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Gehlen als Anthropologe und Moralphilosoph unter besonderer Berücksichtigung des Institutionenbegriffs

Termpaper, 2004, 31 Pages
Author: M.A. Marion Näser
Subject: Philosophy - Philosophy of the Present

Details

Category: Termpaper
Year: 2004
Pages: 31
Grade: 1-
Bibliography: ~ 52  Entries
Language: German
Archive No.: V30721
ISBN (E-book): 978-3-638-31918-8
ISBN (Book): 978-3-638-65089-2
File size: 211 KB

Abstract

Neben Scheler und Plessner war Arnold Gehlen (1904 – 1976) einer der bedeutendsten Anthropologen des 20. Jahrhunderts. Thema der vorliegenden Arbeit ist eine umfassende Diskussion und Kritik der Gehlenschen Konzeption. Dabei wird zuerst auf Gehlens Anthropologie, danach auf seine Institutionenlehre und zum Schluß auf die Moralphilosophie eingegangen, wobei einem deskriptiven Teil jeweils eine detaillierte Erörterung und Kritik verschiedener Kernpunkte aus diesen Bereichen folgt. Unter anderem werden die Mängelwesen-Theorie, die Verbindung zum evolutionismus, die Rolle der Institutionen als Voraussetzung der Kultur und der Gehlensche Kulturpessimismus besprochen. Im Ergebnis der Arbeit wird ein großes Problem der Philosophie Gehlens darin gesehen, dass Gehlen die Gefahren, Probleme und Schattenseiten von Institutionen nicht hinreichend berücksichtigt hat. In der praktischen Konsequenz seiner Philosophie befürwortet Gehlen eine streng hierarchische Gesellschaft, die durch Arbeit und Not und einen gelegentlichen Krieg zur Tugenderhaltung gekennzeichnet ist. Er bestimmt das Gute über die biologische Funktionserfüllung der Bedürfnisse des Menschen – damit lassen sich auch Unfreiheit, Unterdrückung und Grausamkeit rechtfertigen.


Excerpt (computer-generated)

Philipps-Universität Marburg, WS 2003/04
Fachgebiet Philosophie
- hauptstudiumsbegleitende Arbeit -

Gehlen als Anthropologe und Moralphilosoph
unter besonderer Berücksichtigung des Institutionenbegriffs

Hausarbeit von:

Marion Näser

 

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung  

1. Der Mensch  
1.1 Anthropogenese und Anthropina  
1.2 Kritik der Gehlenschen Anthropologie  
1.2.1 Mensch und Instinkte  
1.2.2 Gehlen und der Evolutionismus  
1.2.3 Die Mängelwesen-Theorie  
1.2.4 Die Sonderstellung des Menschen  

2. Die Institutionen  
2.1 Bedeutung der Institutionen  
2.1.1 Institutionen als mentale Ordnungsfunktion  
2.1.2 Institutionen als Selbstschutz  
2.1.3 Institutionen als Bedingung der Möglichkeit zum Handeln  
2.1.4 Institutionen als Voraussetzung für Kultur  
2.1.5 Institutionen als Wurzel der Ethik  
2.2 Institutionen und historische Analyse: „Heading for Destruction“  
2.3 Fragen des Institutionenbegriffs  
2.3.1 Psychologische Probleme: Institutionen als Zwang  
2.3.2 Institutionenwandel  
2.3.3 Gefahren von Institutionalisierung  
2.3.4 Sinn von Institutionen  
2.3.5 Abschließende Diskussion: Institutionen und Rationalismus  

3. Moral  
3.1 Gehlens ethische Konzeption  
3.2 Kritik der Ethik  
3.2.1 Aufteilung der Ethikbereiche  
3.2.2 Verkürzung der Ethik  
3.2.3 Das Problem der legitimierten Aggressivität  
3.2.4 Widerlegung Gehlens innerhalb seiner ethischen Konzeption  
3.3 Alternative zur pluralistischen Ethik  

4. Fazit  

Literaturverzeichnis  

 

0. Einleitung

Neben Scheler und Plessner war Arnold Gehlen (1904 – 1976) einer der bedeutendsten Anthropologen des 20. Jahrhunderts.
Thema meiner Arbeit ist eine umfassende Diskussion und Kritik der Gehlenschen Konzeption. Ich werde zuerst auf Gehlens Anthropologie, danach auf seine Institutionenlehre und zum Schluß auf die Moralphilosophie eingehen, wobei einem deskriptiven Teil jeweils eine Erörterung verschiedener Kernpunkte aus diesen Bereichen folgt.
Die Auswahl der betrachteten Problemkomplexe erfolgte danach, welche der Thesen m.E. am meisten kontroverse Fragen aufwerfen und am ehesten einer konsequenten Analyse und Aufzeigung ihrer impliziten Konsequenzen bedürfen.

1. Der Mensch

1.1 Anthropogenese und Anthropina

Gehlen lehnt die Herleitung des Menschen vom Tier oder von Gott ab. Gegen die Metaphysik argumentiert er, der Mensch sei nicht durch seine Geistigkeit, sondern als Ganzes ein einmaliger Gesamtentwurf der Natur.1 Ebenso lehnt er die klassische Abstammungslehre ab, die eine unmittelbare Abstammung des Menschen von den Großaffen behauptet.2. Eine Abstammung von „relativ unspezialisierten Anthropoiden“ ist nur mit der Zusatzhypothese der Sonderstellung des Menschen zu akzeptieren.3

Diese besteht in der Bewahrung von onto-und phylogenetischen Primitivismen (Hand, Gebiß, Schädel, Haarlosigkeit, als Sekundärfolgen u.a. retardierte Geschlechtsreife, Hilflosigkeit des Kleinkindes; Retardierung nach Bolk bzw. Protogenese nach Schindewolf), 4 einer defizitären Ausstattung des Menschen als „Mängelwesen“:5 Ihn kenn- zeichnen fehlender Witterungsschutz, lange Aufzucht, Instinktreduktion (Instinktresiduen: Schutz- und Pflegereaktion, Auslöserfunktion der Mimik, „Macht und Sich-Fügen“, Herdentrieb) sowie Unangepaßtheit an eine spezielle Umwelt (Weltoffenheit).6 
Durch die konstitutive Unspezialisierheit entbehrt der Mensch der Einpassung in einen Umweltausschnitt; daher erzeugt er eine zweite Natur – die Kultur – als Kompensat seiner Mängel, er ist „von Natur aus ein Kulturwesen“.7 Durch Handeln arbeitet er die Natur um und macht sie verfügbar. Handeln ist damit die Voraussetzung der Menschwerdung, 8 der Mensch ist also quasi ein homo agens und homo compensator.

Als Reflex der chronischen Bedürftigkeit eines nichtspezialisierten Wesens besitzt der Mensch einen gefährlichen Antriebsüberschuß (Triebhypertrophie).9 Durch seine Unabhängigkeit der Handlungen und des Bewußtseins von den Bedürfnissen und Antrieben, die Fähigkeit, beide Seiten „auszuhängen“ („Hiat“), besitzt er jedoch andererseits die Fähigkeit zur Triebhemmung10 und damit zur Stellungnahme, zur Freiheit. Diese schließt allerdings aufgrund der Triebentdifferenzierung und Instinktreduktion des Menschen das Risiko des Scheiterns ein11 Daher muß eine Orientierung der Triebe durch die Institutionen stattfinden (s.u.). Kultur bedeutet Überlebenshilfe durch Institutionen (Instinktentlastung) sowie durch Technik (Organentlastung).12 Auf Kultur ist der Mensch bereits durch seine lange Erziehungszeit ontogenetisch angelegt (Gehlen nimmt hier einen Gedanken von Uexküll auf: Der Mensch als Frühgeburt, extrauterines Jahr zwecks Enkulturation).13 Die Entlastung des Verhaltens vom Druck instinktiver Antriebe bzw. biologischer Bedürfnisse mittels der Institutionen eröffnet dem Menschen die Chance zum Lernen ohne unmittelbare Belohnung und somit zu höheren intellektuellen bzw. kulturellen Leistungen.14

1.2 Kritik der Gehlenschen Anthropologie

Der Hypothese von der Sonderstellung des Menschen ordnet sich teleologisch Gehlens gesamte „anthropo-biologische“15 Konzeption unter. Im Folgenden werde ich einige dieser Punkte darstellen und diskutieren.

1.2.1 Mensch und Instinkte

Seine Theorie der Instinktreduktion sieht Gehlen besonders durch Lorenz im Grundsatz bestätigt; im Unterschied zu Lorenz und Eibl-Eibesfeld, die in der Instinktarmut des Menschen einen durch Selbstdomestikation ausgelösten Reduktionsvorgang sehen, besteht Gehlen jedoch auf der durch die Sonderstellung des Menschen bewirkten primären Instinktreduktion.16

[....]


1 Gehlen, Arnold: Der Mensch. 8. Auflage. Frankfurt 1966, S. 14f. Im Folgenden zitiert als: Gehlen, Mensch. Gehlen will mit seiner Anthropologie den Natur-Geist-Dualismus Descartes´ überwinden (Ge hlen, Arnold: Anthropologische Forschung. München 1961, S. 17. Im Folgenden zitiert als: Gehlen, Anthropologische Forschung), ebenso die Geistmetaphysik Schelers (Gehlen, Anthropologische Forschung, S. 14f.; Gehlen, Mensch, S. 22-24). Dies gelingt ihm aber nicht ganz: In den Institutionen folgt der Mensch unbewußt den Zwecken der Natur - ein Gedanke, der letztlich mit der „List des Weltgeistes“ Hegels verwandt scheint. Zudem ist der Mensch geradezu teleologisch „zur Handlung bestimmt“ (Jansen, Peter: Arnold Gehlen: Die Anthropologische Kategorienlehre. Bonn 1975, S. 80-82). Ist Gehlen nicht letztlich ein verkappter Metaphysiker und idealistischer Anthropologe, wenn sich der Mensch in der Hiat-Situation von seinen natürlichen Antrieben aufgrund einer ethischen Reflexion zu distanzieren vermag?

2 Gehlen, Mensch, S. 14f.

3 Gehlen, Mensch, S. 127.

4 Gehlen, Mensch, S. 88, S. 91; Gehlen, Anthropologische Forschung, S. 47; Gehlen, Arnold: Philosophische Anthropologie und Handlungslehre. In: Siegberg, Karl (Hg.): Arnold Gehlen: Gesamtausgabe. Bd. 4. Frankfurt 1983, S. 214. Im Folgenden zitiert als: Gehlen, Handlungslehre.

5 Den Mängelwesen-Begriff hat Gehlen von Herder übernommen, dieser verweist auf Plinius (Plin. nat. 7,1-4). Die eigentliche Quelle dürfte jedoch der Protagorasdialog Platons sein, dort findet sich m.W. erstmalig ein Hinweis auf die Kompensation menschlicher Mängel (Nacktheit, Waffenlosigkeit) mittels Kulturtechnik (Plat Prot. 321c 5-6, 321d). Ähnlich bei Xenophon (Xen mem. I,4). Es lassen sich jedoch auch für andere zentrale Begriffe Gehlens antike Parallelen aufzeigen: Unspezialisiertheit: Aristoteles verweist auf die Möglichkeit des Menschen, sich mit der Hand vielfältig zu verteidigen (Aristot. part. an. IV, 687a-b). Weltoffenheit: Poseidonios: Im Gegensatz zur tierischen Instinktgebundenheit besitzt „der Mensch inviduelle Freiheit [...] vermag schöpferisch zu wirken [...] [und] hat die Vielseitigkeit, die ihn die [...] Kultur erschaffen ließ.“ (Zitiert nach: M. Pohlenz: Stoa und Stoiker. Die Gründer. Panaitios Poseidonios. Stuttgart 1950, S. 328); Handlungsprimat: Aristoteteles betont, daß das Wesen des Menschen auf Handeln (praxiV) ausgerichtet ist. (Aristot. EN 1139a) Auch die lange Kindheitsphase wird bereits in der Vorsokratik, bei Anaximander, als Anthropinon erkannt (Anaximand. fr. 30.10)

6 Gehlen, Arnold: Urmensch und Spätkultur. 5. Auflage. Wiesbaden 1986, S. 45. Im Folgenden zitiert als: Gehlen, Urmensch. Gehlen, Mensch, S. 33, S. 35.

7 Gehlen, Mensch, S. 38, S. 80.

8 Gehlen, Mensch, S. 32f., S. 37.

9 Gehlen, Mensch, S. 57.

10 Gehlen, Anthropologische Forschung, S. 64; Gehlen, Mensch, S. 34f., S. 53; GA 340-343.

11 Gehlen, Mensch, S. 32; Gehlen, Anthropologische Forschung, S. 59.

12 Gehlen, Handlungslehre, S. 244.

13 Gehlen, Mensch, S. 45.

14 Gehlen, Mensch, S. 29f.

15 Gehlen, Mensch, S. 15.

16 Gehlen, Mensch, S. 26f; GA 220f.


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