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Autor: Christian Rudeloff
Fach: Germanistik - Sonstiges
Details
Institution/Hochschule: Universität Hamburg (Institut für Germanistik II)
Tags: Kampfeinsatz, Kommunikation, Analysen, Pierre, Bourdieus, Niklas, Luhmanns, Hauptseminar, Literatur, Film, Praxis
Jahr: 2003
Seiten: 31
Note: 1
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 240 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-29520-8
Textauszug (computergeneriert)
Universität Hamburg
Fachbereich 07 – Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften
Institut für Germanistik II
Seminar 07. 321: „Literatur und Film als kulturelle Praxis.
Kampfeinsatz und Kommunikation:
Die literatursoziologischen Analysen
Pierre Bourdieus und Niklas Luhmanns
von: Christian Rudeloff
1. Einleitung
2.1 Habitus und Feld: Ein dialektisches Verhältnis
2.2 System und Umwelt: Eine epistemologische Differenz
2.3 Vergleich: Die Expansion des Sozialen und die Trennung der Systeme
3.1 Das literarische Feld und das Feld der Macht
3.2 Die Funktion des Kunstsystems
3.3 Kurzer Vergleich und abschließende Betrachtung
4. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit wirft einen Blick auf zwei soziologische Theorien, deren interdisziplinäre Rezeption aus naheliegenden Gründen auch an der Literaturwissenschaft nicht folgenlos vorbeiziehen konnte. Haben doch sowohl Pierre Bourdieu als auch Niklas Luhmann kurz vor dem Ende ihrer wissenschaftlichen Produktivität mit den „Regeln der Kunst“ sowie der „Kunst der Gesellschaft“ kunst- bzw. literaturtheoretische Arbeiten vorgelegt und damit - sozusagen eigenhändig - die Relevanz ihrer Forschungen auch für den von der Soziologie oft vernachlässigten Bereich der Produktion, der Distribution und der Konsumtion kultureller Werke bekräftigt. Während die Untersuchung Bourdieus sich primär dem Bereich der Literatur widmet, zugleich aber auch für andere intellektuelle Felder – wenn auch eingeschränkt – Geltung beansprucht 1, geht Luhmann von einem einzigen Kunstsystem aus, in dem die Kommunikation mit bzw. durch Literatur einigen wichtigen Teil einnimmt. Luhmann referiert vielfach auf literarische Werke des 18. Jahrhunderts, bei Bourdieu steht die Beschäftigung mit Schriftstellern des 19. Jahrhunderts wie Gustave Flaubert und Charles Baudelaire im Mittelpunkt.
Die Relevanz von systemtheoretischem Konstruktivismus und kulturalistischer Theorie der Praxis für die Entwicklung sowie die Beantwortung von literaturwissenschaftlichen Fragestellungen wird auch vom Autor der folgenden Seiten geteilt, - weshalb nicht nur die Grundzüge im Theoriedesign Bourdieus und Luhmanns besprochen und partiell verglichen sein wollen, sondern im zweiten Teil der Arbeit auch ausgewählte Bestandteile der literatur- bzw. kunsttheoretischen Anwendung eben dieser Theorien zur Sprache kommen. Das Ziel meiner Arbeit ist es nicht, darüber zu entscheiden, wessen Analyse von Literatur mir zutreffender erscheint. Auch sollen die grundlegenden Theoriezüge nicht gegeneinander aufgewogen oder gar ausgespielt werden. Vielmehr möchte ich anhand von einzelnen Stichproben die Reichweite beider Positionen im Hinblick auf ausgewählte Aspekte, wie z. B. den Wissensbegriff sowie die Transformationsmodi von literarischem Feld und Kunstsystem veranschaulichen, um anschließend zeigen zu können, auf welchen Prämissen die anschließend dargestellte Auseinandersetzung mit Literatur/Kunst aufbaut. Der Blick auf die Theoriekonstruktionen soll also helfen, die Frage zu beantworten, warum Bourdieu und Luhmann so unterschiedliche Analysen vom gesellschaftlichen Umgang mit Literatur entwerfen.
Da im Folgenden keine Bewertung der jeweiligen Positionen vorgenommen werden, darf dementsprechend auch meine Entscheidung für eine rein theoretische Untersuchung nicht als Votum für die Arbeitsweise Luhmanns verstanden werden, der seine soziologischen Forschungen bekanntlich auf sehr wenige empirische Evidenzen stützt.2 Und ebenso wenig darf die gewählte Methodik dieser Hausarbeit als implizite Ablehnung des mit empirischen Fakten durchsetzten Werks Bourdieus interpretiert werden. 3
2. Vorbemerkung zu den theoretische Grundlagen
Der Versuch, die höchst elaborierten Theorien Niklas Luhmanns und Pierre Bourdieus in ihrer gesamten Komplexität angemessen umfassend darzustellen und zu vergleichen, ist wohl zum Scheitern verurteilt – insbesondere im Rahmen einer 25-seitigen Hausarbeit. Zwangsläufig muss daher ein jeweils kleiner Teil aus den beiden Modellen herausgegriffen und gesondert betrachtet werden. Das Risiko, im Zuge dieser gewaltsamen Isolation ausgewählter Elemente dem Gesamtkonzept nicht gerecht werden zu können, scheint mir dabei unvermeidbar – soll aber durch die Behandlung möglichst zentraler Theoriebausteine im Folgenden auf ein Mindestmaß reduziert werden.
2.1 Habitus und Feld: Ein dialektisches Verhältnis
Der Begriff Habitus hat seinen Ursprung in der mittelalterlichen Philosophie und Theologie. Seit der Scholastik wurde er immer wieder von Autoren verschiedener Denktraditionen (z. B. Hegel, Durkheim, Weber, Mauss) aufgegriffen und zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt - sei es zur Beschreibung äußerlicher Merkmale (Erscheinungsbild) oder zur Charakterisierung interner Dispositionen (Haltung, Anlage). Pierre Bourdieu hat den „Habitus“ also keineswegs erfunden. Trotzdem wird sein Name immer wieder mit diesem Begriff assoziiert. Zum Einen hat das seinen Grund sicherlich in der zentralen Position, die der Begriff im Theoriedesign Bourdieus einnimmt – und zu der er selbst sich mehrfach bekannt hat - und zum Anderen in der innovativen Anbindung des Begriffs an die das Individuum umgebenden sozialen Bedingungen, die sich in dem Komplementärverhältnis von Habitus und Feld niederschlägt. So bezeichnet Bourdieu die „unterbewusste und vorreflexive ontologische Komplizität“ 4 von Habitus und Feld als „anthropologisches Fundament“5 seines Denkens. Doch was genau ist der Habitus bei Bourdieu und wie lässt sich die Beziehung zwischen Habitus und Feld adäquat explizieren?
Lassen wir zunächst Bourdieu selbst zu Wort kommen:
„Die für einen spezifischen Typus von Umgebung konstitutiven Strukturen (…) erzeugen Habitusformen, d. h. Systeme dauerhafter Dispositionen, strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als strukturierende Strukturen zu wirken (…).“6 Der Habitus konstituiert sich demnach zunächst über die Inkorporierung der sozialen Welt, ist damit gesellschaftlich-historisch geprägt und „in unaufhörlichem Wandel begriffen“7; zugleich bilden die ihm zu Grunde liegenden Dispositionen die Voraussetzungen des sozialen Sinns (le sens pratique), der als unbewusste Orientierungshilfe des Akteurs im sozialen Raum und als Erzeugungsprinzip seiner Praktiken fungiert. Drei Aspekte, die in der Praxis stets untrennbar miteinander verbunden sind, lassen sich dabei analytisch unterscheiden 1. Die Wahrnehmungsschemata als sensueller Aspekt der praktischen Erkenntnis. 2. Die Denkschemata als Klassifikationsmuster als ethische Normen und ästhetische Maßstäbe8. 3. Die Handlungsschemata.
[...]
1 Vgl. Bourdieu, Pierre. Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt am Main, 2001. S. 341.
2 Glaubt man Wolfgang Hagen, baut die Systemtheorie Luhmanns sogar nur auf ein einziges empirisches Faktum. Er zitiert Luhmann mit dem Satz: „Eine einzige Annahme, für die wir empirische Evidenz in Anspruch nehmen, lautet, dass im Laufe der Evolution die auf dem Erdball zu findende Erbmasse und ebenso, seitdem es Sprache gibt, die Menge der kommunikativen Ereignisse zugenommen hat.“ Vgl. Hagen, Wolfgang. Luhmanns Medien – Luhmanns Matrix. http://www.whagen.de/publications/LuhmannsMedien/LuhmannsMedien.htm (11.03.2003). S. 4.
3 Zum wissenschaftlichen Selbstverständnis Bourdieus vgl. Bourdieu, Pierre. Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Frankfurt am Main, 1985 S. 14. „Meine ganze wissenschaftliche Arbeit lebt (…) von der Überzeugung, dass sich die innerste Logik der sozialen Welt nur erfassen lässt, wenn man ganz in die Besonderheit einer empirischen, in der Geschichte räumlich und zeitlich bestimmbaren Realität eindringt, aber nur um sie als „besonderen Fall des Möglichen zu konstruieren (…).
4 Vgl. Bourdieu., Pierre. Antworten auf einige Einwände. S. 396. In: Eder, K. (Hrsg.). Klassenlage, Lebensstil und kulturelle Praxis. Theoretische und empirische Beiträge zur Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieus Klassentheorie. Frankfurt am Main, 1989.
5 Ebd.
6 Vgl. Bourdieu, Pierre. Entwurf zu einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt am Main, 1976. S. 164f.
7 Vgl. Bourdieu, Pierre. Antworten auf einige Einwände. S. 406.
8 Mit dem Aspekt der ästhetischen Maßstäbe, dem Geschmack, setzt sich Bourdieu in dem vielfach als sein Hauptwerk titulierten Band Die feinen Unterschiede ausführlich auseinander. Vgl. Bourdieu, Pierre. Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main, 1982.
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