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Autor: Daniela Voigt
Fach: Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Details
Tags: (Post-)Feminismus, Machttheorie, Begehrenszirkel
Jahr: 2000
Seiten: 90
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 266 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-11658-9
ISBN (Buch): 978-3-638-69652-4
Zusammenfassung / Abstract
Es mag im 19. Jahrhundert begonnen haben, dass man sich fragte, wo die Frauen sind. Mit der Industrialisierung wurde die Rolle der Frau als Haus-Mutter aufgehoben, sie war berufstätig wie die Männer und forderte ab einem gewissen Zeitpunkt dieselben Rechte. Weiterhin stellte man Fragen nach der Präsenz der Frauen in Kultur und Gesellschaft. Die Ergebnisse waren schockierend. Einer Vielzahl von männlichen Akteuren und im Kanon Anerkannten stand eine schwindend geringe Anzahl weiblicher Personen gegenüber. Während nun eine Richtung der Forschung versuchte, dieses Manko aufzuarbeiten und verschüttete Arbeiten weiblicher Künstler ans Tageslicht zu befördern oder vergessene Heroinnen der Weltgeschichte in die Chroniken aufzunehmen, richteten sich die philosophischen und psychologischen Diskussionen auf die Frage, wie der Unterdrückungsprozeß zustande kam und gerechtfertigt wurde. Michel Foucault stellte einen Apparat von Machtmechanismen vor, der bei der Kontrolle des Menschen funktioniert - unabhängig von dessen Geschlecht, Alter oder sozialer Stellung. Deswegen bildet Foucaults Werk eine unerschütterliche Basis für den Feminismus und seine Nachfolger. Ein weiterer Stützpfeiler feministischer Theorienbildung ist Jacques Lacans Lehre der Ich-Bildung über das Spiegelstadium und seine Begrifflichkeiten „Imaginäres“ und „Begehren“. Der Darlegung dieser Theorien folgt die Untersuchung der Romane der lateinamerikanischen Schriftstellerinnen Reina Roffé (*1951) und Yanitzia Canetti (*1967). Besonderes Augenmerk richtet sich im ersten Fall (Roffé 1996: El cielo dividido) auf die Tatsache, dass es sich bei den Hauptfiguren um gleichgeschlechtlich Liebende handelt. Hier ist von Interesse, inwiefern die Definitionen von Macht und Begehren noch greifen, wenn es sich nicht um männlich dominierte Zirkel handelt. Der zweite Roman (Canetti 1997: Al otro lado) berichtet von einem weiblichen Begehren, das frei zirkuliert. In diesem Fall wird die Auswirkung dieses freien Begehrens auf etablierte Machtstrukturen von Interesse sein. Schließlich stehen die Fragen aus, ob Macht, weibliche Sexualität und weibliches Begehren zusammenhängen oder sich beeinflussen. Wenn eine Einflussnahme erfolgt, wie geschieht sie? Stellt sie ein alternatives Modell vor? Wie gehen die Frauen in den Romanen mit politischer Macht um? Wie mit familiärer? Worauf richtet sich ihr Begehren? Beide Romane enden mit einer Art Selbstfindung. Welcher Weg führt dahin?
Textauszug (computergeneriert)
Macht, Sexualität und Begehren in den Romanen
El Cielo Dividido von Reina Roffé
und
Al Otro Lado von Yanitzia Canetti
Magisterarbeit von Daniela Voigt
Gutachter: Prof. Dr. Alfonso de Toro
Philologische Fakultät der Universität Leipzig
Institut für Romanistik
Inhaltesverzeichnis
1. Einleitung ... 3
2. Der Feminismus und die gender-Debatte ... 5
2.1. gender ... 5
2.2. gender, sex und Begehren ... 6
2.3. Weitere Strömungen ... 8
3. Die Theorie der Macht nach Foucault ... 10
3.1. Macht, Wahrheit und Sexualität ... 10
3.2. Widerstand gegen die Macht: die Griechen ... 14
3.3. Widerstand gegen die Macht: Foucault und der Feminismus ... 16
4. Begehren ... 19
4.1. Lacan und das Begehren ... 19
4.2. Begehren und Macht ... 23
5. Reina Roffé: El Cielo Dividido ... 25
5.1. "la amada" und "la amante" ... 25
5.2. Das Begehren nach Einheit ... 28
5.3. Strukturen der Macht ... 29
5.4. Djuna Barnes ... 32
5.5. Das Begehren - ein Mangel ... 36
5.6. Ein weiblicher Diskurs? ... 37
5.7. Die sozialkritische Komponente ... 38
5.8. Exil - Anwesenheit in Abwesenheit ... 42
5.9. "Casa-ostra" ... 45
5.10. "El Cielo Dividido" - Inhalt und diskursive Strategie ... 48
5.11. Giselle - die "Frau" ... 51
5.12. Colette und Giselle ... 54
5.13. Das zirkulierende Foto ... 58
6. Yanitzia Canetti: Al Otro Lado ... 63
6.1. Liebende und Geliebte ... 63
6.2. "yo" und "mi-yo" ... 65
6.3. Die Suche nach der eigenen Wahrheit ... 68
6.4. Die Aufhebung des Kartesianismus? ... 70
6.5. Die Ebenen der Erzählung ... 71
6.6. Die Beichte als Erzählstrategie ... 72
6.7.Widerstand gegen die Macht: eine weibliche Alternative ... 74
6.8. Intertextuelle Vielfalt ... 76
6.9. Die nicht-greifenden Projektionen ... 77
6.10. Die politisch-kritische Dimension ... 80
6.11. Eine andere Wahrheit ... 84
6.12. Ein Zimmer und Zeit für sich ... 85
7. Schlussbetrachtung ... 86
Bibliographie ... 88
1. Einleitung
Es mag im letzten Jahrhundert begonnen haben, vielleicht aber auch schon viel eher, daß man sich fragte, wo die Frauen sind. Mit der Industrialisierung wurde die Rolle der Frau als Haus-Mutter aufgehoben, sie war berufstätig wie die Männer und forderte ab einem gewissen Zeitpunkt dieselben Rechte. Dieser Kampf dauert bekanntlich heute noch an.
Weiterhin stellte man Fragen nach der Präsenz der Frau/ der Frauen in Kultur und Gesellschaft, Literatur, Musik, Malerei, Politik. Die Ergebnisse waren schockierend. Einer Vielzahl von männlichen Akteuren und im Kanon Anerkannten stand eine schwindend geringe Anzahl weiblicher Personen gegenüber.
Während nun eine Richtung der Forschung versuchte, dieses Manko aufzuarbeiten und verschüttete Arbeiten weiblicher Künstler ans Tageslicht zu befördern oder vergessene Heroinnen der Weltgeschichte in die Chroniken aufzunehmen, richteten sich die philosophischen und psychologischen Diskussionen auf die Frage, wie der Unter- drückungsprozeß zustandekam und gerechtfertigt wurde.
Michel Foucaults Analyse Macht und Sexualität stellt einen Apparat von Machtmechanismen vor, die bei der Kontrolle und Bevormundung des Menschen funktionieren - unabhängig von dessen Geschlecht, Alter oder sozialer Stellung. Deswegen bildet dieses Werk eine unerschütterliche Basis für den Feminismus und seine Nachfolger. Einführend in die Thematik dieser Arbeit werden Foucaults Positionen und ihre Rezeption in der feministischen Theorie erläuternd dargestellt.
Ein weiterer wichtiger Stützpfeiler feministischer Theorienbildung ist Jaques Lacans Lehre der Ich-Bildung über das Spiegelstadium und seine Begrifflichkeiten "Imaginäres" und "Begehren".
Der Darlegung dieser Problematik folgt die Untersuchung der Romane der beiden jungen lateinamerikanischen Schriftstellerinnen Reina Roffé (*1951) und Yanitzia Canetti (*1967). Dabei sollen sowohl die von Foucault erforschten Strukturen des Machtgewebes, als auch Lacans Begehrensdiskurs herausgearbeitet werden.
Besonderes Augenmerk richtet sich im ersten Fall (Roffé 1996: El cielo dividido) auf die Tatsache, daß es sich bei den Hauptfiguren (größtenteils) um gleichgeschlechtlich Liebende handelt. Hier ist es von Interesse, inwiefern die Definitionen von Macht und Begehren noch greifen, wenn es sich nicht um männlich dominierte Zirkel handelt.
Der zweite Roman (Canetti 1997: Al otro lado) berichtet von einem weiblichen Begehren, das frei zirkuliert. In diesem Fall wird auf die Auswirkung dieses freien Begehrens auf etablierte Machtstrukturen von Interesse sein.
Schließlich steht die Frage aus, ob Macht, weibliche Sexualität und weibliches Begehren zusammenhängen und/oder sich beeinflussen. Wenn eine Einflußnahme erfolgt, wie geschieht sie? Stellt sie ein alternatives Modell vor? Wie gehen die Frauen in den Romanen mit politischer Macht um? Wie mit familiärer? Worauf richtet sich ihr Begehren?
Beide Romane enden mit einer Art Selbstfindung. Welcher Weg führte dahin? Wären diese Geschichten im vorigen Jahrhundert genauso passiert?
2. Der Feminismus und die gender-Debatte
2.1. gender
Der Feminismus, der zweifellos einen enormen Schritt in der kulturhistorischen Entwicklung des Menschen darstellt, weil er die Aufmerksamkeit auf Strukturen der Gesellschaft lenkte, die nicht nur bei der Unterdrückung der Frauen, sondern bei jeglicher Unterdrückung funktionieren, dieser Feminismus mußte am Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts in seiner bis dato gebräuchlichen Form in Frage gestellt werden.
So wandten schwarze und andere farbige Frauen ein, die Theorien bezögen sich meist nur auf die weiße Mittelstandsschicht, wo sie doch generelle Unterdrückung der Frauen immer und überall anzuprangern vorgaben. Man warf dem bestehenden Feminismus vor, nicht auf die speziellen Formen der Bevormundung der Minderheiten eingehen zu können.
Dies führte zu den Versuchen, sich von einer generalisierenden Feminismus-Debatte abzulösen und stattdessen Theorien der Vielfalt zu entwickeln.
Mit der Dekonstruktion des authentischen Subjekts, das als scheinbar selbstbestimmtes und einheitliches doch ein Konstrukt gesellschaftlicher Diskurse darstellt, und der Entlarvung der binären Opposition männlich/weiblich als eine Struktur eben dieser Diskurse, fiel der Forschung die Aufgabe zu, ein neues Konzept für das Bemühen um Gleichberechtigung zu finden.
Das Konzept, das den Ansprüchen am ehesten gerecht wurde, ist das der gender-Forschung .
Unter Heranziehen des strukturalistischen Gebots, daß Bedeutung nur über binäre Bezugnahme entsteht, betrachtet man "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" als gegensätzliche, aber dialektisch verknüpfte, dynamische Kategorien.
"Setzen wir für einen Augenblick die Stabilität der sexuellen Binarität (binary sex) voraus, so folgt daraus weder, daß das Konstrukt ´Männer` ausschließlich dem männlichen Körper zukommt, noch daß die Kategorie ´Frauen` nur weibliche Körper meint." (Butler 1991, 23)
Daraufhin wurde dem bestehenden Definitionskanon die Rubrik gender zugefügt, die die Begriffe "männlich" und "weiblich" klären soll.
Dabei wird die folgende Unterscheidung zwischen sex und gender vorgenommen: sex bezeichnet die biologischen Fundamente des Unterschieds zwischen den Geschlechtern, gender meint das, was die Gesellschaft daraus konstruiert (Alter, Rassenzugehörigkeit , soziale Stellung, Religion etc.). Sara Lennox faßt dies zusammen:
"Diese Auffassung von gender impliziert somit, daß Frauen außerhalb ihres gesamtgesellschaftlichen Kontexts nicht vorstellbar sind, und ermöglichte außerdem die Gegenargumentation, daß die Männergesellschaft nicht ohne die Beiträge von Frauen zu verstehen sei und daß die Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder so sehr integraler Teil gesellschaftlicher Interpretations- schemata seien, daß sie auch dann in Machtstrukturen (z.B. der Politik, der Naturbeherrschung) verwickelt seien, wo tatsächlich Frauen keine Rolle spielen." (Gnüg, Möhrmann 1999, 568)
Die letzte Zufügung bezieht sich (hoffentlich) auf Gesellschaften, die in unserer Zeit und im (hoffentlich nicht nur) abendländischen Raum nicht mehr existieren, wo immer mehr Frauen relevante politische und wissenschaftliche Positionen besetzen.
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