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Examination Thesis, 2008, 80 Pages
Author: Thomas Dassler
Subject: History - Middle Ages, Early Modern
Details
Tags: Friedrich, Barbarossa, Heinrich der Löwe, Heinrich, Symbolik, Symbolische Handlungen, Mittelalter, Kommunikation, Privilegium Minus, Ritual, Otto von Freising, Otto von St. Blasien, 1156, 1176, Kniefall von Chiavenna, Gislebert von Mons, Die Marbacher Annalen, Die Annalen von Bremen und Stade, Burchard von Ursberg, Arnold von Lübeck, Staufer, Welfen, Friedensstiftung, Salier, Öffentlichkeit, Mainzer Pfingstfest 1184, Karl der Große, Koblenzer Frieden, Ludwig der Deutsche
Year: 2008
Pages: 80
Grade: 2,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-43822-8
ISBN (Book): 978-3-640-43845-7
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Abstract
Die mittelalterliche Gesellschaftsordnung ist mit der heutigen modernen Gesellschaft nicht zu vergleichen. Das damalige Herrschaftssystem war nicht durch Grundpfeiler wie Gesetzgebung, Verfassung und gemeinsame Institutionen gefestigt. Daher bedurfte es anderer vertrauensbildender Maßnahmen, um das Vertrauen zwischen den weltlichen und geistlichen Führern zu stärken und die eigene Machtposition gegenüber einer mittelalterlichen Öffentlichkeit zu statuieren. Aber wie konnte das gelingen? Zu Beginn soll eine terminologische Einordnung von Grundbegriffen durchgeführt werden. Es erscheint für die Betrachtung der Quellen als unbedingt notwendig, Begriffe wie Ritual und Inszenierung klar definieren zu können. Darüberhinaus hat sich die Arbeit das Ziel gesetzt, die Thematik der mittelalterlichen Öffentlichkeit zu untersuchen. Hierbei soll gezeigt werden, wer die entsprechende Öffentlichkeit war und ob wir bei der Analyse der Quellentexte Unterscheidungsmöglichkeiten der mittelalterlichen Öffentlichkeit für 1156 und 1176 erarbeiten können. Die Erkenntnisse der theoretischen Erarbeitung sollen dann anhand von konkreten Quellentexten nachvollzogen werden. Funktion und Quellenwert mittelalterlicher Historiographie und die Bedeutung symbolischer Kommunikation stehen in engem Zusammenhang. Für die beiden Zusammentreffen in Regensburg und Chiavenna wurden Quellen ausgewählt, die eine Suche nach symbolischen Handlungen ermöglichen. Dafür ist ein Verständnis ritueller Verhaltensmuster und ihrer Funktion in der öffentlichen Kommunikation im Zusammenhang mit der Macht unabdingbar. Hauptuntersuchungsgegenstand soll also die Interaktionen in den mittelalterlichen Führungsschichten, hier konkret die zwischen Friedrich und Heinrich, sein. Durch die theoretische Betrachtung soll deutlich werden, ob man von einem einheitlichen Regelwerk sprechen kann. Falls ja, stellt sich die Frage, ob dieses allgemein verständlich war oder einen Interpretation nur von Eingeweihten möglich gewesen ist. Die Betrachtung der Quellen und die Einordnung symbolischer Akte sollen am Ende eine Deutung von Entwicklungsphasen möglich machen. Hier gilt es zu untersuchen, ob wir von einem Höhepunkt oder einem Endpunkt einer Entwicklung sprechen können. Eine Übertragung der Untersuchungsergebnisse in die Gegenwart soll offen gebliebene Fragen aufzeigen, jedoch auch gleichzeitig motivieren weiterhin historiographische Texte aufzuarbeiten und auch vor einer Neubewertung nicht zurückzuschrecken.
Excerpt (computer-generated)
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Historisches Institut
Examensarbeit
Friedrich Barbarossa und Heinrich der Löwe die Rolle symbolischer
Handlungen 1156 und 1176
Thomas Daßler
Lehramt Regelschule Geschichte / Ethik
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
2
2.
Kommunikation
im
Mittelalter 4
2.1
Vorbetrachtungen
4
2.2
Rituale als wichtigste Form der mittelalterlichen Kommunikation 9
2.2.1
Eine
detailierte
Betrachtung
9
2.2.2
Formen
von
Ritualen
14
2.2.3 Der Einsatz der Rituale im Mittelalter
21
3.
Symbolische Handlungen 1156 und 1176
24
3.1
1156 Die Lösung der bayerischen Frage
oder das
Privilegium
Minus
25
3.1.1
Ereignisgeschichtliche
Einbettung
26
3.1.2
Quellenbetrachtung
33
3.1.2.1
Otto
von
Freising
33
3.1.2.2
Das
Privilegium Minus
37
3.1.2.3
Otto
von
St.
Blasien
41
3.1.3
Symbolische
Handlungen
1156
42
3.1.4
Überlegungen
zur
Faktizität
47
3.2
1176 Der (angebliche) Kniefall von Chiavenna
48
3.2.1
Ereignisgeschichtliche
Einbettung
48
3.2.2
Quellenbetrachtung
50
3.2.2.1
Gislebert
von
Mons
51
3.2.2.2
Otto
von
St.
Blasien
52
3.2.2.3
Die
Marbacher
Annalen
54
3.2.2.4 Die Annalen von Bremen und Stade
55
3.2.2.5
Burchard
von
Ursberg 56
3.2.2.6
Arnold
von
Lübeck
58
3.2.3
Symbolische
Handlungen
1176
64
3.2.4
Überlegungen
zur
Faktizität
66
3.3
Symbolische Handlungen als Zeichen möglicher
Entwicklungsphasen
68
4.
Fazit
71
5.
Quellen-
und
Literaturverzeichnis
74
1
1. Einleitung
Die mittelalterliche Gesellschaftsordnung ist mit der heutigen modernen Gesellschaft
nicht zu vergleichen. Das damalige Herrschaftssystem war nicht durch Grundpfeiler
wie Gesetzgebung, Verfassung und gemeinsame Institutionen gefestigt. Daher
bedurfte es anderer vertrauensbildender Maßnahmen, um das Vertrauen zwischen
den weltlichen und geistlichen Führern zu stärken und die eigene Machtposition
gegenüber einer mittelalterlichen Öffentlichkeit zu statuieren. Aber wie konnte das
gelingen? Man konnte sich ja keiner moderner Techniken bedienen, um einen
Großteil der Bevölkerung zu informieren. In einer Zeit, in welcher der Großteil der
Menschen weder lesen noch schreiben konnte, bedurfte es also anderer Wege, das
bestehende Herrschaftsgefüge fortlaufend zu etablieren. Durch regelmäßige Treffen
auf Hoftagen und Hoffesten wurde ein auf Rang und Ehre basierendes Vertrauens-
und Respektsverhältnis aufgebaut und erhalten.1 Neben der Herrschaftssicherung
kam es auch zu möglichen Entscheidungsfindungen und Konfliktlösungen.2 Hoftage
waren demnach sehr wichtige Ereignisse, an denen auch viele nichtadlige Menschen
teilnahmen. Im 12. Jahrhundert nahmen die Fürsten im Reich die höchste politische
Position ein.3 Daher versammelten sie sich und betrieben eine geheimnisvolle Art der
öffentlichen Kommunikation.4 Quellen berichten von symbolischen Handlungen, die
auf den ersten Blick nicht immer eindeutig zu entschlüsseln sind.
Durch die Ausarbeitung soll es gelingen, symbolische Handlungen zu verstehen. In
diesem Zusammenhang ist es wichtig, theoretische Aspekte zu betrachten und in der
Bearbeitung von Quellen zu überprüfen. Als Themengrundlage sollen zwei
historische Größen dienen, Friedrich I.5 und Heinrich III.6, die in der geschichtlichen
Aufarbeitung der letzten Jahrhunderte meist als Gegner im Kampf zwischen Staufern
und Welfen betrachtet wurden. Historiographische Texte gelten hier als zentrale
Quellen, welche aber auch immer einer genaueren Einordnung bedurften. Das
erneute Aufgreifen dieser Thematik soll hier Großteils ausgespart werden. Es soll
1 Gerd ALTHOFF: Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde,
Darmstadt 1997. S.2
2 Ebd. S.157
3 Alfred HAVERKAMP: Zwölftes Jahrhundert 1125 1198 (Handbuch der deutschen Geschichte),
Bd.5, 1996. S.232
4 Man spricht in den Quellen auch von
colloquium, curia
oder
consilium.
5 genannt Barbarossa = der Beiname entstammte dem italienischen (barba der Bart; rossa die
rötliche Farbe)
6 auch bekannt als der Löwe = Grund war wohl seine besonderen Fähigkeiten im Kampfe.
2
sich vielmehr auf das kommunikative Miteinander der beiden konzentriert werden
und dabei die aktuelle Forschungslage mit einbezogen werden. Ausgangspunkt der
Betrachtung sollen zwei Jahreszahlen sein, welche von wichtigen Begegnungen
zwischen den beiden Vettern berichten. Auch wenn hier konkret zwei Ereignisse
betrachtet werden sollen, so sind diese Jahreszahlen nicht nur überflüssiger Ballast.7
Wir wollen ja nicht wie Georg Scheibelreiter das befürchtet hatte, zwei Zahlen
losgelöst vom historischen Geschehen behandeln. Es soll vielmehr das Ziel verfolgt
werden, die beiden Jahreszahlen
,,mit Ereignissen der mittelalterlichen Geschichte
[zu verbinden], welche für die historische Entwicklung Europas zweifellos von
großer Bedeutung waren"8
Somit kann es dann auch abschließend gelingen,
historische Entwicklungen aufzuzeigen. Vorteil für uns als rückblickende Historiker
ist, dass bestimmte Ereignisse in die gesamte Periode eingeordnet werden können
und ein Verständnis erleichtert wird.9 Damit werden auch Analysen, Wertungen und
Thesen möglich, die ein Zeitzeuge nicht hätte so entwickeln können. Die beiden
Jahreszahlen 1156 und 1176 sollen das Gerüst für die geschichtliche Betrachtung und
die Quellenanalyse bilden.10
Wie soll die Arbeitsstruktur aussehen?
Zu Beginn soll eine terminologische Einordnung von Grundbegriffen durchgeführt
werden. Es erscheint für die Betrachtung der Quellen als unbedingt notwendig,
Begriffe wie Ritual und Inszenierung klar definieren zu können. Darüberhinaus hat
sich die Arbeit das Ziel gesetzt, die Thematik der mittelalterlichen Öffentlichkeit zu
untersuchen. Hierbei soll gezeigt werden, wer die entsprechende Öffentlichkeit war
und ob wir bei der Analyse der Quellentexte Unterscheidungsmöglichkeiten der
mittelalterlichen Öffentlichkeit für 1156 und 1176 erarbeiten können.
Die Erkenntnisse der theoretischen Erarbeitung sollen dann anhand von konkreten
Quellentexten nachvollzogen werden. Funktion und Quellenwert mittelalterlicher
Historiographie und die Bedeutung symbolischer Kommunikation stehen in engem
Zusammenhang.11 Für die beiden Zusammentreffen in Regensburg und Chiavenna
wurden Quellen ausgewählt, die eine Suche nach symbolischen Handlungen
7 Georg SCHEIBELREITER: Vorwort, in: Georg SCHEIBELREITER (Hrsg.): Höhepunkte des Mittelalters,
Darmstadt 2004, S.7
8 Ebd, S.9
9 Ebd, S.9
10 Ebd, S.8
11 Gerd ALTHOFF: Inszenierte Herrschaft. Geschichtsschreibung und politisches Handeln im
Mittelalter, Darmstadt 2003.
3
ermöglichen. Dafür ist ein Verständnis ritueller Verhaltensmuster und ihrer Funktion
in der öffentlichen Kommunikation im Zusammenhang mit der Macht unabdingbar.12
Hauptuntersuchungsgegenstand soll also die Interaktionen in den mittelalterlichen
Führungsschichten, hier konkret die zwischen Friedrich und Heinrich, sein. Durch
die theoretische Betrachtung soll deutlich werden, ob man von einem einheitlichen
Regelwerk sprechen kann. Falls ja, stellt sich die Frage, ob dieses allgemein
verständlich war oder einen Interpretation nur von Eingeweihten möglich gewesen
ist. Die Betrachtung der Quellen und die Einordnung symbolischer Akte sollen am
Ende eine Deutung von Entwicklungsphasen möglich machen. Hier gilt es zu
untersuchen, ob wir von einem Höhepunkt oder einem Endpunkt einer Entwicklung
sprechen können. Eine Übertragung der Untersuchungsergebnisse zu den
symbolischen Handlungen des Mittelalters in die Gegenwart soll offen gebliebene
Fragen aufzeigen, jedoch auch gleichzeitig motivieren weiterhin historiographische
Texte aufzuarbeiten und auch vor einer Neubewertung nicht zurückzuschrecken.
2. Kommunikation
im
Mittelalter
2.1 Vorbetrachtungen
In einer Vorbetrachtung soll dargestellt werden, warum es uns heute möglich ist,
Ereignisse nachzukonstruieren, welche schon fast eintausend Jahre zurück liegen und
in einer Zeit stattgefunden haben, in der keine Fernsehbilder oder
Tonbandaufnahmen uns darüber berichten könnten. Wer waren die Menschen, die es
für nötig erachteten, Geschichten über sich oder ihre Umgebung auf dem Papier zu
verewigen? Und warum taten sie es überhaupt? Suchten Sie Anerkennung und Ruhm
für die eigene Person oder sahen sie ihr Schaffen als Sinn des eigenen Lebens? Die
Ausarbeitung wird sich mit einigen der wichtigsten Historiographen beschäftigen
und diesen Fragen auf den Grund gehen. Aber dazu später mehr.
Allgemein betrachtet, gehen wir heute davon aus13, dass die Quellenlage für das,
unser Thema betreffende, 12. Jahrhundert, im Gegensatz zu den Jahrhunderten
davor, sehr gut ist. Dies trifft sowohl auf die überlieferten schriftlichen, als auch auf
12 Gerd ALTHOFF: Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter, Darmstadt 2003.
S.9f
13 HAVERKAMP: Zwölftes Jahrhundert
4
heute noch vorhandene materielle Quellen zu.14 Wo sind die Gründe dafür zu finden?
Im elften und zwölften Jahrhundert kam es zu einem Anwachsen der schriftlichen
Überlieferungen. Nach einer Sichtung von Urkunden aus dieser Zeit fällt besonders
auf, dass päpstliche Kurien, geistliche Herrscher, Stifte, Klöster, weltliche Fürsten,
Grafen und andere Adlige und Ministeriale vermehrt Urkunden ausstellten.
Darüberhinaus wurden sie auch immer häufiger zu Empfängern neu ausgestellter
Urkunden. Das zeigt, dass die Zahl der sogenannten Schriftenersteller immer weiter
zunahm. Die Bedeutung von Urkunden wuchs in den Jahren weiter an, da die
Mächtigen des Landes erkannten, dass eigene Rechte oder Pflichten anderer besser
nachzuweisen waren, wenn es eine Urkunde gab, auf welche man sich berufen
konnte.15 Obwohl wie oben angesprochen auch weltliche Schreiber auftauchten,
nahmen die Geistlichkeiten immer noch die führende Rolle bei der Erstellung von
Schriften ein. Ein Grund dafür ist leicht auszumachen. Sie verfügten über
hervorragende Möglichkeiten, Schriftstücke zu verwahren.16 In Klöstern und Abteien
wurden nicht selten eigens dafür Räume errichtet, die nur der Aufbewahrung von
Schrifttum dienen sollten. Auch wurden hier schon erste Vorkehrungen getroffen,
diese vor Feuer oder anderen Beschädigungen zu schützen, was im Gegensatz dazu
in einer Schreibstube nicht immer möglich war. Weitere Gründe für den Anstieg der
Schriftenerstellung erkennen wir in der wachsenden Urbanisierung im Raum
nördlich der Alpen. Dort entstanden neue kommunale Zentren, Städte und Klöster
mit weiterem Bedarf nach Verschriftlichung.17 Neu entstandene städtische Zentren,
wie zum Beispiel die Seehandelsstädte, gewannen an Bedeutung, da sie die Brücke
zwischen dem Reich und den nördlichen Gebieten bildeten.18 Mit der Regierungszeit
Friedrich I. verzeichnen wir ein weiteres deutliches Ansteigen der Zahl von
Urkunden, die ausgestellt wurden.19 Hier spielt eine Intensivierung der staufischen
Politik in Italien und Burgund eine wichtige Rolle.20
Wie schon erwähnt, entstanden neben Urkunden auch historiographische Texte.
Diese werden bei der Betrachtung der beiden zu untersuchenden Ereignisse 1156 in
Regensburg und 1176 in Chiavenna eine tragende Rolle spielen. Hierbei ist zu
14 HAVERKAMP: Zwölftes Jahrhundert, S.12
15 Ebd, S.13
16 Ebd.
17 Ebd, S.14
18 Ebd, S.233
19 Ebd, S.14
20 Ebd.
5
beachten, dass Berichte von Historiographen aus dem 12. Jahrhundert in vielen
Fällen von den realen Ereignissen abweichen. Manche sind schlichtweg falsch,
andere dagegen zeigen auffällige Veränderungen der wahren Ereignisse. Das soll uns
aber nicht davon abhalten, auch diese Texte genau zu studieren und einer konkreten
Untersuchung zu unterziehen. Es wird auffallen, dass es sich lohnt, sie als Quellen zu
den politischen Verhältnissen der damaligen Zeit, vor allem aber für die für die
Thematik wichtigen Regierungsjahre Friedrichs, zu nutzen. Beachtet man mögliche
Intentionen der Autoren, ist es möglich aufschlussreiche Informationen zu
entnehmen.21 Auf die genaue Vorgehensweise bei der Betrachtung der Quellen soll
eine spätere konkrete Erläuterung der Bearbeitungsschritte Klarheit schaffen.
Kommen wir zurück zum Glücksfall der gehäuften Schriftenerstellung. Ein
Glücksfall? Ja, denn für die folgende Untersuchung zweier wichtiger Ereignisse
während der Herrschaftszeit Friedrich Barbarossas, ist es nun möglich bestimmte
Fragen zu klären, in dem die Quellen untersucht werden.
Nur, inwiefern profitierten die Zeitgenossen der Schriftenersteller davon? Es ist
offensichtlich, dass der unsrige Profit größer zu sein scheint. Trotz des Anwachsens
der schriftlichen Tätigkeiten in den Klöstern, Städten und am Hofe und einer
Intensivierung der öffentlichen Kommunikation stoßen wir auf ein Problem. In einer
Zeit, in der ein Großteil der meist bäuerlichen Bevölkerung aufgrund mangelnder
Alphabetisierung weder lesen noch schreiben konnte, bedurfte es großer Symbole
und Zeichen. Denn wie sollten die Führer des Reiches mit ihrem Volk interagieren?
Führungsschichten nutzten daher die verschiedensten Formen der nonverbalen
Kommunikation.22 Mündliche Vereinbarungen und Regeln sozialer Beziehungen
machten schon damals ein einheitliches Verständnis nötig.23 Gesten, Riten und
Zeichen wurden deshalb wiederholt eingesetzt, um die mittelalterliche Öffentlichkeit
über Ereignisse und Beschlüsse zu informieren. Durch das wiederholte Anwenden
bestimmter Darstellungen und Verhaltensweisen prägte sich die Bedeutung in das
Bewusstsein der Menschen ein.24 Die Darstellung bestimmter Sachverhalte durch
Inszenierungen wurde, häufiger als schriftliche oder verbale Proklamation, als
21 Knut GÖRICH: Die Ehre Friedrich Barbarossas. Kommunikation, Konflikt und politisches Handeln im
12. Jahrhundert (Symbolische Kommunikation in der Vormoderne), Darmstadt 2001. S.12
22 ALTHOFF: Spielregeln, S.12
23 Klaus SCHREINER: ,,Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst" (Ps. 84, 11). Friedensstiftung
durch symbolisches Handeln, in: Johannes FRIED (Hrsg.): Träger und Instrumentarien des Friedens im
hohen und späten Mittelalter (Vorträge und Forschungen 43), Sigmaringen 1996, S. 38
24 Ebd.
6
vorrangige Form der Veröffentlichung von Entscheidungen genutzt.25 Solche
Gesetzmäßigkeiten der öffentlichen Kommunikation waren aber nirgends schriftlich
fixiert. Nichtsdestotrotz forderten sie eine enorme Verbindlichkeit von denen, die sie
einsetzten.26
Heute sprechen wir vom Mittelalter von einem Zeitalter der Zeichen, in welchem
symbolische Handlungen eine zentrale Rolle in der Kommunikation einnahmen.27
Diese symbolischen Handlungen bestanden aus Gesten, Zeichen und Ritualen.28
Diese werden bei den Zusammentreffen von Friedrich und Heinrich dem Löwen eine
wichtige Rolle spielen, aber auch möglichen Interpretationsspielraum bieten.
Bemerkenswert ist, dass sich schon mittelalterliche Gelehrte, wie der Magister
Rufinus, mit der Frage beschäftigt haben sollen, wie Friedensakte in der damaligen
Zeit dargestellt worden sind. Rufinus unterteilte die möglichen Formen in
verba, res
und
actus
Wörter, Sachen und Handlungen.29 Für ihn bestehen also drei mögliche
Handlungen, um einen Friedensschluss für das Volk oder andere Mächtige des
Landes darzustellen. Als
verba
könnte man ein gegenseitiges Versprechen
bezeichnen, die kriegerischen Aktionen einzustellen. Natürlich gab es auch die
Möglichkeit, dass der Schwächere der Kontrahenten durch die Übergabe eines
Opfers, zum Beispiel einer Stadt oder einer Burg (
res
), den Frieden erkaufte. Unter
actus
wäre beispielhaft ein Handschlag beider Führer zu nennen, der den Frieden
symbolisieren sollte.
Die zeitgenössische Darstellung des 20. und 21. Jahrhunderts nutzt eine leicht
abweichende Einteilung. Sie unterteilt Interaktion und Kommunikation in die drei
Bereich Normen, Regeln und Gewohnheiten.30 Trotzdem bleibt die Frage erstmal
offen, ob ein einheitliches Regelwerk für die Interaktion der mittelalterlichen
Führungsschichten vorhanden war. Die Antwort darauf lässt sich am besten anhand
der Quellenuntersuchung geben, muss daher für jetzt aufgeschoben werden.31
Im Gegensatz dazu, ist es aber unbestreitbar, dass jegliche Kommunikation Gründe
gehabt haben muss, egal ob den Bürgern Beschlüsse präsentiert wurden oder ob
große Herrscher miteinander agiert haben.
25 ALTHOFF: Spielregeln, S.233
26 Ebd, S.187
27 SCHREINER: ,,Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst", S. 37
28 Ebd, S. 38
29 Ebd, S. 42
30 ALTHOFF: Spielregeln, S.2
31 Ebd, S.11
7
Es stellt sich also eine wichtige Verständnisfrage für die folgenden
Quellenuntersuchungen. Wer war die mittelalterliche Öffentlichkeit, der diese
Inszenierungen präsentiert wurden? Wie können wir also den Begriff der
mittelalterlichen Öffentlichkeit in dieser Zeit erklären und klar eingrenzen? Es gibt
verschiedene Ansätze in der Forschung, wie darauf geantwortet werden könnte. Für
manche umfasst der Begriff der mittelalterlichen Öffentlichkeit nicht nur die Großen
des Landes. Auch niedere Beteiligte gehörten dazu:
,,[...] das Zelt war aufgestellt,
wo ihn das ganze Heer sehen konnte"32
und waren eindeutige Zielgruppe bestimmter
präsentierter symbolischer Handlungen. Zu diesen gehört auch Gerd Althoff, der die
Öffentlichkeit wie folgt zu definieren versuchte:
,,Diese Öffentlichkeit rekrutierte
sich aus den Mitgliedern der Führungsschichten selbst sowie aus ihren Vasallen und
Gefolgsleuten, die ihre Begleitung bildeten."33
Im Gegensatz dazu gibt es bestimmte Vertreter der geschichtlichen Forschung,
welche die Auffassung vertreten, dass man im Mittelalter kaum von dem
Vorhandensein einer Öffentlichkeit reden kann. Jürgen Habermas hat sich dazu in
seinem Werk ,Strukturwandel der Öffentlichkeit` umfangreich geäußert.34 Er spricht
im Gegensatz zu Althoff von einem Vorhandensein einer repräsentativen
Öffentlichkeit, in welcher sich die führende Schicht, also die Herrschafts- und
Funktionsträger dieser Zeit, dem einfachen Volk, den Bauern und Vasallen,
präsentiert hat.35 Bleibt nun die Frage offen, ob einer von beiden falsch liegt, oder ob
beide Betrachtungsweisen ihre Daseinsberechtigungen haben. Eine Bewertung
dahingehend liegt mir natürlich fern, da man wohl kaum davon sprechen könnte,
dass eine Definition falsch zu sein scheint. Es scheint wohl eher so, dass
verschiedene Fragestellungen und Betrachtungsansätze beide Definitionen als richtig
beweisen können. Diese Einsicht wird eine hilfreiche Rolle spielen, wenn es später
darum gehen wird, die Öffentlichkeit zu untersuchen, für die diverse Schriften
erstellt wurden.
Kommen wir zurück zum Grund für öffentliche Kommunikation im Mittelalter.
Betrachten wir die mittelalterliche Kommunikation auf Hoftagen, auf Königswahlen
oder Kirchenfesten, dann finden wir in vielen Quellen Berichte über die Abhaltung
32 ALTHOFF: Spielregeln, S.116
33 Ebd, S.12f
34 Jürgen HABERMAS: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der
bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied 1962. S.17ff
35 ALTHOFF: Spielregeln, S.231
8
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