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Termpaper, 2004, 19 Pages
Author: Julia Hermanns
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Popliteratur, Ohne, Moral, Literatur, Tutzinger, Tagung, Freiheit, Literatur
Year: 2004
Pages: 19
Grade: 2,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-27978-9
File size: 301 KB
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Excerpt (computer-generated)
ALBERT-LUDWIGS-UNIVERSITÄT FREIBURG I.BR.
Deutsches Seminar II
PS: Rekonstruktion des Nationalsozialismus in der Literatur nach 1989
Wintersemester 2003/2004
Popliteratur - Ohne Moral keine Literatur? –
Tutzinger Tagung zur Freiheit der Literatur
von: Julia Hermanns
Inhaltsverzeichnis
Einleitung S. 1
Hauptteil
I. Maxim Biller: Feige das Land, schlapp die Literatur S. 4
II. Popliteratur in der Debatte – zwischen Tradition und Moderne S. 7
II. a Popliteratur als Sinnbild des Trivialen S. 9
II. b Popliteratur als nationalkultureller Erneuerungsversuch S. 10
Ausblick S. 13
Literatur
I. Primärliteratur S. 16
II. Sekundärliteratur S. 17
Anhang
Einleitung
Ich nenne so was Schlappschwanz-Literatur. Es ist eine Literatur, an der man merkt, dass ihre Verfasser sich längst selbst aufgegeben haben. [...] So geistern durch unsere Gegenwartsliteratur Dutzende von Papierleichen, die nichts wollen, nichts hassen, nichts lieben. [...] Ihre Handlungen können [...] niemanden schocken, mitreißen, aufwühlen, da fehlt eine metaphysische Hoffnung, das Leben möge vielleicht doch nicht ein einziger tiefer Fall in diesem beschissenen dunklen Abgrund sein.1 Anfang April 2000 lud der Münchner Schriftsteller und Journalist Maxim Biller mehr als hundert Schriftsteller, Verleger und Kritiker2 zu einer dreitägigen Tagung in die Evangelische Akademie Tutzing ein und stellte die Frage `Freiheit für die deutsche Literatur – Können die Schriftsteller von heute noch so schreiben, wie sie wollen?`.
Biller eröffnete als Initiator der Tagung die Diskussion mit einer impulsiven Polemik. Anstatt einer herzlichen Begrüßung schimpfte er geradewegs über das linke Deutschland, über die in diesem Land durchweg herrschende kleinbürgerliche Angst und über die klägliche Mittelmäßigkeit des öffentlichen Kulturlebens. Leidenschaftliche Feindschaften, mutige Kämpfe und moralische Bekenntnisse zu Gut und Böse seien in der heutigen Gesellschaft nicht mehr anzutreffen. Und wo die Moral fehle, fehle die Kunst und somit auch die Literatur. Aus diesem Grund müsse er den hier Versammelten, mit wenigen Ausnahmen, mitteilen, dass sie allesamt `Schlappschwanzliteraten` seien.
Auf Billers Eröffnungsrede reagierten die Anwesend en einerseits mit großem Gelächter aufgrund des frechen Tons seiner Ausführung, andererseits mit Fassungslosigkeit wegen der Dreistigkeit, mit der Biller sogar seine Freunde beleidigte. Aber niemand packte nach der Attacke beleidigt seine Koffer, sondern man stürzte sich begeistert in die Diskussionsrunden. Durch die Tutzinger Tagung und den Abdruck seiner Rede ein paar Tage später in der `Zeit` hatte Biller einen Streit über die deutsche Gegenwartsliteratur entfacht, der die deutschen Feuilletons in den darauffolgenden Wochen beherrschte. Schon seit Ende der Achtziger existiert eine Debatte über das Wesen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, die vor allem von Maxim Biller3 und Frank Schirrmacher4 initiiert wurde. Diese Kontroverse stellt eine Kritik am allgemeinen Literaturbetrieb und an bestimmten Normen dar. Sie beinhaltet die Frage, warum die deutschsprachige Gegenwartsliteratur an Profil und Bedeutung verloren hat, sodass sie international kaum noch eine Rolle spielt. Ende der Achtziger erklärte die Mehrheit der Literaturkritiker unabhängig voneinander die deutsche Literatur zwischen 45´ und 89´ für ein unbedeutendes Ereignis. Als Folge des Holocaust sei die deutsche Literatur zu politisch, zu schöngeistig und zu anspruchsvoll geworden. Für Maxim Biller besaß die deutsche Literatur „soviel Sinnlichkeit wie der Stadtplan von Kiel“5. Die deutschen Autoren sollten vielmehr ein „neues Erzählen entwickeln, Romane, die man liebt, die man genauso atemlos und gebannt durchlebt wie [...] einen guten Film.“ 6 Der deutschen Literatur fehle der Realismus.
In den Neunzigern trat dann diese geforderte neue Autorengeneration an, mit Freude am Erzählen selbstbewusst ihre eigene Literatur zu entwickeln. Autoren wie Marcel Beyer, Maxim Biller oder Ingo Schulz beschäftigten sich mit der NS-Zeit, mit den 68ern und mit dem Leben im geteilten Deutschland. Doch am Ende des Jahrtausends kam wieder eine neue Autorengeneration ins Spiel, die als `Generation Golf`7 bezeichnet wird. Mit der Veröffentlichung des Romans `Faserland`8 von Christian Kracht 1995 boomte die Popliteratur und läutete die Entwicklung einer neuen literarischen Richtung ein. Vor allem ehemalige Fernseh- oder Musikjournalisten9, meist jünger als 28 Jahre und somit Ziehkinder der `New Economy`, begannen kurze Romane zu verfassen, die eher als eine Archivierung von Bildern und Anekdoten aus dem Alltag bezeichnet werden können. Popliteratur bemüht sich in erster Linie um eine neue authentischere Sprache, indem sie sich sehr stark am Zeitgeist orientiert. Gesellschaftliche Außenseiter berichten realistisch aus dem Leben, beziehen sich auf Songs und Erscheinungen der Popkultur, mixen Texte wie Diskjockeys. Popliteratur ist Literatur, die sich der Massen- und Alltagskultur öffnet und damit die Idee einer hochtrabenden bürgerlichen Hochkultur in Frage stellt. In der Konzentration auf die eigene Biographie erblicken die Popliteraten die Chance, sich innerhalb einer Gesellschaft, in der sie sich als Individuum zunehmend isolieren, ihrer selbst zu vergewissern. Aus der eigenen Biographie glaubt man, Entscheidendes über den Zustand einer Gesellschaft ablesen zu können. Die Popliteraten eröffnen mit ihrer unbekümmerten Schreibweise frei von historischer Gewissenslast und mit ihrem radikalen Individualismus einen nationalen Neuanfang und die ewige Frage `Lässt sich noch erzählen?` scheint keine Rolle mehr zu spielen. Die neue Autorengeneration zeigt keinerlei Bestreben, als moralische Instanz der Nation in Erscheinung zu treten oder sich zu politisieren.
[...]
1 Maxim BILLER: Feige das Land, schlapp die Literatur. Über die Schwierigkeiten beim Sagen der Wahrheit. In: Die Zeit, Nr. 16, 13. April 2000, S. 47, Im Anhang S. 1 – 10, hier S. 8.
2 darunter u.a. Joachim Bessing, Thomas Steinfeld, Joachim Unseld, Matthias Altenburg, Christian Kracht, Alissa Walser, Rainald Goetz, Feridun Zaimoglu, Joseph von Westphalen, Zoe Jenny.
3 Maxim BILLER: Soviel Sinnlichkeit wie der Stadtplan von Kiel. Warum die neue deutsche Literatur nichts nötig hat wie den Realismus. Ein Grundsatzprogramm. In: Görtz, Franz/Hage, Volker/Wittstock, Uwe (Hg.): Deutsche Literatur 1992. Jahresüberblick, Ditzingen 1993, S. 62 – 71. Zuerst in: Die Weltwoche, 25. Juli 1991.
4 Frank SCHIRRMACHER: Idyllen in der Wüste oder Das Versagen vor der Metropole. Überlebenstechniken der jungen deutschen Literatur am Ende der achtziger Jahre. In: Görtz, Franz/Hage, Volker/Wittstock, Uwe (Hg.): Deutsche Literatur 1992. Jahresüberblick, Ditzingen 1993, S. 15-27. Zuerst in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Literatur-Beilage, 10. Oktober1989.
5 Biller (Anm. 3).
6 Biller ebd., S. 71.
7 Benannt nach dem gleichnamigen Roman von Florian ILLIES: Generation Golf. Eine Inspektion, Frankfurt am Main 2001.
8 Christian KRACHT: Faserland, Köln 1995.
9 Autoren wie Joachim Bessing, Florian Illies, Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad Barre.
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