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'Sansculotten auf deutschem Grund und Boden'. Politische Symbolik deutscher Studenten zur Zeit der Französischen Revolution (1789-1800)

Scholarly Essay, 2001, 28 Pages
Author: Jörg Schweigard
Subject: History - Modern Times, Absolutism, Industrialization

Details

Category: Scholarly Essay
Year: 2001
Pages: 28
Language: German
Archive No.: V22461
ISBN (E-book): 978-3-638-25776-3
ISBN (Book): 978-3-638-71336-8
File size: 143 KB
Notes :
Erschienen in: Aufklärung – Vormärz – Revolution. Jahrbuch der „Internationalen Forschungsstelle Demokratische Bewegungen in Mitteleuropa von 1770-1850“ an der Universität Innsbruck, Bd.21 (2001), S.27-49.


Abstract

Die Studie wird von der Frage geleitet, inwieweit deutsche Studenten Symbole der Französischen Revolution übernahmen und damit eine ausdrückliche Parteinahme für die mit der Symbolik korrespondierenden politischen Ideen verbanden. Ferner sollte geklärt werden, ob dieser Prozeß in einem Zusammenhang zu den unterschiedlichen Phasen der Revolution stand, die in Frankreich eine Veränderung politischer Symbole und symbolischer Kleidung und Farben mit sich brachten. Die Ergebnisse zeigen, daß an allen untersuchten Universitäten Studenten die neuen politischen Symbole und die „revolutionäre“ Kleidung annahmen. Zu den wichtigsten Symbolen der Revolution zählte die rote Jakobinermütze, auch „Freiheitskappe“ genannt. Hinzu kam die dreifarbige, blau-weiß-rote Kokarde. Neben diesen eindeutigen Symbolen, die in der ersten Hälfte der 1790er Jahre dominierten, kam Mitte der Dekade unter den Studenten die Anlehnung an die revolutionäre Kleidung in Mode. Nicht immer ist in den Quellen die Kleidung genau beschrieben (ihre Bedeutung und Details wurden bereits als bekannt vorausgesetzt), doch zwei „Typen“ lassen sich im wesentlichen unterscheiden: Die farbliche Übereinstimmung mit der französischen Trikolore und die Anlehnung an die Kleidung der Sansculotten. Bei der ersten Kleidervariante war die blau-weiß-rote Farbkombination wesentlichstes Merkmal. Die Details der Kleidung waren weniger bedeutsam. Vermutlich stellte sie eine Anlehnung an die Nationaluniform der französischen Soldaten dar. Die zweite Kleidervariante ahmte die schlichte, teilweise auch grobe Kleidung der Sansculotten nach. So trugen Studenten lange Matrosenhosen oder paßten sich in anderen Äußerlichkeiten wie der Haartracht an, indem sie auf Zöpfe oder gepudertes Haar verzichteten und stattdessen den runden Haarschnitt oder langen, wilden Haarwuchs bevorzugten. Es kann kaum verwundern, daß derart „sansculottisch“ gekleidete Studenten in der Öffentlichkeit auffielen, sei es wegen der offensichtlichen politischen Grundhaltung oder sei es wegen des schroffen Gegensatzes zur Erscheinung des früher adrett gekleideten Studenten, der mit Perücke und Degen ausgestattet eher den Adel nachahmte und das genaue Gegenteil eines „Sansculotten“ war. Die bereits in der Spätaufklärung aufgekommene Tendenz zur schlichten, eher uneleganten Kleidung wurde hier noch verstärkt, indem man sich der Kleidung der französischen Unterschichten näherte und die letzten „höfischen“ Bestandteile der Kleidung ablegte.


Excerpt (computer-generated)

„SANSCULOTTEN AUF DEUTSCHEM 
GRUND UND BODEN“

Politische Symbolik deutscher Studenten 
zur Zeit der Französischen Revolution (1789-1800)

Jörg Schweigard

 

 

1. Politische Mode und Symbolik in Frankreich 1789-1799 ... 2
1.1 Revolution in der Mode – die Phase bis zum Sturz der Jakobiner (1789-1794) ...  2
1.2 Jeunesse dorée – Direktoriumszeit (1794-1799) ... 5

2. Politische Symbolik und Mode deutscher Studenten 1789-1800 ...  6
2.1 Mode vor 1789 ...  6
2.2 Studenten am Ende des 18. Jahrhunderts ... 7

3. Schluß ... 21

 

Jede politische, gesellschaftliche oder soziale Veränderung in der Geschichte hat ihre eigenen politischen Symbole hervorgebracht, die für den gesellschaftlichen Wandel standen und die alten Symbole verdrängten. Erst in jüngster Zeit wurden mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in den osteuropäischen Staaten auch Symbole und Denkmäler von den öffentlichen Gebäuden, Straßen und Plätzen beseitigt und durch neue ersetzt.1 Auch als in Frankreich 1789 die epochale Revolution ihren Lauf nahm, wurde eine Fülle neuer und verschiedenster politischer Symbole eingeführt. So wurden etwa Altäre des Vaterlandes errichtet, Freiheitsbäume gepflanzt oder blau-weiß-rote Kokarden und rote Jakobinermützen getragen.

Die Bedeutung des Begriffs „Symbol“ in der Französischen Revolution ist heterogen, denn dazu zählen Zeichen, Abzeichen, Embleme oder Symbole im engeren Sinn bis hin zu farblich kombinierten Kleidungsstücken. Die geschichtlichen und geistigen Traditionen, denen die „Symbole“ entliehen wurden, waren unterschiedlich. So stammte beispielsweise die „phrygische“ rote Mütze aus der Antike, während die Farben der Trikolore in ihrer Kombination aktuelle Bezüge hatten.

Die Kleidung war ein Bestandteil der durch die politischen Veränderungen aufgekommenen Symbolik. In dem hochpolitischen Klima der Französischen Revolution wurde selbst derjenige, der den Wandel vermied und sich nicht „republikanisch“ kleidete, nicht einfach als unpolitisch „neutral“, sondern mit zunehmender Radikalisierung als Gegner der Republik beziehungsweise Anhänger des Ancien régime eingeordnet. Bis in Details der Kleidung oder der Frisur hinein erkannten nun Passanten auf den Straßen die politische Haltung ihrer Gegenüber, ohne auch nur ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Gerade aus dem Befund politischer Symbole und der vermeintlichen Äußerlichkeiten wie einer „politisch motivierten“ Kleidung lassen sich Werte und Verhaltenserwartungen ebenso gut ableiten, wie aus politischen Äußerungen oder Kommentaren. Sie zählen wie die politischen Artikel in den Zeitungen zum Bereich der sich entfaltenden bürgerlichen „Öffentlichkeit“ und beinhalten wie diese einen kommunikativen Akt zwischen dem Träger eines Symbols und dem, der dies in seiner politischen Bedeutung erkannte. Lynn Hunt bezeichnet in ihrer Arbeit diese symbolischen Bekenntnisse zu den entstehenden politischen Parteien als eine Form politischer Kultur, die den kollektiven Absichten und Aktivitäten Ausdruck und Form verlieh und damit letztlich „die Logik revolutionären Handelns“ lieferte.2

Schwerpunkt dieser Studie ist nicht die Symbolik der Revolution in Frankreich, sondern deren Auswirkungen auf die Nachbarstaaten im Deutschen Reich. Primär soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich auch in Deutschland die politischen Veränderungen in der Kleidung und in den am Körper getragenen Abzeichen oder Accessoires widerspiegelten. Dabei konzentriere ich mich auf die kleine gesellschaftliche Gruppe der Studenten, die nach neueren Forschungsergebnissen in besonderem Maß durch die Französische Revolution beeinflußt wurde.3 Forschungsleitend ist die Frage, ob die Studenten Symbole der Französischen Revolution übernahmen und inwieweit damit ausdrücklich eine Parteinahme verbunden war. Ferner soll in Erfahrung gebracht werden, ob dies parallel zur Entwicklung in Frankreich verlief und welche politischen Symbole und symbolischen Kleidungsstücke die Studenten letztlich übernahmen. Zuvor aber ist es hilfreich, die politische Symbolik und den Wandel der Kleidung in Frankreich im Verlauf der Revolution näher zu betrachten.

1. Politische Mode und Symbolik in Frankreich 1789-1799

1.1 Revolution in der Mode – die Phase bis zum Sturz der Jakobiner (1789-1794)

Die Französische Revolution leitete auch in der Männermode entscheidende Veränderungen ein. Die Mode bestimmte nun nicht mehr der Adel, sondern das etablierte Bürgertum, das sich wiederum durch die Kleidung deutlich gegenüber unteren Schichten abgrenzte.4 Mit der Entmachtung der Aristokratie verzichteten die Männer auf prunkvolle, farbenprächtige Seidengewänder mit aufwendigen Stickereien und auf gepuderte Perücken. Die Haare wurden nicht mehr zum Zopf gebunden, sondern offen getragen und nicht mehr gepudert. Die jungen Franzosen trugen das Haar rundgeschnitten oder wild nach hinten gekämmt und bis über den Rockkragen herabhängend.5 Das lange Beinkleid löste die Kniehose mit Seidenstrümpfen ab. Diese Röhrenhose war ursprünglich die Arbeitskleidung Marseiller Hafenarbeiter. Mit zunehmender Radikalisierung der Revolution hüteten sich die Oberschichten und der Adel davor, ihre Schicht- und Standeszugehörigkeit durch die Kleidung oder Frisur zu zeigen. Der Pariser Korrespondent des Weimarer „Journal des Luxus und der Moden“ berichtete am 15. August 1792 seinen Lesern: „Jeder rechtliche Mann, sei er Aristokrat oder Demokrat, geht jetzt schlecht gekleidet aus, um nicht Gefahr zu laufen; denn reinlich gekleidet und frisiert zu sein, und seidene Strümpfe zu tragen, ist schon hinreichend von den Sans Culottes auf der Straße als Aristokrat angeschrien, und vom Pöbel gemißhandelt zu werden.“6

Ein Träger revolutionärer Kleidung führte oft auch einen waffenartigen Stock mit sich. Unter dem Datum des 14. Oktober 1790 berichtete der Korrespondent im „Journal des Luxus und der Moden“, die jungen Leute trügen dicke Stöcke, die eine Form von Säbeln hatten.7 Am 15. Dezember 1790 beschreibt er die Stöcke in folgenden Varianten: „Ein dicker schwarzer Knotenstock oder einer in Form eines Säbels, beide mit verborgnen Klingen“.8 Mit der Zeit werden dann statt Stöcken auch martialische Keulen mitgeführt: Die „wahre[n] Herkules- Keulen von Stöcken“, auch „Massues“ (Keulen) genannt, sind „kurze dicke knotige Knüppel von spanischer Weinrebe, die oben in der Hand am dünnsten sind, und unten sehr dick wie Keulen zugehen.“9

Im Jahr 1792 dominierten die „Sansculotten“ das Stadtbild. Sie trugen die langen weiten Pantalons der Seeleute und Arbeiter, eine kurze Jacke (die Carmagnole), die rote Mütze (bonnet rouge) und waren mit einer Pike oder einer anderen Waffe ausgestattet. Die Vertreter der Pariser Unterschichten nannten sich selbst „Sansculotten“, um mit dieser verächtlichen Bezeichnung der Kniehose als Culotte (der Bekleidung des Cul) ihren Spott auszudrücken und ihre Ablehnung von Glanz und Mode der oberen Stände zu verdeutlichen. Bekanntestes Abzeichen der Revolution war die rote „Freiheitsmütze“. 10 Wie andere in der damaligen Bildsymbolik auftauchende Insignien (Piken, Liktorenbündel, Keulen) war die phrygische Mütze ein aus der Antike entlehntes Freiheitssymbol. Im antiken Rom wurde freigelassenen Sklaven eine solche Mütze überreicht.

Die Freiheitsmütze war im Unterschied zur Trikolore kein nationales Symbol, sondern verfocht den weltbürgerlichen Gedanken der Menschheitsbefreiung. So hieß es unter diesem Anspruch auch in einer Strophe des französischen Liedes „Les voyages du bonnet rouge“ („Die Reisen der roten Kappe“) von 1792:

 

[....]


1 In Ungarn beispielsweise entflammte im Frühling 1990 eine heftige politische Debatte über die neuzugestaltende Symbolik des Nationalwappens. Vgl. Niedermüller, Peter: Politik, Kultur und Vergangenheit. Nationale Symbole und politischer Wandel in Osteuropa. In: Brednich, Rolf Wilhelm / Schmitt, Heinz (Hg.): Symbole. Zur Bedeutung der Zeichen in der Kultur. 30. Deutscher Volkskundekongreß in Karlsruhe v. 25. bis 29. September 1995. Münster u.a. 1997, S.113-122; hier S.113.

2 Hunt, Lynn: Symbole der Macht. Macht der Symbole. Die Französische Revolution und der Entwurf einer politischen Kultur. (Aus dem Amerikanischen v. Michael Bischoff.) Frankfurt/Main 1989, S.22. Schon früher hat Ozouf ausführlich nachgewiesen, welche Bedeutung die Symbole für die Revolutionäre besaßen. Vgl. Ozouf, Mona: La fête révolutionnaire. Paris 1976, insbes. S.280ff.

3 Zur Politisierung an katholischen Universitäten vgl. neuerdings Schweigard, Jörg: Aufklärung und Revolutionsbegeisterung. Die katholischen Universitäten in Mainz, Heidelberg und Würzburg im Zeitalter der Französischen Revolution (1789-1792/93-1803). (Schriftenreihe der Internationalen Forschungsste lle „Demokratische Bewegungen in Mitteleuropa 1770-1850“, Bd. 29) Frankfurt/Main, Berlin, Bern u. a. 2000. Den studentischen Mentalitätswandel an protestantischen Universitäten untersuchte Steinhilber, Horst: Von der Tugend zur Freiheit. Studentische Mentalitäten an deutschen Universitäten 1740-1800. (Historische Texte und Studien, Bd.14) Hildesheim, Zürich, New York 1995.

4 Dies gilt auch für die Damenmode. Die ständegebundene Kleiderordnung und die höfische Mode wie Reifrock, Korsett und Perücke wurden bei den Frauen unmodern, stattdessen kleideten sie sich „antik“, mit hemdartigen, lose fallenden Chemisekleidern, die direkt unter der Brust gegürtet waren. Ihre Haare trugen sie kurz und bezeichneten sie als „Titusfrisur“ Vgl. [Rauchbauer, Judith von:] Kleidung gestern und heute. 200 Jahre Kleidungsgeschichte. Eine Abteilung im Stadtmuseum Amberg. (Bayerische Museen, Bd. 23) München 1995, S.9.

5 Vgl. Bringemeier, Martha: Ein Modejournalist erlebt die Französische Revolution. (Rheinisch- Westfälische Zeitschrift für Volkskunde, Beiheft 2) Münster 1981, S.150f.

6 Zit. nach ebd., S.212f.

7 Vgl. ebd., S.150f.

8 Zit. nach ebd., S.156.

9 Zit. nach ebd., S.186. Dieser Pariser Bericht ist auf den 12. Oktober 1791 datiert.

10 Zur politischen Bedeutung der roten Freiheitsmütze (neben anderer Revolutionsaccessoires) vgl. den Aufsatz von Harris, Jennifer: The Red Cap of Liberty. A Study of Dress Worn by French Revolutionary Part isans 1789-94. In: Eighteen Century Studies. Vol. 14 (1980), Nr. 1, S.283-312.


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