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Termpaper, 2002, 28 Pages
Author: Dipl.-Psych. Johannes Zimmermann
Subject: Cultural Studies
Details
Tags: Erinnerung, Gedächtnis, Konzepte, Halbwachs, Assmann
Year: 2002
Pages: 28
Grade: Sehr gut
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-28879-8
ISBN (Book): 978-3-638-73468-4
File size: 269 KB
Ein interdisziplinärer Streifzug: Psychologie, Sozialkonstruktivismus, Kulturwissenschaft...
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Abstract
Der Gedächtnisdiskurs hat sich innerhalb des letzten Jahrzehnts zu einem ausgezeichneten Ort interdisziplinärer Forschung entwickelt, an dem sich „unterschiedliche Fragen und Interessen kreuzen, stimulieren und verdichten: kulturwissenschaftliche, naturwissenschaftliche und informationstechnische“ (A. Assmann 1999, 16). Dabei wird zunehmend deutlich, „dass das Gedächtnis ein Phänomen ist, auf das keine Disziplin ihr Monopol anmelden kann“. Um dieser Einsicht gerecht zu werden, unternimmt der folgende Essay keine fachspezifische Berichterstattung, sondern einen interdisziplinären Streifzug: Als Ausgangspunkt dienen aktuelle Konzepte der Psychologie, die vor dem Hintergrund sozialkonstruktivistischer Prämissen weiterentwickelt werden und vorbereitenden Charakter haben. Im Zentrum steht die Gedächtnistheorie von Maurice Halbwachs, die nach verschiedenen Seiten hin ausgebreitet wird und kulturwissenschaftliche Übergänge ermöglicht. Gegen Ende kommen Jan Assmanns Überlegungen zum kulturellen Gedächtnis zur Sprache – und schließlich einige kritische Bedenken, die das Ungedachte dieser Arbeit offenlegen. Der Text entfaltet sich dabei nicht in historisch-chronologischer Abfolge, sondern gibt schrittweise den Blick auf umfassendere Horizonte frei: er ist gleichsam unterwegs vom relativ isolierten Individuum zum kulturell verfassten Kollektiv. Im Lauf dieser Bewegung überlagern sich immer wieder zwei Perspektiven: eine mikrologische, die nach den Kontexten des individuellen Erinnerns fragt, und eine makrologische, die dem kollektiven Gedächtnis auf der Spur ist. Ihre Spannung lässt sich nicht in eine einheitliche Theorie aufheben; aber sie sind versöhnt in dem Bemühen, den Zusammenhang von Erinnerung und Identität fassbar zu machen.
Excerpt (computer-generated)
Erinnerung und Gedächtnis: Halbwachs, Assmann & Co.
von: Johannes Zimmermann
Inhaltsübersicht
Einleitung Seite 3
1. Psychologie Seite 4
1.1. Gedächtnis als Funktion
1.2. Gedächtnis als plastisches Netzwerk
1.3. Erinnerung als Rekonstruktion
1.4. Gedächtnisrahmen
2. Sozialkonstruktivismus Seite 7
2.1. Sprache als Metarahmen
2.2. Erinnern heißt erzählen!
2.3. Erzählfamilien
3. Maurice Halbwachs Seite 9
3.1. Gedächtnis und Gruppenzugehörigkeit
3.2. Kollektives Gedächtnis
3.3. Vergessen als Bindungsverlust
3.4. Erinnerung im sozialen Gravitationsfeld
3.5. Erinnerungsfiguren
4. Übergänge zur Kulturwissenschaft Seite 15
4.1. Gedächtnisorte
4.2. Gedächtnis als kulturwissenschaftliches Paradigma
5. Jan Assmann Seite 18
5.1. Konnektive Struktur
5.2. Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis
5.3. Tod als Urszene der Erinnerungskultur
5.4. Rituelle und textuelle Kohärenz
5.5. Kanon als kulturelle Kohärenz
5.6. Erinnerung als Widerstand
Schluss Seite 24
Literaturangaben Seite 26
„In die Gegenwart wirkt nur jener Teil des
Vergangenen hinein, der dazu bestimmt ist, sie zu
erhellen oder zu verdunkeln.“ – Italo Svevo
Einleitung
Der Gedächtnisdiskurs hat sich innerhalb des letzten Jahrzehnts zu einem ausgezeichneten Ort interdisziplinärer Forschung entwickelt, an dem sich „unterschiedliche Fragen und Interessen kreuzen, stimulieren und verdichten: kulturwissenschaftliche, naturwissenschaftliche und informationstechnische“ (A. Assmann, 1999, S.16). Dabei wird zunehmend deutlich, „dass das Gedächtnis ein Phänomen ist, auf das keine Disziplin ihr Monopol anmelden kann“ (S.16). Um dieser Einsicht gerecht zu werden, unternimmt der folgende Essay keine fachspezifische Berichterstattung, sondern einen interdisziplinären Streifzug: Als Ausgangspunkt dienen aktuelle Konzepte der Psychologie, die vor dem Hintergrund sozialkonstruktivistischer Prämissen weiterentwickelt werden und vorbereitenden Charakter haben. Im Zentrum steht die Gedächtnistheorie von Maurice Halbwachs, die nach verschiedenen Seiten hin ausgebreitet wird und kulturwissenschaftliche Übergänge ermöglicht. Gegen Ende kommen Jan Assmanns Überlegungen zum kulturellen Gedächtnis zur Sprache – und schließlich einige kritische Bedenken, die das Ungedachte dieser Arbeit offenlegen. Der Text entfaltet sich dabei nicht in historisch-chronologischer Abfolge, sondern gibt schrittweise den Blick auf umfassendere Horizonte frei: er ist gleichsam unterwegs vom relativ isolierten Individuum zum kulturell verfassten Kollektiv. Im Lauf dieser Bewegung überlagern sich immer wieder zwei Perspektiven: eine mikrologische, die nach den Kontexten des individuellen Erinnerns fragt, und eine makrologische, die dem kollektiven Gedächtnis auf der Spur ist. Ihre Spannung lässt sich nicht in eine einheitliche Theorie aufheben; aber sie sind versöhnt in dem Bemühen, den Zusammenhang von Erinnerung und Identität fassbar zu machen.
1. Psychologie
1.1 Gedächtnis als Funktion
Die aktuellen Gedächtniskonzepte der Psychologie sind stark geprägt von einem Forschungsfeld, das sich in den letzten Jahrzehnten im Umkreis von Kognitions- und Neurowissenschaften entwickelt hat. Auch wenn eine umfassende Theorie noch aussteht und etliche Punkte umstritten bleiben, lassen sich doch richtungweisende Tendenzen ausmachen. So ist ein Gedächtnismodell, das völlig im Rahmen informationstechnischer Vorstellungen verbleibt, zunehmend unplausibel geworden: „Das Gedächtnis ist kein passiver Wissensspeicher, sondern ein höchst aktives Organ, in ständiger Veränderung und Selbstorganisation begriffen“ (Dörner & van der Meer, 1995, S.I). Bekräftigt wird diese Einsicht insbesondere durch Konzepte, in denen die neuronalen Grundlagen des Gedächtnisses berücksichtigt bzw. ins Zentrum gestellt werden (Squire & Kandel, 1999). Dabei steht auf jeden Fall fest, dass sich die Gedächtnisleistung nicht in einem bestimmten Hirnareal lokalisieren lässt: es bietet sich vielmehr an, „das Gedächtnis als eine im gesamten Gehirn verteilte Funktion zu konzeptualisieren, die aus aktivitätsbedingten Veränderungen neuronaler Wechselwirkungen resultiert“ (Schmidt, 1992, S.32). Die systemtheoretische Perspektive gibt damit den Blick frei auf die fundamentale Stellung, die das Gedächtnis im Zusammenhang der psychischen Prozesse einnimmt. In diesem Sinne konstatiert Schmidt (1992, S.32):
„Das Gedächtnis repräsentiert in seiner neuronalen Architektur und den dadurch ermöglichten Funktionsabläufen sozusagen den jeweiligen Stand der Wahrnehmungsgeschichte eines kognitiven Systems und steuert die Bedeutungszuweisungen an aktuelle Wahrnehmungen durch Schemata bzw. Attraktoren, wobei Sprache eine wichtige Rolle spielen dürfte. Damit erfüllt es eine zentrale Funktion bei der Wahrnehmungs- und Verhaltenssynthese und bildet die Grundlage der selbstorganisierenden Autonomie des kognitiven Systems“. Damit ist der orientierende, regulierende und kontinuierende Funktionsradius des Gedächtnisses umgreifend bestimmt. Allerdings bleibt die inhaltliche Dimension in systemtheoretischen Formulierungen zwangsläufig unterbelichtet: Gedächtnis wird hier nur beiläufig als Repräsentation der Wahrnehmungsgeschichte aufgefasst. Es ist daher notwendig, die bisherigen Überlegungen um Erkenntnisse der Neurowissenschaft zu ergänzen.
1.2. Gedächtnis als plastisches Netzwerk
Hier hat sich in den letzten Jahrzehnten über die Unterscheidung von Kurz- und Langzeitgedächtnis hinaus auch eine inhaltliche Differenzierung durchgesetzt (Markowitsch, 2001). Dabei muss eine angemessene Gedächtnistypologie neben der Priming-Form drei weitere Systeme des Langzeitgedächtnisses berücksichtigen: (1) das prozedurale Gedächtnis motorischer Routinen, welches weitgehend unbewusst abläuft; (2) das semantischlexikalische Gedächtnis, das sich auf Fakten- und Allgemeinwissen bezieht; und schließlich (3) das episodisch-biographische Gedächtnis, in dem bewusst reflektierte und kontextgebundene Information verfügbar gehalten wird. Diese Unterscheidungen haben keinesfalls nur analytischen Charakter, sondern sind empirisch gesättigt: ihnen entsprechen verschiedene Hirnareale, in denen die spezifischen Gedächtnisprozesse verarbeitet werden. 1 Trotzdem soll im Rahmen dieser Arbeit – entgegen der Empfehlung Markowitschs – weiterhin von „dem“ Gedächtnis gesprochen werden. Denn die einzelnen Gedächtnissysteme lassen sich nicht nur in einen umfassenden Funktionskreis integrieren, sondern gehorchen auch ähnlichen Organisationsprinzipien: sie operieren in weitmaschigen und plastischen Netzwerken. Insofern bietet sich für die folgenden Ausführungen an, das Gedächtnis mit Damasio (1997) als gewaltigen Systemkomplex zu verstehen, der ständig im Wandel begriffen ist und latent in Form von „dispositionellen Repräsentationen“ vorliegt.
1.3. Erinnerung als Rekonstruktion
Man kann den gemeinsamen Nenner der aktuellen Forschung dahingehend zusammenfassen, dass „die Gedächtnistätigkeit nicht mehr als Aufbewahrungs-, sondern als Konstruktionsarbeit “ (Schmidt, 1992, S.11) konzeptualisiert wird. Mit diesem Richtungswechsel knüpfen aktuelle Gedächtniskonzepte wieder an Einsichten an, die unter der Dominanz von behavioristischen und informationstechnischen Ansätzen vernachlässigt worden sind: so hat beispielsweise schon Bartlett (1932) auf den dynamischen und schöpferischen Charakter der Prozesse des Konservierens („retention“) und Aktualisierens („recall“) hingewiesen. Es gilt also, Erinnerungen nicht mehr als Reaktivierungen fixierter Engramme oder als direkte Speicherzugriffe zu definieren; stattdessen muss man davon ausgehen, dass Erinnerungen „momentane Konstruktionen sind, Versuche, Muster zu kopieren, die wir einst erlebt haben (…) [, wobei] die Wahrscheinlichkeit einer exakten Kopie gering“ (Damasio, 1997, S.145f) ist.
[...]
1 So werden beispielsweise bei der Einspeicherung semantisches und episodisches Gedächtnis im limbischen System verarbeitet, die Ablagerung vollzieht sich auf neocorticaler Ebene und der Abruf läuft über eine Regionenkombination, die Teile des Stirnhirns und der vorderen Schläfenlappenregion umfasst. Das prozedurale Gedächtnis dagegen umgeht corticale Strukturen vollständig und rekrutiert stattdessen darunterliegende Kerngebiete sowie Teile des Kleinhirns.
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