Autor: Henriette Maye
Fach: Skandinavistik
Details
Jahr: 2003
Seiten: 19
Note: 2,7
Literaturverzeichnis: ~ 10 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 208 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-31619-4
Textauszug (computergeneriert)
Humboldt-Universität zu Berlin
Nordeuropa-Institut
GK Einführung in die Literaturwissenschaft
Henrik Ibsen: Et dukkehjem: Von der Fremdbestimmung
zur Selbstbestimmung (der Frau)
von: Henriette Maye
Inhalt
1. EINLEITUNG
2. Begriffe
2.1. Fremdbestimmung
2.2. Selbstbestimmung
3. Historischer Hintergrund
3.1. Soziale und gesellschaftliche Umstände
3.2. Henrik Ibsen und die Frauenbewegung
4. Noras Wandel im Laufe des Stückes
4.1. Charakterisierung der Nora
4.2. Gespräch zwischen Nora und Helmer im ersten Akt (1.Auftritt)
4.3. Noras Abrechnung im dritten Akt (letzter Auftritt)
5. SCHLUSS
1. Einleitung
„Eine Frau kann nicht sie selbst sein in der Gesellschaft der Gegenwart, einer ausschließlich männlichen Gesellschaft, mit von Männern geschriebenen Gesetzen und Anklägern und Richtern, die über das weibliche Verhalten vom männlichen Standpunkt aus urteilen.“ Dies notierte Henrik Ibsen als er im Oktober 1878 die Arbeit an dem Schauspiel Et dukkehjem – welches eines seiner berühmtesten Werke war und ist –, begann.1 Et dukkehjem – nach seinem Erscheinen von der zeitgenössischen Kritik im In- und Ausland heftig umstritten – wurde zu einem bedeutsamen Werk für die Frauenbewegung in Europa, obwohl dies von Henrik Ibsen so nicht beabsichtigt wurde. Vor diesem Hintergrund werde ich zunächst die Begriffe Fremdbestimmung und Selbstbestimmung klären, die gesellschaftlichen Umstände während der Entstehungszeit des Dramas erörtern und außerdem noch auf den Einfluss der Frauenbewegung auf Henrik Ibsen und eingehen. Dazu werde ich zunächst Ibsens Charakterisierung der Hauptfigur Nora analysieren. In der folgenden Darstellung der Emanzipation Noras werde ich hauptsächlich die erste und die letzte Szene des Stückes, beide Gespräche zwischen Nora Helmer und ihrem Ehemann Torvald, vergleichen.
2. Begriffe
2.1. Fremdbestimmung
Der Begriff Fremdbestimmung ist die allgemeine Bezeichnung für die Abhängigkeit eines Menschen in seinen Entscheidungen und Handlungen von anderen Personen oder von äußeren (z.B. wirtschaftlichen oder politischen) Umständen.2 Er bezeichnet ein soziales Verhältnis von Über- und Unterordnung, welches häufig mit Machtgefälle und Abhängigkeit verbunden ist. Die Möglichkeiten der Lebensgestaltung und der Bewegungsspielraum einer abhängigen Person werden dabei von Außenstehenden festgelegt.
2.2. Selbstbestimmung
Dieser Begriff bezeichnet die „Möglichkeit und Fähigkeit des Individuums, der Gesellschaft oder des Staates, frei dem eigenen Willen gemäß zu handeln und die Gesetze, Normen und Regeln des Handelns selbstverantwortlich zu entwerfen (und [ist] so gleichbedeutend mit Autonomie).“3 Die Autonomie des Willens ist für den Menschen dann gegeben, wenn er von einer Fremdbestimmung übergeht zu einer Form der Selbstbestimmung, in der sich der Wille ein eigenes Gesetz gibt.4 Der Begriff der Selbstbestimmung enthält zwei Momente. Zum ersten bedeutet er in negativer Hinsicht das Freisein und die Unabhängigkeit einer Person von natürlichen, gesellschaftlichen und politischen Einschränkungen bzw. Determinationen. Zum anderen bezeichnet er die positive Möglichkeit, dass der Einzelne oder die Gesellschaft ihrem Handeln einen frei gewählten Inhalt geben können.5 Entscheidenden Antrieb bekam die Selbstbestimmungsidee durch die Philosophie der Aufklärung im 18. Jahrhundert mit dem Schlagwort Bestimme dich aus dir selbst. Daraus ergab sich die an den Staat gerichtete Forderung, die freie Entfaltung der Persönlichkeit des Einzelnen nicht nur zu dulden, sondern auch zu garantieren.6 Artikel 2 Absatz 1 GG garantiert das Recht eines jeden Menschen auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
3. Historischer Hintergrund
3.1. Soziale und gesellschaftliche Umstände
Der deutsch-französische Krieg, der von 1870 – 1871 herrschte und die Pariser Kommune brachten den Abschluss einer von mächtigen sozialen und politischen Ereignissen gelenkten Epoche. Besonders im Westen kam es zu einer friedlichen Entwicklung mit zunehmender Industrialisierung und einem Wachstum des Wohlstandes, was aber dennoch kein reibungsloser Prozess war. Wirtschaftliche Krisen, erbitterte Kämpfe der Arbeiter gegen die Unternehmer führten zu einer Zunahme der sozialdemokratischen Bewegung, was gelegentlich die Regierungen zwang, Gesetze zum Schutz der Arbeiter zu verabschieden. Die Tendenz zur radikalen Verneinung der herrschenden Zustände verstärkte sich. Äußerlich war die Epoche vom fortschreitenden Gedeihen der Gesellschaft geprägt, im Inneren jedoch gärte der allgemeine technische, soziale und wirtschaftliche Fortschritt.7 Der Industriekapitalismus und die soziale Frage erreichten Norwegen später als die anderen europäischen Länder, dafür aber stärker. So war auch der Zusammenprall mit erhaltenen vorkapitalistischen Lebensformen und altbürgerlicher Moralität dementsprechend härter.8
[...]
1 Keel, Aldo: Nachbemerkung, in: Henrik Ibsen: Nora (Ein Puppenheim). Stuttgart 2002, S.95.
2 vgl. Fuchs-Heinritz, Werner (Hrsg.): Lexikon zu Soziologie, Opladen 1994
3 Brockhaus Enzyklopädie, Mannheim 1993
4 vgl. Metzlers Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen, Stuttgart 1996
5 vgl. ebd.
6 vgl. Brockhaus Enzyklopädie, Mannheim 1993
7 Admoni, Wladimir: Henrik Ibsen. Die Paradoxie eines Dichterlebens. München 1991, S.77.
8 vgl. Bänsch, Dieter: Henrik Ibsen. Nora oder ein Puppenheim. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas. Frankfurt am Main 1991, S.6f.
Kommentare
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden: