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Gérard Genettes Erzählanalyse am Beispiel der Erzählung 'Die Weissagung' von Arthur Schnitzler

Scholary Paper (Seminar), 2000, 31 Pages
Author: Tilman Grünewald
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2000
Pages: 31
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 11  Entries
Language: German
Archive No.: V32341
ISBN (E-book): 978-3-638-33088-6

File size: 274 KB
Notes :
Diese Arbeit stellt bis auf die Analyse narrativer Zeitlichkeit alle Aspekte von Genettes Narratologie am Beispiel von Schnitzlers Text vor.



Excerpt (computer-generated)

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Deutsches Seminar
Proseminar Arthur Schnitzler

Gérard Genettes Erzählanalyse am Beispiel der
Erzählung Die Weissagung von Arthur Schnitzler

von: Tilman Grünewald

 


Inhalt

Einleitung 3

I Die Weissagung. Eine Inhaltsangabe 5

II Die Erzählanalyse Gérard Genettes. Eine Einführung 7

III Stimme 8

1. Zeit der Narration 10
2. Narrative Ebenen 11
3. Person 12
4. Stimme in Schnitzlers Erzählung Die Weissagung.  14

IV Modus. Distanz und Perspektive 19

1. Perspektive - Fokalisierung 21
2. Fokalisierung in homodiegetischen Erzählungen 24
3. Nullfokalisierung in Die Weissagung 26

Schluß 29

Literaturverzeichnis 30


 

Einleitung

Diese Arbeit verfolgt ein zweifaches Ziel. Zum einen soll sie einige Teilbereiche der Erzähltheorie vorstellen, die der strukturalistische Literaturwissenschaftler Gérard Genette in seinen Werken Discours du récit1 und Nouveau discours du récit2 entworfen hat, zum anderen möchte sie diese Theorie exemplarisch auf Arthur Schnitzlers Erzählung Die Weissagung3 anwenden.

Der Diskurs der Erzählung ist Genettes Versuch, eine strukturale Analyse der Proustschen Recherche du temps perdu mit der Darlegung seines narratologischen Entwurfs zu verbinden. Daß der Anspruch der Studie weit darüber hinausgeht, lediglich ein ad hoc geschaffenes Beschreibungsvokabular für den Einzelfall präsentieren zu wollen, bekräftigt der - bescheiden als „Postskriptum“ (195) bezeichnete - Neue Diskurs der Erzählung. Gänzlich abgelöst vom Beispiel der Recherche setzt Genette sich hier nach einem Jahrzehnt mit seinen Kritikern auseinander, korrigiert Fehler und präzisiert Mißverständliches.4 Genettes Narratologie, die im angelsächsischen Raum einige Beachtung fand, schon bevor eine englische Übersetzung vorlag,5 ist in Deutschland noch immer weit weniger bekannt als etwa die Erzähltheorien Franz Stanzels oder Käte Hamburgers. Das Werk Genettes erschließt sich nicht ohne Anstrengung, die Terminologie ist fremd und aufwendig. Es verbietet sich daher, seine Begrifflichkeit anzuwenden, ohne sie zuvor eingeführt zu haben. Daraus erklärt sich der Aufbau der hier vorgelegten Arbeit: Auf eine Zusammenfassung der Erzählung folgt eine knappe Einführung in Genettes Konzeption. In den darauffolgenden Kapiteln wird je ein Teilbereich seiner Theorie dargestellt und auf Schnitzlers Erzählung (oder ausgewählte Passagen von ihr) angewandt werden.

Nicht ohne Überlegung wurde als Beispieltext Die Weissagung gewählt. Die Schachtelstruktur dieser Erzählung und einige weitere formale Eigenheiten erlauben es, verhältnismäßig große Teile des Genetteschen Analyseinstrumentariums am Text zu erproben. Welche Teile das im einzelnen sind, kann und wird erst im zweiten Kapitel präzisiert werden, das die Einführung in die Erzählanalyse Genettes bietet. Was den Anspruch dieser Arbeit angeht, so muß allerdings vorausgeschickt werden, daß er ausdrücklich nicht darin besteht, eine Interpretation der Weissagung vorzulegen.6 Es sollen lediglich mit Hilfe Genettes einige formale Merkmale dieser Erzählung bestimmt werden. Auch hier jedoch ist der Anspruch ein begrenzter: Die formalen Bestimmungen des Textes werden in keinen Zusammenhang gestellt werden, der über die Beziehungen hinausginge, die sie untereinander unterhalten mögen. So werden sie beispielsweise nicht als Gattungsmerkmale aufgefaßt werden und nicht als Kennzeichen des Erzählens Arthur Schnitzlers.

Die Gewichtung dieser Arbeit ist etwas inegal. Die Darstellung und Erläuterung des Genetteschen Entwurfs nimmt einen größeren Raum ein als die Analyse der Weissagung. Es war schon um der Verständlichkeit willen unumgänglich, das Instrumentarium Genettes über das hinaus vorzustellen, was letztlich an der Erzählung Schnitzlers exemplifiziert werden konnte. Genette schreibt an einer Stelle, die seine gelegentliche Laxheit in methodischen Fragen entschuldigen soll, es gebe keinen Grund, weswegen „die Narratologie ein Katechismus werden sollte, der auf jede Frage mit einem ankreuzbaren Ja oder Nein zu antworten erlaubt“ (242). Genettes Erzählanalyse bietet mehr Kästchen zum Ankreuzen, als er selbst zu meinen scheint: Frühere, gleichzeitige und spätere, hetero-, homo-, intra-, extra- und metadiegetische Narrationen, interne und externe Fokalisierungen sind oft recht eindeutig als solche auszumachen. Die Kreuze an der richtigen Stelle gesetzt zu haben, ist also - was die Analyse der Weissagung betrifft - im wesentlichen der Anspruch dieser Arbeit. Sollte sie darüber hinausgehen - um so besser.

I Die Weissagung. Eine Inhaltsangabe

Auf einer Anhöhe unweit von Bozen liegt das Schloß des Freiherrn von Schottenegg, der nach zwanzig Jahren im Staatsdienst wieder seiner alten Leidenschaft, dem Theater, frönt: Er versammelt zur Sommerzeit auf seinem Ruhesitz Laien- und Berufsschauspieler und inszeniert mit ihnen Dramen und lebende Bilder. Eines Sommers ist der Erzähler unter den Gästen des Freiherrn. Als dilettierender Autor7 steuert er selbst ein Drama bei und wird daraufhin von seinem Gastgeber gebeten, für das folgende Jahr ein Stück zu schreiben, das ganz für die Inszenierung unter freiem Himmel und auf einem bestimmten Rasenplatz des freiherrlichen Gutes maßgefertigt sei.

Als der Erzähler ein Jahr später am Tag der Aufführung auf dem Schloß eintrifft, wird er vom Freiherrn mit dessen Neffen Franz von Umprecht, dem Darsteller der Hauptrolle, bekannt gemacht. Dieser - obwohl vordergründig verlegen und zurückhaltend - zeigt doch sogleich eine unerklärliche Verbundenheit mit dem Erzähler und sucht ihn noch kurz vor der Vorstellung auf seinem Zimmer auf. Dort berichtet er, daß ihm, von Umprecht, für den Abend desselben Tages der Tod prophezeit worden sei:

Denn als er vor langer Zeit als Offizier mit seiner Garnison in Polen stationiert gewesen sei, habe ein Taschenspieler, ‘Marco Polo’ mit Künstlernamen, ihm nach einem abendlichen Auftritt in der Kaserne in einer Vision bildhaft vor Augen gestellt, was ihm auf die Sekunde genau zehn Jahre später begegnen werde. Gealtert und mit einer Narbe auf der Stirn habe er sich auf einer Bahre liegen sehen, von Frau und Kindern umringt. Er habe zehn Jahre seines Lebens versucht, die Erfüllung dieser Weissagung, die er als unmißverständliche Prophezeiung seines Todes interpretieren mußte, zu verhindern. Und doch habe er in seinem Sohn und in der Adoptivtochter die Kinder aus der Vision wiedererkennen müssen, habe seine Frau, als sie sich einmal die Haare gefärbt hatte, derjenigen an seiner Bahre geglichen, und habe er trotz großer Vorsicht der Narbe nicht entgehen können, die ihm schließlich der Steinwurf eines Unbekannten im vergangenen Winter beigebracht habe.

[...]


1 Gérard Genette: Discours du récit. In: Ders.: Figures III. Paris 1972. S. 67-282.

2 Gérard Genette: Nouveau discours du récit. Paris 1983. Discours und Nouveau discours du récit vereint eine erste deutsche Übersetzung von 1994 unter dem Titel Die Erzählung. Hier wird zitiert nach: Gérard Genette: Die Erzählung. Aus dem Französischen von Andreas Knop, mit einem Nachwort herausgegeben von Jochen Vogt. München2 1998. Alle Seitennachweise werden im Text in Parenthese erbracht. Der Diskurs der Erzählung reicht bis Seite 192. Höhere Seitenzahlen beziehen sich auf den Neuen Diskurs der Erzählung.

3 Arthur Schnitzler: Die Weissagung. In: Ders.: Die Erzählenden Schriften Bd. 1 (A. Schnitzler: Gesammelte Werke I,1). Frankfurt a. M. 1961. S. 598-619. Die Erzählung erschien erstmals am 25. 12. 1905 in der Weihnachtsbeilage der Neuen Freien Presse. Auch hier werden die Nachweise im Text gegeben. Aus Gründen der Platzersparnis wird bei den Texten Genettes und Schnitzlers auch auf Titelkürzel etc. verzichtet. Aus Zusammenhang und Seitenzahl sollte sich hinreichend deutlich ergeben, worauf sich die Angaben jeweils beziehen.

4 Über weite Strecken allerdings ist der Neue Diskurs der Erzählung lediglich Explikation des vorangegangenen Werks. Nur an einigen wenigen Stellen wird die Konzeption von 1972 überschritten. Es ist daher weder ein Erfordernis noch die Absicht dieser Arbeit, die Entwicklung der Genetteschen Narratologie zu thematisieren. Vielmehr wird, wo es nötig scheint, auf den Neuen Diskurs der Erzählung stillschweigend zurück-(beziehungsweise: vor-)gegriffen.

5 Dorrit Cohn bezeichnet den Discours du récit 1978 im Vorwort ihres Buches Transparent Minds als „the most comprehensive and rigorous [poetics of fiction] to date“ (D. Cohn: Transparent Minds. Narrative Modes for Presenting Consciousness in Fiction. Princeton 1978. S. VI.). Eine amerikanische Übersetzung des Discours du récit erschien erst 1980 unter dem Titel Narrative discourse: an essay in method (Ithaca, NY).

6 Sie müßte sich etwa damit beschäftigen, wie Schnitzler hier das Problem der Willensfreiheit literarisch gestaltet oder auch damit, wie in der Weissagung die Grenzen zwischen Welt und Bühne verwischt werden.

7 Zumindest vermittelt die Rede des Erzählers diesen Eindruck. Das Herausgebernachwort spricht dann von einem „ziemlich bekannte[n] Schriftsteller“ (618).

 


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