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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 23 Pages
Author: Eva Rendle
Subject: German Studies - Linguistics
Details
Institution/College: LMU Munich (Institut für Deutsche Philologie)
Tags: Verbzweitstellung, Indiz, Sprachwandel, Hauptseminar, Sprachwandel
Year: 2003
Pages: 23
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-19476-1
File size: 229 KB
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Excerpt (computer-generated)
„weil“ mit Verbzweitstellung –
Indiz für Sprachwandel?
Inhaltsverzeichnis
A Einleitung 2
B. I. Zum empirischen Befund der Verwendung von da, denn und weil 3
II. Beurteilung des Phänomens „weil mit Verbzweitstellung“ 5
1. Aus sprachhistorischer Sicht 6
2. Aus pragmatischer Sicht 7
3. Aus semantischer Sicht 9
III. Sprachwandelhypothesen zu „weil-Verbzweit 10
1. Historische Kontinuität gesprochensprachlicher Strukturen 10
2. Syntaktischer Wandel 11
3. Lexikalischer Wandel 11
IV. Sprachtypologische Erklärungshypothese zum Wortstellungswandel 13
1.Darstellung der Theorie Lehmanns/ Vennemanns 13
2. (Mögliche) Beurteilung von „weil-Verbzweit“ aus sprachtypologischer Perspektive 14
V. Diskussion der Sprachwandelhypothesen 15
C. Fazit 18
Literaturverzeichnis 19
A Einleitung
„Bei kausalen Nebensätzen ist wohl ein Sprachwandelprozess in Gange, weil WEIL-Sätze höre ich in letzter Zeit immer häufiger mit Verbzweitstellung.“ Dieser (konstruierte) Satz kann auf zweierlei Ebenen Reaktionen der Zustimmung oder des Einspruchs erfahren, nämlich zum einen was seine grammatikalische Normentsprechung anbelangt, zum anderen was seine inhaltliche Aussage betrifft. Im Blick auf Duden (DUDEN 1998: 813ff) wäre dieser Satz als „grammatikalisch“ falsch einzustufen- als mögliche Wortstellungsvariante wird er nämlich nicht aufgeführt. Altmann sieht in Nebensätzen mit Verbzweitstellung an Stelle der von der Grammatik geforderten Verbletztstellung einen „Strukturbruch“ (ALTMANN 1997: 72). Für Sprachkritiker ist weil mit Verbzweitstellung gar ein Indiz für den Verfall der deutschen Sprache, was in Hamburg zur Gründung einer Aktionsgemeinschaft „Rettet den Kausalsatz“ geführt hat (vgl. UHMANN 1996: 2). Dieser normativ orientierten, sprachkritischen Sicht widmet sich die vorliegende Arbeit jedoch nicht. Vielmehr soll hier die inhaltliche Aussage des obigen Satzes erörtert werden. Zum einen ist der empirische Befund zu klären, also: Ist es tatsächlich so, dass „weil-Verbzweit“ immer häufiger zu hören ist, und was heißt dabei „in letzter Zeit“? Zum anderen soll das Phänomen dann aus verschiedenen Perspektiven (sprachhistorischer, pragmatischer, semantischer) beleuchtet werden. Vor allem in den 90er Jahren fand dazu eine rege Diskussion innerhalb der Sprachwissenschaft statt, bei der sich im wesentlichen drei Hypothesen zu einem Sprachwandel herauskristallisieren lassen.
Die einen sehen einen lexikalischen Wandelprozess bei der Konjunktion weil, die anderen einen syntaktischen Sprachwandel hin zur Aufgabe der untergeordneten Nebensätze, und ein dritter Ansatz geht von einer „historischen Kontinuität gesprochensprachlicher Strukturen“ (SELTING 1999: 180) aus. Dabei beziehen sich die gesamten Überlegungen explizit nur auf Verbzweitstellung bei kausalen Nebensätzen und erwähnen Verbzweitstellung bei konzessiven Nebensätzen oder Relativsätzen nur am Rande.
Deshalb soll diesen Positionen eine allgemeine Theorie zum Wortstellungswandel gegenübergestellt werden. Mit der „Brille“ des sprachtypologischen Ansatzes von Lehmann/ Vennmann betrachtet, wäre ein Sprachwandel bei der Nebensatzwortstellung nämlich ein Indiz für einen Wandel des Deutschen hin zur konsistenten VOWortstellung, wie sie in den Hauptsätzen bereits vorliegt.
Auf der Grundlage dieser divergierenden Herangehensweisen und Theorien soll die Frage diskutiert werden: Ist tatsächlich ein Sprachwandelprozess bei den kausalen Nebensätzen des Deutschen in Gange? Und wenn ja, welcher Art ist er? Und liegt er in einer allgemeinen Tendenz eines Wortstellungswandels im Deutschen? In der Arbeit werden bewusst keine Beispiele aus der Sekundärliteratur übernommen oder selbst fingiert, da eine genaue Analyse in diesem Rahmen nicht geleistet werden könnte. Darstellung des Sachverhalts und die Diskussion verbleiben auf einer abstrakten Ebene.
B. I. Zum empirischen Befund der Verwendung von da, denn und weil
So breit die Diskussion über die Konjunktion weil mit Zweitstellung des Verbes ist, so dünn ist der „empirische Boden“, auf dem sich diese Diskussion bewegt. Aufsätze wie von Kann, die auf „Beobachtungen zur Hauptsatzwortstellung in Nebensätzen“ (KANN 1972: 375) gründen oder das Plädoyer von Keller zur „Ehrenrettung für eine Konstruktion, die trotz anhaltender Diskriminierung unaufhaltsam auf dem Vormarsch ist.“ (KELLER 1993: 219) liefern keine ernst zu nehmende Analyse des Problems, da sie lediglich auf einem subjektiven Eindruck einer Zunahme von weil mit Verbzweitstellung aufbauen.
Um die Frage „Sprachwandel - Ja oder Nein?“ adäquat beantworten und beurteilen zu können, wäre eine systematische Erforschung des Gebrauchs von kausalen Konjunktionen seit dem Althochdeutschen erforderlich, sowohl in der gesprochenen als auch in der geschriebenen Sprache. Es müsste geklärt werden: Wie und mit welcher Wortstellung wurde in welchen Situationen wie oft welche der zur Auswahl stehenden begründenden Konjunktionen verwendet? Während ausreichend Untersuchungen zu den Kausalsätzen des Gegenwartsdeutschen vorliegen, findet sich bislang keine umfassende Analyse unter diachroner Perspektive. Dies liege, wie Selting beispielsweise schreibt, an dem Problem, den tatsächlichen Sprachgebrauch der vorhergehenden Jahrhunderte nachvollziehen zu können. So sei eine „Beschreibungslücke“ vom 16. bis zum 19. Jahrhundert für weil-Verbzweit festzustellen (SELTING 1999: 191ff), die vermutlich nicht darauf zurückzuführen sei, dass weil nur mit Verbletztstellung verwendet wurde, sondern dass auch schriftlich fixierte Umgangssprache stark an der Norm orientiert war - so Selting.
Doch auf welche empirischen Erhebungen gründet sich nun die Diskussion um weil- Verbzweit?
Für frühere Sprachstufen des Deutschen finden sich vor allem bei Eroms (EROMS 1980) zahlreiche Belege, ebenso wie Selting (SELTING 1999) versucht, mit eigenen Analysen „Licht ins Dunkel“ der Beschreibungslücke zu bringen. Es hätte den Rahmen der vorliegenden Arbeit gesprengt, die Sekundärliteratur zur Wortstellung bei kausalen Konjunktionen im Mittelhochdeutschen oder Frühneuhochdeutschen1 zu rezipieren. Deshalb sollen dieser Arbeit die Ergebnisse zugrunde gelegt werden, die in den neueren Aufsätzen zitiert werden; die meisten Autoren haben sowohl eigene Korpora (Tonbandaufnahmen von Gesprächen. Radiosendungen o.ä.) zur Verfügung bzw. verwenden in ihrer Argumentation konstruierte Beispiele. Wegeners Aufsatz ist dabei der am meisten empirisch fundierte; sie vergleicht neben eigenen Erhebungen die Daten von Eisenmann (1973), Schlobinski (1992), Seiffert (1995) und Uhmann (1996), die sich ausschließlich der gesprochenen Sprache widmen (vgl. WEGENER 1999: 6ff). Folgende Schlussfolgerungen sind ihrer Ansicht nach daraus zu ziehen (vgl. WEGENER 1999: 6ff):
Erstens entspreche die Verwendung von weil-Verbzweit im Süddeutschen der Verwendung von denn im norddeutschen Sprachraum. Zweitens sei insgesamt ein bevorzugter Gebrauch von weil vor da und denn festzustellen. Aber drittens sei das Verhältnis zwischen Hauptsatzwortstellung und Nebensatzstellung ausgewogen, zumindest also im Untersuchungszeitraum von den 50er bis hin zu den 90er Jahren keine Zunahme oder ein „Vormarsch“ - wie Keller es nannte - von weil mit Verbzweitstellung erkennbar. Diese Ausgewogenheit zwischen Verbletztstellung und Verbzweitstellung sei auch in der schriftlichen Sprache vorzufinden, wobei da hauptsächlich denn-Verbzweit verwendet werde, so resümiert Wegener eine weitere Untersuchung (vgl. WEGENER 1999: 8).
Sagen nun diese Ergebnisse aus, dass sich die Sprachwissenschaft an diesem Punkt mit einem Problem beschäftigt, das jeglicher empirischer Grundlage entbehrt? Ist nicht eigentlich an dieser Stelle schon jegliche Diskussion um einen Sprachwandelprozess obsolet geworden, denn sprechen nicht schon die Fakten eine eindeutige Sprache? Was die Fakten sicherlich eindeutig klar machen, ist die Kritik an einem Teil der einschlägigen Forschung, die sich zu sehr von einem subjektiven Eindruck hat leiten lassen und sozusagen gegen einen „imaginären Feind“ anschreibt (z.B. Keller (1993)). Doch darüber hinaus ist der Sachverhalt nicht so einfach abzuhandeln. Hier sei nur eine Beobachtung von Sandig erwähnt: Sie stellte nämlich fest, dass Satzstrukturen heutiger Sprache der mittelhochdeutschen Schriftsprache sehr gleichen (vgl. SANDIG 1973: 49). Dies zeigt, dass mit dem Phänomen „weil-Verbzweit“ weit mehr Fragen verbunden sind, als der empirische Befund berührt hat, wie im folgenden zu sehen sein wird.
II. Beurteilung des Phänomens „weil+Verbzweitstellung“
[...]
1 Wie zum Beispiel: BETTEN, ANNE (1987): Grundzüge der Prosasyntax. Stilprägende Entwicklungen vom Altdochdeutschen zum Neuhochdeutschen, Tübingen. Oder WUNDER, DIETER (1965): Der Nebensatz bei Otfrid - Untersuchungen zur Syntax des deutschen Nebensatzes, Heidelberg.
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