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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 24 Pages
Author: Thomas Schumacher
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Institut für deutsche Literatur)
Tags: Sara, Sampson«, Moralvorstellungen, Geschlechterbilder, Lessings, Trauerspiel, Hauptseminar, Giftmord, Sujet
Year: 2003
Pages: 24
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 15 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-26823-3
ISBN (Book): 978-3-638-64369-6
File size: 207 KB
Geschlecht und Moral hängen unmittelbar miteinander zusammen. Sie lassen sich nicht ohne einander denken: Auf der einen Seite die dem Geschlechterbegriff zugeschriebenen Rollenbilder, resultierend aus psychischen und physiologischen Erwartungshalten und aus konventionellen - teils klischeehaften - Vorstellungen der entsprechenden Zeit, auf der anderen Seite die Moral, die sich insbesondere im 18. Jahrhundert als ein Konstrukt von Tugend und Laster in paradigmatischer Weise definieren lässt.
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Abstract
Geschlecht und Moral hängen unmittelbar miteinander zusammen. Sie lassen sich nicht ohne einander denken: Auf der einen Seite die dem Geschlechterbegriff zugeschriebenen Rollenbilder, resultierend aus psychischen wie physiologischen Erwartungshaltungen und aus konventionellen - teils klischeehaften - Vorstellungen der entsprechenden Zeit, auf der anderen Seite die Moral, die sich insbesondere im 18. Jahrhundert als ein Konstrukt von Tugend und Laster in paradigmatischer Weise definieren lässt. In dem vorliegenden Text soll primär die Konstruktion von Weiblichkeit in Lessings bürgerlichem Trauerspiel in den Blickpunkt geraten.
Excerpt (computer-generated)
HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN
Institut für deutsche Literatur
Hauptseminar: Giftmord als literarisches Sujet
Wintersemester 2002/03
»Miß Sara Sampson«
Moralvorstellungen und Geschlechterbilder
in Lessings bürgerlichem Trauerspiel
von Thomas Schmidt
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... 3
1. Tugend und Weiblichkeit
1.1 Der weibliche Tugendbegriff der Aufklärung ... 5
1.2 Varianten von Weiblichkeitsbildern ... 8
1.3 Die Frau im sozialen Raum ... 9
2. Patriarchalismus
2.1 Der Vater-Tochter-Konflikt ... 13
2.2 Tränen in der Literatur ... 17
Schluss ... 19
Literaturverzeichnis ... 22
Anmerkungsapparat ... 23
Einleitung
In dem Hauptseminar Giftmord als literarisches Sujet wurde weibliche Gewalt in ihrer „Heimlichkeit und Heimtücke“1 durch die Lektüre mannigfacher Literatur, von der Antike bis heute, dargestellt. Da sich in den verschiedenen literarischen Epochen immer wieder das destruktive Bild von Weiblichkeit herausarbeiten ließ, wurde mein Interesse für die unterschiedlichen Weiblichkeitskonzeptionen, oft gekennzeichnet durch Naturverbundenheit, Triebhaftigkeit und Bösartigkeit, geweckt. Ich fasste den Entschluss, mich – im weitesten Sinne – auch in meiner Hausarbeit mit dem so genannten weiblichen Geschlechtscharakter zu befassen. Da ich mich im Verlauf meines Studiums bisher noch nicht hinreichend mit der Epoche der Aufklärung beschäftigt habe, nutze ich die Gelegenheit, ein Lessingdrama zu wählen.
Geschlecht und Moral hängen unmittelbar miteinander zusammen. Sie lassen sich nicht ohne einander denken: Auf der einen Seite die dem Geschlechterbegriff zugeschriebenen Rollenbilder, resultierend aus psychischen und physiologischen Erwartungshalten und aus konventionellen – teils klischeehaften – Vorstellungen der entsprechenden Zeit, auf der anderen Seite die Moral, die sich insbesondere im 18. Jahrhundert als ein Konstrukt von Tugend und Laster in paradigmatischer Weise definieren lässt. Unter diesem Aspekt soll in dieser Arbeit primär die Konstruktion von Weiblichkeit in den Blickpunkt geraten. Konkret wird hier die literarische Figur der tugendhaften Tochter Sara und ihr Widerpart, die Buhlerin Marwood,2 im Zentrum des Interesses stehen. Ist es wahr, dass durch die Tugendhaftigkeit der Frau, insbesondere der Tochter, im 18. Jahrhundert eine Familienideologie geschaffen wird, die als Grundlage für eine neue Gesellschaftsutopie dienen soll? Verkörpert Sara in Lessings bürgerlichem Trauerspiel die Ideale des Vaters?3 Dieser Fragestellung möchte ich insofern nachgehen, als dass ich mich zuerst mit dem Tugendbegriff des 18. Jahrhunderts generell auseinandersetze und darauf folgend die zwei konträren Bilder von Weiblichkeit – Sara contra Marwood – untersuche, wobei zu klären sein wird, ob die beiden Frauenfiguren in ihrer Darstellung wirklich uneingeschränkt durch ein oppositionelles Verhältnis zueinander bestimmt werden. Danach soll die von Lessing konstruierte Familienkonzeption in Miß Sara Sampson in den Focus rücken. Die Familie wird vor allem anhand des Vater-Tochter-Konflikts analysiert, was selbstverständlich unmittelbar mit dem im Text enthaltenen Patriarchalismus verknüpft ist. Patriarchalische Strukturen im Zusammenhang mit dem sozialen Raum werden dort, wo es notwendig ist, aufgezeigt, zusätzlich aber in einem gesonderten Kapitel einer eigenen Untersuchung unterzogen. Dabei stelle ich im Vorfeld folgende Hypothesen auf: (1) Das Verständnis von weiblicher Tugend im Verlauf des 18. Jahrhundert wird von einer zunächst allgemein soziokulturell verstandenen Kategorie zu einer eher moralischen Eigenschaft reduziert. (2) Die Annahme, die beiden Hauptprotagonistinnen seien im Wesentlichen durch ihre Bipolarität zueinander gekennzeichnet, lässt sich nur beim ersten flüchtigen Lesen des Primärtexts halten und bezieht sich lediglich auf äußere Charakteristika von Sara und Marwood. (3) Trotzdem das autokratische Wesensmerkmal des Vaters zugunsten einer Maximierung seiner Empfindsamkeit abgemildert wird, herrschen auch in diesem Drama im hohen Maße patriarchalische Strukturen innerhalb der Familie vor. All dies gilt es an Lessings Miß Sara Sampson zu verifizieren. Als Sekundärliteratur dienen mir im Wesentlichen die Artikel von Inge Stephan, Karin A. Wurst und Günter Saße. Auch Wolfgang Wittkowski möchte ich nach Möglichkeit nicht unerwähnt lassen, der stets in eine erfrischende Antithese zu Inge Stephan zu verfallen neigt. Eine vollständige Liste der verwendeten Literatur finden Sie im Anhang.*
Auf einen Vergleich zu Senecas Medea, verfasst in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr., die wiederum auf dem um 480 v. Chr. entstandenen Medea-Mythos von Euripides basiert, kann ich leider nicht eingehen, da dies den Rahmen dieser Hausaufgabe sprengen würde. Auch auf die grundsätzliche Konzeption und Konstruktion des bürgerlichen Trauerspiels kann ich nur dort, wo es der Zusammenhang erlaubt, punktuell eingehen.
1. Tugend und Weiblichkeit
1.1 Der weibliche Tugendbegriff der Aufklärung
Tugend und Weiblichkeit hängen in der Literatur des 18. Jahrhunderts unmittelbar zusammen. Auch wenn Tugend zunächst nicht als ausschließlich weibliche Eigenschaft verstanden wurde, so kann eine Definitionsbildung oder Erörterung des Tugendbegriffs nicht ohne die Einbeziehung der literarischen Frauengestalten gelingen. „Tugend war eine Eigenschaft, die vor allem durch Vernunft definiert war und auf Wissen zielte und ohne ein Mindestmaß an Bildung nicht auskommen konnte.“4 Idealtypisch handelte es sich bei einem tugendhaften Menschen folglich generell um ein vernunftbegabtes, mündiges und sich selbst bestimmendes Wesen im Sinne aufklärerischer Maximen. Insbesondere die Frühaufklärer zielten auf eine Einbeziehung der Frau in ihre Bildungskampagne und wollten sich damit gegen – seit dem Mittelalter geprägte – Weiblichkeitsvorstellungen verwahren. Damit sprachen sie der Frau eine Tugendhaftigkeit zu, resultierend aus der ihr zugebilligten Bildungsfähigkeit. Rasch setzte sich aber auch unter den Aufklärern die Ansicht durch, vor allem die Haltung der Frau zur Sexualität verleihe ihr ihren moralischen Wert. Gemäß einer zunehmend vertretenen konträr gerichteten These, wird die Frau aber gerade ihrer Bildung wegen untugendhaft: Nur eine Art Unwissen kann sie vor einem lasterhaften Dasein bewahren, denn „sexuelle Unschuld … wird mit ‚Nicht-Wissen’ und Wissen und Erfahrung mit dem Verlust der sexuellen Unschuld“ verknüpft.5 Auch Sara entgegnet der – bisher unerkannten – Marwood:
* Zu meinem Bedauern waren folgende themenrelevante Aufsätze in den Berliner Bibliotheken nicht verfügbar: Sörensen, Bengt A.: Herrschaft und Zärtlichkeit. (Patriarchalismus im Drama des 18. Jh.). München 1984. Janz, Rolf-Peter: Femme fatale bei Lessing. Enth. in: Jahrbuch der Deutschen Schiller-Gesellschaft, 23.1979.
1 siehe KVV, Neuere deutsche Literatur, Philosophische Fakultät II, HU Berlin, WS 2002/03, HS Giftmord als literarisches Sujet, Formulierung nach H. Siebenpfeiffer.
2 Begriff nach: Friess, Ursula: Die Marwood aus „Miß Sara Sampson“, Enth. in: U. F.: Buhlerin und Zauberin, München 1970.
3 Formuliert nach: Wurst, Karin A.: Die Repräsentation der Familie in G. E. Lessings dramatischem Werk, Enth. in: K. A. W.: Familiale Liebe ist die „wahre Gewalt“, Amsterdam 1988.
4 Stephan, Inge: „So ist die Tugend ein Gespenst“: Frauenbild und Tugendbegriff im bürgerlichen Trauerspiel bei Lessing und Schiller. Enth. in: Sonderband zum Lessing Yearbook, Detroit 1985. S. 360 f.
5 Wurst, Karin A.: Abwesenheit-Schweigen-Tötung: Die Möglichkeiten der Frau? Lessings Funktionalisierung literarischer Klischees. Enth. in: Orbis litterarum 45.1990. S. 115
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