Autor: Norman Tannert
Fach: Politik - Int. Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände
Details
Jahr: 2003
Seiten: 18
Note: 1,3
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 184 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-22006-4
Eine Seminararbeit, die versucht, das Phänomen "Attac" politikwissenschaftlich zu erklären und zu verorten. Beachtung finden vor allem Struktur, Organisation, Ziele, Mobilisierungsstrategien und die Öffentlichkeitsarbeit der Globalisierungskritiker. Zusätzlich wird auf weitere Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven der Organisation eingegangen.
Textauszug (computergeneriert)
Hausarbeit zum Seminar
„Die Rolle von NGOs und privatwirtschaftlichen Akteuren in
den internationalen Beziehungen“
Sommersemester 2002
Verwaltungswissenschaften
„Die Märkte entschärfen“ –
Attac als internationale soziale Bewegung
Norman Tannert
INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung – Zur Entstehung von Attac
II. Attac als soziale Bewegung
II.1. Struktur und Organisation von Attac
II.2. Ziele von Attac
II.3. Mobilisierung
II.4. Fazit
III. Perspektiven der bewegung Attac
IV. Quellenverzeichnis
I. Einleitung – Zur Entstehung von Attac
Ignacio Ramonet, seines Zeichens Chefredakteur der linksintellektuellen Monatszeitung Le Monde Diplomatique, veröffentlichte 1997 einen Artikel, der den Charakter eines Meilensteins annehmen sollte. Unter der Überschrift ‚Die Märkte entschärfen‘ formulierte er den Vorschlag, eine weltweite NGO mit dem Namen Attac (Association pour la Taxation des Transaction pour l’Aide aux Citoyens)1 zu gründen. Ziel sollte es sein, durch die Einführung der Tobin-Steuer endlich der Verselbständigung spekulativer Geldströme auf dem internationalen Finanzmarkt Herr zu werden, die – wie die Asien-Krise kurz vorher gezeigt hatte – das Potential hatten, ganze Volkswirtschaften zu bedrohen. Eine Flut von Leserbriefen bestärkte die Redaktion in diesem Vorschlag, so dass im Juni des Jahres 1998 eine Arbeitsgruppe aus Journalisten, Wirtschaftswissenschaftlern, Juristen, Politologen und Gewerkschaftsmitgliedern offiziell das Statut und die Erklärung von Attac verabschiedeten. Innerhalb von fünf Monaten war die Mitgliederzahl in Frankreich bereits auf 5.000 angestiegen, im November 2001 waren es 30.000. Doch auch international hat sich Attac schnell ausgebreitet. Die im Dezember 1998 gegründete internationale Attac-Bewegung umfasst heute ca. 60.000 Mitglieder in 41 afrikanischen, asiatischen, europäischen und lateinamerikanischen Ländern.2
Von großem Einfluß auf die schnelle Expansion von Attac war auch der günstige Entstehungsmoment. Abgesehen von der sogenannten Dezember-Bewegung, die – verbunden mit einer umfangreichen Streikwelle – in Frankreich zu einer breiten Skepsis gegenüber dem neoliberalen Diskurs geführt hatte, war durch die Finanzkrisen in Russland, Asien und Lateinamerika sowie dem Versuch eines multilateralen Investitionsabkommens (MAI) auch ein geändertes internationales politisches Klima zu beobachten.3 Der Erfolg, den sich wohl nicht einmal die Gründerväter von Attac hätten träumen lassen, war ausschlaggebend dafür, dass man das ursprüngliche Konzept einer international agierenden NGO in nur wenigen Monaten zugunsten einer globalen globalisierungskritischen Bewegung eintauschte. Attac versteht sich heute als „transnationale Bewegungsorganisation“, als „aktionsorientierte Volksbildungsbewegung“, die sich die „ökonomische Alphabetisierung der Bevölkerung“ zum Ziel gemacht hat.4 Ihr Zielkatalog ist nicht mehr nur auf die Einführung der Tobin-Steuer beschränkt, sondern umfasst im Grunde die gesamte neoliberal dominierte Globalisierung mit den Themen, die sich als Negativkonsequenz daraus ergeben.
Umso erstaunlicher nimmt sich der Erfolg von Attac aus, wenn man sich die Situation der sozialen Bewegungen in den 90er Jahren, kurz vor der Gründung, vergegenwärtigt. Peter Wahl, Geschäftsführer der NGO ‚Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung – WEED‘ und Gründungsmitglied von Attac Deutschland, zog damals eine deprimierende Bilanz der europäischen Bewegungslandschaft. Alle soziale Bewegungen mit emanzipatorischem Anspruch seinen von einer strukturellen Dauerkrise betroffen. Aktionsmüdigkeit, Motivationsschwierigkeiten, Resonanzverlust und Nachwuchsmangel seien Ausdruck davon.5 Ist Attac also nur ein Strohfeuer, eine zeitlich begrenztes Phänomen, das früher oder später an den gleichen Problemen wie die neuen sozialen Bewegungen in den 90er Jahren kranken und darben wird? Kann man für Attac überhaupt denselben analytischen Rahmen anlegen, wo es sich doch dem Selbstverständnis nach um eine internationale Bewegung handelt? Um auch nur halbwegs gesicherte Voraussagen über die weitere Entwicklung von Attac respektive ihre momentanen Perspektiven tätigen zu können, scheint es unerlässlich, eine Einordnung in das Konzept der sozialen Bewegung vorzunehmen. Dieser und der Frage, inwieweit es sich bei Attac tatsächlich um eine internationale Bewegung handelt und handeln kann, soll die Hausarbeit im folgenden nachgehen.
II. Attac als soziale Bewegung
Attac mag ein breites Spektrum der globalisierungskritischen Bewegung abdecken, eine Gleichsetzung damit wäre jedoch falsch. Dieter Rucht erinnert in seinem Aufsatz „Herausforderungen für die globalisierungskritischen Bewegungen“ daran, dass schon lange vor der Gründung von Attac ein Netzwerk von Gruppen entstanden war, das sich kritisch mit Welthandel, Armut in der dritten Welt und ähnlichen Problemen befasst hatte.6 Dass Attac dennoch in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals als die Bewegung selbst bzw. ihr „Dachverband“7 gesehen wird, liegt vor allem daran, dass sie diese Themen als erster in die Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit transportieren konnten. Wie unter II.3. noch ausführlicher beschrieben wird, ist es Attac gelungen, eine eigene „Marke“ zu konstruieren, mit der globalisierungskritische Themen assoziiert werden. Schon aus diesem Grund erscheint es daher sinnvoll, das Konzept der sozialen Bewegung auf Attac anzuwenden und sie nicht nur als eine Teilbewegung der gesamten globalisierungskritischen Bewegung zu betrachten.
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1 www.attac.org
2 Attac 2001
3 vgl. Eskola/Kolb 2002
4 vgl. Eskola/Kolb 2002 und Grefe/Greffrath/Schumann 2002
5 vgl. Wahl 1999
6 vgl. Rucht 2002
7 vgl. Eskola/Kolb 2002
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