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Das Geschlechterverhältnis in Thomas Manns Faustus-Roman

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 23 Pages
Author: Katharina Cufar
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2001
Pages: 23
Grade: sehr gut
Language: German
Archive No.: V25851
ISBN (E-book): 978-3-638-28364-9

File size: 267 KB


Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin
Seminar der Deutschen Literatur

Thema:

ZUM GESCHLECHTERVERHÄLTNIS IN THOMAS MANNS FAUSTUS-ROMAN

vorgelegt von

Katharina Cufar

Semester: SoSe 2001

Inhaltsverzeichnis

Einleitendes ... 1

1. Das Motiv der Mutter ... 4

2. Die sexuelle Verführung – Hetaera esmeralda ... 5

3. Ines, Clarissa und Senatorin Rodde ... 11

4. Marie Godeau – die Heiratskandidatin ... 14

5. Die Verehrerinnen ... 16

6. Zusammenfassende Betrachtung ... 18

Literaturverzeichnis ... 21

 

Einleitendes

In dieser Ausarbeitung soll das Geschlechterverhältnis in Thomas Manns „Doktor Faustus“ analysiert werden. Dementsprechend werden die weiblichen Figuren des Romans, in Bezug zu Adrian Leverkühn gesetzt - ein an der ausweglosen Situation der Kunst der Moderne verzweifelnder Künstler - der sich einem teuflisch-tödlichen Pakt ergibt und dafür Vereinsamung und Liebesunfähigkeit in Kauf nehmen muß.
Die verschiedenen Frauenfiguren im Roman nehmen dabei jeweils bestimmte Funktionen im Leben Leverkühns ein. Innerhalb dieses Rahmens, sind sie auf wenige, meist ambivalente Rollen reduziert: Sie sind Mütter, Verführerin, potentielle Ehefrau oder devote Verehrerinnen.

1. Das Motiv der Mutter

Als erste und in ihrer Physiognomie alles überschattende Frauenfigur wird die Elsbeth Leverkühn benannt (30). Serenus Zeitblom, der Erzähler und Jugendfreund Adrians, schildert dessen Mutter als „schlichte“ und „intellektuell durchaus anspruchslose Person“, deren „vitalen Wohlschaffenheit [...] das Genie des Sohnes [...] zu verdanken“ ist (30). Auch das äußere Erscheinungsbild wird eingehend beschrieben:


„Der Dunkelheit ihres Teints, der Schwärze ihres Scheitels und ihrer still und freundlich blickenden Augen nach hätte man sie für eine Welsche halten können, wenn nicht doch eine gewisse germanische Derbheit der Gesichtsbildung dem widersprochen hätte. Es bildete ein ziemlich kurzes Oval, dessen Gesicht, mit eher spitz zulaufenden Kinn [...]. Der [...] Scheitel [...] war sehr straff gezogen [...] und die Teilungslinie über der Stirn (legte) die weiße Kopfhaut bloß [...]. Trotzdem hing [...] einiges lose Haar [...] sehr anmutig davon herunter. Der [...] Zopf war [...] um den Hinterkopf geschlungen und [...] von einem [...] Bande durchzogen.“ (30) 1

Die dunklen schwarzen Haare, der südländisch anmutende dunkle Teint, die ‚pechschwarzen‘ Augen (32) und ähnliche Kennzeichen werden auch bei späteren Frauenfiguren im Roman wieder auftauchen. Sie erscheinen hier als Vorboten der starken Prägung Adrians, auf seine Mutter. Mit ihrem Äußeren, aber auch durch die repräsentierten fraulichen Qualitäten, verkörpert sie das Urbild psychischer Stabilität und Gesundheit. Sie ist jedoch ebenso die Trägerin des für Adrian als gefahrvoll deklarierten konstitutionellen - psychischen und sensuellen - Erbes:


„[...] und meiner (Serenus Zeitblom) Meinung nach will es etwas heißen, das dieser natürliche und von instinktivem Geschmack bestimmte Wohllaut von der ersten Stunde an mütterlich Adrians Ohr berührt hat.“ (31)

Dieser Verweis spielt auf die schöne aber nicht ausgebildete Mezzosopran-Singstimme Elsbeth Leverkühns an. Und so folgert Zeitblom, hat der Sohn offenbar die bei seiner Mutter unterentwickelt gebliebene Musikalität geerbt (31). Die musischen Einflüsse in Leverkühns Leben scheinen damit von Beginn an mit dem Thema des weiblichen Geschlechts verknüpft, hier versinnbildlicht durch Elsbeth Leverkühns „warme[n] Mezzosphran“-Stimme (31), die ebenfalls allegorisch für die Sehnsucht und spätere ‚Suche‘ Adrians nach Wärme steht. Auch die „Stallhanne“ (32) repräsentiert teilweise in diesen Zusammenhang, erweitert ihn jedoch um das Animalisch-Sexuelle. Sie, „[...] eine Person mit Schlotterbusen und nackten ewig mistigen Füßen“ (38), ‚versprüht’ eine tierische Präsenz und übt auf den jungen Adrian die Faszination des Abstoßenden aus. In ihrer stark animalisch gefärbten Ausstrahlung, verkörpert sie den sinnlichen Aspekt, insbesondere in der menschlichen Stimme.2 Mit plärrender Stimme, aber gutem Gehör, singt sie Volks- Soldaten- und Gassenlieder, mit gefühlsgeladenen oder grausigen Charakters vor (39) und bringt Adrian das Kanonsingen bei. Schon hier wird der erotisch-sexuelle Bereich des weibliche Geschlechts und das Motiv der Frau als tendenzielles Hexenwesen - nämlich animalisch, sexuell und im späteren Verlauf dämonisch - an die Musik gekoppelt. Wessen sich die schönstimmige Mutter Adrians „aus einer Art von Keuschheit [...]“ enthält, damit geht „dieses tierisch duftende Geschöpf höchst frei heraus“(39). So singt die Magd unkeusch und laut, während Adrians Mutter, das Exempel gesitteter Enthaltsamkeit, ihren warmen Mezzosopran ohne jegliches ästhetisches Wirkungsbewußtsein einsetzt. Der schon genannte Eindruck der ‚Wärme‘ im Stimmmaterial vertieft sich in diesem Zusammenhang noch durch den beschriebenen Genuß von „laue[r] und schäumende[r] Milch“ (33), in Verbindung mit Elsbet Leverkühn und der erwähnten Stallhanne. In Verbindung mit „Stallwärme und Kuhwärme“ (96) und Adrians Definition des Interesses als eine „Liebe, der man die animalische Wärme entzogen hat“ (97) wird veranschaulicht, „[...] daß es sich bei der Wärme letztlich immer um die des Mutterbauches handelt, die auf dem Weg ins Leben notwendig verlassen und erst dann auch wieder ganz erreicht wird, wenn der „trotzig emanzipierte[] Geist, nachdem er einen schwindelnden Bogen über die Welt hin beschrieben, gebrochen ins Mütterliche zurückkehrt“ – und die Mutter ihn verzeihend „in ihren Schoß“ zurücknimmt, „nicht anders meinend, als daß er besser getan hätte sich nie daraus zu lösen“ (667). Es zeigt sich hier das ambivalente Verhältnis in der mütterlichen Liebe, die eine zweideutige Liebe ist, da es sich um sorgende Zuwendung und „umschlingende“ Gier nach dem „du sollst niemand lieben außer mir“ zugleich handelt und der sich der Sohn nicht entziehen kann.3 Dies impliziert die starke Bindung Leverkühns an die Mutter und erklärt sein im späteren Verlauf des Romans gestörtes Verhältnis zu Frauen. So erträgt er zeitlebens nur mütterlich-fürsorgliche, vorwiegend „dienend-volkstümliche“ (611) Frauen in seiner Nähe, denen er zu nichts verpflichtet ist und die ganz in Sorge um sein Wohl aufgehen: seine leibliche Mutter, seine „Ersatzmutter“ Else Schweigestill, seine italienische Wirtin Signora Manardi und die Verehrerinnen Meta Nackedey, Kunigunde Rosenstiel und Frau von Tolna. Ein Umstand der nach Jürgen Jung aus der „frühkindlich-primären Sozialisations- und prägsamen Phase“ resultiert.4 Die übertriebene Enge in der Mutter-Sohn-Bindung forciert den ödipalen Konflikt. In allen Frauen, denen Adrian im zukünftig volles Vertrauen schenkt, verbergen sich dann auch deutliche Parallelen zur Mutter. Besonders die beharrlich wiederkehrenden mütterlichen Frauenfiguren, verstärken diesen Eindruck. Zu ihnen gehören Else Schweigestill sowie Frau Manardi. Insbesondere zwei körperliche Merkmale werden diesen Figuren hervorgehoben: Der strenge Scheitel und die an Arbeit gewohnten, jedoch schönen Hände (30,278,285). Beide gleichen somit schon in ihrer Äußerlichkeit der Mutter Leverkühns. Des weiteren sind sie von ähnlicher intellektueller Schlichtheit, verfügen über eine ausgeprägte praktische Autorität und verkörpern, wie Adrians Mutter, die ins Weibliche transformierte Rolle des frühneuzeitlichen Ideals eines tüchtigen Hausherrn.5 In ihrer Nähe findet Adrian die vertraute Atmosphäre der Kindheit wieder. Kombiniert man also die Stimme, den schwarzen Scheitel und die bräunlichen Hände, so entsteht Hausfrau Else Schweigestill - die Mütterliche. Auch der Gleichklang ihrer Vornamen deutet bereits eine Ähnlichkeit an. Die Mutter Adrians imitierend, ist nämlich für die eine „der langsam versilberte, durchwirkte, sehr straff gezogene[]“ Scheitel (30) unabdingbares Ingrediens ihres Äußeren wie für die andere, die „[...] den braunen, nur leicht melierten Scheitel ganz und fest angezogen (hatte), so daß man die weiße Kopfhaut sah [...]“ (287). Frau Schweigestill nun aber ist es, die vorzugsweise die Leitmotive des Verständnisses und der Menschlichkeit, i.e. eben jenes identifikatorische Mitleid vertritt, das den eigentlichen Kern der nur darum erlösenden Liebe bildet.6 Bei ihrer ersten Begegnung mit Adrian erzählt sie die „Heimsuchungsgeschichte“ eines jungen Mädchens, das auf die „Verführung“ insistiert und zur tödlichen Buße bereit ist (280ff.) Darin enthalten ist eine unverkennbare strukturelle Parallele zu Adrians eigenem Erleben. In ihrer Aufforderung zum Verständnis für andere Menschen – und in ihrem Verständnis für Adrian – steht sie der Dekadenz und der Urbanität des Bürgertums entgegen. Sie ist eine der weiblichen Kontrastfiguren, die im Roman dem dynamischen Charakter bürgerlicher Rationalität und der Modernität gegenüber stehen. So verkörpert sie mit ihrem Traditionalismus die Opposition zur entfalteten Rationalität.

[...]


1 In ihrem äußeren Erscheinungsbild ist sie damit eine exakte Deskription von Dürers Kupferstich „Bildnis einer Deutschen aus Venedig“ (um 1507). Vergl. Jung, S. 263

2 Prutti, S.64

3 Prutti, S. 65

4 Jung, S. 294

5 Prutti, S. 63

6 Klugst, S.66


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