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Die Objektive Hermeneutik: Theorie und Praxis

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 32 Pages
Author: Marion Klotz
Subject: Pedagogy - Science, Theory, Anthropology

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 32
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V27589
ISBN (E-book): 978-3-638-29597-0
ISBN (Book): 978-3-638-68710-2
File size: 294 KB
Notes :
Die Objektive Hermeneutik ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln. Diese Arbeit bietet daher eine kurze (und meiner Meinung nach sehr aufschlussreiche und gut verständliche) Einführung in die Methode sowie im Anschluss ein praktisches Beispiel für eine ausführliche Textanalyse. Das Thema ist nicht auf die Pädagogik beschränkt, sondern durchaus auch für andere Fächer (v.a. Soziologie, Politik) interessant. Viel Spaß beim Lesen!


Abstract

Als Forschungsmethode der qualitativen Sozialforschung bedarf die Objektive Hermeneutik einer intensiveren Betrachtung als die vergleichsweise weniger komplexen Methoden der quantitativen Forschung. In der vorliegenden Arbeit werde ich mich daher sowohl mit der Methodik als auch mit der Methode der Objektiven Hermeneutik auseinandersetzen. Dieser theoretische Ansatz wird durch einen praktischen Teil abgerundet, in dem ich die Systematik der Textinterpretation mit Hilfe der Objektiven Hermeneutik näher verdeutlichen werde. Die vorliegende Arbeit ist in vier Teile untergliedert. Im ersten Teil werde ich mich mit der Methodik der Objektiven Hermeneutik auseinandersetzen. Hier werde ich zuerst das Textverständnis und das Verständnis von der Sequentialität des menschlichen Handelns erläutern, um dann die zentrale Aufgabe der Methode, das Aufdecken der latenten Sinnstrukturen, zu behandeln. Im Kapitel „Krisen und Routinen“ werde ich über die Autonomie der Lebenspraxis sowie deren Transformation und Reproduktion referieren. Danach folgt eine Erläuterung des Selbstverständnisses der Objektiven Hermeneutik. Im Sinne einer besseren Verständlichkeit dieser Selbstauffassung behandele ich sie bewusst am Ende des einführenden Kapitels. Im zweiten Teil der Arbeit werde ich die Methode der Objektiven Hermeneutik behandeln. Hier werde ich zuerst die zentralen Prinzipien der Textinterpretation, die Kontextfreiheit, Wörtlichkeit, Sequentialität, Extensivität und Sparsamkeit, erläutern, um dann auf die systematische Vorgehensweise bei der Textreproduktion einzugehen. Danach folgt ein praktisches Beispiel einer Textinterpretation. Der Hauptteil dieser Interpretation ist in Gruppenarbeit entstanden. Die darin aufgestellt Fallstruktur wird dann in einer anschließenden Einzelinterpretation noch einmal überprüft. In letzten Kapitel werde ich die wichigsten Punkte der Arbeit zusammenfassen, um dann ein abschließendes Fazit zu ziehen


Excerpt (computer-generated)

Johannes Gutenberg- Universität Mainz
Pädagogisches Institut
Mittelseminar: Empirie II- Objektive Hermeneutik

Die Objektive Hermeneutik: Theorie und Praxis

von: Marion Klotz

 


1. Einleitung 2

2. Zur Methodologie der Objektiven Hermeneutik 3

2.1. „Die Welt als Text“ 3
2.2. Die Sequentialität menschlichen Handelns 4
2.3. Latente Sinnstrukturen 5
2.4. Krisen und Routinen 5
2.5. Zum Selbstverständnis der Objektiven Hermeneutik 6

3. Zur Methode der Objektiven Hermeneutik 8

3.1. Prinzipien der Textinterpretation 8

3.1.1. Kontextfreiheit 8
3.1.2. Wörtlichkeit 9
3.1.3. Sequentialität 10
3.1.4. Extensivität 11
3.1.5. Sparsamkeit 12

3.2. Systematische Vorgehensweise 12

4. Textanalyse 14

4.1. Gruppeninterpretation 14
4.2. Einzelinterpretation 24

5. Fazit 29

6. Literaturangaben 30

 


 

1. Einleitung

Als Forschungsmethode der qualitativen Sozialforschung bedarf die Objektive Hermeneutik einer intensiveren Betrachtung als die vergleichsweise weniger komplexen Methoden der quantitativen Forschung. In der vorliegenden Arbeit werde ich mich daher sowohl mit der Methodik als auch mit der Methode der Objektiven Hermeneutik auseinandersetzen. Dieser theoretische Ansatz wird durch einen praktischen Teil abgerundet, in dem ich die Systematik der Textinterpretation mit Hilfe der Objektiven Hermeneutik näher verdeutlichen werde.

Die vorliegende Arbeit ist in vier Teile untergliedert. Im ersten Teil werde ich mich mit der Methodik der Objektiven Hermeneutik auseinandersetzen. Hier werde ich zuerst das Textverständnis und das Verständnis von der Sequentialität des menschlichen Handelns erläutern, um dann die zentrale Aufgabe der Methode, das Aufdecken der latenten Sinnstrukturen, zu behandeln. Im Kapitel „Krisen und Routinen“ werde ich über die Autonomie der Lebenspraxis sowie deren Transformation und Reproduktion referieren. Danach folgt eine Erläuterung des Selbstverständnisses der Objektiven Hermeneutik. Im Sinne einer besseren Verständlichkeit dieser Selbstauffassung behandele ich sie bewusst am Ende des einführenden Kapitels. Im zweiten Teil der Arbeit werde ich die Methode der Objektiven Hermeneutik behandeln. Hier werde ich zuerst die zentralen Prinzipien der Textinterpretation, die Kontextfreiheit, Wörtlichkeit, Sequentialität, Extensivität und Sparsamkeit, erläutern, um dann auf die systematische Vorgehensweise bei der Textreproduktion einzugehen. Danach folgt ein praktisches Beispiel einer Textinterpretation. Der Hauptteil dieser Interpretation ist in Gruppenarbeit entstanden. Die darin aufgestellt Fallstruktur wird dann in einer anschließenden Einzelinterpretation noch einmal überprüft. In letzten Kapitel werde ich die wichigsten Punkte der Arbeit zusammenfassen, um dann ein abschließendes Fazit zu ziehen.

2. Zur Methodologie der Objektiven Hermeneutik

2.1. „Die Welt als Text“

Laut Oevermann ist Sprache das Medium, mit dessen Hilfe wir uns die Welt verständlich machen. Er geht von der Annahme aus, dass sich „die sinnstrukturierte Welt durch Sprache konstituiert und in Texten materialisiert“ (Wernet: 11): Die soziale Realität ist „textförmig“ (Wernet: 12). So kann sich auch die Forscherin der Realität nur durch die Sprache nähern, sie nur über die Interpretation von Ausdrucksgestalten erfassen, da sie das einzige Medium sind, in der sich ihr die Welt darbietet: „Intentionale Gehalte, generell: innerpsychische Wirklichkeiten zum Gegenstand wissenschaftlich- methodisierter Erkenntnis zu machen, setzt deren methodisch greifbare Verkörperung in Ausdrucksgestalten voraus“ (Oevermann 2004b: 2).

Psychische Prozesse sind von Natur aus nicht direkt, sondern nur durch ihre Verkörperung in Ausdrucksgestalten greif- und somit interpretier- und verstehbar. Unter dem Begriff der Ausdrucksgestalten fasst Oevermann hierbei all jenes, was die Objektive Hermeneutik „Text“ nennt, also alles vom Menschen geschaffene, darunter zum Beispiel Gemälde, Schriftstücke und Gebäude (vgl. Oevermann 2004b: 3). Wo die Texte dabei mehr die Ideen dieser Leistungen quasi im unformulierten Zustand sind, finden sie ihre tatsächliche Manifestation in der Verschriftlichung oder Verbildlichung, den sogenannten Protokollen. Texte und Protokolle sind somit die zwei Seiten von Ausdrucksgestalten: „Text meint deren symbolischen Charakter und Protokoll deren ausdrucksmateriale Erscheinung“ (Oevermann 2004b: 3). Auch die Erinnerung lässt sich als ein, wenn auch gegen Veränderung und Entfremdung schlecht gewappnetes, Protokoll bezeichnen, da sie immer nur eine Kopie des Textes, also der eigentlichen Handlung, ist und nie die tatsächliche Handlung selbst (vgl. Oevermann 2004b: 4).

2.2. Die Sequentialität menschlichen Handelns

Laut Oevermann ist die Sequentialiät, also das Aufeinanderfolgen von Handlungen „für das menschliche Handeln konstitutiv“ (Oevermann 2004b: 6). Die Wahl von Handlungsmöglichkeiten durch die Lebenspraxis1 erfolgt prozessual, nicht statisch, d.h. die Handlung ist nicht vorher geplant, sondern entwickelt sich zum Zeitpunkt ihres Stattfindens. Jede Handlung eröffnet hierbei neue Möglichkeiten des weiteren Handelns und vollzieht so „die Schließung vorausgehend eröffneter Möglichkeiten und Öffnung neuer Optionen in eine offene Zukunft“ (Oevermann 2004b: 6). Die von einer Handlung eröffneten weiteren Handlungsmöglichkeiten sind somit als „Anschlussmöglichkeiten innerha lb einer Handlung“ zu verstehen (Wernet: 16). Soziales Handeln folgt immer gewissen Regeln. Keine Handlung kann sich der Existenz dieser Regeln entziehen und ist so immer in Bezugnahme auf die Regeln definierbar. Wichtig sind hierbei nach Oevermann drei universale Regelkompetenzen, die jeder Mensch innehat: die universellen und einzelsprachlichen Regeln der sprachlichen Kompetenz, die Regeln der Kommunikation oder illokutiven Kompetenz sowie die universellen Regeln der kognitiven und moralischen Kompetenz2 (vgl. Wernet: 14 sowie Overmann 2004b: 7). Dieser Regelbegriff ist nicht mit dem Begriff der sozialen Normen zu verwechseln: Regeln können durchaus gebrochen werden, sie sind aber prinzipiell von allen Mitgliedern anerkannt, ein Regelbruch fällt also auf. „Das Konzept der Regelgeleitetheit formuliert . . . nicht, was zu tun ist, sondern was es heißt, etwas zu tun“ (Wernet: 13).

Jede Handlung ist erst im Rahmen der sozialen Regeln zu verstehen, in denen sie zustande kam. Lebenspraxen unterscheiden sich durch die Selektivität ihrer Handlungen, also durch die Tatsache, welche Handlungen sie wählen. Diese Wahl erfolgt nicht zufällig, sondern folgt einer gewissen Systematik und Struktur, durch die die Lebenspraxis gekennzeichnet und charakterisiert ist. Diese Strukturiertheit zu rekonstruieren ist Aufgabe und Anliegen der Objektiven Hermeneutik.

2.3. Latente Sinnstrukturen

[...]


1 Mit dem Begriff der Lebenspraxis bezeichnet Oevermann alle Strukturgebilde, die eine „eigene Bildungsgeschichte oder eigene Geschichte der Individuierung” vorweisen können (2004a: 34), also sowohl menschliche Individuen als auch Familien, nationale Gemeinschaften, Organisationen etc.

2 Oevermann merkt hierzu an, dass alle Menschen “als natürliche Mitglieder der Sprachgemeinschaft, für die die Regel gilt, problemlos über ein sicheres intuitives Wissen verfügen, so daß wir sie sowohl als praktisch Handelnde wie als Interpreten mit Anspruch auf Gültigkeit verwenden können” (Oevermann 2004a: 10).


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