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Sozialkompetenz (Teil II) - Familiale Sozialisation, Moralentwicklung, Soziale Kognition und Identität

Script, 2003, 86 Pages
Author: Kathrin Reif
Subject: Pedagogy - Pedagogic Sociology

Details

Category: Script
Year: 2003
Pages: 86
Bibliography: ~ 24  Entries
Language: German
Archive No.: V16541
ISBN (E-book): 978-3-638-21366-0

File size: 562 KB
Notes :
Inkl. Sekundärliteraturangaben.


Abstract

Grundlagen der Entwicklung von Sozialkompetenz sind unter anderem familiale Sozialisation, Moralentwicklung, soziale Kognition und die Identitätsentwicklung. Die Familie ist die primäre Sozialisationsinstanz für Kinder, die ihren weiteren Werdegang maßgeblich beeinflusst. Daher geht das Skript darauf ein, welche Aspekte der familialen Interaktion und der Familienstruktur die Entwicklung sozialer Kompetenz positiv und negativ formen können (z. B. frühe Mutter-Kind- bzw. Vater-Kind-Interaktion, soziale Netzwerke, Generationenkonflikte, Peer-Beziehungen). Zur Sozialkompetenz gehört auch die Fähigkeit, moralische Urteile bilden und entsprechend handeln zu können. Soziale Erfahrungen sind dabei die Basis der moralischen und kognitiven Entwicklung. Theorien der Moralentwicklung, sozial-kognitive Lerntheorien und tiefenpsychologische Theorien versuchen die Entstehung von Moral sowie die Zusammenhänge zwischen Urteilen und Handeln unterschiedlich zu erklären. Zudem wurden verschiedene Modelle zur moralischen Erziehung konzipiert, die gezielt versuchen, die moralische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu fördern (z. B. in der Schule). Soziale Kognition über Personen und Ereignisse sowie Gruppen und Normen ist Bestandteil der Urteilsbildung. In sozialen Interaktionen kommt es darauf an, zu ermitteln, welche Botschaften der Gesprächspartner empfängt und sendet, sich in diesen hineinversetzen und auf psychosozialer Ebene diesem anpassen zu können. Dabei spielt das Aufstellen und Testen von individuellen Hypothesen, Heuristiken und Attributionen in der Personenwahrnehmung eine große Rolle. Bereits im Kindesalter sind Menschen dazu fähig, fremde Perspektiven zu übernehmen. Daher wurden konkrete Spielprogramme und Materialien zur Förderung sozialer Kognitionen entwickelt. Wissen über das eigene Selbst spielt ebenfalls eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von Sozial- und Selbstkompetenz. Die bekanntesten Identitätskonzepte stammen von Sigmund Freud und George Herbert Mead. Identität und Selbstfindung sind vor allem die grundlegenden Themen im Jugendalter, in der verschiedene Phasen durchlaufen werden. Erziehung, Bildung und Medien spielen dabei eine große Rolle.


Excerpt (computer-generated)

Grundlagen des Entstehens von Sozialkompetenz (Teil II)

Kathrin Reif

1. Familiale Sozialisation

1.1 Sozialisation
1.1.1 Definitionsversuch
1.1.2 Kennzeichnung von Sozialisation
1.2 Die Familie und ihre geschichtliche Entwicklung

1.2.1 Definition „Familie“
1.2.2 Geschichtliche Entwicklung der Familie

1.3 Familiale Sozialisation in der intakten Familie
1.3.1 Zentrale Begriffe
1.3.2 Familiale Sozialisation

1.4 Soziale Entwicklung und Sozialisation im Kindesalter
1.4.1 Das Kind als soziales Wesen
1.4.2 Diskriminierung zwischen sozialer und materieller Welt
1.4.3 Strukturierung der sozialen Umwelt
1.4.4 Funktionen des sozialen Netzwerks
1.4.5 Formen sozialer Beeinflussung
1.4.6 Familiale Sozialisation im Kindesalter

1.5 Mutter-Kind-Interaktion
1.5.1 Das soziale Bindungssystem zwischen Mutter und Kind
1.5.2 Bindungsverhalten
1.5.3 Die Versuchsanordnung der „fremden Situation“ (Ainsworth et al., 1978)
1.5.4 Bedingungen der Interaktionskompetenz
1.5.5 Dyadische Interaktion vs. Soziales-Netzwerk-Modell
1.5.6 Epigenetisches Entwicklungsmodell vs. Soziales-Netzwerk-Modell

1.6 Die Rolle des Vaters bei der Entwicklung des Kindes
1.6.1 Qualitative Aspekte und soziale Funktionen der Vater-Kind-Beziehung
1.6.2 Bedeutung der väterlichen Betreuung für die Entwicklung des Kindes

1.7 Familiale Sozialisation im Jugendalter
1.7.1 Allgemeine Veränderungen
1.7.2 Die These von der Generationenkluft
1.7.3 Funktionen von Freundschaftsgruppen in der Präadoleszenz

1.8 Veränderungen innerhalb der Familienstruktur und ihre Folgen
1.8.1 Unterschiedliche Familienstrukturen
1.8.2 Folgen für die Sozialisation anhand von drei Beispielen
1.8.3 Besondere Familiensituationen und ihre Folgen für die Sozialisation

2. Moralentwicklung

2.1 Klärung der Begrifflichkeiten

2.2 Theorien der Moralentwicklung – psychologische Konzepte der Moral
2.2.1 Lerntheorie
2.2.2 Theorie des sozialen Lernens
2.2.3 Tiefenpsychologie
2.2.4 Psychologische Herangehensweisen an die Untersuchung von Moral

2.3 Sozial-kognitive Prozesse

2.4 Kognitive Entwicklungstheorie nach Lawrence Kohlberg
2.4.1 Kognitiv-entwicklungsorientierte Theorien
2.4.2 Kohlbergs Moralbegriff
2.4.3 Beschreibung der Stadien des moralischen Urteils
2.4.4 Moralentwicklung – aber wie?
2.4.5 Einige Kritikpunkte an Kohlbergs Theorie (vgl. Batisweiler, 2000)

2.5 Egozentrismus und Perspektivenübernahme
2.5.1 Die Konzepte
2.5.2 Empirische Forschungen und ihre Folgerungen
2.5.3 Entwicklung der sozialen Perspektivenübernahme

2.6 Weitere Forschungen zur sozial-kognitiven Entwicklung: Bereiche sozialen Wissens

2.7 Die Beziehung zwischen sozialer und kognitiver Entwicklung: Problemfelder und neuere Ansätze
2.7.1 Das Problem der Bereiche des Denkens
2.7.2 Formaler Parallelismus und kognitiver Primat
2.7.3 Transaktionaler Ansatz
2.7.4 Kognitiv-affektive Wechselwirkungen
2.7.5 Soziale Erfahrungen als Voraussetzungen der kognitiven Entwicklung

2.8 Zusammenhang zwischen Urteilen und Handeln
2.8.1 Selbstverantwortlich und Konsistenzstreben nach Blasi
2.8.2 Situationsmodell nach Garz
2.8.3 Konzept der „moralischen Schuldenbank“ nach Nisan
2.8.4 Prozessmodell nach James Rest
2.8.5 Exhaustationsmodell nach Oser

2.9 Moral der Fürsorge nach Carol Gilligan

2.10 Praktische Anwendung: Moralische Erziehung
2.10.1 Die Sozialwelt der Kinder als Übungsfeld moralischen Handelns
2.10.2 Moralerziehung und -entwicklung in der Schule
2.10.3 Fazit

3. Soziale Kognition

3.1 Definition

3.2 Teilfähigkeiten „Sozialer Kognition“ (nach Croissier, 1979)
3.2.1 Was sieht der Andere?
3.2.2 Was denkt der Andere?
3.2.3 Was weiß der Andere über einen gemeinsamen Kommunikationsgegenstand?
3.2.4 Was fühlt der Andere?
3.2.5 Was will der Andere?
3.2.6 Was ist der Andere für eine Person?
3.2.7 Was ist dies für eine Situation?

3.3 Entwicklungspsychologische Sicht
3.3.1 Soziale Kognition über Personen und Ereignisse
3.3.2 Soziale Kognition über Gruppen und Normen
3.3.3 Soziale Kognition und soziale Interaktion
3.3.4 Soziale Kognition und psychosoziale Anpassung

3.4 Sozialpsychologische Sicht
3.4.1 Soziale Urteilsbildung (durch algebraische Modelle)
3.4.2 Bestätigung von Hypothesen
3.4.3 Heuristiken
3.4.4 Personenwahrnehmung

3.5 Attribution

3.6 Spielprogramme und Materialien zur Sozialerziehung

4. Grundlagen des Entstehens von Sozialkompetenz: Identität

4.1 Sigmund Freud (1856-1939)
4.1.1 Kurzbiographie
4.1.2 Psychoanalytische Persönlichkeitstheorie
4.1.3 Psychische Qualitäten
4.1.4 Kritik an Freud

4.2 George Herbert Mead (1863-1931)
4.2.1 Kurzbiographie
4.2.2 Allgemeines
4.2.3 Meads Identitätskonzept
4.2.4 „Die einsame Masse“
4.2.5 Neuere Themen und Ansätze der Identitätsforschung
4.2.6 Kritik am Identitätsbegriff

4.3 Die Entwicklung der Identität
4.3.1 „Identität“ und „Selbst“
4.3.2 Selbstfindung
4.3.3 Die verschiedenen Phasen der Selbstfindung

4.4 Identität als zentrales Thema des Jugendalters
4.4.1 Zum Begriff der „Identität“
4.4.2 Identität im Jugendalter
4.4.3 Eriksons Konzeption der Identität (zusammengefasst von Blasius, 1988)
4.4.4 Das Ringen um Identität – Formen des Identitätsstatus nach Marcia
4.4.5 Exkurs: Suizid im Jugendalter

4.5 Erziehung und Identität
4.5.1 Erziehung und Bildung
4.5.2 Erziehung nach Brezinka
4.5.3 Erziehung nach Klinger
4.5.4 Allgemeines

4.6 Identität und Medien
4.6.1 Was sind Medien und was bewirken sie?
4.6.2 Wirkungsarten der Medien

 

1. Familiale Sozialisation

„Die Qualität des Familienlebens wirkt sich stark auf das psychische Wohlbefinden des einzelnen aus. Familie steht für Freude und Leid, Harmonie und Konflikte, Liebe und Feindseligkeit, Zärtlichkeit und Gewalt. Sie kann an Belastungen wie Behinderung, Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Suchterkrankung oder Arbeitslosigkeit eines Familienmitgliedes zerbrechen oder an ihnen wachsen. Sie kann die seelische Gesundheit ihrer Mitglieder fördern oder zur Ausbildung von psychischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten beitragen.

Vor allem aber wirkt sie auf Kinder ein: Die Familie ist die erste Gruppe, der der Mensch in seinem Lebenslauf angehört (Primärgruppe). So prägt sie die physische, kognitive, emotionale, psychische und soziale Entwicklung von Kindern, legt zu einem großen Teil die Grundstruktur ihrer Persönlichkeit fest. Pathogene Familieneinflüsse können die kindliche Entwicklung schädigen und zu symptomatischem Verhalten führen“ (Textor, 1991).

1.1 Sozialisation
1.1.1 Definitionsversuch

„Sozialisation wird verstanden als der Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Vorrangig thematisch ist dabei die Frage, wie der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet“ (Geulen & Hurrelmann, 1982).

„Soziale Entwicklung“ ist die Veränderung der Beziehungen eines Individuums zu anderen Menschen oder Gruppen von Menschen im Laufe des Lebens (z. B. Mutter-Kind-Interaktion, Kinder und Freunde, Auseinandersetzung mit Entwicklungsaufgaben und psychosozialen Krisen; vgl. Schmidt-Denter, 1996).

1.1.2 Kennzeichnung von Sozialisation
1) Abgrenzung:

  • Reifung: Sozialisation geht nicht nur von einer biologisch vorbestimmten Entwicklung des Menschen aus; die Bedeutung sozialer Interaktion wird betont.
  • Anpassung: Gesellschaftliche Fähigkeiten werden nicht einfach übernommen, sondern auch vom Einzelnen aktiv beeinflusst; man wird nicht nur sozialisiert, sondern sozialisiert sich auch selbst.
  • Erziehung: Sozialisation ist nicht immer ein geplanter Vorgang. Viele Faktoren spielen bei der Sozialisation eine Rolle, die nicht Bestandteil der Erziehung sind. Allerdings spielt Erziehung im Sozialisationsprozess eine wichtige Rolle.

[...]


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