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Für Meinungsfreiheit und Menschenrechte. Die Auseinandersetzung um die naturrechtlichen Schriften des Heidelberger Juristen Karl Ignaz Wedekind

Scholarly Essay, 2003, 19 Pages
Author: Jörg Schweigard
Subject: History - Modern Times, Absolutism, Industrialization

Details

Category: Scholarly Essay
Year: 2003
Pages: 19
Language: German
Archive No.: V22912
ISBN (E-book): 978-3-638-26140-1
ISBN (Book): 978-3-638-71340-5
File size: 207 KB
Notes :
Veröffentlicht in: Festschrift zum 60. Geburtstag von Helmut Reinalter. Hg. v. Michael Fischer et al. Frankfurt/Main 2003, S.181-206.


Abstract

Der 1769 in Heidelberg geborene Karl (Franz) Ignaz Wedekind hatte seit 1785 Rechtswissenschaften in Heidelberg, dann nach 1789 bei dem angesehenen Juristen Professor Peter Anton Frank in Mainz und bei den Professoren Georg Ludwig Böhmer und Johann Georg Heinrich Feder in Göttingen studiert. Derart vorbereitet trat Wedekind 1792 in Heidelberg seine Professur in Natur- und Völkerrecht an. Es sollte allerdings nicht lange dauern, bis er mit seinen vor allem in Göttingen erworbenen naturrechtlichen Positionen und seiner rechtlichen Einordnung der Französischen Revolution in Heidelberg auf Widerstände stieß. Die Bedeutung Wedekinds liegt in dessen früher Rezeption neuer naturrechtlicher Strömungen, die letztlich unter Einbeziehung der Menschen- und Völkerrechte einer Verrechtlichung politischer Forderungen gleichkam. Damit befand sich Wedekind in Opposition zu den meisten seiner juristischen Kollegen an der Universität, die aus taktischen oder ideologischen Gründen noch fest auf absolutistische Positionen des alten Naturrechts beharrten, die dem Untertanen wenig Rechte zustanden und vor Willkür unzureichend Schutz boten. Mit großem Engagement versuchten Wedekinds Gegner an der Universität und in der pfälzischen Regierung, diesen von der Universität entfernen zu lassen und seine Schriften zu verbieten. Daß dieses Vorhaben erfolglos blieb, lag nicht zuletzt daran, daß sich die politische Auseinandersetzung unter Anteilnahme der gelehrten Öffentlichkeit abspielte, was die Reaktionsmöglichkeiten der Regierung deutlich hemmte. Wedekind nutzte das Medium der Presse und seine Publikationen für die Durchsetzung und Verbreitung seiner politischen Ansichten erfolgreich. In seinen Schriften regte er die Verrechtlichung seiner politischen Forderungen an, indem er voraussetzte, daß grundlegende Menschenrechte von der höchsten Staatsgewalt zu respektieren waren. Unbeeindruckt von der politischen Brisanz bezog sich Wedekind auf die politischen Ereignisse in Frankreich als warnendes Beispiel. Nach seinen Vorstellungen sollten in Deutschland stattdessen klare rechtliche Regelungen zwischen dem Regenten und seinen Untertanen revolutionäre Zustände verhindern. Indem Natur- und Menschenrecht als bindend vorausgesetzt wurden, sollte der Regent sich an gesetzlichen Bestimmungen orientieren und somit in seiner Macht beschränkt werden.


Excerpt (computer-generated)

Für Meinungsfreiheit und Menschenrechte
Die Auseinandersetzung um die naturrechtlichen Schriften
des Heidelberger Juristen Karl Ignaz Wedekind

Jörg Schweigard

 


„Die deutschen Professoren legen ihre Gesinnung bei jeder Gelegenheit nur allzu deutlich an den Tag, und wenn sie in den meisten Ländern nicht geradezu die Grundsätze der Franzosen verteidigen dürfen, so wissen sie doch ihre Vorlesungen der Geschichte und Philosophie mit solchen Sätzen auszuschmücken, welche indirekt eine Billigung jenes Systems enthalten.“

(August von Kotzebue, 1794)1

 

Diese Einschätzung des Revolutionsgegners Kotzebues kommt nicht von ungefähr. Er hatte in Mainz Anfang der 1790er Jahre seine Erfahrungen mit Sympathisanten der Französischen Revolution unter den Professoren an der Universität gemacht. Neben Schriftstellern, Dichtern und Publizisten zählten besonders die Gelehrten an den Universitäten zur deutschen Intellektuellenschicht, die einen politischen Wandel anstrebte. Allerdings gibt es bis heute Historiker, die ein nennenswertes politisches Engagement der Professoren erst für die Zeit der Befreiungskriege beziehungsweise für die Restaurations- und Vormärzepoche konstatieren. 2

Jedoch belegen gerade neuere Studien, daß eine bemerkenswerte Zahl der Professoren mit der Revolution sympathisierte, ihre Ansichten zum Teil in Vorlesungen oder publizistisch verbreiteten und damit ein nicht unerhebliches Risiko auf sich nahmen. Schließlich drohten nicht zuletzt durch die Denunziation andersgesinnter Kollegen Sanktionen des absolutistischen Staates, der es nicht hinnahm, daß die gelehrten Staatsdiener freisinnige Gedanken vertraten, Reformen anstrebten oder gar den Status Quo in Frage stellten.3 In der Mainzer Republik von 1792/93 gab es eine größere Zahl politisch aktiver Professoren, die im Jakobinerklub oder im ersten deutschen Parlament, dem rheinisch-deutschen Nationalkonvent von 1793, unter dem Vorsitz des gewählten Präsidenten und vormaligen Mainzer Professors Andreas Joseph Hofmann die Demokratie erprobten. 4 Auch an der katholischen Universität Heidelberg befanden sich in der Revolutionsdekade mehrere Professoren, die gegen obrigkeitliche Unterdrückung und orthodoxen Zwang aufbegehrten. Einer von ihnen war der Jurist Karl Ignaz Wedekind, ein bislang weitgehend unbekannter Gelehrter, der jahrelang seine naturrechtlichen Positionen gegen Widersacher an der Universität und in der Obrigkeit verteidigte, indem er – aller Zensur zum Trotz – von 1792 bis 1795 mehrere Schriften publizierte und auch die Auseinandersetzung mit der Zensur in die gelehrte Öffentlichkeit trug. Die Tatsache, daß der renitente Wedekind nicht wie andernorts vergleichbare Oppositionelle entlassen oder in die Emigration getrieben wurde, sondern daß er ausharrte und sich letztlich auch behaupten konnte, verdeutlicht den Einfluß, welchen die damalige gelehrte Öffentlichkeit und damit auch die Presse und Publizistik hatte: Sie übte direkt oder indirekt auf die Entscheidung der Obrigkeit Druck aus. Bevor wir uns nun Wedekind zuwenden, ist es hilfreich, die politischen Verhältnisse in der Pfalz und das Klima an der Universität Heidelberg näher zu betrachten.

1. Die politischen Verhältnisse in der Pfalz

Die Stadt und Universität Heidelberg gehörten Ende des 18. Jahrhunderts zum rechtsrheinischen Territorium der Pfalz. Seit 1742 regierte Karl Theodor das pfalzbayrische Kurfürstentum. In jungen Jahren galt er als aufgeklärter Fürst, der besonders in seiner Residenzstadt Mannheim eine Vielzahl kultureller und wissenschaftlicher Einrichtungen förderte. In den 1780er Jahren schlug Karl Theodor einen eher restaurativen Kurs ein und wandte sich von der Aufklärung ab. Besonders die ungewöhnlich strenge Verfolgung des Geheimbundes der Illuminaten und die harte Zensur in Bayern brachten ihm bei den aufgeklärten Zeitgenossen den Ruf eines reaktionären Fürsten ein.5

Im Jahr 1777 erbte der Kurfürst Bayern und verlegte seine Residenz im folgenden Jahr von Mannheim nach München. Karl Theodor ernannte nach seinem Weggang aus Mannheim 1778 den Staats- und Konferenzminister, Graf Franz Albert Leopold von Oberndorff, zu seinem Stellvertreter in der Pfalz. Oberndorff war fortan der mächtigste Beamte in der Pfalz und auch für die Belange der 1385 gegründeten Universität zuständig. Unter Oberndorffs Herrschaft wuchsen Nepotismus, Ämterkauf und Mißwirtschaft in der pfälzischen Bürokratie zum Schaden der Bevölkerung.6

[....]


1 Kotzebue verfertigte 1794 ein „Mémoire über den Revolutionsgeist“, in welchem er die russische Regierung davor warnte, junge Russen an deutschen Universitäten studieren zu lassen, da dort der Revolutionsgeist gefördert werde. Zit. nach Träger, Claus (Hg.): Die Französische Revolution im Spiegel der deutschen Literatur. Köln 1989 (3. durchges. Aufl.), S.182.

2 So läßt etwa Real seine Reihe des „politischen Professorentums“ erst mit dem „späten“ Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher und deren Beiträgen zur Reform des akademischen Studiums beginnen. (Beide waren Mitstreiter Wilhelm von Humboldts. In der 1810 gegründeten Berliner Universität wurden die Bildungsreformen dann umgesetzt.) Vgl. Real, Willy: Geschichtliche Voraussetzungen und erste Phasen des politischen Professorentums. In: Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. Hg. v. Christian Probst. Bd.9. Heidelberg 1974, S.7-95; hier S.38-50. Auf Fichtes Jenaer Wirksamkeit (1794-99) und seine Haltung zur Französischen Revolution geht Real nur am Rande ein. Vgl. ebd., S.39f. Noch in jüngster Zeit stellte auch Notker Hammerstein klar, dass er keinen politischen Professor vor 1800 kenne. Vgl. Klaus Ries: Die Universität Jena als frühes Zentrum des politischen Professorentums. In: Müller, Gerhard / Ries, Klaus / Ziche, Paul (Hrg.): Die Universität Jena. Tradition und Innovation um 1800. Tagung des Sonderforschungsbereichs 482: „Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800“ vom Juni 2000. (Pallas Athene, Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Bd.2), S.175-190; hier S.176 (Anm.4).

3 Zur politischen Haltung und Organisation der Professoren an katholischen (und am Rande auch an protestantischen) Universitäten vgl. Schweigard, Jörg: Aufklärung und Revolutionsbegeisterung. Die katholischen Universitäten in Mainz, Heidelberg und Würzburg im Zeitalter der Französischen Revolution (1789-1792/93-1803). (Schriftenreihe der Internationalen Forschungsstelle „Demokratische Bewegungen in Mitteleuropa 1770-1850“, Bd.29) Frankfurt/Main u.a. Selbst an der Universität Jena im vermeintlich liberalen Herzogtum Sachsen-Weimar wurden Studenten von der Obrigkeit überwacht, die Universitätsautonomie beschnitten und unbotmäßige Gelehrte und Professoren wie Johann Gottlieb Fichte, Johann Gottfried Herder, Gottlieb Hufeland oder Carl Christian Eberhard Schmid bespitzelt und eingeschüchtert und auf diese Weise von ihren politischen Ansichten abgebracht. Vgl. dazu Wilson, W. Daniel: Das Goethe-Tabu. Protest und Menschenrechte im klassischen Weimar. München 1999, S.173-293. Wilson kommt zum Schluß, daß auch in Jena/Weimar bei Konflikten zwischen Intellektuellen und absolutistischer Obrigkeit der Anspruch auf Menschenrechte permanent verletzt wurde und auch Sachsen-Weimar in dieser Hinsicht keine Ausnahme, sondern ein ziemlich normaler deutscher Kleinstaat des 18. Jahrhunderts gewesen sei. Vgl. ebd. S.291f.

4 Obwohl Hofmann der erste Präsident eines gewählten deutschen Parlaments war, ist er heute nur Fachleuten bekannt und findet in kaum einer populären historischen Darstellung geschweige denn in einem Schulbuch Erwähnung. Vgl. dazu auch Schweigard, Jörg: Ein Leben für die Republik. In: DIE ZEIT (Hamburg) v. 23. Mai 2002, S.86. Zur Politisierung und politischen Partizipation der Mainzer Professoren vgl. Schweigard, 2000 (wie Anm.3), S.102-138.

5 Die liberale Historiographie im 19. Jahrhundert kritisierte Karl Theodors Regierung heftig. In neuerer Zeit wird (mit Ausnahme der Arbeit von Ebersold, Günther: Rokoko, Reform und Revolution. Ein politisches Lebensbild des Kurfürsten Karl Theodor. Frankfurt/Main u.a. 1985) seine Regierungszeit positiver bewertet und vor allem auf die Bedeutung seiner frühen reformerischen Leistungen hingewiesen. Zur Rezeption der Politik und Person Karl Theodors in der Historiographie des 19. und 20. Jahrhunderts vgl. den Aufsatz von Hübner, Heike: Das Bild Karl Theodors, Kurfürst von Pfalz-Bayern, in der kurpfälzischen Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts. In: Mannheimer Geschichtsblätter, N. F., Bd.4 (1997), S.325-382.

6 Vgl. Häusser, Ludwig: Geschichte der rheinischen Pfalz nach ihren politischen, kirchlichen und literarischen Verhältnissen. Zweiter Band. Heidelberg 1856 (2. Aufl.); hier S.964f. Zur Politik Oberndorffs vgl. neuerdings die Arbeit von Distler, Uwe: Franz


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