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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 29 Pages
Author: M.A. Jens-Philipp Gründler
Subject: German Studies - Comparative Literature
Details
Institution/College: University of Münster (Institut für Komparatistik)
Tags: Friedrich, Nietzsche, Thomas, Manns, Roman, Doktor, Faustus, Hauptseminar
Year: 2003
Pages: 29
Grade: befriedigend +
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-23979-0
File size: 171 KB
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Excerpt (computer-generated)
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Institut für Komparatistik
SoSe 2003
Hauptseminar: Literatur und Musik
Nietzsche im Roman „Doktor Faustus“
Friedrich Nietzsche in Thomas Manns
Roman „Doktor Faustus“
Jens-Philipp Gründler
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung S. 1 - 3
II. Hauptteil S. 3 - 24
II.1) Die Bedeutung von Nietzsches Kunstbegriff und Künstlerexistenz für Thomas Mann zu Beginn seiner Arbeit am „Doktor Faustus“ S. 4 - 7
II.1.a) Künstlerische Nähe und Distanz Thomas Manns zu Friedrich Nietzsche S. 7 - 12
II.2) Der syphilitische Denker Friedrich Nietzsche und der syphilitische Künstler Adrian Leverkühn S. 12
II.2.a) Nietzsches Krankheit aus medizinischer Sicht und der parallele Verlauf von Leverkühns Krankheit im Roman S. 12 - 16
II.2.b) Die Biographie Nietzsches im Vergleich mit dem Lebenslauf Adrian Leverkühns S. 16 - 20
II.3) Zitate aus der Nietzsche-Literatur (sowie aus Nietzsches Schriften) und deren Montage in der fiktiven Biographie S. 20 - 24
III. Schluss S. 24 – 26
IV. Literaturverzeichnis
I. Einleitung
Bei Thomas Manns epochalem Roman „Doktor Faustus“, begonnen am 23. Mai 1943 im amerikanischen Exil und vollendet im Jahre 1947, handelt es sich um eine höchst beziehungsreiche Komposition. „Deutschlandroman“, „Nietzscheroman“ – dies sind nur zwei der gewaltigen Benennungen der fiktiven Biographie des „deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn“, so lautet der Untertitel des Werkes, seitens der professionellen Literaturkritik. Und der Dichter selbst weist diese Betitelungen nicht von sich, weiß sie zu schätzen, oder zu ertragen, hat er doch mit seinem monumentalen Unterfangen, das ihn fünf Jahre lang bis hin zu körperlichem Leiden beanspruchte, keinen geringeren Versuch unternommen, als den zeitlichen Rahmen der mitunter kriegerischen Jahre von 1884 bis 1945, den wohl bis dato tragischsten der deutschen Geschichtsschreibung, in die komplexe und schwierige Vita der Künstlerexistenz des komponistisch tätigen Protagonisten zu hüllen, sie darin unterzubringen. Assoziationsreich ist der hier zu besprechende Roman vor allem deshalb, weil er ein schier unergründliches Geflecht von Personen der Weltgeschichte bietet, welche sorgsam in die Struktur der Erzählung eingereiht werden – ein fein gearbeitetes Gewebe von kulturellen, geschichtlichen, philosophischen, medizinischen und theologischen Themata, um nur einige zu nennen, vorzufinden in den zahlreichen Charakteren im Laufe der Handlung des „Doktor Faustus“. Goethe, Luther, Wagner, Beethoven, Strawinski, Schönberg, Adorno – all diese Geistesgrößen finden ihren Platz, wohnen oder leben in Thomas Manns Künstlerroman, um den vielfältigen Namensgebungen und Kategorisierungen, oder besser Charakterisierungen des opus magnum noch eine weitere hinzuzufügen. Variantenreich scheinen Denker, Musiker, Künstler und auch Mediziner in dem Werke mit der beschriebenen Epoche zu korrespondieren – die bedeutendsten finden ihre literarische Realisierung in dem Charakter Adrian Leverkühns. Zudem spielen, bei Thomas Mann wohl kaum wegzudenken, Weggefährten, Freunde und auch Familienmitglieder des Schriftstellers in dem Roman ihre Rolle. Dies tun sie nicht immer zu ihrer Freude, führen wir uns kurz einmal den Charakter Nepomuk Schneidewein – und dessen Tod am Ende des Werkes! - vor Augen, von Thomas Mann frei nach seinem Enkel Frido Mann konzipiert, einem heutigen Psychologen und Musikwissenschaftler, der immer noch an den Auswirkungen der Tragödie seines knabenhaftromanesken Abbilds, des Enkels Adrian Leverkühns, zu leiden scheint, glaubt man seinen Äußerungen. Andere reale Vorbilder für das Werk fühlen sich, je nach dem Sympathiegrade ihrer literarischen Verwirklichungen im Roman, geehrt. Der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno findet sich z.B. als Wiesengrund in dem Text verewigt, half er dem musikalisch zunächst relativ unbewanderten Thomas Mann doch freundschaftlich-aktiv bei musiktheoretischen Kapiteln aus, wie er es mit seinen Schriften, u.a. der „Philosophie der modernen Musik“, passiv tat. Bevor ein Ausweg aus dem Dschungel der Archetypen und Abbilder der zitatenreichen Romanbiographie nicht mehr gefunden werden kann, soll nun aber die Rede auf den denkerischen Übervater selbiger gehen, namentlich auf Friedrich Nietzsche. Von diesem großen Dichterphilosophen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die hier vorliegende Arbeit en gros handeln. Im Detail wird es um die Nietzschefigur Adrian Leverkühn gehen, um die Merkmale der Philosophie Nietzsches, seiner Biographie und derjenigen seines Denkens sowie um seine Krankheitsgeschichte und deren jeweilige Parallelen zum düsteren Helden, dem Schöpfers der fiktiven Kompositionen „Doctor Fausti Weheklag“ oder „Apocalipsis cum figuris“. Kein geringerer als der Philosoph des Willens zur Macht diente Thomas Mann nämlich als geistiger Ziehvater, auch wenn er sich von dem hier genannten Schwerpunkt im Denken des späteren Nietzsche freilich distanzierte, gegenüber dem frühen kulturpessimistischen Nietzsche dagegen aber als Apologet auftrat1.
Als genialer Verehrer des Lebens und ingeniöser Umwerter aller Werte beschäftigte Friedrich Nietzsche und dessen zentraler Gegensatz des „Apollinisch-Dionysischen“ den Schöpfer der „Buddenbrooks“ von früh an. Die intensive Auseinandersetzung mit jenem mit dem Hammer Philosophierenden nach der Beendigung des „Doktor Faustus“ noch im Geiste gegenwärtig, verfasste Thomas Mann im Jahre 1947 den Nietzsche-Aufsatz „Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung“, den er in der Form eines Vortrages zuerst im Mai jenen Jahres im Hunter College, New York, hielt. Dort heißt es: „Was mich ... betrifft, so habe ich diese Verwandtschaft (mit Nietzsche) früh empfunden und dabei die Gefühlsmischung erfahren, die gerade für das jugendliche Gemüt so Neues, Aufwühlendes und Vertiefendes hat: die Mischung von Ehrfurcht und Erbarmen.“2 Diese Aussage zeigt deutlich, wie nahe Thomas Mann dem in geistiger Umnachtung gestorbenen Großdenker philosophisch-emotional stand. Sie enthält aber auch das Gran kühler Distanz, welche Thomas Mann geistig umtrieb. So empfand er Nietzsches bekannteste Schrift, um nicht zu sagen dessen (zumindest von ihm persönlich als am meisten geglückt empfundenen) Hauptwerk, als eher peinlich. Die schwierige Beziehung Manns zu Nietzsche sowie die Umsetzung derselben in dem Künstlerroman um den Komponisten Adrian Leverkühn soll hier also untersucht werden.
II. Hauptteil
Um dieser komplexen Unternehmung einer Untersuchung der Verstrickungen des Philosophen Nietzsche mit seinem literarischen Abbild, dem Komponisten Adrian Leverkühn, gerecht werden zu können, soll der nun folgende Hauptteil in mehrere kleinere Abschnitte gegliedert werden, die, so analytisch-zersetzend diese Vorgehensweise auch auf das symbiotisch angelegte Werk Thomas Manns erscheinen mag, bei Gelingen dahingehend konzipiert sein sollten, dass eine Restaurierung der Herkunft aller wichtigen Spuren – Zitate, Gedanken und Theorien etwa - bzgl. der vorbildlichen Rolle des Dichterphilosophen für das außerordentlich variantenreiche Werk erzielt werden kann. Demzufolge wird zunächst die künstlerische Nähe (oder Distanz) Thomas Manns zu Friedrich Nietzsche und damit einhergehend Kunstbegriff und Künstlerproblematik beider Geister untersucht werden. Daraufhin soll vom Enthaltensein des Werkes Nietzsches in demjenigen Thomas Manns gehandelt werden. Hierzu soll näher auf den bereits angesprochenen Essay „Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung“ sowie auf die furiose und schon vom geistigen Niedergang gezeichnete Autobiographie Nietzsches „Ecce Homo“ eingegangen werden. Des weiteren wird ein eher physisches Kapitel folgen – sowohl von den Parallelen im Krankheitsverlauf Nietzsches und Leverkühns als auch von biographischen Übereinstimmungen soll dann die Rede sein. Das Auftauchen von Zitaten aus Nietzsches Schriften und ebensolchen aus der Literatur über Nietzsche sowie deren Montage im „Doktor Faustus“ wird den Hauptteil dieser Arbeit abschließen. Dem Verfahren von Analyse jenes der Synthese anfügend, wird das Schlusskapitel der Aufgabe gewidmet sein, eine Konklusion zu ziehen.
II.1) Die Bedeutung von Nietzsches Kunstbegriff und Künstlerexistenz für Thomas Mann zu Beginn seiner Arbeit am „Doktor Faustus“
[....]
1 Vgl. Mann, Thomas – Notizen zu „Geist und Kunst“, in: Paul Scherer und Hans Wysling (Hg.) - Quellenkritische Studien zum Werk Thomas Manns, Bern und München 1967, S. 208: „Unser Nietzsche ist der Nietzsche militans. Der Nietzsche triumphans gehört den 15 Jahre nach uns geborenen. Wir haben vom ihm die psychologische Reizbarkeit, den lyrischen Kritizismus, das Erlebnis Wagners, das Erlebnis des Christentums, das Erlebnis der Modernität – Erlebnisse, von denen wir uns niemals vollkommen trennen werden.“
2 Mann, Thomas – Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung, Berlin 1948, S. 6
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