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Autor: Julia Röhlig
Fach: Germanistik - Linguistik
Details
Institution/Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Deutsche Philologie)
Tags: Sprachwandel / invisible hand
Jahr: 2000
Seiten: 51
Note: 1.0
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 489 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-11533-9
Textauszug (computergeneriert)
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Deutsche Philologie
Hauptseminar: Sprachwandel und Sprachwandeltheorie
Sommersemester 2000
`Von der unsichtbaren Hand in der Sprache′
Eine Vorstellung und kritische Betrachtung
von
Rudi Kellers
Sprachwandeltheorie
Julia Röhlig
6.Semester; M.A.
1.HF: Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
2.HF: Deutsche Philologie
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. ,Von der unsichtbaren Hand in der Sprache′: Rudi Kellers Sprachwandeltheorie 3
2.1 Ausgangsfragen, methodische Position und Grundannahmen zu einer
Theorie des Sprachwandels 3
2.2 Die Dynamizität unserer Sprachverwendung: Individualkompetenz und
kommunikative Experimente im Dienste von Beeinflussung und sozialem Erfolg 4
2.2.1 Die Funktion unserer Sprachverwendung 4
2.2.2 Der Experimentalcharakter unserer Kommunikation 6
2.3. Bild der Sprache und ihres Wandels: Ein Phänomen der dritten Art 7
2.3.1 ,Ist die Sprache von Menschen gemacht?′ Zur Einteilung der Welt in
Naturphänomene und Artefakte 7
2.3.2 Wissenschaftsgeschichtliche Tradition der Betrachtung von Phänomenen
der dritten Art: Das Mandevillesche Paradox 9
2.3.3 Eigenschaften von Phänomenen der dritten Art 9
2.3.4 Stase und Wandel unserer Sprache: Kommunikationsmaximen und ihre Wirkung 11
2.4 Modus der Erklärung von Phänomenen der dritten Art: Invisible-hand-Erklärungen 14
2.4.1 Zum Begriff der ,unsichtbaren Hand′ 15
2.4.2 Allgemeine Merkmale von Invisible-hand-Erklärungen 15
2.4.3 Struktur einer Invisible-hand-Erklärung 17
2.5 Sprachwandel als evolutionärer Prozeß 18
3. (Sprach-) wissenschaftliche Modelle im Lichte der ,unsichtbaren Hand′ 20
3.1 Lüdtkes universales Sprachwandelgesetz 20
3.2. Die Natürlichkeitstheorie 25
3.3 Chomskys I-Sprache 28
3.4 Poppers ,Dreiweltentheorie′ 29
4. Die Invisible-hand-Theorie in der Kritik 32
4.1 Positive und (implizit) bestätigende Reaktionen 32
4.2 Lücken und Mängel in Kellers Theorie: fehlende Empirie, einseitige
Betrachtungsweisen, fehlende Differenzierungen und unzureichende Definitionen 33
4.3 Inhaltliche Kritik 36
4.3.1 William Croft: Kritik an der fehlenden Unterscheidung zwischen ,actuation′
und ,propagation′ einer sprachlichen Neuerung 36
4.3.2 Peter Eyer: Infragestellung der Rolle der Maximen im Sprachwandelprozeß 37
4.3.3 Rudolf Windisch und Roger Lass: Kritik am Erklärungsanspruch 40
5. Resümee und abschließende Bemerkungen 44
Literaturverzeichnis 48
1. Einleitung
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist eine umfassende Vorstellung der von Rudi Keller entworfenen Invisible-hand-Theorie des Sprachwandels. Seit ihrer ersten fragmentarischen Publikation 1982 sorgte diese in sprachwissenschaftlichen Reihen für allerhand Aufsehen, und das, was seitdem an kritischen und widersprechenden Beiträgen, weiterführenden und theorieverbindenden Ansätzen, Differenzierungen und Modifizierungen zu Kellers Theorie von Gegnern und Anhängern Kellers sowie von Keller selbst erschienen ist, bildet im großen Diskurs um die Sprache und ihren Wandel inzwischen einen kleinen, doch keineswegs unbedeutenden Teildiskurs. Diesen auf die Sprache bezogenen Invisible-hand-Diskurs ebenfalls in meine Vorstellung von Kellers Theorie mit einzubeziehen, ist das zweite Ziel dieser Arbeit. Aufgrund ihres angestrebten Umfangs muß hier jedoch der Anspruch auf eine vollständige Vorstellung der verschiedenen Kritik- und Modifizierungsansätze aufgegeben werden. Der Schwerpunkt soll darüber hinaus eindeutig bei der kritischen Vorstellung von Kellers Theorie liegen.
Da Kellers Theorie ungeachtet ihrer sehr verständlichen, einleuchtenden und anschaulichen Präsentation in Komplexität und Vielschichtigkeit ihrem Sujet in nichts nachsteht, möchte ich in erster Linie analytisch vorgehen und mir nicht anmaßen, mich selbst in die Schar der ,produktiven Kritiker′ einzureihen. Das wäre angesichts meines derzeitigen Wissensstandes sowieso nur bedingt möglich. Vielmehr geht es mir darum, Kellers Denkschritte wie auch die einiger seiner Kritiker zusammenfassend zu rekonstruieren und sie, soweit es mir möglich ist, auf ihre Adäquatheit, Schlüssigkeit und Relevanz hin zu prüfen.
Auch die praktische Überprüfung von Kellers Theorie anhand bestimmter konkreter Sprachwandelphänomene muß in dieser Arbeit ausgeklammert werden. Ein solches Vorhaben wäre zwar im Blick auf Kellers Theorie sehr interessant, da gerade die fehlende Empirie eines der Hauptprobleme ist, das man seiner Theorie vorwerfen kann. Doch auch hier erscheint mir das Vorhaben, einen möglichst umfassenden Überblick über Theorie und Diskurs zu geben als (zumindest im Rahmen einer solchen Arbeit) so umfangreich, daß ich auf eigene Beispiele verzichten möchte. Darüber hinaus ist die Betrachtung und Erklärung von konkreten Fällen des Sprachwandels im Sinne Kellers und der ,unsichtbaren Hand′ ein keineswegs unproblematisches Unterfangen: Es setzt nicht nur die Kenntnis des Kellerschen Erklärungsmodells voraus, sondern erfordert eine detaillierte Untersuchung von pragmatischen Bedingungen, da diese laut Keller nicht nur die individuellen Sprachhandlungen der Sprecher bestimmen, sondern letztendlich auch Veränderungen auf Ebene der Sprache im hypostasierten Sinn mitbegründen. Dies wiederum bedeutet aber in vielen Fällen auch, genauestens über die jeweils herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse informiert zu sein. Im Blick auf solche disziplinübergreifenden Erfordernisse würde die Erklärung manches konkreten Sprachwandelphänomens im Sinne der ,unsichtbaren Hand′ sicherlich eine eigenständige und umfangreiche Arbeit bilden.
Trotz all dieser Einschränkungen glaube ich, daß im Falle Kellers auch die bloße Darstellung seines Modells ein sehr interessantes Thema ist. Zwei Aspekte sind es, die m.E. seine Theorie besonders bemerkens- und einer differenzierten Rekonstruktion wert machen: Zum einen bringt Keller Licht in ein grundlegendes Problem der Sprachbetrachtung: der implizit oder explizit in allen Sprachwandeltheorien präsenten Frage, ob Sprache als natürliches oder vom Menschen geschaffenes Phänomen zu betrachten sei. Zum anderen macht die Invisible-hand-Theorie des Sprachwandels auf einen Wirkungszusammenhang aufmerksam, der bisher meines Wissens noch zu wenig beachtet wurde (zumindest nicht in der theoretisch reflektierten Form wie bei Keller): auf die Rolle von pragmatischen Maximen, nach denen die Sprecher ihr Kommunikationsverhalten richten und die im Blick auf die Herausbildung und Verbreitung sprachlicher Neuerungen zumindest im lexikalischen Bereich eine wichtige Rolle zu spielen scheinen.
In diesem Sinne soll es im ersten und wichtigsten Teil dieser Arbeit um die Darstellung der Kellerschen Sprachwandeltheorie gehen, sprich, um das von ihm entworfene Bild der Sprache im allgemeinen und um den diesem Bild angemessenen Modus der Erklärung von Stase und Wandel. Dabei beziehe ich mich in vielen Fällen auf die überarbeitete Auflage von ,Sprachwandel′ aus dem Jahre 1994; daneben werde ich jedoch auch auf einige der von Keller veröffentlichten Aufsätze zurückgreifen. Der zweite Teil widmet sich Kellers Versuchen, seine Theorie der unsichtbaren Hand in Verbindung mit anderen Theorien zu setzen. Dabei beziehe ich mich auf das fünfte Kapitel von ,Sprachwandel′ ²1994. Im dritten Teil dieser Arbeit soll schließlich versucht werden, einen Überblick über die Kritik an Kellers Theorie zu geben.
2. ,Von der unsichtbaren Hand in der Sprache′: Rudi Kellers Sprachwandeltheorie
Die Gliederung dieses ersten Teils weicht etwas von Kellers Vorgehen in ,Sprachwandel′ ²1994 ab. Ich werde nicht immer streng den Kellerschen Gedankenschritten folgen, sondern mich an den m.E. zentralen Aspekten seiner Theorie orientieren: 1) Die Dynamizität unserer individuellen Sprachverwendung; 2) Bild der Sprache und ihres Wandels; 3) Erklärungsmodus für Sprachwandelphänomene; 4) Sprachwandel als evolutionärer Prozeß. Zunächst soll es jedoch um einige grundlegende Annahmen und Fragestellungen Kellers gehen, die für das Verständnis des Folgenden recht hilfreich sind.
2.1 Ausgangsfragen, methodische Position und Grundannahmen zu einer Theorie des Sprachwandels
Kellers Ausgangspunkt ist das universelle Problem des Sprachwandels, d.h. die theoretische Frage, warum sich natürliche Sprachen ständig verändern. Es geht ihm um die Erklärung und Begründung der empirischen Feststellung, daß der permanente Wandel universell und der menschlichen Sprache wesenhaft ist. Die Dynamik sollte sich also als notwendige Folge einer Eigenschaft unserer Sprache herleiten lassen bzw. selbst als notwendige Eigenschaft erscheinen.1
Gerade im Blick auf diese Frage meint Keller, in der bisherigen sprachwissenschaftlichen Forschung noch keine befriedigende Antwort gefunden zu haben.2 Seines Erachtens läßt sich bisher nur die prinzipielle Veränderbarkeit der Sprache mit Begriffen der Arbitrarität und Konventionalität logisch begründen, nicht jedoch, daß und warum sich natürliche Sprachen notwendigerweise ständig verändern:
,,Die Veränderbarkeit der Sprache folgt in der Tat aus deren Arbitrarität, die wiederum aus ihrer Konventionalität folgt. [...] Die Universalität des Wandels scheint zunächst einmal eine empirische Feststellung zu sein. Für die Notwendigkeit des Wandels müssen die Argumente erst noch gefunden werden."3
Bei der Lösung dieses Problems ist Keller ganz im Sinne Humboldts, Pauls und Coserius einem an den individuellen Sprechern (statt an der Institution Sprache im hypostasierten Sinn) orientierten Denken verpflichtet. Sein methodisches Programm besagt, daß
,,eine Theorie einer gesellschaftlichen Institution nur dann zum Verständnis dieser Institution beiträgt, wenn sie beginnt beim individuellen Handeln der an der betreffenden Institution beteiligten Individuen bzw. zu diesen hinabreicht."4
Entsprechend ist auch Kellers Grundfrage noch differenzierter zu betrachten: Aus den sprachlichen Realisierungen der einzelnen persönlichen Ziele und Intentionen der individuellen Sprecher ergibt sich unsere Kommunikation. In dieser Kommunikation manifestiert sich die Sprache und ihr Wandel. Wenn also der Wandel eine universelle Eigenschaft der menschlichen Sprache sein sollte, dann muß er wohl auch eine grundlegende Eigenschaft unserer Art, miteinander mittels Sprache zu kommunizieren, sein. Die Frage nach einer Eigenschaft der Sprache, aus der der Wandel mit Notwendigkeit folgt, ist dann auch eine Frage nach einer Eigenschaft unserer Sprachverwendung, aus der sich Dynamik und Veränderung notwendigerweise ergeben. Damit wird Kellers Theorie gleichzeitig zu einer ,,Theorie der Funktion(en) und Prinzipien unseres Kommunizierens":
,,Wenn wir wüßten, wozu wir unsere Sprache verwenden, wüßten wir, warum sich durch unser Kommunizieren unsere Sprache ändert. [...] Die Veränderungen von morgen sind die Folgen unseres Kommunizierens von heute."5
Das wiederum bedeutet aber, mit der Untersuchung der Intentionen, Maximen und darauf basierenden Handlungen der Sprecher zu beginnen. Erst auf dieser Grundlage lassen sich die allgemeine Funktion unserer Sprachverwendung, deren Dynamizität und schließlich auch die der Sprache im hypostasierten Sinne angemessen begreifen.
[...]
1 Dem Argument, daß sich Sprache (zumindest im lexikalischen Bereich) zwangsläufig verändern muß, um sich der fortschreitenden gesellschaftlichen Entwicklung anzupassen, entkräftet Keller mit einigen simplen Beispielen: ,,Welche Veränderungen in unserer Umwelt sollen es denn gewesen sein, die den Wandel von Gauch zu Kuckuck, von Party zu Fete, von billig zu preiswert, von Schlüpfer zu Slip [...] notwendig gemacht haben? Auf der anderen Seite können wir noch problemlos das alte germanische Wort Boot verwenden, um atomgetriebene Unterwasserboote zu bezeichnen." (Keller (1990) ²1994, S.20). Da die Auseinandersetzung mit diesem Einwand in enger Verbindung mit der Frage nach der Funktion unserer Sprachverwendung steht, die wiederum innerhalb Kellers Bild der Sprache eine zentrale Rolle spielt, verweise ich bezüglich Kellers näherer Betrachtung dieses Problems auf Kap. 2.2.1 dieser Arbeit.
2 Keller erläutert diese Problematik exemplarisch für einige Grundströmungen der Sprachwissenschaft seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert. Siehe z.B. zur Problematik der Begründung des Sprachwandels vor dem Hintergrund einer ,organistischen Sprachauffassung′ am Beispiel A. Schleichers: Keller 1988, S.144; siehe zu dem selben Problem bei Vertretern einer an der kreativen Sprechtätigkeit der Individuen orientierten Sprachauffassung am Beispiel E. Coserius: Keller 1988, S.147.
3 Keller (1990) ²1994, S.21
4 Keller 1984, S.64. Dabei betont Keller, daß eine dialektische Betrachtung von individuellem Handeln und gesellschaftlicher Institution auch für eine am ,methodologischen Individualismus′ orientierte Position obligatorisch ist: ,,Ich behaupte lediglich, daß eine Erklärung der Dynamizität der Sprache bei den Motiven, Zielen und Maximen der handelnden Individuen beginnen muß; ich behaupte nicht, daß wir Individuen ungesellschaftliche Wesen seien. Selbstverständlich sind unsere Motive, Ziele und Maximen Funktionen der sozialen Umstände und Zwänge der Gesellschaften, Gruppen, Klassen etc., deren Teil wir sind." (Keller 1987, S.115)
5 Keller (1990) ²1994, S.30
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