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Thesis (M.A.), 2003, 114 Pages
Author: Jens-Uwe Ossenkop
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology
Details
Tags: Konstruktion, Identität, Martinique
Year: 2003
Pages: 114
Grade: 1,1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-21931-0
ISBN (Book): 978-3-638-92142-8
File size: 304 KB
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Abstract
Dieses Buch beschäftigt sich mit dem Phänomen der nationalen Identität auf der französischen Karibikinsel Martinique. Was heisst es dort Franzose zu sein, was heisst es Martiniquais zu sein? Der Begriff der nationalen Identität ist nicht leicht zu greifen, es gibt verschiedene Interpretationen, wie die Diskussion in Ethnologie und Politikwissenschaft zeigt. Hier wird die politische Identität am Beispiel Martiniques untersucht, einer 380.000 Einwohner zählenden Insel, die seit 1946 als Überseedepartement einen vollwertigen Teil Frankreichs bildet. Seit den Fünfziger Jahren bildeten sich in Martinique politische Bewegungen, die mehr Eigenständigkeit oder gar die Unabhängigkeit vom französischen Zentralstaat einforderten, diese Debatte dauert bis heute an. Wie bildet sich eine nationale Identität und in welchem Zusammenhang steht sie zum politischen Kontext? Dazu wurden vom Autor in empirischer Arbeit qualitative Interviews geführt, um die Diskurse von Politikern und Intellektuellen zur Frage der nationalen Identität zu untersuchen, um im Detail zu betrachten, wie sie nationale Identität konstruieren. Zuerst werden allgemeine theoretische Überlegungen zum Begriff der nationalen Identität aufgestellt. Dabei werden unterschiedliche Entwicklungen in Frankreich und Deutschland genauer betrachtet. Danach wird die sozialwissenschaftliche Debatte zum Begriff der Nation aufgegriffen, um anhand führender Nationalismus-Theoretiker (Gellner, Anderson etc.) bestimmte Aspekte zu verdeutlichen. Dann wird ein Einblick in die Geschichte und die aktuelle politische Situation Martiniques gegeben. Es wird ein historischer Überblick von der Gründung der französischen Kolonie 1635 bis zur Gegenwart geboten. Die politische Landschaft wird dargestellt, wobei die unterschiedlichen Strömungen und Parteien genauer betrachtet werden. Nun folgt der umfangreiche empirische Teil, wo auf der Diskursebene aus den einzelnen empirischen Quellen die verschiedenen Positionen von Politikern und Intellektuellen in der Debatte um nationale Identität untersucht werden. Dabei werden Aspekte wiederaufgegriffen, die in der theoretischen Debatte zum Begriff der Nation aufgestellt wurden und eine Diskursanalyse durchgeführt. Im Schlußteil wird, unter Berücksichtigung von Bourdieus Begriff des „performativen Diskurses“, der Zusammenhang von Diskursen und dem politischem Feld betrachtet. Die Rolle Martiniques im Spannungsfeld zwischen Unabhängigkeit und französischem Departement wird diskutiert.
Excerpt (computer-generated)
Freie Universität Berlin
Die Konstruktion nationaler Identität in Martinique
Magisterarbeit
von
Jens-Uwe Ossenkop
29.1.2003
Inhaltsangabe
Die Arbeit untersucht die Debatte um nationale Identität in Martinique. Martinique, als ein in der Karibik liegendes französisches Überseedepartement (DOM), ist ein vollberechtigter Teil Frankreichs, die Einwohner haben gleiche Rechte wie alle anderen Franzosen.
Ebenso wie in Korsika und anderen Teilen Frankreichs und Europas haben sich in Martinique politische Bewegungen gebildet, die mehr politische Rechte fordern, d.h. Autonomie oder sogar die Unabhängigkeit. Führende Vertreter dieser Bewegung sowie ihre politischen Gegner wurden interviewt, die Analyse dieser Diskurse bildet den Hauptteil der Arbeit.
Vorher wird eine Einführung in die Geschichte und politische Landschaft Martiniques gegeben.
Am Beginn werden als theoretische Basis die Begriffe der Nation und der nationalen Identität, inbesondere im deutschen und französischen Kontext, diskutiert und einige Aspekte der Debatte anhand namhafter Autoren (Anderson, Gellner u.a.) genauer betrachtet. Dies wird im Zusammenhang zur Identitätskonstruktion im politischen Feld (Bourdieu) gesetzt.
Abschließend wird diskutiert, inwieweit diese Diskurse über nationale Identität politisch wirksam sind und ein Ausblick gegeben.
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung ... 1
2 Theoretische Ansätze: Sprachliche Repräsentationen und soziale Identität
2.1 Sozialanthropologische Ansätze: Die Konstruktion nationaler Identität
2.1.1 Der Begriff nationale Identität ... 4
2.1.2 Der Begriff der Nation aus deutscher und französischer Sicht: Etymologie und Bedeutungswandel im Vergleich ... 8
2.1.3 Die sozialwissenschaftliche Debatte zu Begriff und Phänomen der Nation
2.1.3.1 Renan: Erbe von Erinnerungen und Wille ... 16
2.1.3.2 Gellner: Kultur und Wille ... 17
2.1.3.3 Eriksen: Begrenzung ... 18
2.1.3.4 Anderson: Souveränität und Begrenzung ... 19
2.1.4 Identität und Repräsentation im politischen Feld ... 21
2.2 Zusammenfassung: Verschiedene Diskursstränge bei der Konstruktion nationaler Identität ... 25
3. Geschichte und Gegenwart als Hintergrund
3.1 Geschichtliche Entwicklungen: Martinique und Frankreich
3.1.1 Von den Anfängen bis 1848 ... 27
3.1.2 1848 bis zur Gegenwart ... 29
3.2 Geschichte und nationale Identität ... 32
3.3 Das Politische Feld in Martinique ... 35
3.3.1 Politische Institutionen ... 36
3.3.2 Der sozioökonomische Rahmen ... 37
3.3.3. Politische Entscheidungsebenen ... 39
3.3.4 Politische Parteien ... 40
3.3.4.1 Independentisten ... 41
3.3.4.2 Autonomisten ... 42
3.3.4.3 Departementalisten ... 43
3.3.5 Intellektuelle ... 45
3.4 Zusammenfassung ... 47
4. Empirischer Teil: Diskurse und Repräsentationen nationaler Identität in Martinique
4.1 Diskurse über nationale Identität ... 49
4.1.1 Vorläufer: "Des origines de la nation martiniquaise" ... 50
4.1.2 Entwicklung und Ebenen des Begriffs der Nation in Martinique ... 53
4.1.3 Aktuelle Diskurse der Politiker ... 55
4.1.3.1 Independentisten ... 56
4.1.3.2 Autonomisten ... 62
4.1.3.3 Departementalisten ... 69
4.1.4 Intellektuelle ... 74
4.2 Legitimierungsdiskurse der Politiker ... 80
4.2.1 Independentisten ... 81
4.2.2 Autonomisten ... 82
4.2.3 Departementalisten ... 84
4.3 Zusammenfassung der Diskurse ... 87
5. Fazit und Ausblick: Die Konstruktion nationaler Identität und ihre politische Wirksamkeit ... 92
6. Literatur- und Quellenverzeichnis: ... 105
1. Einleitung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der nationalen Identität. Das geschieht am Beispiel Martiniques, einer 380.000 Einwohner zählenden Insel der Kleinen Antillen, die seit 1946 als Überseedepartement vollständiger Teil Frankreichs ist. Seit den Fünfziger Jahren bildeten sich in Martinique politische Bewegungen, die mehr Eigenständigkeit vom französischen Zentralstaat einforderten. Diese Debatte ist auch heute noch aktuell und wird hier aufgegriffen.
Der Begriff nationale Identität ist nicht leicht zu greifen. Es gibt in der sozialwissenschaftlichen Debatte zahlreiche, verschiedene Interpretationen, darauf wird in dem folgenden theoretischen Kapitel ausführlicher eingegangen. In dieser Arbeit soll diskutiert werden, wie nationale Identität gebildet wird und in welchem Zusammenhang diese Entwicklung zum politischen Kontext steht. Deshalb werden Diskurse von Politikern und Intellektuellen zur nationalen Identität untersucht, um im Detail zu betrachten, wie sie nationale Identität konstruieren. Die verwendeten Daten stammen in erster Linie aus einer von mir von Januar bis März 2002 durchgeführten selbstorganisierten Lehrforschung. Dabei arbeitete ich mit Frau Ulrike Zander zusammen, Doktorandin an der EHESS in Paris und an der Freien Universität Berlin, der ich für das zur Verfügung gestellte Material danken möchte. Während Frau Zander sich mit dem Nationalbewußtsein der breiten Bevölkerung beschäftigt, liegt der Ansatz dieser Arbeit bei den Politikern und Intellektuellen, die die öffentliche Debatte bestimmen. In empirischer Arbeit wurden die Diskurse dieser beiden Gruppen zur nationalen Identität aufgenommen, wobei in erster Linie Interviews mit den Politikern der verschiedenen politischen Strömungen und einigen Intellektuellen geführt wurden. Zwischen dem 20. Februar und dem 4. März 2002 fand der 2. Kongreß der Abgeordneten Martiniques statt, der über Vorschläge der französischen Regierung für eine größere Selbständigkeit Martiniques zu befinden hatte. Die Debatte dieses Kongreßes wird hier teilweise aufgegriffen. Diese Diskurse, ergänzt durch einige Schriften, werden in dieser Arbeit mit Bezug auf das Phänomen der nationalen Identität analysiert. Darüber hinaus wird die Ebene der Diskurse mit der politischen Ebene in Zusammenhang gesetzt, um die Diskurse zur nationalen Identität in den politischen Kontext einzuordnen.
Der Hauptteil der Arbeit gliedert sich in drei Teile. Zuerst werden im zweiten Kapitel allgemeine theoretische Überlegungen zu Phänomen und Begriff der nationalen Identität aufgestellt. Dann wird ein genauerer Blick auf unterschiedliche Entwicklungen in Frankreich und Deutschland geworfen. Danach wird die sozialwissenschaftliche Debatte zum Begriff der Nation aufgegriffen, um anhand führender Theoretiker bestimmte Aspekte des Begriffes der Nation aufzuzeigen. Daraufhin werden Bourdieus Gedanken über den Zusammenhang von sprachlicher Repräsentation, der Konstruktion von Gruppenidentität und dem politischem Feld dargestellt, insbesondere wird der Begriff des ‚performativen Diskurses′ eingeführt. Damit soll ein theoretischer Bezugsrahmen für die Analyse der Diskurse im empirischen Teil, dem vierten Kapitel, entwickelt werden.
Im dritten Kapitel wird ein Einblick in die Geschichte und die aktuelle politische Situation Martiniques gegeben. Deshalb wird ein Überblick über historische Entwicklungen von der Gründung der französischen Kolonie bis zur Gegenwart geboten. Auf einige für die nationale Identität wichtige Ereignisse wird genauer eingegangen. Dann werden verschiedene Seiten der politischen Landschaft dargestellt, wobei die unterschiedlichen Strömungen und Parteien genauer betrachtet werden. Der Leser soll somit in den Hintergrund der Debatte um das Phänomen der nationalen Identität in Martinique eingeführt werden.
Im vierten Kapitel, das auch das umfangreichste ist, folgt der empirische Teil der Arbeit. Hier werden anhand der Diskurse aus den empirischen Quellen die verschiedenen Positionen von Politikern und Intellektuellen in der Debatte zur nationalen Identität dargestellt. Dabei werden Aspekte wiederaufgegriffen, die im theoretischen Teil der sozialwissenschaftlichen Debatte zum Begriff der Nation aufgestellt wurden. Es wurde versucht sowohl bei der Aufnahme der Diskurse als auch bei deren Darstellung eine möglichst große Bandbreite abzudecken, um die verschiedenen politischen und intellektuellen Strömungen zu Wort kommen zu lassen.
Im Schlußteil wird, unter Berücksichtigung von Bourdieus Begriff des ,performativen Diskurses′, der Zusammenhang von Diskursen und politischer Wirksamkeit diskutiert. Dabei wird auf die einschlägige Literatur zur nationalen Identität in Martinque eingegangen. Es werden die wichtigsten Argumente zusammengefaßt und ein Ausblick gegeben.
2. Theoretische Ansätze: Sprachliche Repräsentationen und soziale Identität
2.1 Sozialanthropologische Ansätze: Die Konstruktion nationaler Identität
2.1.1 Der Begriff nationale Identität
Ein Grundmerkmal der Debatte um nationale Identität ist die Vielzahl der Definitionen und Begriffe. Hinzu kommt, daß verschiedene Disziplinen sich mit diesem Gegenstand befassen. Hier wird zuerst der Begriff der Identität eingegrenzt, bevor verschiedene Aspekte der nationalen Identität diskutiert werden.
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