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Gordon und Kitchener im Sudan: Mythos und Realität britischer Kolonialexpansion in Afrika

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2000, 23 Pages
Author: Rohland Schuknecht
Subject: History - Non-German

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2000
Pages: 23
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 34  Entries
Language: German
Archive No.: V2193
ISBN (E-book): 978-3-638-11338-0

File size: 241 KB
Notes :
Der Grundgedanke der Arbeit ist es, den Gegensatz zwischen offizieller Interpretation kolonialer Expansion (z.B. in der Presse) und den tatsächlichen, nüchternen strategischen Überlegungen deutlich zu machen. 355 KB



Excerpt (computer-generated)

 

Humboldt Universität zu Berlin
Institut für Geschichtswissenschaften

Gordon und Kitchener im Sudan: 
Mythos und Realität britischer Kolonialexpansion 
in Afrika

von
Rohland Schuknecht

 

 

Inhalt

 

I. Einleitung 2

II. Ägypten und der Sudan

I. Die Okkupation Ägyptens 3
II. Die Gordon-Krise 5
III. Die Rückeroberung des Sudan 1896 - 1898 8

III. Die ,,Last des weißen Mannes" 10

IV. Nationales Interesse und imperiale Visionen 16

V. Schlussbemerkungen 21

Bibliographie 22

 

I. Einleitung

Am 27. Oktober 1898 feierte ganz England einen neuen Helden. Horatio Herbert Kitchener, Sirdar (Oberbefehlshaber) der anglo-ägyptischen Armee und Eroberer des Sudan, wurde bei seiner Ankunft in Dover von einer begeisterten Menschenmenge begrüßt. Dies war der Beginn eines Triumphzuges, einer Reihe von Ehrungen, Banketten und wiederholten Ausbrüchen von Masseneuphorie, die die Heimkehr eines Mannes begleiteten, der nach seinen eigenen Worten das gesamte Niltal den zivilisierenden Einflüssen kommerzieller Durchdringung geöffnet1 und vor allem eine nationale Schmach getilgt hatte, die Ermordung General Gordons in Khartum durch religiöse Fanatiker im Jahre 1885. Dies war die offizielle Version, die durch Politiker und die Presse einer Öffentlichkeit präsentiert wurde, die inmitten der Faschoda-Krise bereit schien, für die ,,nationale Ehre" und den Besitz der Wüsten und Sümpfe des südlichen Sudan gegen Frankreich ins Feld zu ziehen.

Die vorliegende Arbeit hat es sich zum Ziel gesetzt, die Mechanismen britischer Kolonialexpansion in Afrika anhand eines konkreten Beispiels, des Sudans, zu analysieren. Welche strategischen Überlegungen und Gedankengänge lagen den Entscheidungen der führenden Politiker zugrunde? Gab es ein großangelegtes imperiales Konzept, und war die Politik im Sudan ein Bestandteil dieses Konzeptes?
Welches Bild malten die Protagonisten kolonialer Expansion von den Ereignissen und welchen Anteil hatten Presse und Öffentlichkeit?

Besonders das Moment der öffentlichen Rechtfertigung, die Frage, in welchen Denkmustern die britische Kolonialexpansion interpretiert wurde, soll im Mittelpunkt der folgenden Betrachtungen stehen. Lassen sich dabei Grundtendenzen und einschlägige Stereotypen erkennen, und welche praktischen Beweggründe standen dem gegenüber?

Gerade die Analyse der Politik im Sudan scheint mir zur Klärung der aufgeworfenen Fragen ideal, denn hier stehen Mythos und Realität dicht beieinander und lassen sich doch auch voneinander trennen. Ausgehend davon sollen dann Rückschlüsse auf die britische Kolonialpolitik in Afrika überhaupt, ihre Voraussetzungen und Motive und die Veränderungen, denen sie unterworfen war, gezogen werden.

Von zentraler Bedeutung für die Behandlung der britischen Sudan-Politik sind die Schriften britischer Kolonialbeamter und Militärs, die in ihrer Beurteilung des Geschehens Grundstrukturen imperialen Denkens vermitteln, sowie die Äußerungen führender Politiker und der Presse. Wichtig waren ferner Forschungen zum Sudan und zur Kolonialpolitik in Afrika allgemein, Biographien Kitcheners und Gordons und die detaillierte Darstellung in dem viel beachteten Buch "Africa and the Victorians" von Ronald Robinson und John Gallagher. Der weiterführenden Analyse und der Einordnung in einen größeren Kontext lagen Studien zu imperialer Propaganda, zur Rolle der Presse, zur Entwicklung des "New Imperialism" und allgemeine Werke zur Geschichte des britischen Kolonialismus und Imperialismus zugrunde.2

II. Ägypten und der Sudan

I. Die Okkupation Ägyptens

Die Geschichte der britischen Einflußnahme im Sudan beginnt mit der Okkupation Ägyptens Jahre 1882. Das komplizierte politische Beziehungsgeflecht, daß die liberale Regierung unter Gladstone zu diesem Schritt bewog, kann hier nicht in allen Einzelheiten dargestellt werden. Bemerkenswert ist jedoch, daß gerade Gladstone, der imperialen Abenteuern abgeneigt war den konservativen Imperialismus Disraelis stets angeprangert hatte, sich gezwungen sah, traditionelle Konzept informeller Durchdringung zugunsten einer effektiven Besetzung aufzugeben. Die Hintergründe der britischen Okkupation Ägyptens waren und sind Gegenstand heftiger Debatten in der Forschung.3 Für die vorliegende Arbeit sind dabei vor allem die Folgen von Bedeutung.

Aus regionaler Sicht bedeutete die Niederlage der ägyptischen Nationalisten in der Schlacht Tel-El-Kebir am 13. September 1882 und die darauf folgende Besetzung Ägyptens durch britische Truppen die drastische Einschränkung einer Souveränität, welche das Land am Nil, trotz seiner offiziellen Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich, seit Mohammed Ali besessen hatte. Verwaltung der ägyptischen Finanzen unterstand nun einer internationalen Kommission, neben England auch Frankreich, Rußland, Deutschland und Österreich-Ungarn angehörten. Einfluß des britischen Generalkonsuls, seit September 1883 Sir Evelyn Baring, der spätere Earl Cromer, wurde in allen Fragen bestimmend. Um so erstaunlicher ist es, daß die britische Regierung zunächst jede Verantwortung für die ägyptischen Besitzungen im Sudan ablehnte.

Das riesige Territorium, ein Produkt der Großmachtambitionen Mohammed Alis, umfaßte schon einen Großteil des heutigen Sudan.5 Die Einführung eines restriktiven Steuersystems, Bau einer Eisenbahnlinie im Norden, der Ausbau des Verwaltungszentrums Khartum Versuch, eine profitable Landwirtschaft entlang des Nils zu etablieren, hatten unter anderem ägyptischen Finanzen in ihren desolaten Zustand versetzt. Die Frage, ob die ägyptische Herrschaft im Sudan so fürchterlich war, wie die Berichte britischer Verwaltungsbeamter und nahelegen, ist schwer zu beantworten. Nach ihren Darstellungen waren Korruption, Brutalität Mißwirtschaft der ägyptischen Machthaber für den Ausbruch des Mahdi-Aufstandes 1881 verantwortlich. Für Cromer und Milner sind es nicht die Einführung westlicher Verwaltungsstrukturen und die neue Steuergesetzgebung, sondern der Mißbrauch derselben durch die Ägypter, die den Aufstieg des Mahdi erst ermöglichten.6

Aus heutigem Blickwinkel läßt sich der Aufstand wohl eher als Reaktion auf die Fremdherrschaft im Allgemeinen und die Etablierung neuer Herrschaftspraktiken und Werte in traditionellen Gesellschaften verstehen. Das Erscheinen eines religiösen Führers, welcher in Mohammed Ahmed, dem Mahdi, gesehen wurde, war wohl nur der Auslöser für die "Rebellion". Überbetonung der religiösen Komponente und des Fanatismus durch europäische Beobachter läßt sich aus der Tatsache erklären, daß man den Widerstand gegen die Einführung westlicher "Zivilisation" an sich, nicht als solchen zu akzeptieren bereit war. Darauf soll im späteren genauer eingegangen werden, wenn es um die "populäre" Sicht auf die Ereignisse im Sudan geht.7 Die Nichteinmischungspolitik der britischen Regierung in Bezug auf den Sudan scheint ein dafür, daß man sich der Folgen der Okkupation Ägyptens noch nicht bewußt war und vorläufig ansah. Dennoch waren es gerade die Ereignisse im Sudan, die zu einer Neuausrichtung der Politik in Ägypten führen sollten. Der auslösende Faktor war die Entsendung einer Mann starken ägyptischen Armee unter dem britischen General Hicks im Januar 1883 gegen Mahdisten.

[...]


1 Kitchener nach seiner Landung in Dover. Zitiert nach P. Magnus: Kitchener. Portrait of an Imperialist, Harmondsworth 1958, S. 174.

2 Ausführliche bibliographische Angaben im Literaturverzeichnis.

3 Entscheidend war hier das Erscheinen von „Africa and the Victorians“ (R. Robinson/J. Gallagher: Africa and the Victorians. The Official Mind of Imperialism, 9. Aufl. London/Basingstoke 1981 (1. Aufl. 1961). Hier wird die Besetzung Ägyptens nicht als Ausdruck eines „New Imperialism“, sonder als Notlösung interpretiert, die sich aus Gefährdung alter Interessen in der Region ergab. Laut Robinson/Gallagher plante die britische Regierung zum damaligen Zeitpunkt keineswegs, in Ägypten eine dauerhafte Herrschaft zu installieren. Wichtig waren vielmehr die Sicherung des Suezkanals und britischer Finanzinteressen. Zur Okkupation, ihren Ursachen und Folgen vgl. S. 76- Siehe dazu auch A.G. Hopkins: The Victorians and Africa: A Reconsideration of the Occupation of Egypt, 1882, in: Journal of African History, 27, (1986), S. 363-391.

4 Siehe dazu A. Milner: England in Egypt, London 1899 (1. Aufl. 1892), S. 68f und Robinson/Gallagher, S. 132.

5 Hier und im Folgenden bezieht sich die Bezeichnung „Sudan“ auf das Gebiet des Staates nicht den geographischen Begriff.

6 Earl of Cromer (Evelyn Baring): Modern Egypt, Bd. I, London 1908, S. 554 und W.S. Churchill: The River Bd. I, London 1899, S. 20-23 sowie Milner, S. 159.

7 Die Ankunft des Mahdi, des „Rechtgeleiteten“, fiel nach lokalen Glaubensvorstellungen mit dem Ende des moslemischen Jahrhunderts zusammen. In ihr barg sich die Hoffnung auf einen Propheten, welcher Gerechtigkeit religiöse Erneuerung bringen würde. Der schnelle Aufstieg Mohammed Ahmeds entsprang aber wohl vor allem Unzufriedenheit mit der ägyptischen Herrschaft. Die ersten Siege gegen ägyptische Truppen vermehrten seine Anhängerschaft sprunghaft. Die Anhänger des Mahdi wurden als ‘Ansars’ (Helfer) bezeichnet, in Anlehnung Gefolgsleute des Propheten Mohammed. Die Europäer nannten sie stets „Derwische“ oder schlicht „Fanatiker“. Aufstieg und Herrschaft des Mahdi vgl. R.O. Collins: The Southern Sudan, 1883-1898. A Struggle for Control, Haven/London 1962, S. 17-21 sowie P.M. Holt: The Mahdist State in the Sudan, 1881-1898. A Study of its Development and Overthrow, Oxford 1970, S. 45-65.


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