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Wissenschaftlicher Aufsatz, 2003, 12 Seiten
Autor: Dr. Richard Albrecht
Fach: Pädagogik - Päd. Soziologie
Details
Jahr: 2003
Seiten: 12
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-21349-3
Dateigröße: 169 KB
Richard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Dr.phil.; Dr.rer.pol.habil.) und lebt als Sozialpsychologe, Autor und Ed. von rechtskultur.de in Bad Münstereifel.
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Textauszug (computergeneriert)
Richard Albrecht
BEGABUNG/EN: FORSCHUNG UND FÖRDERUNG
(SOZIALWISSENSCHAFTLICHER PROBLEMAUFRISS)
"In einem relativ weiten Begriffsverständnis lässt sich Begabung als das Insgesamt personaler (kognitiver, motivationaler) und soziokultureller Lern- und Leistungsvoraussetzungen definieren, wobei die Begabungsentwicklung als Interaktion (person-) interner Anlagefaktoren und externer Sozialisationsfaktoren zu verstehen ist."
(V.Trinz; M.Schulz, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, 1999)
"Begabung ist erstens das Potential eines Individuums zu ungewöhnlicher oder auffälliger Leistung. Sie ist darüber hinaus zweitens ein Interaktionsprodukt, in dem das individuelle Potential mit der sozialen Umgebung in Wechselwirkung steht."
(Margrit Stamm, Zentralschweizerischer Trendbericht Begabungsförderung, 1999)
Inhalt
- HINWEISE AUF EIN DOPPELTES DEFIZIT 2
- GESELLSCHAFTLICHE NORMEN UND INDIVIDUELLE KREATIVITÄT 3
- ZWEI BIS FÜNF PROZENT... 4
- BEGABTENFÖRDERUNG ALS SUBJEKTÖKONOMIE 7
- REFLEXIVE MODERNISIERUNG UND ERWEITERTE LERNKULTUR 8
- ´VERGNÜGEN AM EIGENEN TUN´ ... 9
- Anmerkungen 11
HINWEISE AUF EIN DOPPELTES DEFIZIT
Zugegeben: Meine subjektive/n Beobachtung/en besonders der letzten 12 oder 15 Jahre mögen verzerrt sein…oder auch nicht: Als ich mich Ende der 80er Jahre für eine dritte "lebende" Fremdsprache "vor Ort" in Klasse 9/Sekundarstufe I eines kurstädter Gymnasium in Nordrhein-Westfalen (NRW) engagierte, erfuhr ich wohl Unterstützung aus dem Kölner Regierungspräsidium, auch ein engagierter Spanischfachlehrer wollte; nur wurde ´aus welchen Gründen auch immer´ so gar nichts draus. Als ich mich Anfang der 90er Jahre für eine "austrische" Abiturmöglichkeit (nämlich bei entsprechenden Voraussetzungen und Bedingungen auch in Deutschland das Abitur nach 12 Jahren ablegen zu können) öffentlich aussprach, war dies eine harte Minderheitenposition.
Inzwischen gibt es an deutschen Schulen spezielle Fördergruppen für türkischen Muttersprachenunterricht.
Weiß denn hierzulande wirklich niemand, dass in Luxemburg Fachunterricht in den letzten Jahren vor der Matura fremdsprachig -deutsch in den naturwissenschaftlichen, französisch in den geisteswissenschaftlichen Fächern- stattfindet ? Und dass im heutigen Finnland in einigen Fächern schon im Sekundarstufe-I-Bereich deutschsprachig unterrichtet wird ? Und dass in Europa typischerweise zwölf Schuljahre zur Vorbereitung eines Hochschulstudiums für ausreichend angesehen werden ?
Meine Kernthese lautet: Wenn das allseitige Gerede -um nicht zu sagen: formelhafte Beschwören- von Erfordernissen einer wie immer begründeter und beschriebener "Informations- und Wissensgesellschaft" überhaupt kulturell Sinn machen soll…dann doch nur, um jenseits von Ranzen und/als Laptop und Windows-Softwareanwendung/en auf eine gesellschaftliche Aufgabe aufmerksam zu machen: Darauf, dass es nun erneut -und so gar nicht mehr vergleichbar mit dem Prozess der "Ausschöpfung der Begabtenreserven" (Georg Picht) vor etwa 40 Jahren- darauf ankommt, zu erkennen, dass jeder wirtschaftliche Fortschritt soziokulturell und bildungsstrukturell fundiert und dieser ohne jene nicht nur empirisch nicht möglich ist; sondern dass dies auch gesellschaftsstrukturell nicht möglich ist.
Hingegen beobachte ich ein doppeltes Defizit: Anstatt dass produktive Begabungen und kreative Talente sowohl individuell gefördert (Aspekt des individuellen Anrechts) und gesellschaftlich gefordert (sozialer Verpflichtungsaspekt) werden…geschieht hierzulande das Gegenteil: (Hoch-) Begabte haben sich individuell dem gesellschaftlich dominanten Mittelmass zu unterwerfen - das oft nicht quantitatives Mittelmass, sondern qualitativ weniger: abgesenkter Durchschnitt, unterdurchschnittlich-, kurz: submedioker ist. Und insofern auch eine Spiralentwicklung nach unten ausdrückt.
Demgegenüber gilt es jedoch, einerseits individuelle produktive Potenzen u n d entsprechende gesellschaftliche Organisiertheit von sozial anerkannten kulturellen Milieus als subjektive Seiten des sozialökonomischen und sozialkulturellen "Volksvermögens" zu fördern oder/und zu entwickeln (um nicht zu sagen: zu hegen und pflegen); und dieses nicht zu verhindern und/oder zu zerstören.
GESELLSCHAFTLICHE NORMEN UND INDIVIDUELLE KREATIVITÄT
Die bedeutende praktische Sozialphilosophin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Hannah Arendt (1906-1975), hat in ihrem zuerst 1958 erschienenen Buch "The Human Condition" das, was vor 2o Jahren in der (bundes-) deutschen Soziologie "Ende der Arbeitsgesellschaft" hieß, weitsichtig beschrieben. Dabei zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass Hannah Arendt nicht nur den "Elementen und Ursprüngen" des Totalitarismus -so der deutsche Titel ihrer ´Bibel des Antitotalitarismus- auf der Spur war, sondern auch Elementen und Ursprüngen von Gesellschaft überhaupt [1]…durchaus in der phänomenologischen Tradition Georg Simmels, der als Soziologe die insofern "ärgerliche" Tatsache von Vergesellschaftungsprozessen erkannte, weil sie dem einzelnen als Zwangsveranstaltung erscheinen muss. Ralf Dahrendorf hat diesen zentralen Aspekt von Gesellschaft als Zwangsregime vor zehn Jahren bündig zusammengefasst:
[...]
[1] Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom tätigen Leben. München-Zürich, Neuausgabe 1981,S. 38-49
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