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Binjamin Wilkomirskis Fälschung Bruchstücke im Kontext der autobiographischen Shoah-Literatur

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 28 Pages
Author: Anke Hetzel
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 28
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V29569
ISBN (E-book): 978-3-638-31045-1
ISBN (Book): 978-3-638-70304-8
File size: 451 KB
Notes :
Es geht um den Fälschungsfall Wilkomirski und um die Suche nach Gründen für die Schwere einer solchen Fälschung. Warum ist es so viel schlimmer, eine Holocaust-Biographie zu fälschen, als jede andere? Und wie wirkt sich die Entdeckung der Fälschung auf die Bewertung der Qualität des Werkes aus?


Abstract

In dieser Arbeit soll versucht werden, eine Bilanz im ‚Fall Wilkomirski’ zu ziehen. Die Wogen haben sich inzwischen geglättet, aber wesentliche Fragen, die in Verbindung damit aufkamen, bleiben. Welchen Wert haben literarische Verarbeitungen der Shoah-Überlebenden, und wird dieser durch Fälschungen verringert? Inwieweit bürgt das Genre der Autobiographie für Authentizität, ist Fiktion gänzlich ausgeschlossen? Woran kann es liegen, dass Zweifel an der Authentizität des Buches nie laut geworden sind und sowohl Experten als auch Laien bereit waren, diese trotz diverser ‚Fehler’ und stilistischer Ungereimtheiten zu glauben und teilweise sogar zu verteidigen? Und warum ist die Aufregung bei einer Fälschung im Bereich der Shoah-Literatur besonders groß? Diesen Fragen wird im Folgenden nachgegangen. Besonderes Augenmerk soll dabei auch auf die Auseinandersetzung um die literarische Qualität des Werkes gelegt werden.


Excerpt (computer-generated)

Binjamin Wilkomirskis Fälschung Bruchstücke im
Kontext der autobiographischen Shoah-Literatur

von: Anke Hetzel

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen der Diskussion

2.1 Literatur der Shoah 3
2.2 Gattungstheorie Autobiographik 4

2.2.1 Merkmale des Genres 4
2.2.2 Die Autobiographik der Shoah-Literatur 5

3 Binjamin Wilkomirskis ‚Autobiographie’ Bruchstücke 7

3.1 Inhaltliche Zusammenfassung 7
3.2 Gründe für die Einordnung in das Genre der Autobiographik 8

3.2.1 Namensidentität 8
3.2.2 Stil und Struktur 9

3.3 Sprache und Stil 9

4 Der ‚Fall Wilkomirski’ 11

4.1 Die Genese eines Skandals 11

4.1.1 Vor der Enthüllung 11
4.1.2 Die Enthüllung 12

4.2 Die literarische Qualität der Bruchstücke 14

4.2.1 Wandel in der Beurteilung 14
4.2.2 Mögliche Erklärungen 15

5 Der Roman als Fälschung der Shoah-Literatur und die Konsequenzen 18

5.1 Plagiat oder Fälschung 18
5.2 Tabubruch Shoah-Autobiographie 20
5.3 Die Rolle des Lesers 21

6 Schluss 22

Literaturverzeichnis 25


 

1 Einleitung

Die Zeugen sterben aus. In wenigen Jahren wird es keine Überlebenden der Shoah mehr geben, niemanden, der den Nachgeborenen direkt von den Gräuel- taten der Nationalsozialisten berichten kann. Die Tatsache, dass die derzeitigen Zeugen immer jünger werden, ist eine natürliche Begleiterscheinung. Auch die Forschung weiß um die wesentlichen Änderungen, die für eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust nach dem Tod der Überlebenden entstehen. Man wird historische Quellen nutzen können, Statistiken, Aktenmaterial – und all jene Dokumente und Berichte, die diejenigen, die der geplanten Endlösung entkamen, hinterlassen haben. Dankbar, so scheint es, wird deshalb jede noch mögliche Zeugenschaft aufgenommen und rezipiert.

Inmitten dieses Klimas des Umdenkens, der Umorientierung sowie der besonderen Wertschätzung authentischer Berichterstattung über die Shoah fiel die Veröffentlichung von Binjamin Wilkomirskis Buch Bruchstücke. Darin wird geschildert, wie ein circa dreijähriger Junge die Konzentrationslager Majdanek und Auschwitz überlebt und schließlich in der Schweiz von einer Pflegefamilie aufgenommen wird. Sein neues Leben empfindet der Protagonist jedoch scheinbar als noch schlimmer, denn seine Erinnerungen werden verleugnet, er fühlt sich allein und missverstanden. Das Buch erhielt fast durchweg positive Kritiken und der Autor mehrere wichtige Preise, darunter den National Jewish Book Award des Jewish Book Council in New York und den Prix Mémoire de la Shoah der Fondation du judaïsme français in Paris. Als bekannt wurde, dass Wilkomirski nie in einem Konzentrationslager gewesen und das von ihm Geschilderte lediglich ein Produkt seiner Pha ntasie ist, kam dies einem literarischen Erdbeben gleich. Alles wurde in Frage gestellt: die Authentizität und der Wert der Texte Überlebender allgemein, das Genre der (Kinder-)Autobio graphie, der Literaturbetrieb und das Publikum, die dem Autor so willig geglaubt hatten.

In dieser Arbeit soll versucht werden, eine Bilanz im ‚Fall Wilkomirski’ zu ziehen. Die Wogen haben sich inzwischen geglättet, aber wesentliche Fragen, die in Verbindung damit aufkamen, bleiben. Welchen Wert haben literarische Verarbeitungen der Shoah-Überlebenden, und wird dieser durch Fälschungen verringert? Inwieweit bürgt das Genre der Autobiographie für Authentizität, ist Fiktion gänzlich ausgeschlossen? Woran kann es liegen, dass Zweifel an der Authentizität des Buches nie laut geworden sind und sowohl Experten als auch Laien bereit waren, diese trotz diverser ‚Fehler’ und stilistischer Ungereimtheiten zu glauben und teilweise sogar zu verteidigen? Und warum ist die Aufregung bei einer Fälschung im Bereich der Shoah-Literatur besonders groß? Diesen Fragen wird im Folgenden nachgegangen. Besonderes Augenmerk soll dabei auch auf die Auseinandersetzung um die literarische Qualität des Werkes gelegt werden.

2 Grundlagen der Diskussion

2.1 Literatur der Shoah

Seit 1945 werden immer wieder Stimmen laut, die eine mögliche literarische Bearbeitung der Shoah in Frage stellen. Zweifler werden jedoch stets eines Besseren belehrt. „Wenn die Diskussion um die Erinnerung an den Zivilisationsbruch immer von dem Zweifel begleitet ist, ob das Unfassbare, das sich jedem Verständnis letztlich entzieht, überhaupt dargestellt werden könne, so hat sich doch gezeigt, dass literarische Texte als Zeugnisse von Überlebenden, aber auch als „dokumentarische“ und fiktionale Annäherungen an das Geschehen einen wichtigen Stellenwert gewonnen haben.“1 Der Erfolg sowohl autobiographischer als auch fiktionaler Texte wie Kertész’ Roman eines Schicksallosen oder Klemperers Tagebücher zeigt, dass es offenbar sogar einen großen Bedarf an derartigen Ver- und Bearbeitungen gibt. Allerdings geraten vor allem fiktionale Texte häufiger in die Kritik. Auffällig ist, wie sehr sie polarisieren, denn „[by] the very nature of the topic, Holocaust writing is often judged as either overwhelmingly moving or disappointingly ineffective; there is hardly any middle ground of response“2. Während man sich in der frühen Nachkriegszeit deshalb und aus Respekt vor den Überlebenden vor allem auf das “Sammeln von Zeugnissen und [den] Versuch, durch Auswahl und Komposition der Teile ‘den Zusammenhang der Geschichte’ vorzustellen”3, beschränkte, zeigen aktuelle Romane wie Schlinks Der Vorleser, dass eine fiktionale Darstellung der Ereignisse inzwischen offenbar weitgehend akzeptiert ist. Allein das Polarisierende scheint geblieben.

2.2 Gattungstheorie Autobiographik

2.2.1 Merkmale des Genres

Ganz allgemein bedeutet Autobiographie eine „Beschreibung des Lebens eines Einzelnen durch diesen selbst“4. Das Genre ist folglich höchst subjektiv und stellt eine sehr begrenzte Perspektive, nämlich die eines einzelnen, dar. Autobiographien sind als Gattung vergleichsweise spät entstanden. Immerhin bedürfen sie eines sich für darstellungswert haltenden Subjektes, eines Menschen, „der sich somit darin gefällt, sein eigenes Bild zu malen“5. Ein solches zunehmendes Interesse an der eigenen Person trat erstmals zur Zeit der Aufklärung auf und wurde seitdem stetig ausgebaut. Auch geographisch scheint die Gattung nur begrenzt vorzukommen.

„Des weiteren sieht es nicht so aus, als sei die Autobiographie jemals außerhalb unseres Kulturkreises aufgetreten; man könnte behaupten, dass sie ein spezielles Anliegen des abendländischen Menschen ausdrückt“6 Ein wesentliches Merkmal der Autobiographie ist, dass sie die Geschichte von ihrem Ende aus erzählt. Zum Zeitpunkt des Schreibens kann der Erzähler nur auf bisher Geschehenes zurückgreifen. Dabei muss er zwangsläufig versuchen, sein Leben in eine bestimmte Chronologie zu bringen. Dies erfordert zum einen die Struktur eines Textes, in der lose Erinnerungen in einen – wenn auch lockeren – Zusammenhang gebracht werden müssen, um sie sprachlich darstellen zu können. Nötig wird dies aber auch durch das Ziel dieser Selbstdarstellung, denn dem Verfasser geht es darum, „die verstreuten Elemente seines persönlichen Lebens zu sammeln und sie in einer Gesamtskizze geordnet darzustellen“7. Dies geschieht folglich nicht nur für den Leser, sondern auch für den Autor selbst, der sein Leben damit rückblickend als chronologisch geordnet erscheinen lässt und so den Eindruck erweckt, als hätte es stets nur ein Ziel gehabt: den Zeitpunkt des Schreibens. Sowohl für den Verfasser als auch für den Leser einer Autobiographie ist das, was Lejeune den ‚autobiographischen Pakt’ nennt, von besonders großer Bedeutung. „Für Autobiographie […] bedarf es der nachweisbaren Identität zwischen Autor, Erzähler und Figur.“8

[...]


1 Hofmann, Michael: Literaturgeschichte der Shoah. Münster 2003, S. 9.

2 Cargas, Harry James: The Holocaust in Fiction. In: Holocaust Literature. A Handbook of Critical, Historical and Literary Writings. Hg. v. Saul S. Friedman. Westport 1993, S. 533.

3 Scheunemann, Dietrich: „Fiktion – auch aus dokumentarischem Material“. Von Konstruktionen der Geschichte in Literatur und Film seit den sechziger Jahren. In: Geschichte als Literatur. Formen und Grenzen der Repräsentation von Vergangenheit. Hg. v. Hartmut Eggert et al.,. Stuttgart 1990, S. 299.

4 Müller, Klaus-Detlef: Autobiographie und Roman. Studien zur literarischen Autobiographie der Goethezeit. Tübingen 1976, S. 54.

5 Gusdorf, Georges: Voraussetzungen und Grenzen der Autobiographie. In: Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. Hg. v. Günter Niggl. Darmstadt 1989, S. 122.

6 Ebenda.

7 Ebenda, S. 130.

8 Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt. In: Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. Hg. v. Günter Niggl. Darmstadt 1989, S. 217.


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