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Bedeutung und Beachtung der Reliquien im christlichen Abendland vom 11. bis 13. Jahrhundert

Scholary Paper (Seminar), 1999, 41 Pages
Author: M.A. Elke Beilfuß
Subject: Art - Miscellaneous

Details

Event: Seminar: Das irdische Jerusalem. Dome des 11. bis 13. Jahrhunderts
Institution/College: University of Bremen (Kunstwissenschaft)
Tags: Bedeutung, Beachtung, Reliquien, Abendland, Jahrhundert, Seminar, Jerusalem, Dome, Jahrhunderts
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 1999
Pages: 41
Grade: 1
Language: German
Archive No.: V2448
ISBN (E-book): 978-3-638-11486-8
ISBN (Book): 978-3-638-85169-5
File size: 230 KB

Abstract

Am mittelalterlichen Reliquienwesen fasziniert nicht nur der kultische Umgang mit den Gebeinen der Heiligen, sondern zudem ihre Verpackung, also das Reliquiar. Es birgt etwas Geheimnisvolles und Kostbares, was auch in der Erscheinung des Reliquiars zum Ausdruck kommt. Zum Reliquienkult im Mittelalter gehört neben den Geschichten über den Umgang mit den leiblichen Überresten von Heiligen und dem Vollzug mittelalterlicher Frömmigkeit, die Gestaltung der Reliquiare. Denn in der Art der kostbaren Schreine spiegelt sich jeweils auch die spirituelle Bedeutung von Reliquien, politischer Anspruch und Weltanschauung sowie ästhetische Wahrnehmung wider. So hat sich insbesondere der sinnliche Umgang mit den Reliquien während des Hochmittelalters vom Berühren hin zum Schauen verändert, was die kostbare Ausformung der Reliquiare prägte. Der praktische Umgang mit den Reliquien und Grabstätten der Heiligen sowie die Gestaltung der Reliquiare in der mittelalterlichen Zeit vom 11. bis 13 Jahrhundert sind die Themen der hier vorliegenden Arbeit, entstanden als Ausarbeitung des Referats über Reliquienkult im Mittelalter und den Heiligen Rock in Trier im Rahmen des Seminars von Guido Boulboullé “Das irdische Jerusalem. Dome des 11. bis 13. Jahrhunderts” an der Universität Bremen und der Exkursion zu mittelalterlichen Kirchen.


Excerpt (computer-generated)

Bedeutung und Beachtung der Reliquien im christlichen Abendland vom 11. bis 13. Jahrhundert

 

Referat und Hausarbeit von Elke Beilfuß

Im Seminar ,,Das irdische Jerusalem. Dome des 11. bis 13. Jahrhunderts"

Eingereicht WS 1999

Fach Kunstwissenschaft
Universität Bremen

Beurteilung: Note 1


Einleitung
Ursprung der Verehrung von Reliquien im Christentum
Heilige
Die Heiligen in ihren Reliquien
Kraft und Macht der Reliquien
Altar und Kreuz
Berühren und Schauen
Die Trierer Heilig-Rock-Reliquie in Zeugnissen und Legenden
Schluß
Zeittafel
Glossar
Literatur

Einleitung

Am mittelalterlichen Reliquienwesen fasziniert nicht nur der kultische Umgang mit den Gebeinen der Heiligen, sondern zudem ihre Verpackung, also das Reliquiar. Es birgt etwas Geheimnisvolles und Kostbares, was auch in der Erscheinung des Reliquiars zum Ausdruck kommt. Zum Reliquienkult im Mittelalter gehört neben den Geschichten über den Umgang mit den leiblichen Überresten von Heiligen und dem Vollzug mittelalterlicher Frömmigkeit, die Gestaltung der Reliquiare. Denn in der Art der kostbaren Schreine spiegelt sich jeweils auch die spirituelle Bedeutung von Reliquien, politischer Anspruch und Weltanschauung sowie ästhetische Wahrnehmung wider. So hat sich insbesondere der sinnliche Umgang mit den Reliquien während des Hochmittelalters vom Berühren hin zum Schauen verändert, was die kostbare Ausformung der Reliquiare prägte. Die reiche Ausschmückung der Reliquiare wurde im Mittelalter von einigen wenigen durchaus kritisch betrachtet, beispielsweise von Bernhard von Clairvaux.2 Ebenso wurde Kritik am Kult um die Reliquien geübt: Alkuin von New York (~* 730, _ 804), ein Zeitgenosse Karls des Großen, meint "... daß es besser ist, im Herzen die Beispiele der Heiligen nachzuahmen, als Säckchen mit ihren Gebeinen mit sich herumzutragen"3 und Petrus Venerabilis, Abt von Cluny betonte, "... «daß die Reliquien nicht um ihrer selbst willen, sondern um der Ehre der Heiligen willen verehrungswürdig sind», so wie die Heiligen selbst nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen der Gottesgnade groß sind."4

Der praktische Umgang mit den Reliquien und Grabstätten der Heiligen sowie die Gestaltung der Reliquiare in der mittelalterlichen Zeit vom 11. bis 13 Jahrhundert sind die Themen der hier vorliegenden Arbeit, entstanden als Ausarbeitung des Referats über Reliquienkult im Mittelalter und den Heiligen Rock in Trier im Rahmen des Seminars von Guido Boulboullé "Das irdische Jerusalem. Dome des 11. bis 13. Jahrhunderts" an der Universität Bremen und der Exkursion zu mittelalterlichen Kirchen. Die Fahrt nach Maria Laach, Trier, Basel, Speyer und Worms fand im Mai 1996 statt. Im Trierer Dom wurde zu dieser Zeit die Heilig-Rock-Reliquie ausgestellt und Tausende Gläubige pilgerten nach Trier, um sie zu sehen. Die Wallfahrt gab den Anlaß, uns während der Exkursion nicht nur mit romanischer Architektur, sondern auch mit mittelalterlicher Frömmigkeit zu befassen. Tatsächlich ist die sakrale Architektur des Mittelalters eng mit dem Reliquienwesen verknüpft. Die mittelalterliche Vorstellung vom "Himmlischen Jerusalem" prägte die Gestaltung der romanischen Dome ebenso wie den Reliquienkult. Denn die Heiligen waren nach mittelalterlichem Verständnis sowohl im Himmlischen Jerusalem als auch in ihren Reliquien auf Erden präsent. Somit ist verständlich, daß die irdischen Dome, als Abbild des "Himmlischen Jerusalem", sich mit den Reliquien der Heiligen verbanden. Grabstätten von Heiligen wurden mit Kirchen überbaut. Der Altar, das Herzstück jeder Kirche, benötigt eine Reliquie, um geweiht zu sein. Einige Reliquiare wurden wiederum in Form von Kirchen gestaltet, sogar als dreischiffige Basilika, wie der Schrein der Heiligen Drei Könige im Kölner Dom. - Grundlage des Referats bildete der Text "Reliquienverehrung" von Peter Dinzelbacher. In der vorliegenden Arbeit stütze ich mich desweiteren vor allem auf Schriften zum Thema von Arnold Angenendt, Hans Belting und Anton Legner.

Mittelalterlich anmutende Glaubensformen gibt es auch heute noch und nicht nur in Italien. Seit die Madonnenstatuen 1994 allerorten blutige Tränen zu weinen begannen, ist das Thema vom Glauben an Wunder in den Medien immer wieder präsent (besonders zu Ostern und Himmelfahrt). Da wird von Wunderheilern, göttlicher Gnade durch das Berühren eines Kreuzes, Pilgerreisen5 und Stigmatisierten6 berichtet. Auch heute noch pilgern Tausende beispielsweise zur Heilig-Rock-Reliquie nach Trier7 und zum Turiner Grabtuch8. Der einbalsamierte Leichnam von Lenin in Moskau ist wohl das erstaunlichste Beispiel für den Kult um die menschlichen Überreste und dies sogar im die christliche Religion verdammenden Kommunismus. Anton Legner sieht das Phänomen sowohl in der christlich-orthodoxen Prägung der russischen Gesellschaft als auch in einem spezifisch menschlich kultischen Verhalten begründet. Auf diese Weise wird die Heiligkeit des Revolutionärs Lenin mittels der alten Muster verifiziert.9

Moderne Formen der Reliquien sind uns aus dem Starkult bekannt. Ikonen aus Pop und Film werden von ihren Fans vergöttert und zu Heiligen stilisiert, deren Wirkungsmacht einer Haarlocke, dem Galakleid oder dem verschwitzten Shirt innewohnt. Diese Objekte der Begierde möchte der Fan bei sich zu Hause haben, damit das geliebte Idol immer präsent sei. Auch der Brockhaus hat mit seiner Enzyklopädie 2000 (Abb. 1), gestaltet von André Heller, eine neue Dimension im Reliquienkult eröffnet. Die Einbände der Lexika sind mit originalen Objekte von berühmten Menschen bestückt; sowie mit Gegenständen10, die der Künstler André Heller zudem selbst sammelte. André Heller nimmt teilweise das mittelalterliche Prinzip der Reliquienteilung auf, indem er Stücke von Churchills Stuhlbezug oder Placido Domingos Kostüm in verschiedenen Buchrücken einschließt. Die Präsentation der Reliquien hinter transparenten Plexiglasfenstern erinnert zwar an Tafelreliquiare mit eingearbeiteten Kristallplättchen (Abb. 2) aus dem 13. Jahrhundert. - Aber nicht, daß noch jemand glaubt, es würden Wunder von den Fundstücken ausgehen. Nein, denn André Heller stellt fest: "Die Welt ist voller kleiner Wunder, man muß nur danach greifen"11. Eine Enzyklopädie ist eben doch der Aufklärung verhaftet und nicht dem Mittelalter.

In der Zeitgenössischen Kunst arbeitet Christian Boltanski mit dem Wesen des Reliquienkultes. Mit mystisch anmutenden Installationen schafft er Orte des Erinnerns, hierzu bedient er sich unter anderem der sakralen Formensprache des Reliquienwesen. Die Arbeiten Christian Boltanskis unterscheiden sich aber vom üblichen Reliquienkult, denn er thematisiert immer wieder die namenlose Masse und seine Installationen folgen den Regeln der Konzeptkunst, zudem führt er mittels der fotografischen Reproduktion und industriell gefertigter Behältnisse (Archive, Keksdosen) die Vervielfältigung ein, wodurch sich die Originalität und Einzigartigkeit des Ausgangsmaterials (alte Fotoalben, Zeitungsausschnitte, Dokumente) verliert. Diese Loslösung vom Original hin zum Produkt12 ermöglicht letztlich eine Identifikation des Betrachters mit dem Kunstwerk, da persönliche Assoziationen und Erinnerungen wachgerufen werden. In seine Kunstwerke bezieht Boltanski häufig viele Menschen ein, wie beispielsweise in der Arbeit Menschlich13 mit mehr als 1000 Portraitfotos. Aber auch in seinen Werken mit Altkleidern, wie in den Installationen Purimfest14, See der Toten15 und Heilige Woche in der Kirche Saint-Eustache, Paris (siehe Deckblatt) berücksichtigt Boltanski das Individuum in der Masse. Viele Jacken, Mäntel, Kleider und Pullover waren einzeln und nebeneinander auf dem Boden der Pariser Kirche ausgebreitet, gleichsam als hätten sie sich zur Anbetung niedergeworfen, die Arme weit ausgebreitet, mit dem "Gesicht" zum Boden. Einerseits sind diese Kleidungsstücke ein Hinweis auf die Masse der Gläubigen, doch in Form und Wirkung des einzelnen Kleides verweist die Arbeit auch auf das Gewand Christi. Boltanski vervielfacht quasi die Heilig-Rock-Reliquie. Hierzu nimmt er moderne Kleidung in der Art, wie sie von jedermann getragen wird. Da Boltanski das Gewand von Jesus mit Kleidungsstücken heutiger Erdenbürger vergleicht, schafft er einen neuen Blickwinkel auf den Kult um Reliquien und Heiligkeit.

[...]

1 · Christian Boltanski in einem Interview mit Robert Fleck und Heinz Peter Schwerfel: Wie Leben zum Material für die Kunst wird . In: Art, Heft 9, 1996, S. 74-85, hier S. 81.

2 Elbern, Reliquiar. Abendland, in: Lexikon des Mittelalter, Planudes bis Stadt (Rus′), München 1995, Bd 7, S. 700. Siehe auch Kap. Berühren und Schauen.

3 zitiert nach Dinzelbacher, Reliquienverehrung, 1990, S. 225, Anm. 154. Siehe auch Legner, Reliquien in Kunst und Kult, 1995, S. 325.

4 zitiert nach Dinzelbacher, Reliquienverehrung, 1990, S. 225, Anm. 155.

5 Raith, Werner: In Gottes Namen. In: Die Zeit, Nr. 14, Zeitmagazin, 29. März 1996, S. 20-24.

6 Luyken, Rainer: Der Stigmatisierte. In: Die Zeit, Nr. 11, Zeitmagazin, 11. März 1999, S. 20-24.

7 Köpke, Wilfried: Er strahlt etwas aus - er wirkt. Die Wallfahrtskerze zu 19,95 - Gläubige pilgern zum Heiligen Rock im Dom zu Trier. In: Die Zeit, Nr. 19, 3. Mai 1996, S. 71.

8 David, Wolfgang: Nicht sehen, nur glauben. Menschen aus aller Welt pilgern zum Grabtuch von Turin, um für einen kurzen Moment des Wunders teilhaftig zu werden. In: Die Zeit, Nr. 20, 7. Mai 1998, S. 66-67.

9 Legner, Reliquien in Kunst und Kult, 1995, S. 314 f. Ein altes Muster ist hier im besonderen die christliche Anschauung, daß die Körper der Heiligen nach dem Tode nicht verwesen. Hierzu siehe Kap. Ursprung der Verehrung von Reliquien im Christentum.

10 So zum Beispiel ein Teil vom legendären Rennwagen "Silberpfeil" oder ein Teil Stacheldraht des "Eisernen Vorhangs" (fehlt nur noch das graffiti-bunte Mauerstückchen).

11 Das Kunstwerk gestaltet und inszeniert von André Heller: Brockhaus Enzyklopädie 2000. Werbeblatt der Firma ars mundi, Hannover 1998, o. pag.

12 Boltanski verwendet sein Ausgangsmaterial durchaus mehrfach, sogar in einer einzelnen Installation.

13 Gesammelte Werke I. Zeitgenössische Kunst seit 1968, Bestandskatalog Kunstmuseum Wolfsburg, Wolfsburg 1999, S. 58 ff.

14 Das Purimfest ist ein jüdisches Fest des Schabernacks. Installation 1989 im Museum für Gegenwartskunst, Basel. Die gereinigten und nicht sehr alten Kleidungstücke lagen bergeweise auf dem Boden, so daß die Besucher direkt über die Sachen gehen mußten. Hierzu siehe auch: Christian Boltanski in einem Interview mit Robert Fleck und Heinz Peter Schwerfel: Wie Leben zum Material für die Kunst wird . In: Art, Heft 9, 1996, S. 74-85, hier S. 82, Abb. S. 78.

15 Installation 1990 im Institute of Contemporary Arts, Nagoya, Japan. Abb. siehe Kat. Christian Boltanski, London 1997, S. 20/21.


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