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Sexueller Missbrauch im Familiensystem - das Schweigen der Mütter aus der Perspektive der Beziehungsabhängigkeit

Termpaper, 2003, 23 Pages
Author: Tatjana Grajewski
Subject: Social Pedagogy / Social Work

Details

Category: Termpaper
Year: 2003
Pages: 23
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V30029
ISBN (E-book): 978-3-638-31388-9

File size: 422 KB


Excerpt (computer-generated)

Sexueller Missbrauch im Familiensystem - das Schweigen
der Mütter aus der Perspektive der Beziehungsabhängigkeit

von: Tatjana Grajewski

 


Inhalt

1. Sexueller Missbrauch im Familiensystem

1.1 Die Familie als gewalttätige Institution - eine Annäherung 1-2
1.2 Dynamik des Missbrauchs 3-6

2. Das Schweigen der Mütter aus der Perspektive der Beziehungsabhängigkeit

2.1 Die Rolle der Mutter im Missbrauchgeschehen 7-8
2.2 Begriffsbestimmung und Charakteristika einer Abhängigkeitsbeziehung 9-11
2.3 Erhalt einer Abhängigkeitsbeziehung 12-13
2.4 Das Schweigen des abhängigen Partners in der Missbrauchsituation 13-14

3. Krisenintervention und Handlungskonzepte in der Arbeit mit sexuell missbrauchten Kindern 14

3.1 Grundsätze in der Arbeit mit betroffenen Kindern 15
3.2 Verdachtsklärung 16
3.3 Intervention

3.3.1 Schutz des Kindes - allgemeine Richtlinien 17-18
3.3.2 Schutz des Kindes durch zivilrechtliche Verfahren 18-19
3.3.3 Strafrechtliche Aspekte zum Schutz vor sexueller Gewalt 19-20

4. Literaturverzeichnis 21


 

1. Sexueller Missbrauch im Familiensystem

1.1. Die Familie als gewalttätige Institution - eine Annäherung

In allen uns bekannten Gesellschaften und Kulturen besteht die Lebensform der Familie, in der ein oder anderen Form. Die Familie gilt als die erste und ursprünglichste Form des menschlichen Zusammenlebens. Trotz ihres langen Bestehens, sind Formen, Aufgaben und Bedeutung von Familie keineswegs statisch, sondern einem ständigen Wandel unterworfen, und stark geprägt von der jeweiligen Epoche, dem kulturellen Hintergrund und den sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen. Im Zuge der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung sind eine Vielzahl der Funktionen, die die Familie ehemals allein in sich einschloss, in den Hintergrund getreten. Dies betrifft vor allem ihre Bedeutung als wirtschaftliche Produktionseinheit und ihre Funktion als einziger Träger der Sozialisation. Dieser Funktionsverlust der Familie führte auf der anderen Seite zu einem Funktionsgewinn, insbesondere dahingehend, dass die Familie sich zunehmend zu einem Ort der Privatheit, der Freizeit und der Emotionalität entwickelte. Das Bedürfnis nach Entspannung, emotionalem Kontakt, nach Verständnis für persönliche Probleme, nach Lösung von Leistungsdruck, wird im Idealfall in erster Linie durch das Familiensystem befriedigt. Insbesondere die Funktion der Erziehung soll den schützenden und überschaubaren Rahmen des Kindes und sein Hineinwachsen in die Gesellschaft garantieren. Betrachtet man diese bedeutende Funktion der Familie stellt sich umso mehr die Frage, wieso gerade die Familie ein System darstellt, welches häufig zur Gewalthandlungen neigt. Daher wird oft die Frage laut, ob die Familie als Institution überfordert ist. Die Erwartungen an die Familie als „Wärmestube“ und „Emotionale Tankstelle“ sind gestiegen. Im gleichen Zug sind die äußeren Belastungen, wie z.B.: Wohnungsnot, finanzielle Schwierigkeiten, Arbeitslosigkeit, Krankheit und fehlende Kontakte, derart angestiegen, dass sie häufig zu Stressfaktoren führen, die das System Familie ins Wanken bringen können.

In Deutschland gibt es jährlich etwa vier Millionen Gewalttaten von Männern an ihren Frauen. Davon sind in etwa 200.000 Taten sexuelle Übergriffe in Ehen, die nunmehr seit 1997 nach § 177 StGB strafbar sind; etwa 30.000 misshandelte/missbrauchte Frauen suchen jährlich Frauenhäuser auf. Rund 500.000 Kindesmisshandlungen sind jährlich in Deutschland zu beklagen, etwa 30.000 werden davon als Körperverletzung gemäß §§ 223 StGB erfasst.1 Sexuelle Übergriffe an Kindern belaufen sich schätzungsweise auf ca. 300.000 (Dunkelziffer), wobei die Täter meist dem Verwandten, oder Bekanntenkreis der Kinder entstammen. Nur ca. 12000 Fälle werden jährlich in der Kriminalstatistik aufgenommen. Der Kriminologe Michael Baurmann stellte im Auftrag des Bundeskriminalamts 1985 folgende Merkmale von Tat- und Opferverhalten bei sexuellem Missbrauch auf:

70 bis 90 Prozent der Opfer sind Mädchen 66 Prozent aller Opfer waren zwischen sieben und 13 Jahren alt, insgesamt waren 80 Prozent unter 14 Jahren alt, selbst Säuglinge und Kleinkinder wurden nicht verschont; die Täter waren fast ausschließlich Männer (99,6 Prozent) das Alter der Täter reichte von elf bis zu 85 Jahren und lag hauptanteilig zu 80 Prozent bei den Fünfundzwanzig bis Dreißigjährigen, zudem schichtunabhängig 2 Der Versuch familiale Gewalt, insbesondere sexualisierte familiale Gewalt zu erfassen, macht eine gezielte Definition und Begriffserfassung der Gewalt notwendig. Hier ergeben sich jedoch Schwierigkeiten, alle Formen der Gewaltausübung zu erfassen. Charakteristisch an Sexualdelikten ist die Negierung des sexuellen Selbstbestimmungsrechtes, sowie, besonders bei sexuellem Missbrauch an Kindern, des wissentlichen Einverständnis zur sexuellen Handlung. Bei Kindern sind zwei wesentliche Voraussetzungen des wissentlichen Einverständnisses nicht erfüllt. Kinder haben erstens nicht den gleichen Informationsstand wie Erwachsene, sie sind nicht in der Lage die soziale Tragweite einer sexuellen Beziehung zu erfassen, haben keine Kenntnisse darüber wie eine sexuelle Beziehung „normalerweise“ aussieht. Zweitens sind Kinder auf die Liebe und Zuneigung gerade im Familiensystem angewiesen, sie sind sowohl emotional, als auch wirtschaftlich und rechtlich von Erwachsenen abhängig. Zwischen Erwachsenen und Kindern besteht folglich ein strukturelles Machtgefälle, dass es nicht ermöglichen kann, aufgrund von fehlenden Kenntnissen und fehlender Macht, eine Gleichberechtigung im Hinblick auf sexuelle Kontakte darzustellen. Nimmt man dieses Kriterium in die Definition auf, so ist sexueller Missbrauch an Kindern jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind, entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird, oder der das Kind aufgrund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der Täter nutzt seine Macht- und Autoritätsposition aus, um seine eigenen Bedürfnisse, auf Kosten des Kindes zu befriedigen. 3 Im folgenden soll die Dynamik des Missbrauchs dargestellt werden, wobei in der gesamten Hausarbeit von einer Missbrauchsituation des Vaters an seiner Tochter ausgegangen wird. Im weiteren wird auf das Verhalten der Mütter während des Missbrauchs aus der Perspektive der Beziehungsabhängigkeit eingegangen, und anschließend Leitlinien, insbesondere Möglichkeiten der Intervention, erläutert.

1.2. Dynamik des Missbrauchs

„Heute Nacht waren wieder Gespenster da“, berichtet ein 6-jähriges Mädchen. Obwohl inzwischen hinreichend bekannt ist, dass die Mehrzahl der Missbrauchfälle im nahen Umfeld der Opfer geschehen, spukt noch immer die Vorstellung des „bösen Onkels im Park, der mit Süßigkeiten lockt“ in den Köpfen vieler Menschen. Besonders auffällig an der Statistik ist der hohe Anteil der Väter, Stief- und Adoptivväter und anderen Wohnungsmitbewohnern;. Die Grenzen zum sexuellen Missbrauch werden vom Kind oft als fließend erlebt. Oft genießt das Kind im Alltag die liebevolle und zärtliche Umgangsweise des Vaters. In der Regel setzen die Missbrauchshandlungen schleichend ein (z.B. scheinbar zufällige Übergriffe während des Spielens) und steigern sich unter Umständen bis zum Geschlechtsverkehr. Um diese Vorgänge, bzw. das Entstehen einer Missbrauchsituation zu veranschaulichen, soll hier ein Beispiel aufgeführt werden:

„Ein Vater sitzt mit seiner dreijährigen Tochter in der Badewanne. Sie betrachtet neugierig seinen Penis, fasst ihn an und zieht ein bisschen daran, so wie eben kleine Kinder alles interessante Neue nicht nur ansehen, sondern auch anfassen wollen. Der Vater lässt dies geschehen, erklärt ihr, was das ist, und das Kind befasst sich bald wieder mit der Schwimmente. Beim nächsten Mal in der Badewanne macht der Vater seine Tochter auf seinen Penis aufmerksam und fordert sie auf ihn wieder anzufassen (nachdem er sich vergewissert hat, dass die Badezimmertür zu und die Mutter nicht in der Nähe ist) mit den Worten: „Das hat dir doch letztes Mal auch gefallen“ oder „Das ist schön“. Interessiert sich die Tochter nicht dafür, nimmt er vielleicht noch ihre Hand, führt sie zu seinem Penis und sagt: „Du bist Papas liebes Mädchen, wenn du das machst“ oder „Das mag der Papa.““ 4

[...]


1 Witterstätter, Soziale Beziehungen, S.116

2 Besten Beate, Sexueller Missbrauch und wie man Kinder davor schützt, S.29,30

3 Bange/Deegener, Sexueller Missbrauch an Kindern, S.105

4 angelehnt an: Klaus-Jürgen Bruder, Monster oder liebe Eltern, S. 44


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