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Heinrich von Kleists Käthchen von Heilbronn - Ein Schauspiel moderner Bewusstseinsproblematik

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 29 Pages
Author: Meike Julia Schurreit (geb. Greinert)
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 29
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V16436
ISBN (E-book): 978-3-638-21294-6

File size: 189 KB


Excerpt (computer-generated)

Seminar für Deutsche Philologie
der Georg-August-Universität Göttingen

Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“

Ein Schauspiel moderner Bewusstseinsproblematik
Hauptseminar Literaturwissenschaft:
Heinrich von Kleist II: Das dramatische Werk

Meike Julia Greinert
Oktober 2002

 

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort 1

2. Ein großes historisches Ritterschauspiel – das Wunderbare 2

3. Käthchen – eine Figur ohne Selbstidentität? 6

4. Der doppelte Traum 9

5. Holunderbuschszene – geglückte Verständigung zwischen Käthchen und Graf vom Strahl? 12

6. Kunigunde – Das Märchen von der falschen und der wahren Braut 17

7. Der Schluss des Käthchens 22

8. Schlussbemerkung 25

Literaturverzeichnis 26

 

1.Vorwort - Preface

If one was asked to mention some of the greatest works of Henry James, the answer would presumably comprise novels like The Portrait of a Lady, The American, The Ambassadors or the short novel Daisy Miller. But probably his short novel The Turn of the Screw would remain unmentioned. The following will take a closer look at this “little tale of horror”, as James himself has called it in a letter to W. D. Howells. Dealing with literature, one always has to take into consideration the fact that the literary work cannot be interpreted without the context of the time in which it was written. Consequently, the time of interest in this case is the American realism, to whose greatest writers Henry James definitely belongs. Having chosen The Turn of the Screw as basis for the following analysis, the question how the short novel fits into the scheme of realism will be present throughout the whole work. Of course, it would have been possible to concentrate on The Portrait of a Lady, which is said to be the best and obvious example of the literature of the American realism, but in my opinion James’s short novel The Turn of the Screw serves as a splendid example to show how the aims of realism can be developed and shown on the basis of one individual character. It is not always necessary to write a book full of complex characters and interweaved actions. My work intends to show that James has succeeded in setting out his realistic ideas in a short novel of about 80 pages; 80 pages that are “loaded” with tension, unanswerable questions and mysteries and which are therefore really worth being given a closer look at. The most interesting part of The Turn of the Screw is the unusual and ingenious way of narrating and the special and independent position the reader has to take if he does not want to remain on the text’s surface but to understand its underlying structure. Therefore, my main interest while writing the following pages will be the complex juxtaposition of different narrators and their significant effect on the novel’s content.

Furthermore, the analysis is going to show that it is almost impossible to come to a final and integrated interpretation of the short novel, although there can be found innumerable critical essays dealing with The Turn of the Screw. In the end, it will become obvious that this apparent inconspicuous little piece of fiction shows better than any other the complexity of human psyche and how much the latter depends on the right ability of realistic perception

2. Der amerikanische Realismus

Nähert man sich dem Begriff Realismus zunächst aus einer nicht-literarischen Perspektive, so assoziiert man mit ihm Vorstellungen wie: der Wirklichkeit entsprechend, real, unverstellt, wahrhaftig, realitätsnah usw.. Und tatsächlich sind es zum großen Teil ebendiese Assoziationen, die auch die realistischen amerikanischen Autoren vornehmlich mit ihm verbanden. In der historischen Entwicklung des amerikanischen Realismus schwenkt der Blick zunächst auf die europäische Literatur, besonders auf die englische und französische, die den amerikanischen Gründungsvätern William Dean Howells und Henry James als Orientierungsmodelle dienten. Literaturwissenschaftlich ist es zwar erwiesen, dass der amerikanische Realismus in entscheidendem Maße von dem europäischen beeinflusst wurde, doch hätten amerikanische Realisten wie Howells lauten Protest gegen diese Verwandtschaft erhoben. Schließlich ging es ihnen vorrangig um eine deutliche Abgrenzung von der ihrer Ansicht nach obsoleten bzw. unzeitgemäßen englischen Romantradition eines Dickens oder eines Thackerey, die in der Literatur am Ende des 19. Jahrhunderts ihrer Meinung nach deplaziert war. Doch was für eine literarische Richtung hielten sie für angemessen für ein Land, das sich in einer Zeit des rasanten technischen Fortschritts, immer tiefer greifenderer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und damit einhergehend einer deutlichen Abkehr von religiösen Erklärungsmustern befand? Heroische Einzelschicksale der meist historischen Helden amerikanischer Romane nach dem Bürgerkrieg lieferten dem amerikanischen Leser, der verstärkt nach Ansatzpunkten für die Bildung seiner Stellung in der amerikanischen Gesellschaft und seiner kulturellen Identität suchte, keine Möglichkeit mehr zur Identifikation. Die neue Form des Romans sollte, darin waren sich die amerikanischen Realisten der Zeit einig, eine zivilisationskritische und zivilisationsbildende Wirkung übernehmen, um somit Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft nehmen zu können. Hierzu bedurfte es einer Romanform, die direkt das Wirklichkeitsverständnis der Leser ansprach. Den Realisten, die sich übrigens erst ab etwa 1885 selbst Realisten nannten, ging es um eine neue Erfahrungsinstanz, die dem bisherigen metaphysischen Wirklichkeitsverständnis konträr gegenüber stand. Erkenntnis sollte nicht länger auf tradierte religiöse und somit fremd bestimmte Prinzipien begründet sein, vielmehr sollte jedes Individuum zu der Einsicht gelangen, dass es seiner eigenen, subjektiven Erfahrung trauen kann, um schließlich „Erfahrung im empirisch- positivistischen Sinn zur Basis einer intersubjektiven Erkenntnisund Konsensfähigkeit zu machen“1. Dass es hierbei aber nicht vordergründig um individuellen Erkenntniszuwachs, sondern darum ging, die Menschen durch die neue Romanform auf Stärken und Schwächen der amerikanischen Gesellschaft aufmerksam zu machen und letztlich den Gemeinsinn dieser Gesellschaft zu stärken, zeigen programmatische Schlüsselbegriffe wie complicity, fraternity, solidarity, common vision, common sense, common experience... Als Gegenbegriff dieses neuen, auf eigene Erfahrung fußenden Wirklichkeitsverständnisses diente der Begriff der romance, die „als infantile Tendenz zur Idealisierung, Romantisierung und zwanghaften Wirklichkeitsverkennung“2 polemisiert wurde. Wenn realistische Autoren jedoch den Anspruch erhoben, ihre Gesellschaftsform so objektiv, so realistisch wie möglich darzustellen, so muss man sich doch klar machen, dass es keine universale objektive Darstellung von Realität geben kann. Der Grund liegt darin, dass Autoren einer bestimmten Zeit selbstverständlich nur das als realistisch ansehen können, über das in ihrer Gesellschaft ein kultureller Konsens besteht.

[....]


1 Fluck, Winfried. „Der Amerikanische Realismus“. In: Zapf, Hubert (Hg.): Amerikanische Literaturgeschichte. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 1996. S. 174

2 a.a.O. S. 174


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