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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1998, 54 Pages
Author: Timo Witschaß
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Mannheim (Germanistik)
Tags: Veränderungen, Lessings, Rolle, Shakespeare-Rezeption, Lessings, Dramen, Dramaturgie“
Year: 1998
Pages: 54
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-22213-6
ISBN (Book): 978-3-638-91481-9
File size: 430 KB
Diese Arbeit untersucht - nicht so ausführlich und umfangreich wie meine ähnliche Examensarbeit -, ob tatsächlich Lessing den Grundstein für die Shakespeare-Rezeption in Deutschland und damit der nachfolgenden Shakespeareomanie der Stürmer und Dränger legte. Dazu wird ausführlich die deutsche Shakespeare-Rezeption vor Lessing dargestellt.
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Abstract
Einleitung „In keinem anderen Land auf dem europäischen Kontinent hat Shakespeare eine so paradigmatische Bedeutung erlangt wie in Deutschland., und kein ausländischer Dichter ist hier so sehr zum Anreger, Leitbild und Mythos geworden wie Shakespeare“1, schreibt Günther Erken im Shakespeare-Handbuch. Und „so stark ist die Präsenz Shakespeares in der kunsttheoretischen und poetologischen Auseinandersetzung, daß jede wissenschaftliche Beschäftigung mit der Literatur und Literaturtheorie des 18. Jahrhunderts Shakespeare und seinen Einfluß nicht umgehen kann“2, ist in Hansjürgen Blinns Einführung zu seiner Textsammlung zu lesen. Nur zwei Beispiele, in denen die Bedeutung des englischen Dramatikers für die Entwicklung der Literatur und des Theaters in Deutschland hervorgehoben werden. Doch es gibt auch kritische Stimmen, wie zum Beispiel Ludwig Wittgenstein 1946: „Wenn ich z. B. bewundernde Äußerungen der bedeutenden Männer mehrerer Jahrhunderte über Shakespeare höre, so kann ich mich eines Mißtrauens nie erwehren, es sei eine Konvention gewesen, ihn zu preisen [...].“3 Es kann nur spekuliert werden, welchen Weg die deutsche Literatur ab der Mitte des 18. Jahrhunderts genommen hätte, wäre Shakespeare nicht für die deutschen Literaten ‚entdeckt‘ worden: „Hatte Gottsched Shakespeare noch wegen seiner Regellosigkeit abgelehnt, so eröffnete die Entdeckung Shakespeares seit den 50er Jahren des 18. Jahrhunderts den Stürmern und Drängern eine neue Welt und ermöglichte die Ablösung von der französischen klassizistischen Dichtung“4, lesen wir in Inge Stephans Aufklärung-Kapitel der Metzler Literaturgeschichte. Eine zentrale Rolle in dem Prozeß dieser ‚Entdeckung‘ spielte zweifelsohne Gotthold Ephraim Lessing. Mit seinem 17. Literaturbrief von 1759 machte er gleich zwei wichtige Schritte: er führte den Kampf gegen Gottsched und dessen Auffassung von Theater in eine neue Phase, und er führte, quasi als Antipoden zu Gottsched, Shakespeare in den Kampf. Ob es nun aber Lessing war, der die ‚Shakespeareomanie‘ begründete bzw. den Grundstein legte für die umfangreiche und weitreichende Shakespeare-Rezeption in Deutschland, beziehungsweise welche Rolle er dabei spielte, soll diese Arbeit untersuchen. [...]
Excerpt (computer-generated)
„Mit einigen bescheidenen Veränderungen“
Lessings Rolle in der deutschen Shakespeare-Rezeption
Timo Witschaß
0. Inhaltsverzeichnis 3
1. Einleitung 5
2. Shakespeare in Deutschland 6
2.1. Das 17. und frühe 18. Jahrhundert: Shakespeare - eine unbekannte Größe 6
2.2. Die ‚Entdeckung‘ Shakespeares 7
2.2.1. Die erste Übersetzung, die erste kritische Auseinandersetzung: von Borck, Gottsched und Schlegel 7
2.2.2. Lessings erste Äußerung zu Shakespeare 8
2.2.3. Die Merkwürdige Lebensbeschreibung des Herrn William Shakespears 9
2.2.4. Nicolai: Briefe über den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland 10
2.2.5. Versuch einer Uebersetzung 10
2.3. Wieland und Shakespeare 11
2.3.1. Wielands Shakespeare-Übersetzung 11
2.3.2. Die Reaktionen 13
3. Lessing und Shakespeare 14
3.1. Der 17. Literaturbrief 14
3.2. „Mit einigen bescheidenen Veränderungen“ 16
3.3. Schröder, der deutsche Shakespeare-Begründer 17
4. Lessing - Der Begründer der ‚Shakespeareomanie‘? 18
4.1. Die Sicht der Zeitgenossen 18
4.2. Das 19. Jahrhundert 19
4.2.1. Lessing war der erste 19
4.2.2. Danzel: Lessing war nicht der erste 20
4.2.3. Mehring: Die Lessing-Legende 21
4.2.4. Schmidt: Lessings außerordentliche Wirkung 21
4.3. Das 20. Jahrhundert 22
4.3.1. Oehlke: Lessing war nicht frei von Irrtümern 22
4.3.2. Neue Ansichten 22
4.3.3. Heuss: Lessing war nicht der Entdecker Shakespeares 23
4.3.4. Brüggemann: Lessings entscheidender Schritt 23
4.3.5. Stahl: Lessing, der Wegbereiter Shakespeares 24
4.3.6. Wolffheim: Lessings neue Anschauung 24
4.3.7. Stellmacher: Lessings Anlehnung an englische Theoretiker 25
4.3.8. Erken: Mit Lessing begann die kämpferische Phase 26
4.3.9. Hildebrand, Rasp: Lessing stößt die Deutschen auf Shakespeare 27
4.3.10. Sammelbände und Literaturgeschichten 27
4.3.11. Reich-Ranicki: Hat Lessing studiert oder geplündert? 28
4.3.12. Blinn: Ein Vorurteil 29
4.3.13. Inbar: Unter Lessings Führung 31
4.3.14. Albrecht: Lessings markante Besonderheit 31
4.3.15. Bauer: Keine neuen, originellen Ideen 31
4.3.16. Guthke: Lessings Verspätung 32
5. Lessings Shakespeare-Zeugnisse 34
5.1. Der 51. Literaturbrief 34
5.2. Die Hamburgische Dramaturgie 34
5.2.1. Eilftes Stück (Den 5. Junius 1767) 35
5.2.2. Zwölftes Stück (Den 9. Junius 1767) 36
5.2.3. Fünfzehntes Stück (Den 19. Junius 1767) 37
5.2.4. Neunundsechzigstes Stück (Den 29. Dezember 1767) 38
5.2.5. Dreiundsiebzigstes Stück (Den 12. Januar 1768) 39
5.2.6. Einundachtzigstes Stück (Den 9. Februar 1768) 39
6. Anhang 41
6.1. Biographie 41
6.2. Shakespeares Werk 43
6.2.1. Produktion, Publikation und Überlieferung 43
6.2.2. Einige wichtige Werke Shakespeares 44
6.3. Der dramatische Stil 45
6.3.1. Poetologische Aussagen in den Werken 46
6.3.2. Die Entwicklung von Shakespeares Kunst 46
6.3.3. Handlungsführung 48
6.3.3.1. Dramenhandlung und Quelle 48
6.3.3.2. Typische Handlungslinien 48
6.3.3.3. Auffächerung des Geschehens in mehrere Wirklichkeitsebenen 49
6.3.3.3.1. Ausweitung und Auffächerung des Handlungsraums 49
6.3.3.3.2. Einblendung eines zweiten Handlungsraums 49
6.3.3.3.3. Zeitliche Tiefenstaffelung: Einbezug von Vergangenheit und Wirklichkeit 49
6.3.3.3.4. Sein und Schein 50
7. Bibliographie: 51
7.1. Ausgaben: 51
7.2. Sekundärliteratur, Textsammlungen: 51
8. Erklärung 54
1. Einleitung
„In keinem anderen Land auf dem europäischen Kontinent hat Shakespeare eine so paradigmatische Bedeutung erlangt wie in Deutschland., und kein ausländischer Dichter ist hier so sehr zum Anreger, Leitbild und Mythos geworden wie Shakespeare“1, schreibt Günther Erken im Shakespeare-Handbuch. Und „so stark ist die Präsenz Shakespeares in der kunsttheoretischen und poetologischen Auseinandersetzung, daß jede wissenschaftliche Beschäftigung mit der Literatur und Literaturtheorie des 18. Jahrhunderts Shakespeare und seinen Einfluß nicht umgehen kann“2, ist in Hansjürgen Blinns Einführung zu seiner Textsammlung zu lesen. Nur zwei Beispiele, in denen die Bedeutung des englischen Dramatikers für die Entwicklung der Literatur und des Theaters in Deutschland hervorgehoben werden. Doch es gibt auch kritische Stimmen, wie zum Beispiel Ludwig Wittgenstein 1946: „Wenn ich z. B. bewundernde Äußerungen der bedeutenden Männer mehrerer Jahrhunderte über Shakespeare höre, so kann ich mich eines Mißtrauens nie erwehren, es sei eine Konvention gewesen, ihn zu preisen [...].“3 Es kann nur spekuliert werden, welchen Weg die deutsche Literatur ab der Mitte des 18. Jahrhunderts genommen hätte, wäre Shakespeare nicht für die deutschen Literaten ‚entdeckt‘ worden: „Hatte Gottsched Shakespeare noch wegen seiner Regellosigkeit abgelehnt, so eröffnete die Entdeckung Shakespeares seit den 50er Jahren des 18. Jahrhunderts den Stürmern und Drängern eine neue Welt und ermöglichte die Ablösung von der französischen klassizistischen Dichtung“4, lesen wir in Inge Stephans Aufklärung-Kapitel der Metzler Literaturgeschichte. Eine zentrale Rolle in dem Prozeß dieser ‚Entdeckung‘ spielte zweifelsohne Gotthold Ephraim Lessing. Mit seinem 17. Literaturbrief von 1759 machte er gleich zwei wichtige Schritte: er führte den Kampf gegen Gottsched und dessen Auffassung von Theater in eine neue Phase, und er führte, quasi als Antipoden zu Gottsched, Shakespeare in den Kampf. Ob es nun aber Lessing war, der die ‚Shakespeareomanie‘ begründete bzw. den Grundstein legte für die umfangreiche und weitreichende Shakespeare-Rezeption in Deutschland, beziehungsweise welche Rolle er dabei spielte, soll diese Arbeit untersuchen.
Als notwendige Einführung zunächst ein Abriß über die Geschichte der Shakespeare- Rezeption in Deutschland bis hin zu Lessing. Anschließend wird Lessings Wirken und die Diskussion in der Sekundärliteratur darüber betrachtet. Die Vorgehensweise ist dabei weitestgehend chronologisch, da die zeitliche Anordnung der Quellen doch interessante Schlüsse zuläßt. Anschließend werden alle (?) relevanten Stellen angeführt, in denen sich Lessing auf Shakespeare bezieht, und den Abschluß bildet im Anhang schließlich eine kleine Biographie (eine ‚große‘ wäre wohl angesichts der dürftigen bekannten Fakten über Shakespeares Leben sowieso nicht möglich) des englischen Dramatikers sowie eine kurze Darstellung seines dramatischen Stils - damit deutlich wird, was denn nun überhaupt so besonders an ihm war, das Generationen von Schriftstellern und Literaturkritikern (nicht nur in Deutschland) entzweien konnte.
2. Shakespeare in Deutschland
2.1. Das 17. und frühe 18. Jahrhundert: Shakespeare - eine unbekannte Größe
Bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts war Shakespeare in Deutschland wenig bekannt. Schon zu Lebzeiten Shakespeares gab es wahrscheinlich Aufführungen einzelner Stücke durch englische Komödiantentruppen, so z.B. Romeo und Julia 1604 in Nördlingen und 1607 in Passau, wobei die Stücke oftmals stark abgewandelt wurden. Shakespeares Name taucht jedoch im ganzen 17. Jahrhundert kein einziges Mal im Zusammenhang mit den auf ihn zurückgehenden Stücken auf. Seine Persönlichkeit war nur wenigen Gebildeten und der englischen Sprache und Literatur Kundigen bekannt. Daniel Morhof ist der einzige, der ihn in seinem Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, deren Uhrsprung, Fortgang und Lehrsätzen (1682) beim Namen nennt - allerdings höchst unverbindlich und ohne ihn zu kennen. Im frühen 18. Jahrhundert taucht Shakespeares Name vereinzelt auf, u.a. in Barthold Feinds Gedanken von der Opera (1708) und 1715 in Menckens Compendiösem Gelehrten-Lexikon, wo sich neben einigen Lebensdaten der erste Ansatz eine Charakteristik findet: er „verstund kein Latein, jedoch brachte er es in der Poesie sehr hoch. Er hatte ein schertzhafftes Gemüte, kunnte aber doch auch sehr ernsthafft seyn und exzellierte in Tragödien.“5
2.2. Die ‚Entdeckung‘ Shakespeares
Die eigentliche ‚Entdeckung‘ Shakespeares beginnt schließlich ab etwa 1740. Luise Adelgunde Victorie Gottsched, die Frau von Johann Christoph Gottsched, übersetzt Addisons und Steeles Spectator, in dessen 592. Stück „unser unvergleichlicher“ Shakespeare gegen die regelmäßigen Ausgeburten „unserer neuen Kunstrichter“6 ausgespielt wird – sehr zum Mißfallen ihres Gatten, der ja die strenge Reglementierung des klassizistischen französischen Dramas bevorzugte.
2.2.1. Die erste Übersetzung, die erste kritische Auseinandersetzung: von Borck, Gottsched und Schlegel
[...]
1 Shakespeare-Handbuch: Die Zeit - Der Mensch - Das Werk - Die Nachwelt. Unter Mitarbeit zahlreicher Fachwissenschaftler hrsg. von Ina Schabert. 2. Aufl. Stuttgart: Kröner 1978 (= Shakespeare-Handbuch). S. 717
2 Shakespeare-Rezeption – Die Diskussion um Shakespeare in Deutschland. I. Ausgewählte Texte von 1741 bis 1788. Mit einer Einführung, Anmerkungen und bibliographischen Hinweisen herausgegeben von Hansjürgen Blinn. Berlin: Schmidt 1982 (= Blinn). S. 10
3 Ludwig Wittgenstein: Logisch-philosophische Abhandlung Tractatus logico-philosophicus. Kritische Edition. Frankfurt /M: Suhrkamp 1977. Zitiert nach: George Steiner: Shakespeare: Eine Gegendeutung. In: Lettre International. # 37, Sommer 1997. Berlin 1997. S. 98-102. S. 99
4 Deutsche Literaturgeschichte: von den Anfängen bis zur Gegenwart / von Wolfgang Beutin ... 5. überarb. Auflage. Stuttgart; Weimar: Metzler 1994. S. 131
5 Zitiert nach: Ernst Leopold Stahl: Shakespeare und das deutsche Theater. Wanderung und Wandelung seines Werkes in dreiundeinhalb Jahrhunderten. Stuttgart: Kohlhammer 1947 (= Stahl). S. 44
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