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Body on the Brink - die Wiederentdeckung der Leiblichkeit

Diplomarbeit, 2000, 78 Seiten
Autor: Nina Haack
Fach: Design (Industrie, Grafik, Mode)

Details

Kategorie: Diplomarbeit
Jahr: 2000
Seiten: 78
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 47  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V1809
ISBN (E-Book): 978-3-638-11111-9

Dateigröße: 981 KB
Anmerkungen :
Wir werden durch unsere Technologie und unsere Kommunikationsmittel verändert: Wir tragen unsere Maschinen am Körper in Form von technologischen Verbesserungen wie Prothesen, Hörgeräten, Brillen, Herzschrittmachern, Insulindepots, Mikrochips oder sogar kosmetischen Implantaten. Wir scheinen uns selbst mit Hilfe von Computernetzwerken durch den elektronischen Äther auszudehnen, und umgekehrt sitzen wir still, während dieselben Netzwerke uns das, was wir die Welt nennen, wiederum näherbringen. In unseren kleinen Räumen werden wir virtuell. Welche Rolle spielt da überhaupt noch unser eigener Leib? Hat er, Spiegel menschlicher Verhaltensweisen und Fähigkeiten, etwa ausgedient? In meiner Arbeit möchte ich den menschlichen Körper als Medium und Kommunikationsmittel untersuchen. Dabei habe ich mich auf die Kunst am und mit dem Körper beschränkt und werde daran anknüpfend versuchen, die Einstellung des Menschen zu ihrem eigenen Leib herauszuarbeiten.



Textauszug (computergeneriert)

Body on the Brink - die Wiederentdeckung der Leiblichkeit

Entstanden im Rahmen der

Diplomarbeit 

von 

Nina Haack

in Kommunikations-Design
an der Merz-Akademie, Stuttgart

Sommersemester 2000

 

 

Abstract

Wir werden durch unsere Technologie und unsere Kommunikationsmittel verändert: Wir tragen unsere Maschinen am Körper in Form von technologischen Verbesserungen wie Prothesen, Hörgeräten, Brillen, Herzschrittmachern, Insulindepots, Mikrochips oder sogar kosmetischen Implantaten. Wir scheinen uns selbst mit Hilfe von Computernetzwerken durch den elektronischen Äther auszudehnen, und umgekehrt sitzen wir still, während dieselben Netzwerke uns das, was wir ,,die Welt" nennen, wiederum näherbringen. In unseren kleinen Räumen werden wir virtuell.
Welche Rolle spielt da überhaupt noch unser eigener Leib? Hat er, Spiegel menschlicher Verhaltensweisen und Fähigkeiten, etwa ausgedient?

In meiner Arbeit möchte ich den menschlichen Körper als Medium und Kommunikationsmittel untersuchen. Dabei habe ich mich auf die Kunst am und mit dem Körper beschränkt und werde daran anknüpfend versuchen, die Einstellung des Menschen zu ihrem eigenen Leib herauszuarbeiten.

Mit Hilfe der sogenannten primitiven Praktiken der Körpermodifikation wie Tätowieren, Piercen, Branden und Skarifizieren (Narbenzeichnen) versuchen die Menschen zu ihrem Körper zurückzugelangen und mehr über ihn zu erfahren. Ich habe das Thema deshalb auf Veränderungen eingrenzt, die die Menschen bewußt an ihrem eigenen Körper vornehmen, und die nicht mittelbar durch eben die in der Einführung angesprochenen Technologien verursacht werden, da ich denke, daß sich gerade daraus die Einstellung der Menschen zu ihrem eigenen Leib sehr deutlich abzeichnen läßt und man die Auswirkungen der Gesellschaftsstrukturen und deren Fortschritte erkennen kann. Mit dieser vor-christlichen Idee ist dies vielleicht der einzigste unmittelbare Weg in einer so mediengesättigten Kultur wie die unsere.

Meine in der Form eines Essays geschriebene Arbeit beginne ich mit der Anwendung und Bedeutung von Körpermodifikationen in der heutigen Zeit, vor allem in den westlichen Industrienationen und stelle die unterschiedlichen Motive für diese meist gewaltsamen Eingriffe am Körper dar.

Ebenso werde ich eine kurze philosophische und ethnologische Einführung in das Phänomen des menschlichen Körper-Geist-Trennung geben. Es sind Betrachtungen über den Menschen und seinen Stand in der Gesellschaft unter der Fragestellung, was ihn vom Tier unterscheidet und wie er sein ,,Ich" definiert (Selbst-Bewußtsein). Außerdem habe ich versucht, die dem Menschen eigene Körper-Geist-Trennung herauszuarbeiten.
Als zweiten Punkt dieser Untersuchung stelle ich die Funktionen der Kommunikation (Sprache etc.) dar und wie die Menschen sich zu gesellschaftlichen Strukturen zusammenfinden und sich ,,kultivieren". Für diesen Teil der Arbeit berufe ich mich auf René Decartes, Arnold Gehlen, Helmut Plessner, Mary Douglas und Marcel Mauss.

Im nächsten Kapitel werde ich mich mit Körperkünstlern wie dem Cyberpunker Stelarc beschäftigen. Er thematisiert in seinen Performances die Auswirkungen der fortschreitenden Technologisierung auf den Menschen und wie sich dessen Leibesbewußtsein dadurch (gegebenfalls) verändert. Eigen ist ihm dabei eine sehr stark ausgeprägte Distanzierung zu seinem eigenen Körper.

Anknüpfend mache ich eine Betrachtung von rituellen Handlungen und deren Zweck für den einzelnen und die Gesellschaft. Den Schwerpunkt habe ich hierbei auf Übergangsriten-/Initiationsriten gelegt und welche Bedeutung ihnen Arnold van Gennep zuweist.

Folgend gebe ich einen historischen Verweis auf die Herkunft der Körpermodifikation, die verschiedenen Formen von der Narbenzeichnung, über die Tatauierung, das Piercen, bis hin zur Brandmarkung, vor allem bei archaischen Völkern (Steinzeit, Polynesien, Indianer,...), ihre Bedeutung und die weitere Entwicklung.

Letztendlich werden die Praktiken der Modifikation von den Massenmedien und der Kulturindustrie aufgegriffen und vermarktet und so aus ihrem eigentlichen Kontext herausgerissen.

Mir ist sehr wohl bewußt, daß ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Allgemeingültigkeit erheben kann. Mein Ziel ist es, dem Leser seine eigene Leiblichkeit näher zu bringen und ihn vielleicht auch etwas von dem Gefühl zu vermitteln, daß die Träger zu solchen Körpermutilationen motiviert.

Musikvideos und das neue Körperbewusstsein

Das Video für David Bowies Single The Heart’s Filthy Lesson zeigt den Sänger, wie er mit offensichtlichem Gleichmut in einem Schlachthof auftritt. Mit der ihm eigenen Eleganz singt und tanzt er in einer Menge menschlicher Leiber, während eine andere Gruppe zombieähnlicher Menschen sich dem Tanz anschließt und gegenseitig mit scharfen Gegenständen sticht, bis die Kamera einen Schwenk auf einen aufgehängten und zerstückelten Kadaver macht.

Bowie ist nicht allein, wenn er uns auffordert das Schlachthaus zu betreten. In Nirvanas Video zu Heart Shaped Box tauchen Bilder menschlicher Föten auf die von Bäumen hängen. Tom Petty geht in dem Video für seinen Song Mary Jane’s Last Dance in ein Leichenschauhaus, um den Kadaver einer Frau (gespielt von Kim Basinger) zu stehlen. Die Londoner Band Gandharvas gewann einen Award für ihr Video zu The First Day of Spring: Ein Mann wird gezeigt, der an einem Folterstuhl festgeschnallt ist; sein Kopf steckt in einem Käfig, und in seinen Oberkörper führen Plastikschläuche, die an die Borgprothesen von Captain Picard bei seiner Umwandlung in „Star Trek: The Next Generation“ erinnern.

Keines dieser Musikvideos wurde von MuchMusic, dem kanadischen „all-video channel“, zensiert oder nicht gezeigt, als diese 1995 herauskamen. Aber Delia’s Gone, ein bizarres Video mit nekrophilen Elementen von Johnny Cash, war sogar für die junge Generation der Video-Programmdirektoren zuviel und wurde schließlich untersagt.

Die Existenz von solchen „Video- Scheußlichkeiten“ ist nicht neu, vor allem nicht in der aufgeheizten Welt der schnellen Schnitte von MuchMusic oder MTV, in denen Folterszenen oder explodierende Gebäude schon lange dazugehören. Aber das intensive Körperbewußtsein der letzten Erscheinungen und die klare Betonung von Mutilation und Verfall des Körpers hinterlassen ein tieferes Unbehagen.

[...]


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