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Thesis (M.A.), 2008, 112 Pages
Author: M. A. Simone Elbrecht
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Year: 2008
Pages: 112
Grade: gut
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-45269-9
ISBN (Book): 978-3-640-45300-9
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Abstract
Mit den Ereignissen vom 11. September 2001 in New York trat eine neue Dimension der Opferbereitschaft in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Die 19 Attentäter in den Flugzeugen planten und vollzogen letztendlich ihre Mission mit der absoluten Gewissheit, sie nicht mehr zu überleben. Es existierte kein Plan zur Flucht oder zur Rettung durch weitere Kombattanten, denn die Opferung ihres eigenen Lebens war ein fixer und notwendiger Bestandteil des Terroranschlags. Doch nachdem sich der erste Schock über ein Ereignis, das keinen historischen Vergleich kennt, gelegt hatte, verwirrte nicht nur die Erkenntnis, dass es sich bei den Anschlägen gerade nicht um blinden Aktivismus, sondern um eine wohlüberlegte und präzise durchgeplante Operation gehandelt hatte. Dass die Täter gläubige Muslime waren und der islamistischen Terrororganisation al-Qaida angehörten, ließ zwar einerseits durch vorschnelle Vorurteile die arabischen Länder als neues ‚altes‘ Feindbild des Westens auferstehen, andererseits entfachte dieser Umstand aber auch ein reges Interesse an der arabischen Welt, seiner Kultur, seinen Werten und vor allem an seiner Religion. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen der deutsche Roman von Christoph Peters: Ein Zimmer im Haus des Krieges, das deutsche Drama von Lutz Hübner: Gotteskrieger und der in Frankreich erschienene Roman von Yasmina Khadra: Die Attentäterin. Alle drei Autoren wählen den islamistischen Attentäter als Romanfigur, um so hinter die Beweggründe zu gelangen, die einen Menschen dazu führen, sein Leben als Waffe einzusetzen. In erster Linie soll sich die Arbeit damit befassen, wie der Terrorismus gesehen und beschrieben wird: Welche möglichen Motivationen werden für den Schritt in den bewaffneten Kampf skizziert? Welche Rolle spielen der Islam und sein Paradiesversprechen? Welche Verbindung besteht in arabischen Ländern zwischen der islamischen Religion und der Politik? Welche Rolle spielt die herrschende Gesellschaftsordnung? Wie ist das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit und welche Wirkungen können erzielt werden? Bietet die literarische Verarbeitung Lösungsvorschläge?
Excerpt (computer-generated)
UNIVERSITÄT PADERBORN
FAKULTÄT FÜR KULTURWISSENSCHAFTEN
INSTITUT FÜR GERMANISTIK UND VERGLEICHENDE
LITERATURWISSENSCHAFT
Wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines
Magister Artium (M.A.)
,INSHA′ ALLAH` -
DIE FIGUR DES ISLAMISTISCHEN GOTTESKRIEGERS
ALS NEUES MOTIV IN DER EUROPÄISCHEN
LITERATUR
EINGEREICHT VON:
Simone Elbrecht
Paderborn 2008
FACH: NEUERE DEUTSCHE LITERATURWISSENSCHAFT
Inhalt
1 Einleitung 3
2 Entwicklung und Bedeutung des islamistischen Gotteskriegers 8
2.1 Der Islam als Kontrastprinzip zum Westen 8
2.2 Die Assassinen von Boten der Treue zu Boten des Todes 18
2.3 Die iranische Revolution, die Hisbollah und der Märtyrer 28
2.4 Die Muslimbruderschaft und die Pflicht zum Dschihad 37
3 Christoph Peters: Ein Zimmer im Haus des Krieges 50
3.1 Zum Autor Christoph Peters 50
3.2 Aufbau und Inhalt des Romans: Ein Zimmer im Haus des Krieges 51
3.3 Jochen Abdallah Sawatzky: Der Kampf wird zum Ziel 52
3.4 Historische und gesellschaftliche Bezüge: Das Ägypten der 90er Jahre 61
3.5 Die mythologische Figur Osama bin Laden 66
3.6 Zusammenfassung: Islam versus Inhaltsleere westlicher Gesellschaften 69
4 Lutz Hübner: Gotteskrieger 75
4.1 Zum Autor Lutz Hübner 75
4.2 Aufbau und Inhalt des Dramas: Gotteskrieger 75
4.3 Zac: Weltbild eines islamistischen Gotteskriegers 76
4.4 Zusammenfassung: Der narzisstische Jahiid 81
5 Yasmina Khadra: Die Attentäterin 84
5.1 Zur Autorin Yasmina Khadra 84
5.2 Aufbau und Inhalt des Romans: Die Attentäterin 86
5.3 Dr. Amin Jaafari: Der Ehemann auf der Suche nach Motiven und Drahtziehern 88
5.4 Sihem: Eine ungewöhnliche Selbstmordattentäterin 95
5.5 Zusammenfassung: Das Selbstmordattentat als Teil der palästinensischen Kultur...97
6 Resümee 100
7 Literaturverzeichnis 107
3
1
Einleitung
Mit den Ereignissen vom 11. September 2001 in New York trat eine neue Dimension der
Opferbereitschaft in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Die 19 Attentäter in den Flug-
zeugen planten und vollzogen letztendlich ihre Mission mit der absoluten Gewissheit, sie
nicht mehr zu überleben. Es existierte kein Plan zur Flucht oder zur Rettung durch weitere
Kombattanten, denn die Opferung ihres eigenen Lebens war ein fixer und notwendiger Be-
standteil des Terroranschlags. Nach den Attentaten folgten stigmatisierende und stereotype
Deutungen, vor allem verbreitet durch die Medien, die die Attentäter als irre Fanatiker,
Psychopathen, indoktrinierte und gehirngewaschene Wahnsinnige darstellten. Gerade die
verheerenden Folgen, allen voran die Zahl der Opfer, die bei den Anschlägen in den
Flugzeugen, den Gebäuden und der Umgebung des WTC ihren Tod fanden, ließen zunächst
keine andere Schlussfolgerung über die Gesinnung der Täter zu.
Doch nachdem sich der erste Schock über ein Ereignis, das keinen historischen Vergleich
kennt, gelegt hatte, verwirrte nicht nur die Erkenntnis, dass es sich bei den Anschlägen gerade
nicht um blinden Aktivismus, sondern um eine wohlüberlegte und präzise durchgeplante
Operation gehandelt hatte. Für noch mehr Unbehagen sorgte die Tatsache, dass die Attentäter
keine ungebildeten, perspektivlosen Männer waren, die in ihren Heimatländern im Nahen
Osten der untersten sozialen Schicht angehörten und außer ihrem Leben nichts mehr zu
verlieren hatten. Ganz im Gegenteil waren es intelligente junge Männer, die z. T. aus reichen
arabischen Familien stammten, in westlichen Ländern ein technisches Studium absolvierten
und, zumindest oberflächlich, in das westliche Leben integriert zu sein schienen.
Dass die Täter gläubige Muslime waren und der islamistischen Terrororganisation al-Qaida
angehörten, ließ zwar einerseits durch vorschnelle Vorurteile die arabischen Länder als neues
,altes` Feindbild des Westens auferstehen, andererseits entfachte dieser Umstand aber auch
ein reges Interesse an der arabischen Welt, seiner Kultur, seinen Werten und vor allem an sei-
ner Religion.
Neben der Aktualität der Ereignisse weist der Terrorismus als literarischer Stoff eine gewisse
Attraktivität auf:
Die massive Konzentration radikaler Normbrüche im Ausnahmezustand, die paradoxale Verbin-
dung von Verbrechen und Idealismus und der tragische Widerstreit von Individuum und Gesell-
schaft etwa haben als literarische Themen große Tradition und versprechen gesellschaftliche Bri-
4
sanz, Konfliktreichtum und Spannung sowie ein immenses Potential an - negativen wie positiven
Helden.1
Als beliebte Nebenhandlung lassen sich Beschreibungen von Terroristen und terroristischen
Anschlägen in zahlreichen Krimis finden, zum literarischen Leitmotiv hingegen wird der Ter-
rorismus aber erst dann, wenn er in der Gesellschaft seinen aktuellen Einsatz hat oder hatte.2
Die Ereignisse des 11. September und nachfolgende Anschläge in London und Madrid ließen
den islamistischen Terrorismus als aktuelle und neue Bedrohung des Westens zu Tage treten
und rückten ihn in das öffentliche Bewusstsein. Wie der theoretische Teil über die Entwick-
lung des islamistischen Terroristen im 2. Kapitel zeigen wird, handelt es sich nicht um ein
Phänomen, das erst im Jahr 2001 zum ersten Mal auftauchte. Terroristische Anschläge, eben-
so wie Selbstmordattentate, die nicht mehr durch ethnisch-nationalistische oder
sozialrevolutionäre Motive begründet wurden, sondern eine Erweiterung durch den religiösen
Rückbezug auf den Islam erfuhren, existieren in den Ländern des Nahen Ostens seit den
frühen 80er Jahren. Doch erst die Symbolkraft der zusammenstürzenden Türme des World
Trade Centers führte uns den islamistischen Terrorismus vor Augen und attackierte nicht nur
das Leben an sich, sondern auch die in der westlichen Welt vorherrschende Geisteshaltung:
Ein System wie das unsere, das auf der selbstverständlich geglaubten Rationalität des Eigeninter-
esses beruht, bleibt nur so lange unangreifbar, wie niemand diese Rationalität in Frage stellt.3
Und eben diese Rationalität greift der islamistische Gotteskrieger an, der nicht nur andere
töten, sondern auch selber sterben will; der fast unaufhaltsam und unangreifbar wird, denn er
ist mit seiner Opferbereitschaft bis zum letzten Ende, der Macht des Staates mit seinem
Tötungsmonopol zuvorgekommen und entzieht sich somit jeder Form der Bedrohung und Ab-
schreckung.
Die Betrachtung des Phänomens des islamistischen Attentäters in dieser Arbeit wirft aller-
dings zweierlei Probleme auf: Erstens findet der Blick auf den religiös-motivierten Attentäter
in der gewählten Literatur aus Sicht des säkularisierten Westens statt. Die Autoren versuchen,
aus einer rationalen und auf das vernunftgesteuerte Individuum gerichteten Sichtweise, das
1 Thomas Hoeps: Arbeit am Widerspruch. ,Terrorismus` in deutschen Romanen und Erzählungen (1837-1992).
Dresden: Thelem bei w.e.b. 2001. S. 11.
2 Hoeps bezeichnet die Jahre zwischen 1970 und 1992 als ,Blütezeit` des Terrorismus als literarisches Thema
in der deutschen Literatur infolge der realen und gegenwärtigen Bedrohung durch die RAF, die mit der
Studentenrevolte 1968 begann. Vgl. ebd., S. 21.
3 Christoph Reuter: Mein Leben ist eine Waffe. Selbstmordattentäter - Psychogramm eines Phänomens.
München: C. Bertelsmann 2002. S. 364.
5
Phänomen des Märtyrers zu erklären, der bereit ist, sein Leben für Volk und Glauben zu
opfern. Denn
als der moderne Mensch aufhörte, der Religion die erste Rangstelle im Gesamt seiner persönlichen
Angelegenheiten zuzuweisen, hörte er auch auf zu glauben, andere Menschen zu anderen Zeiten
hätten Religion jemals so wichtig genommen.4
Die zweite Schwierigkeit ist die immer noch vorherrschende Stigmatisierung der Täter, denen
jegliche Normalität abgesprochen wird. Die Suche nach ihren Motiven birgt die Gefahr,
Erklärungsansätze zu liefern, die ihre menschenverachtende Tat zwar nicht rechtfertigen,
jedoch versuchen, sie geistig nachvollziehbar zu machen und Gründe und Ursachen für ihr
Handeln aufzuzeigen.
Die Erweiterung des Verständnisses infolge der Darstellung von kulturellen, gesellschaftli-
chen, historischen und politischen Massenphänomenen auf lokaler, regionaler und globaler
Ebene zusammen mit der individuellen Motivation des Attentäters läuft Gefahr, als erster
Schritt zur Legitimation der Gewalt wahrgenommen zu werden. Denn gerade der islamisti-
sche Terrorismus polarisiert unsere Gesellschaft und führt zu derselben Schwarz-Weiß-Male-
rei, die wir an Islamisten verurteilen.
Die amerikanische Paranoia nach dem 11. September zeigt, wie leicht Menschen in paranoide Ge-
walttätigkeiten hineinrutschen können - so wie amerikanische Bürger anschließend Muslime und
arabisch aussehende Menschen als Zielscheibe ihrer Vergeltung ins Visier genommen haben.5
Das Handeln der islamistischen Terroristen ist in unserem Verständnis so irrational, ,,dass
unser Verstand fast instinktiv Zuflucht sucht in der Vorstellung vorausgegangener brachialster
Gehirnwäsche."6 Dabei werden einerseits die gesamten islamischen Länder als akute Gefahr
gesehen, die den Westen mit fanatischen und irren Attentätern ihrer Herrschaft unterwerfen
wollen; andererseits als Kultur der Steinzeit mit einer Verherrlichung der Vergangenheit, die
die Frauen entrechtet und verschleiert, Dieben die Hände abschlägt, Vergewaltigungsopfer
steinigt und an 72 Jungfrauen im Paradies glaubt. Doch der Großteil der Muslime besteht we-
der aus Fundamentalisten, noch aus Terroristen, und sie wünschen sich ebenso wie wir eine
freie und friedliche Welt: In den Ländern des Nahen Ostens
4 Bernhard Lewis: Die Assassinen. Zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam. Frankfurt am
Main: Eichborn 2001. S. 185.
5 Jerry S. Piven: Terrorismus als Religionsersatz. In: Der 11. September. Psychoanalytische, psychosoziale und
psychohistorische Analysen von Terror und Trauma. Hg. v. Thomas Auchter, Christian Büttner u.a. Gießen:
Psychosozial-Verlag: 2003. S. 184-218. S. 211-212.
6 Reuter: Mein Leben ist eine Waffe, S. 13.
6
leben Menschen, die unsere Wertvorstellungen teilen, mit uns sympathisieren und gern das gleiche
Leben wie wir führen würden. Sie erkennen, was Freiheit heißt, und möchten sich auch in ihrer
Heimat an ihr erfreuen.7
Diese Arbeit soll zum einen Hintergründe über den islamistischen Attentäter liefern, um
seiner Stigmatisierung und Stereotypisierung entgegen zu wirken, ungeachtet der zweifelsoh-
ne zu verurteilenden brutalen und inhumanen Taten durch die Terroristen. Dennoch stellt sich
die Frage, wie es möglich ist, dass es gerade zum Ende des 20. Jahrhunderts zu dieser
Verherrlichung der Vergangenheit [kommt], die in allen islamistischen Gruppen zu Hause ist:
wenn es darum geht, dass nur die Scharia, das islamische Recht, zu befolgen und der koranischen
Offenbarung buchstabengetreu nachzuleben sei? Dann werde die islamische Weltmacht wieder
auferstehen und mit ihr eine gerechte Führung.8
Zum anderen soll diese Arbeit zeigen, aus welchem Blickwinkel die drei gewählten Autoren
die Thematik beleuchten und welche Absichten sie mit ihren Werken verfolgen. Denn im Sin-
ne Andreottis sind ,fiktionale Wirklichkeit` und ,Wirklichkeit des realen Lebens` zwar nicht
gleichzusetzen, doch in jedem Fall beeinflussen sie sich wechselseitig: Die
Entstehung [von Dichtung] ist stets von gesellschaftlichen und kultur- oder geistesgeschichtlichen
Bedingungen abhängig, auch wenn der Autor dadurch nicht einfach wie etwa in der marxisti-
schen Literaturauffassung zum bloßen Sprachrohr gesellschaftlich bedingter Gegebenheiten wer-
den muss. Aus der einen Erkenntnis, dass gesellschaftliche Bedingungen und Dichtung miteinan-
der in einem Wechselverhältnis stehen, ergibt sich die andere, dass die gleiche Dichtung weitge-
hend von diesen gesellschaftlichen Bedingungen her verstanden werden muss. Das gilt nun auch
für die moderne Literatur: Ihre Wechselbeziehung zum gesellschaftlichen und kulturgeschichtli-
chen Kontext äußert sich sehr deutlich.9
Der Titel verweist auf aktuelle Erklärungsversuche des Märtyrer-Phänomens, die in der
Folgezeit des 11. September in der Literatur zu finden sind. Das Attribut ,islamistisch` bezieht
sich auf die Anhänger radikaler Widerstandsbewegungen, die sich auf den islamischen Glau-
ben beziehen, aber von der Gesamtheit der Muslime klar abzugrenzen sind.
Der Begriff ,Gotteskrieger` grenzt die terroristisch agierenden Täterkreise von anderen sozial-
revolutionär oder ethnisch-nationalistisch orientierten Gruppen ab, während
Insha′ Allah
, für
ihre Bereitschaft steht, bis zum eigenen Tod zu kämpfen - ,so Gott will`.
7 Bernhard Lewis: Die Wut der arabischen Welt. Warum der jahrhundertelange Konflikt zwischen dem Islam
und dem Westen weiter eskaliert. Frankfurt am Main: Campus 2003. S. 174.
8 Reuter: Mein Leben ist eine Waffe, S. 34.
9 Mario Andreotti: Die Struktur der modernen Literatur. 2. überarb. Auflage. Bern: Haupt 1990. (UTB Bd.
1127). S. 63.
7
Im Mittelpunkt der Arbeit stehen der deutsche Roman von Christoph Peters:
Ein Zimmer im
Haus des Krieges
, das deutsche Drama von Lutz Hübner:
Gotteskrieger
und der in Frankreich
erschienene Roman von Yasmina Khadra:
Die Attentäterin
.
Alle drei Autoren wählen den islamistischen Attentäter als Romanfigur, um so hinter die Be-
weggründe zu gelangen, die einen Menschen dazu führen, sein Leben als Waffe einzusetzen.
In erster Linie soll sich die Arbeit damit befassen, wie der Terrorismus gesehen und beschrie-
ben wird: Welche möglichen Motivationen werden für den Schritt in den bewaffneten Kampf
skizziert? Welche Rolle spielen der Islam und sein Paradiesversprechen? Welche Verbindung
besteht in arabischen Ländern zwischen der islamischen Religion und der Politik? Welche
Rolle spielt die herrschende Gesellschaftsordnung? Wie ist das Verhältnis von Fiktion und
Wirklichkeit und welche Wirkungen können erzielt werden? Bietet die literarische Verarbei-
tung Lösungsvorschläge?
Das zweite Kapitel soll in die Entwicklung und Bedeutung des islamistischen Gotteskriegers
einführen und ein theoretisches Gerüst für die Literatur bilden. Zunächst soll die Entstehung
des Islam, die innere Verkettung von Religion und Politik aufzeigen, die bis heute alle
arabischen Länder beeinflusst. Anhand der Assassinen wird die Weiterentwicklung des ver-
einzelten politischen Mordes als taktischer Zug in eine langfristige Strategie einer Minderheit
dargelegt. Das Unterkapitel über die Iranische Revolution beschäftigt sich mit der aktuellen
Welle der Re-Islamisierung in der arabischen Welt und mit dem beginnenden Einsatz des
Menschen als Waffe, dem Märtyrer. Das Konzept des modernen Selbstmordattentäters wird
anhand der Hisbollah veranschaulicht. Abschließend soll der Aufstieg der Muslimbruder-
schaft zum Vorbild aller modernen islamistischen Widerstandsbewegungen skizziert werden.
In den folgenden drei Kapiteln soll die ausgewählte Literatur analysiert werden, beginnend
mit einer Übersicht über Autor, Inhalt und Aufbau. Dann folgt die Darstellung der Figuren,
die als islamistische Gotteskrieger agieren, wie dies bei Peters und Hübner der Fall ist, oder
die durch einen Märtyrer im familiären Umfeld unter den Folgen leiden und sich auf die Su-
che nach Motiven begeben. Die historischen und aktuellen Umstände, psychoanalytische An-
sätze und gesellschaftliche Hintergründe sollen das Bild vervollständigen, das in einem ab-
schließenden Resümee bewertet wird.
8
2
Entwicklung und Bedeutung des islamistischen Gotteskriegers
2.1
Der Islam als Kontrastprinzip zum Westen
Der Islam ist mit seinem Ursprung im 7. Jahrhundert neben dem Judaismus und dem Chris-
tentum die jüngste der drei Weltreligionen. Er dehnt sich räumlich aus zwischen Marokko und
Indonesien, Kasachstan und Senegal und umfasst heutzutage mehr als 1,3 Milliarden Anhän-
ger. Ebenso wie die jüdische und christliche ,,Buchreligion"10, beruft sich der Islam auf Abra-
ham als Stammvater, den Monotheismus und dieselbe religiöse Tradition. Seine Glaubensan-
hänger teilen mit den Juden die Vorstellung, dass das Gesetz Gottes nahezu alle Punkte des
menschlichen Lebens bestimmt und selbst den Alltag eines Gläubigen in Bezug auf Ess- und
Trinkgewohnheiten regelt.11 Gemeinsam mit den Christen, abgegrenzt von den jüdischen, hin-
duistischen, buddhistischen und konfuzianistischen Anhängern, sind die Muslime davon über-
zeugt, ,,dass sie allein die auserkorenen Empfänger und Hüter der letztgültigen, göttlichen Of-
fenbarung an die Menschheit sind"12 Der Koran basiert auf dem Nachlass der jüdischen Offen-
barung und auf philosophischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen der griechischen Anti-
ke.13 Doch schon in den ersten Jahrzehnten der Entstehung und Verbreitung des Islam durch
den Propheten Mohammed sind Unterschiede zum christlichen Europa in seiner Geisteshal-
tung in Bezug auf die Relationen zwischen Staat, Religion und Gesellschaft zu erkennen, die
sich im Laufe der Zeit immer weiter manifestierten und schließlich zu seinem kontrastieren-
den Wesen zum Westen beitrugen.14
Mohammed Ibn Abdullah wurde um 570 n. Chr. in bescheidenen Verhältnissen im polytheisti-
schen Wallfahrtsort Mekka geboren.15 Er betätigte sich zunächst als Kaufmann, bis ihm im
Alter von 40 Jahren in einer Vision der Engel Gabriel erschien, der ihm die göttlichen Verse
des Korans offenbarte. Der Engel besuchte Mohammed in seinen Träumen fortan bis zu sei-
nem Tod und trug ihm auf, die Offenbarung in der Welt zu verbreiten.16 Doch in seinem Ge-
burtsort Mekka fand die verkündete, sich radikal vom Polytheismus abgrenzende, Lehre des
Islam nicht viele Anhänger und Mohammed floh um 622 n. Chr. schließlich mit einer kleinen
10 Peter Conzen: Fanatismus: Psychoanalyse eines unheimlichen Phänomens. Stuttgart: Kohlhammer 2005. S.
238.
11 Vgl. Lewis: Die Wut, S. 28.
12 Ebd.
13 Vgl. ebd., S. 29.
14 Vgl. ebd., S. 27f.
15 Vgl. Dieter Bednarz u. Daniel Steinvorth: Verse für Krieg und Frieden. In: Der Spiegel 52 (2007). S. 18-35.
S. 20.
16 Vgl. Lewis: Die Wut, S. 27f.
9
Gemeinde nach Medina. Die Auswanderung aus Mekka wird als Hidschra bezeichnet und bil-
dete den Beginn der islamischen Zeitrechnung.17 In Medina begründete Mohammed als Herr-
scher den Islam in einem ganzen Staat.18 Er war nicht nur Stifter und Prophet des jungen
Islam, sondern nach seiner Flucht aus Mekka und der Eroberung Medinas gleichzeitig auch
Herrscher eines Landes, Befehlshaber einer Armee, entschied über Recht und Unrecht, Krieg
und Frieden.
Zunächst bestand die größte zivilisatorische Leistung der islamischen Religionsstiftung darin, dass
eine staatliche Zentralinstanz gegründet wurde, die
pax islamica
, die eine Integration der Beduinen
in ein Staatswesen einschloß.19
Neben dieser Zentralinstanz ersetzte der Islam die traditionellen Stammesstrukturen und ver-
wandtschaftlichen Verbindungen durch die
umma
, die alle Muslime durch ihre gemeinsame
Religion verband. In dieser islamischen Gemeinschaft wurden alle Beziehungen untereinan-
der nach den Grundsätzen der göttlichen Offenbarung geregelt und sie stellte ihre Anhänger
an die Stelle eines auserwählten Volkes, die im Besitz der vollkommensten Religion waren.20
Die Verse des Koran wurden von Mohammeds Anhängern auswendig gelernt und zunächst
mündlich tradiert, bis sein dritter Nachfolger, der Kalif Oman, um 650 die Zusammenfassung
der aufgezeichneten und überlieferten Dokumente des Propheten zu einem geschlossenen
Buch veranlasste, dessen Fassung bis heute nicht verändert wurde.21
Mit seinen Regeln, Ermahnungen und Erkenntnissen ist er [der Koran] die ständig gegenwärtige
Richtschnur für fast ein Fünftel der Menschheit, viel umfassender und strenger als das heilige
Buch der Christen.22
Die historischen, strukturellen Bedingungen in Arabien, mit denen in Auflösung begriffenen
Stammesgesellschaften und der wachsenden Bedrohung durch räuberische Beduinen des sich
gerade entfalteten Handels, waren reif für eine Veränderung. Dies bereitete den Boden für
Mohammed in der Person des Religionsstifters und bildete die Voraussetzung, dass er zusam-
men mit seiner kleinen Anhängerschar ein islamisches Reich mit weltweiter Geltung erschaf-
fen würde.23
17 Vgl. Lewis: Die Wut, S. 27f.
18 Vgl. ebd., S. 55.
19 Bassam Tibi: Einleitung. Maxime Rodinson, der Islam und die westlichen Islam-Studien. In: Rodinson,
Maxime: Islam und Kapitalismus. Mit einer Einleitung von Bassam Tibi. Frankfurt am Main: Suhrkamp
1986. S. IX-L. S. XXI.
20 Vgl. ebd.
21 Vgl. Bednarz u. Steinvorth: Verse für Krieg und Frieden, S. 28.
22 Ebd., S. 21.
23 Vgl. Tibi: Maxime Rodinson. In: Rodinson: Islam und Kapitalismus, S. XIX-XXI.
10
Er führte einen ersten erfolgreichen Heiligen Krieg gegen die Machthaber in Mekka, später
gegen das Persische Reich und gegen die christlichen Regionen Syrien, Palästina, Ägypten
und Nordafrika. Im 8. Jahrhundert eroberte das immer mächtiger werdende islamische Reich
schließlich Spanien, Portugal und große Teile Süditaliens. Mohammed schien seinem Ziel, ein
weltbeherrschendes islamisches Reich zu schaffen, immer näher zu kommen.24 Der Erfolg des
Propheten als Invasor und Herrscher, im Gegensatz zur Kreuzigung von Jesus Christus und
dem Tod Moses, noch bevor er das Gelobte Land erreichte, und die historische Entfaltung zur
Weltreligion, bestärkten die Anhänger des Islam in der Berechtigung der religiösen Autorität
als alles durchdringende Macht.25 In der Tat schien der Islam mit seiner Verbundenheit von
Religion und Politik und dem heiligen religiösen Gesetz der Scharia, das die Durchsetzung
der Macht, die Rechtmäßigkeit der Staatsgewalt und die Beziehung zwischen Herrscher und
Untertanen regelte, als letzte entstandene Religion die vollkommenste zu sein.26
Nach Mohammeds Tod 632 n. Chr. musste ein neuer Stellvertreter Gottes auf Erden von der
Gemeinschaft gewählt werden, um den Auftrag des Propheten, ,,Gottes Offenbarung zu ver-
breiten, bis alle Welt sie akzeptierte"27, zu erfüllen. Die Muslime entschieden sich für den
Schwiegervater Mohammeds, Abu Bakr, der fortan der ,,khalfa"28 Gottes sein sollte und er-
schufen somit die Institution des Kalifats. Doch nicht alle in der Gemeinschaft waren mit dem
neuen Oberhaupt einverstanden. Eine Gruppe sah im Schwiegersohn und Vetter Mohammeds,
Ali, einen legitimeren Nachfolger und spaltete sich von der Mehrheit ab:
Diese Gruppe ist als Sch ′ atu′ Al , die Partei Alis, bekannt geworden, späterhin einfach als Schia
(Schiiten). Im Laufe der Zeit wurde sie zum Anlass für den bedeutsamsten religiösen Konflikt im
Islam.29
Doch die beginnende innerpolitische Zerrissenheit der Muslime ordnete sich der unterschwel-
ligen Übereinstimmung in ihrem gemeinsamen Glauben im Kampf gegen Andersgläubige un-
ter: ,,Bereits im Zeitalter der Kreuzzüge brachte die wachsende ideologische Einheit der latei-
nischen Christen die muslimische Welt als Kontrastprinzip hervor."30
24 Vgl. Lewis: Die Wut., S. 55f.
25 Vgl. ebd., S. 33.
26 Vgl. Conzen: Fanatismus, S. 238; Lewis: Die Wut, S. 31.
27 Lewis: Die Wut, S. 30.
28 Wird aus dem Arabischen übersetzt mit dem Wort `Stellvertreter`, vgl. ebd.
29 Bernhard Lewis: Der Untergang des Morgenlandes. Warum die islamische Welt ihre Vormacht verlor.
Bergisch Gladbach: Lübbe 2002. S. 39.
30 Monika Wohlrab-Sahr: Konversion zum Islam in Deutschland und den USA. Frankfurt am Main: Campus
1999. S. 350.
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