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Auf der Suche nach der 'open mind'. Wissenschaft und Wissenschaftler in Bram Stokers "Dracula"

Scholary Paper (Seminar), 2001, 19 Pages
Author: Andreas Gründel
Subject: English Language and Literature Studies - Comparative Literature

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2001
Pages: 19
Grade: 2,3
Language: German
Archive No.: V28738
ISBN (E-book): 978-3-638-30437-5
ISBN (Book): 978-3-640-13962-0
File size: 195 KB

Abstract

Horror- oder Fantasyliteratur scheinen ein großes Interesse bei den Theoretikern geweckt zu haben. Besonders mit Bram Stokers Paradigma eines Vampirromans haben sich sehr viele Interpreten auseinandergesetzt. Es scheint jedoch, dass sich erst in jüngerer Zeit mehr und mehr Literaturwissenschaftler mit dem Diskurs um Wissenschaft im Roman beschäftigt haben. Diese Arbeit setzt sich mit dem Motiv der Wissenschaften und vor allem mit den beiden Wissenschaftler-Porträts im Roman auseinander. Beide Figuren spielen eine große Rolle: Der junge Dr.Seward und der ältere Professor Van Helsing. Sie suchen in ihrer unsicheren Zeit des Umschwungs und der Veränderung nach einer passenden Art, Wissenschaft zu betreiben. Die Figuren stehen im Konflikt zwischen altem und neuem. Sie suchen in dieser Unsicherheit nach Halt, so eben auch in der Wissenschaft.


Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin
Seminar für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Wintersemester 2000/2001
PS „Dracula“

Auf der Suche nach der ‚open mind’
Wissenschaft und Wissenschaftler in
Bram Stokers „Dracula“

von

Andreas Gründel

 

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung  3

II Wissenschaftler und ihre Persönlichkeit  4
Dr.Seward  4
Van Helsing  6

III Geisteshaltungen und Untersuchungsmethoden  8
Das Phänomen Renfield  8
Die Swales-Episode  11
Das Konzept der ‚open mind’  12
Der Schlachtplan im Kampf gegen Dracula  15

IV Schlussgedanken  17

Literaturangaben  19

 

I Einleitung

Horror- oder Fantasyliteratur scheinen trotz ihrer großen Popularität, was die Literaturwissenschaftler oft vielleicht abschreckt, ein großes Interesse bei den Theoretikern geweckt zu haben. Besonders mit Bram Stokers Paradigma eines Vampirromans, seinem einzigen großen Erfolg, haben sich sehr viele Interpreten auseinandergesetzt. Dies liegt sicherlich auch an seiner unglaublichen Themenvielfalt. In die Horrorgeschichte sind die unterschiedlichsten Motive und Inhalte eingewoben.

Nach den fünfziger Jahren gab es eine Unmenge an Sekundärliteratur, die sich psychoanalytisch mit dem Roman beschäftigte und auch versuchte, seine reichhaltige Symbolik zu entschlüsseln, wobei dort wohl die abenteuerlichsten Interpretationen zustande kamen. Es scheint, dass sich erst in jüngerer Zeit mehr und mehr Literaturwissenschaftler mit dem Diskurs um Wissenschaft im Roman beschäftigt haben. Diese sind weitestgehend wohl als historische, mentalitäts- oder wissenschaftsgeschichtliche Herangehensweisen einzuordnen. Auch ich will mich im folgenden mit dem Motiv der Wissenschaften und mit den beiden Wissenschaftler- Porträts im Roman auseinandersetzen. Beide Figuren spielen eine große Rolle: Der junge Dr.Seward tritt als Figur mit dem vermutlich größten Anteil an dem Gemisch aus verschiedenen, sich abwechselnden Ich-Erzähler-Positionen in den Vordergrund. Der ältere Professor Van Helsing, Sewards ehemaliger Lehrer, nimmt die Rolle desjenigen ein, ohne dessen Hilfe und Wissen die ‚Ausrottung’ Draculas sicherlich kaum möglich gewesen wäre. Er befähigt erst die anderen zum Kampf gegen den Vampir. Außerdem entsteht an den beiden Figuren Stokers „comment upon the science of his day“.1 Sie suchen in ihrer unsicheren Zeit des Umschwungs und der Veränderung nach einer passenden Art, Wissenschaft zu betreiben. Man erkennt im Roman deutlich „how deeply conflicted the liberal subject had come by that date”.2 Die Figuren stehen im Konflikt zwischen altem und neuem. Sie suchen in dieser Unsicherheit nach Halt, so eben auch in der Wissenschaft.

Ich will bei meiner Untersuchung dieses Wissenschaftsproblems darauf verzichten, mich mit historischen Bezügen zu zeitgeschichtlichen Phänomenen und Diskussionen außerhalb des Romans zu beschäftigen, und mich auf die Konnotationen des Wissenschaftsmotivs und die psychologischen Strukturen der Wissenschaftler-Figuren innerhalb des Textes konzentrieren. Dazu werde ich zuerst die beiden Figuren und ihre Charaktere untersuchen, weil mir dies als Basis ihrer unterschiedlichen Denkweisen sehr wichtig erscheint. In einem zweiten Hauptteil will ich dann auf eben diese Geisteshaltungen und die damit zusammenhängenden Arbeitsmethoden genauer eingehen.

II Wissenschaftler und ihre Persönlichkeit

Dr. Seward

Was die Darstellung der Figuren angeht, so sind die häufigen Fremdcharakterisierungen einer Figur durch eine andere für den ganzen Roman auffallend. Besonders interessant ist es, dass gerade die beiden Wissenschaftler schon vor ihrem eigentlichen Erscheinen bzw. bevor sie selbst zu Wort kommen erst einmal aus der Sicht einer anderen Person beschrieben werden. Es scheint, dass Stoker in bezug auf diese beiden Figuren eine distanziertere Betrachtung etablieren will.

Somit lernt man Dr. Seward, der ja sonst selbst als wichtiger Ich-Erzähler des Geschehens auftritt, eben zuerst aus einer Beschreibung Lucys in einem Brief an Mina kennen (S. 71ff.).3 Er erscheint hier als ein sehr gefasster, nüchterner Mensch, der alles mit einem sehr rationalwissenschaftlichen Blick betrachtet. Lucy erwähnt den beruflichen Erfolg in seinem jungen Alter (S. 71) und geht kurz auch auf seine markante äußere Erscheinung ein (S. 73). Im Grunde genommen ist das das typische Bild eines Wissenschaftlers, dem die Rationalität auch zum privaten Lebensprinzip geworden ist und der deshalb auch „absolutely imperturbable“ (S. 71) wirkt. Dass er jedoch so unerschütterlich gar nicht ist, zeigt sich schon auf den folgenden Seiten: Er hat sich, da ihm als ‚Kopfmensch’ jegliche Spontaneität wohl abhanden gekommen ist, durch „schooling himself“ (S. 73) den Heiratsantrag zurechtgelegt und versucht nun sehr selbstbeherrscht zu erscheinen. Doch die Fassade ist brüchig. Lucy erkennt sofort die innere Unruhe unter der strengen Form seines ‚Wissenschaftler-Habitus’.

In dem nun folgenden ersten Tagebucheintrag Sewards (S. 78) scheint sich dieser Eindruck dann durch seine eigenen Äußerungen zu bestätigen. Er hat zwar Lucys Ablehnung sehr höflich und mit selbstlosem Gestus hingenommen (S. 74), doch seine ersten eigenen Sätze zeigen eben, wie stark er doch emotional beeinflussbar ist. Selbstdisziplin scheint ihm ein Mittel gegen seine Gefühlslage, weswegen er sich in die wissenschaftliche Arbeit stürzt. Doch scheint dies kein wirklicher Zwang zu sein, d.h. er hat die Selbstdisziplin wohl schon verinnerlicht.

[....]


1 Greenway, John L.: Seward’s Folly: Dracula as a Critique of ‘Normal Science’. In: The critical response to Bram Stoker. Hg.v. Carol Senf. Westport: 1993, S. 73. (Künftig zitiert: Greenway: Seward’s Folly.)

2 Glover, David: Bram Stoker and the Crisis of the Liberal Subject. In: New Literary History 23 (1992), S. 984. (Künftig zitiert: Bram Stoker and the Crisis… .)

3 Die Zitate und Seitenangaben richten sich nach: Stoker, Bram: Dracula. London: Penguin, 1994.


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