen zählt er unter anderem den Buchtitel, den Namen des Autors auf
dem Umschlag, die Umschlaggestaltung, das Vorwort, den Klappentext, Illustrationen und
Ähnliches. Also alles, was in der Ausgabe selbst Rückschlüsse auf den Inhalt zulässt und zum
Lesevergnügen und Interpretationsansätzen beiträgt.
Der Peritext
Die peritextuellen Merkmale haben sich in den letzten Jahren ständig verändert und
erweitert, so dass Bücher heute gänzlich anders aussehen als die Bücher vor 40 oder 50
Jahren. Heutzutage werden Medien anders konsumiert als damals. Die kontinuierliche
Entwicklung von neuen Medien und deren Nutzung tragen folglich auch zu einer veränderten
Verwendung von Literatur bei, als dies noch vor einem halben Jahrhundert der Fall war.
In unserer heutigen reizüberfluteten Welt scheint der Mensch eher als passiver
Eindrucksempfänger abgestempelt zu sein, als dass er bewusst entscheiden kann, welchen
Reiz vor allem welchen optischen Reiz er aufnimmt, welchen er isoliert oder welchen er
gar ignoriert. Denn in einer Welt, in der das Fernsehen dominiert und der Mensch täglich
bewegte und bunte Bildern aufnimmt, bekommt der visuelle Reiz einen vollkommen neuen
Stellenwert. Bilder werden nun einmal schneller vom Gehirn verarbeitet als bloßer Text. Nach
Martin Blatter-Constantin und Bernard Gantner sind ,,Bilder [...] wie schnelle Schüsse ins
1 Vg. Schütz, Erhard (2005):
Das BuchMarktBuch
.
Der Literaturbetrieb in Grundbegriffen
. Reinbek: Rowohlt
Taschenbuch Verlag (= rororo), S. 66.
Gehirn"2 Die gedankliche Anstrengung bei der Verarbeitung von Bildern ist wesentlich
geringer als die bei der Verarbeitung von Textkombinationen und deshalb so viel effektiver in
der Werbung. Diese psychologischen und neuromedizinischen Erkenntnisse machen sich
Werbemacher nur zu gern zunutze. Buchstaben, Worte und Texte existieren oft nur noch als
visuelles Phänomen, der Inhalt gerät in den Hintergrund. Der Sinn hinter den Worten ist zwar
bedeutend, wirkt aber nur zweitrangig. Um ein Produkt zu verkaufen, ist in erster Linier ein
einprägsamer Slogan wichtig. Anglizismen und Wortspiele sind heute ein wichtiger
Bestandteil einer Verkaufstaktik. Der Slogan muss gut klingen, ein rundes Bild abliefern. Der
Klang muss darüber hinaus eine Wirkung erzielen, assoziative Bilder ins Gedächtnis des
Betrachters rufen oder diese Bilder erschaffen. Denn Bilder werden nicht nur mit weniger
kognitiver Anstrengung verarbeitet, sondern auch schneller und mit weniger gedanklicher
Kraft gespeichert und später erinnert.3 Dass solche Slogans meist grammatikalisch inkorrekt
sind, sich so sehr an der englischsprachigen Vorlage orientieren, dass sie ,keinen Sinn
machen′ (vom englischen ,to make no sense′ abgeleitet) oder aber auch vom Deutschen ins
Englische übersetzt keinerlei Nutzen erfüllen als beliebtes Beispiel dient immer wieder das
Motto der Parfümerie-Kette Douglas ,,Come in and find out", das im Volksmund gern als
,,Komm′ rein und find wieder raus" übersetzt wird und somit offensichtlich seinen Anreiz
verfehlt fällt dem Otto-Normal-Verbraucher selten auf. Kurz: das Wort erfüllt in der
Werbung heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Der Werbespruch muss nicht besonders
poetisch oder gar grammatisch einwandfrei formuliert sein. Er muss vor allem durch seine
Wirkung bestechen und auffallen.
Dieser Wandel in den Gepflogenheiten des Werbens macht auch vor der Literatur als
Medium keinen Halt. Denn auch ein Buch sollte auf den potentiellen Käufer sofort
ansprechend wirken, damit er sich zu einem Kauf entscheidet. Literatur wird zum
Werbeträger. Sie muss sich durchsetzen gegen die neueren Medien, die vor Farbe, Bewegung
und Dynamik nur so strotzen. Was her muss, ist wenn man den Marketingbeauftragten der
Verlage Glauben schenken darf eine gedruckte Antwort auf das Fernsehen.4 Der visuelle
Eindruck ist essentiell. ,,Die Bücher von 2003 sehen gegenüber denen von 1963 nicht mehr
aus wie Bücher manche bestehen, statt bloß äußerlich Werbeträger zu sein, durch und durch
2 Martin Blatter-Constantin und Bernard Gantner (2002):
Marketing und Verkauf Das Handbuch
.
Oberentfelden, Schweiz: Sauerländer Aarau, S. 62.
3 Vg. ebd.
4 Vg. Bucher, Hans-Jürgen/ Straßner, Erich (1991):
Mediensprache, Medienkommunikation, Medienkritik
.
Tübingen: Narr, S. 150. Abgeleitet von der Zielsetzung des Axels Springer Verlags, mit der Bild-Zeitung auf die
Anforderungen des optischen Zeitalters zu reagieren und so eine größere Leserschaft zu erreichen.
2
aus Reklame."5 Die peritextuellen Eigenschaften, die nach Genette die Rezeption lenken,
werden ausschlaggebend für den Bücherkauf. Der Leser kann so unter Umständen schon vor
Beginn des Leseprozesses einen Interpretationsversuch der Lektüre starten. Nach der
Rezeptionstheorie Wolfgang Isers, kann der Leser aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen
mit gleichartigen Texten, seinem Erfahrungshorizont wie auch ausgehend von der Illustration,
eine Erwartungshaltung an den literarischen Text stellen. Während der Lektüre beginnt er
dann die entstehenden Leer- und Unbestimmtheitsstellen mit seinen Interpretationen und
Erfahrungen zu füllen, so dass ein für ihn logischer Text entsteht. Gewiss werden diese
Erwartungen während des Lesens entweder bestätigt oder aber auch nicht erfüllt, sodass der
Leser weiterhin neu aufkeimende Leerstellen zu füllen und zu konkretisieren hat. So kann es
sich im Laufe der Lektüre kann ergeben, dass allein die Umschlagsgestaltung den
Interpretationsprozess beeinflusst hat; dass die Abbildung an sich allerdings keine große
inhaltliche Rolle gespielt hat. Die Umschlagsgestaltung wirkt sich also als Peritext auf den
Leseverlauf aus und trägt zu Interpretationsversuchen bei.6 Die Peritexte führen zur Bildung
eines Bewertungsmaßstabs, an dem das Werk gemessen wird. Während der Leser andere
peritextuelle Elemente, wie zum Beispiel Vor- und Nachworte oder Anmerkungen in
derselben Ausgabe nicht unbedingt lesen muss, und sich dieser Verzicht unter Umständen
auch wieder auf die Interpretationsleistung auswirken kann, hat er kaum eine andere Wahl, als
beim Bücherkauf auf die Optik zu achten. Der besondere Anspruch an die Werbetreibenden
ist also, die Qualität des Inhalts in gewisser Weise durch die visuellen Mittel auszudrücken.
Noch vor wenigen Jahrzehnten war eine Konzentration auf das Wort deutlich sichtbar.
Zwar ähnelten sich viele Bücher optisch: Die Schriftart des Titels auf Einband und
Buchrücken glichen sich oft. Die Illustrationen auf dem Umschlag hatten einen inhaltlichen
Bezug, ähnelten aber auch in diesem Punkt oft den zeitgenössischen Neuerscheinungen und
Konkurrenten. Unmittelbar im Blickfeld standen Name des Autors und der Titel des Werkes;
für den Leser war sofort ersichtlich, dass es sich hier um Lesestoff handelt.
Heute dienen viele Bücher schon fast als Einrichtungsgegenstände. Einzelne Motive und
Schriftarten wiederholen sich in der Umschlaggestaltung von Büchern desselben Autors oder
derselben Reihe. Die Farbgebung der Buchrücken lässt unter Umständen einen Regenbogen
entstehen, der sich im heimischen Bücherregal nur zu gut der Tapetenfarbe unterordnet. So
reagieren zum Beispiel verschiedene Zeitschriften- und Zeitungsverlage mit Sondereditionen
für Kinder und präsentieren Klassiker der Weltliteratur, deren Buchrücken sich farblich
5 Michael Rutschky (2003): ,,Glück und Heimweh". In: taz Kultur, 11.12.2003, S. 17.
6 Zum Leseprozess siehe auch: Iser, Wolfgang (2000): ,,The reading process: a phenomenological approach". In:
David Lodge (Hrsg.):
Modern Criticism and Theory
.
A Reader
. Harlow: Pearson Education Ltd., S. 188-205.
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