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Biterolf

Scholary Paper (Seminar), 2003, 24 Pages
Author: Udo Seelhofer
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Institution/College: University of Vienna
Tags: Biterolf
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2003
Pages: 24
Grade: 2
Language: German
Archive No.: V30925
ISBN (E-book): 978-3-638-32079-5
ISBN (Book): 978-3-638-65101-1
File size: 185 KB

Abstract

Es ist die Einführung eines idealen Helden, welcher früher der Beste und Vornehmste war und auch jetzt noch als Maßstab und Orientierungshilfe gilt. König Biterolfs Beschreibung ist dabei so angelegt, als wäre er des Autors Antwort auf den vorbildlichen König Artus. Je nachdem ob dem Publikum der Inhalt des „Biterolf und Dietleib“ bereits bekannt war, oder ob es sich dabei um einen für sie völlig neuen Text handelte, lassen sich daraus zweierlei Erwartungshaltungen erschließen. In letzterem Fall präsentierte man den Zuhörern ein höfisches Epos, das einiges an Neuem und Erstaunlichem berichten kann. Es handelt von einem edlen, freigiebigen König und seiner Vorbildlichkeit. Wenn man dann noch den Hinweis in Betracht zieht, dass es sich dabei um eine Erzählung handelt, deren bloßes Zuhören schon eine positive Wirkung auf die Hörerschaft hat, müssen die Menschen im Publikum zu dem Schluss kommen, dass dieses Epos nicht nur in der Literaturtradition der höfischen Epik steht. Es wird gewissermaßen ein zweiter König Artus thematisiert. Dieser Aussagegehalt der Verse 1 – 38 gilt selbstverständlich auch, wenn das Publikum das Gedicht bereits einmal hörte, oder wenigstens ein gewisses Maß an Hintergrundinformationen innehatte. Das Verständnis dieser Verse wird dann aber radikal verändert. Es wird vom Auditorium eine Reflexion darüber erwartet, wie die Verarbeitung heldenepischer Stoffe aus der Sicht eines höfischen Literaturkonzepts vonstatten geht. Die Zuschauer werden gezwungen, sich vom Erzählten und vom zugrundeliegenden Stoff zu distanzieren und neue Möglichkeiten des Verstehens auszuprobieren.


Excerpt (computer-generated)

Biterolf

von: Udo Seelhofer

 


PROLOG UND HANDLUNGSAUSLÖSUNG 1

BITEROLF 12

BITEROLFS AUFBRUCH UND DIE BEGEGNUNG MIT WALTHER 14

BITEROLFS WEITERER WEG 16

BITEROLF UND ETZEL 17

DIETLEIB 19

VON TOLET BIS METZ 19

DER KAMPF MIT DEN BURGUNDEN UND DAS MOTIV DER RACHE 21

DIETLEIB AM ETZELHOF UND DAS ENDE DER VATERSUCHE 22

PROLOG UND HANDLUNGSAUSLÖSUNG

 

 

Begonnen wird von dem unbekannten Dichter mit einer sogenannten Publikumsapostrophe. Dies schließt die Zuordnung des vorliegenden Textes zur Heldenepik von vornherein aus, da dort der Einsatz der Erzählung zugleich den Beginn der Handlung darstellt. Das ist ansonsten auch in der aventiurenhaften Dietrichepik der Fall. Bei „Biterolf und Dietleib“ ergibt sich jedoch eine starke Ähnlichkeit mit den Prologen der höfischen Epen:

„Ob uns hie ieman wese bî
so unvertiurtes muotes frî,
den des kunde gezemen
daz er möhte vernemen
ditze fremde maere.
[...]
den sage ich [...]. (Verse 1 – 11)

Dies mag noch wie eine Bitte um Aufmerksamkeit erscheinen. Ein eindeutiger Bestandteil der höfischen Epik ist allerdings der vom Autor ausdrücklich formulierte Nutzen der Erzählung:

(daz ist sô redebaere
daz ez wol von rehte
ritter unde knehte,
dar zuo wîp unde man
wol für guot mügen hân) (Verse 6 – 10)

Der Schriftsteller stellt also klar, dass diese Geschichte es Wert ist, erzählt zu werden. Die Rezeption derselben bringt den Zuhörern nämlich einen Nutzen. Welchen, wird erst aus der Lobrede auf Biterolf in den Versen 34 – 38 erschlossen. Es geht darum, dass es auf höhergestellte Menschen angenehm und eventuell auch beruhigend wirken mag von Helden zu hören, die sich darauf verstanden, ihre Ehre zu pflegen. Wenn man dann noch die kritischen Äußerungen des Autors, die Zeit der Entstehungsgeschichte seines Werkes betreffend, in Betracht zieht, so ergibt sich daraus eine vorbildhafte Wirkung. Eine solche wird ansonsten nur noch in der Artusepik zum Ausdruck gebracht. In diesem Kontext ist dies aber sehr ungewöhnlich.
Daneben tritt die für den heldenepischen Stoff ebenso ganz und gar ungewöhnliche Beschreibung des dem Texte zugrundeliegenden Stoffes als eine „fremde maere“. Um so etwas geht es in heldenepischen Stoffkreisen nämlich nie, sondern eher um die Vergegenwärtigung „alter maere.“ Als Beispiel möge man sich nur die erste Zeile des ersten Verses des Nibelungenliedes vor Augen führen. Damit werden genau jene Kriterien antiker Rhetorik verwendet, denen sich auch die höfischen Schriftsteller verpflichtet fühlen. Der Dichter benützt also das rhetorische Repertoire der höfischen Epik. Dabei muss man sagen, dass dies im „Biterolf und Dietleib“ um einiges pointierter geschieht als im „Buch von Bern“. Dort mündet ein kurzer Prolog direkt in die Geschichte um Dietrich von Berns Ahnen. Der Verfasser von „Biterolf und Dietleib“ weist auf seine nicht vorhandene Kenntnis dieser ein adliges Publikum interessierenden Fakten hin. Er lässt es aber nicht dabei bewenden, sondern liefert noch eine begründende Entschuldigung, die gleichzeitig die Zuhörerschaft noch darüber in Kenntnis setzt, dass er sich auf eine schriftliche Quelle bezieht. Darin steht, dass der Verfasser der Vorlage nichts über Dietleibs Stammbaum verrät.
Ein Hinweis auf die schriftliche Quelle, sowie das Versprechen ihr genau zu folgen, ist eigentlich im Bezug auf heldenepische Stoffkreise gänzlich unangebracht. Außerdem besteht auf dem ersten Blick gar kein Anlass für das Eingehen auf fehlende Informationen, was es eben so auffällig macht. Dieser Fingerzeig auf ein Nichtwissen des Schriftstellers ist zwar durchaus üblich, aber ansonsten nicht an einer solch ausdrücklichen Stelle zu finden.
Danach fängt der Verfasser damit an, mit einem neuen Erzählansatz seinen Hauptcharakter vorzustellen. Das Inventar der Rhetorik höfischer Epik wird von ihm weiterhin benutzt, wenn er dessen Vornehmheit schildert. Ja, der Autor geht sogar soweit, die Geschichte als exemplarisch zu bezeichnen, für einen „man, / der wol nâch êren werben kann“ (Vers 37f). Für ein wirklich mutiges, vornehmes und ehrenhaftes Publikum sei diese Erzählung angenehm zu hören. Die Vorbildwirkung wird nicht explizit formuliert, sie ergibt sich allerdings zwingend aus der Argumentation. Der Erzähler nimmt dabei Anleihen beim Prolog des „Iwein“:

Es ist die Einführung eines idealen Helden, welcher früher der Beste und Vornehmste war und auch jetzt noch als Maßstab und Orientierungshilfe gilt. König Biterolfs Beschreibung ist dabei so angelegt, als wäre er des Autors Antwort auf den vorbildlichen König Artus.
Je nachdem ob dem Publikum der Inhalt des „Biterolf und Dietleib“ bereits bekannt war, oder ob es sich dabei um einen für sie völlig neuen Text handelte, lassen sich daraus zweierlei Erwartungshaltungen erschließen. In letzterem Fall präsentierte man den Zuhörern ein höfisches Epos, das einiges an Neuem und Erstaunlichem berichten kann. Es handelt von einem edlen, freigiebigen König und seiner Vorbildlichkeit. Wenn man dann noch den Hinweis in Betracht zieht, dass es sich dabei um eine Erzählung handelt, deren bloßes Zuhören schon eine positive Wirkung auf die Hörerschaft hat, müssen die Menschen im Publikum zu dem Schluss kommen, dass dieses Epos nicht nur in der Literaturtradition der höfischen Epik steht. Es wird gewissermaßen ein zweiter König Artus thematisiert.
Dieser Aussagegehalt der Verse 1 – 38 gilt selbstverständlich auch, wenn das Publikum das Gedicht bereits einmal hörte, oder wenigstens ein gewisses Maß an Hintergrundinformationen innehatte. Das Verständnis dieser Verse wird dann aber radikal verändert. Es wird vom Auditorium eine Reflexion darüber erwartet, wie die Verarbeitung heldenepischer Stoffe aus der Sicht eines höfischen Literaturkonzepts vonstatten geht. Die Zuschauer werden gezwungen, sich vom Erzählten und vom zugrundeliegenden Stoff zu distanzieren und neue Möglichkeiten des Verstehens auszuprobieren.

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