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Dionysios I. von Syrakus

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1998, 26 Pages
Author: Rohland Schuknecht
Subject: History - Early and Ancient History

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 1998
Pages: 26
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 18  Entries
Language: German
Archive No.: V2194
ISBN (E-book): 978-3-638-11339-7

File size: 254 KB


Excerpt (computer-generated)

 

Humboldt Universität zu Berlin
Institut für Geschichtswissenschaften

Dionysios I.
von Syrakus

Hauptseminararbeit
von
Rohland Schuknecht

 

I. Einleitung 2

II. Aufstieg und Macht 4

I. Sizilien und Griechenland 4
II. Der Karthagerkrieg und der Aufstieg des Dionysios 6

III. Herrschaft und Expansion 11

I. Dionysios I. - Der Kriegsherr 11
II. Dionysios als Herrscher 16

IV. Die Herrschaft des Dionysios im Spiegel der Zeit 22

V. Schluß 24

Quellen- und Literaturverzeichnis 26

 

 

I. Einleitung

Das Reich des sizilischen Tyrannen Dionysios von Syrakus stellte eine der bedeutendsten Machtballungen der spätklassischen Zeit dar. Die militärische Potenz dieses Staates, seine territoriale Ausdehnung und die Person seines Schöpfers sind Aspekte, die es verdienen, einer allgemeinen Betrachtung unterzogen zu werden. Für die Griechen war das Reich des Dionysios das Werk eines Tyrannen, eines Gewaltherrschers, den vor allen anderen Dingen der Drang zur Macht charakterisierte und der sich über die Grundsätze des politischen Lebens eines freien Gemeinwesens willkürlich und rücksichtslos hinwegsetzte.

Diese Pauschalisierung verstellte den Blick auf die wahren Strukturen und Bedingungen der Herrschaft und auf ihre Besonderheiten, denen neben der Person des Dionysios und den sizilischen Verhältnissen auch tief greifende Umwälzungen im Gefolge des Peloponnesischen Krieges zugrunde lagen, die für das gesamte Griechentum Bedeutung besaßen.

Das Ziel dieser Arbeit soll es nicht sein, die Herrschaft des Dionysios im einzelnen chronologisch und detailliert zu erfassen. Statt dessen sollen Grundzüge und Merkmale aufgezeigt werden, die eine Beurteilung und Wertung dieses spätklassischen Staatsgebildes zulassen und es in den gesamtgriechischen Kontext einreihen.

Auf folgende Fragen gilt es, eine Antwort zu finden:


1. Wodurch wurde die Entstehung eines solch bedeutenden Machtfaktors am Rande der griechischen Staatenwelt begünstigt?

2. Wie ist die Herrschaft des Dionysios zu definieren? Wie wurde sie von griechischer Seite, auch staatsrechtlich, interpretiert?

3. Durch welche politischen und militärischen Ziele war sie geprägt?

4. Ist das syrakusanische Reich ein Phänomen, das sich mit den spezifisch sizilischen Verhältnissen bzw. der Person seines Schöpfers erklären läßt, oder weist es auf grundlegende Veränderungen in der gesamten griechischen Welt hin?

Aus den genannten Fragen ergeben sich zahlreiche weitere Probleme, die im Folgenden näher untersucht werden sollen. Dabei ist die spärliche Überlieferung als Hauptproblem in Rechnung zu stellen. Daneben steht die negative Bewertung des Dionysios und seiner Herrschaft in den Quellen und seine Instrumentalisierung zur Schaffung eines typischen Tyrannenbildes.1

Die Hauptquelle Diodor fußt in den entscheidenden Passagen nach den Erkenntnissen der Forschung vor allem auf die älteren Werke des Timaios und des Philistos, also eines scharfen Gegners des Tyrannen und eines seiner Anhänger. Das Fehlen von wichtigen zeitgenössischen Zeugnissen zur Regierung des Dionysios macht uns vom Urteil späterer Historiographen abhängig.2

Für die folgenden Ausführungen stütze ich mich vor allem auf den Bericht Diodors und ziehe die fundierten Arbeiten von Caven und Stroheker heran, die sich auch mit anderen historiographischen und epigraphischen Quellen auseinandersetzen. Zum Verständnis der dionysios-feindlichen Überlieferung und ihrer Ursachen und Ursprünge kann die Arbeit von L.J. Sanders wohl erheblich beitragen. Die Probleme bei der Verwendung Diodors als Hauptquelle sind mir bewußt,3 ich werde mich jedoch um eine kritische Behandlung bemühen und die möglichst wertungsfreie Darstellung der Ereignisse auf Sizilien und der Taten des Dionysios zugrunde legen. In Anbetracht des begrenzten Umfanges der Arbeit sei mir das Fehlen einer ausführlichen Quellendiskussion an dieser Stelle nachgesehen.

Auch die Person des syrakusanischen Herrschers selbst und die Rolle, die er z.B. im Geistesleben seiner Zeit spielte, die Analyse seines Charakters und seiner Eigenschaften soll hinter den Ereignissen und Prozessen zurücktreten. Ohnehin ist das Bild in den Quellen unvollständig und verzerrt,4 so daß sich hier nur schwer fundierte Aussagen treffen lassen.

II. Aufstieg und Macht

I. Sizilien und Griechenland

Am Anfang steht die Expedition der Athener nach Sizilien. Im Sommer des Jahres 415 v. Chr., im siebzehnten Jahr des großen Krieges, der später der Peloponnesische heißen sollte, brach eine gewaltige Heeres- und Flottenmacht von Athen nach Sizilien auf. Offiziell wollte man der verbündeten Stadt Egesta im Westen Siziliens zu Hilfe eilen, welche von ihrer alten Rivalin Selinus bedrängt wurde. Die Größe des Kontingents ließ jedoch vermuten, daß man es auf eine Unterwerfung der sizilischen Griechenstädte überhaupt abgesehen hatte. Nach einem Krieg, der beiden Seiten Siege und Niederlagen brachte, endete der athenische Traum von der Herrschaft über Sizilien im Sommer 413 mit dem endgültigen Fiasko.

 Die athenischen Truppen wurden nahezu vernichtet, die Flotte im Hafen von Syrakus versenkt.5 Warum beginnt die Schilderung der Herrschaft des Dionysios I. mit einem Ereignis, dessen Ausgang der spätere Herr des griechischen Sizilien im Alter von siebzehn Jahren miterlebte und an dem er keinen aktiven Anteil hatte? Die Vorgeschichte und der Verlauf des sizilischen Unternehmens der Athener, wie er so ausführlich bei Thukydides Buch VI-VIII geschildert ist, läßt Rückschlüsse auf die sizilischen Verhältnisse und die Stellung Siziliens in der gesamten griechischen Welt zu, die auch im späteren die Politik des Dionysios bestimmen sollten.

Der äußere Anlaß der Intervention, der Konflikt zwischen Selinus und Egesta, weist auf eine Grundkomponente der sizilischen Politik hin, die Rivalität der Griechenstädte untereinander. Der Hilferuf Egestas an eine außersizilische Macht steht zum einen für die tiefe Feindschaft und die Konsequenz, mit der diese Konflikte ausgetragen wurden, zum anderen aber auch für die Tatsache, daß Sizilien trotz seiner peripheren Lage Bestandteil der griechischen Welt und in die gesamtgriechische Politik integriert war. Die bei Thukydides erwähnten Bündnissysteme untermauern diese These, wogegen die Vorstellungen von den Städten Siziliens im Mutterland wage blieben und den Stoff für Legenden bildeten. Die Gesandtschaft aus Selinus, die den Athenern den scheinbaren Reichtum der Stadt vor Augen führte6 oder die Geschichten, die man 5 sich am Vorabend des zweiten Perserkrieges von der Macht des sizilischen Tyrannen Gelon erzählte,7 legen davon Zeugnis ab. Als Inbegriff von Macht und Reichtum auf Sizilien wurde immer wieder Syrakus gesehen, die Stadt im Südosten der Insel, die auch die Hauptlast des Kampfes gegen die Athener trug.

[...]


1 Die Tradition der dionysios-feindlichen Überlieferung und die Darstellung des syrakusanischen Herrschers als Prototyp eines Tyrannen geht offenbar auf das Geschichtswerk desTimaios zurück, der in persönlicher Opposition zu Dionysios stand. Sie wurde von späteren Autoren aufgegriffen und fand auch Eingang in das Werk Diodors. Siehe dazu: Sanders, L.J.: Dionysios I of Syracuse and Greek Tyranny, London/New York/Sidney 1987, S. 79-88. Stroheker verweist auf den reichen Anekdotenschatz, der die Typisierung des Dionysios als grausamen, paranoiden und rücksichtslosen Gewaltmenschen zum Gegenstand hat und bei Autoren wie Plutarch, Cicero, Valerius Maximus oder Polyaenos überliefert ist. (Stroheker, K.F.: Dionysios I. Gestalt und Geschichte des Tyrannen von Syrakus, Wiesbaden 1958, S. 11-13, S. 18-22).

2 Weitere Gewährsleute Diodors für die Schilderung der Ereignisse auf Sizilien im 4. Jahrhundert sind Ephoros von Kyme und Theopomp. Zu Diodor und seinen Quellen siehe Sanders, S. 110-116.

3 Zur historiographischen Intention Diodors, dem Vorwurf der Manipulation und Selektion der Schriften seiner Gewährsleute vgl.: Drews, R.:Diodorus and his Sources, in: American Journal of Philology, 83(1962), S. 383-392.

4 Siehe Anm. 1. Die Inanspruchnahme von Tempelschätzen während des großen Karthagerkrieges durch Dionysios wird beispielsweise in der pseudo-aristotelischen ,,Oeconomika" als ,,Plünderung" ausgewiesen (1353b.20), die die Mißachtung der Religion durch den Tyrannen untermauert. Dennoch sind ähnliche Maßnahmen in Notlagen auch aus dem demokratischen Athen bekannt und stellten dort kein Sakrileg dar (Thuk. 1.121, 2.13). Vgl. Auch Caven, B.: Dionysios I. War-Lord of Sicily, New Haven/London 1990, S. 163-165.

5 Zum letzten Stadium der athenischen Expansion siehe Thuk. 7.50-87.

6 Thuk. 7.8.

7 Vgl. Dazu Hdt. 7.147.

 


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