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Herr und Knecht bei Hegel

Termpaper, 2004, 26 Pages
Author: Matthias Gloser
Subject: Sociology - Classics, Basics and Theoretical Directions

Details

Institution/College: University of Frankfurt (Main)
Tags: Herr, Knecht, Hegel
Category: Termpaper
Year: 2004
Pages: 26
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 10  Entries
Language: German
Archive No.: V32656
ISBN (E-book): 978-3-638-33321-4
ISBN (Book): 978-3-638-65191-2
File size: 333 KB
Notes :
In der vorliegenden Arbeit werden verschiedene Interpretationen des Herr und Knecht Kapitels der Phänomenologie des Geistes kritisch diskutiert. Annhand der sozialphilosophischen Autoren Alexandre Kojève und Hans Heinz Holz sowie der Psychoanalytikerin Jessica Benjamin wird die Anwendung der Herr und Knecht Parabel auf soziale Phänomene untersucht.


Abstract

Die vorliegende Arbeit „Herr und Knecht“ liefert eine Interpretation des bekannten Kapitels „Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewusstseins – Herrschaft und Knechtschaft“ der „Phänomenologie des Geistes“ von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Im Zentrum dieser modernen Aufarbeitung steht die sozialphilosophische Aneignung der Parabel von „Herr und Knecht“ für neuere Ansätze zu sozialer Ungleichheit. Dazu werden die Interpretationen des Textes der Sozialphilosophen Alexandre Kojève und Hans-Heinz Holz sowie der Psychoanalytikerin Jessica Benjamin diskutiert und verglichen. Ferner ist der Deutungsvorschlag des Frankfurter Soziologen Jürgen Ritsert in die Arbeit eingegangen, dem weitgehend gefolgt wird. Es wird gezeigt, dass dieser klassische Text eine ausgezeichnete Folie bietet, um auf der Grundstruktur der „Herr und Knecht“- Parabel aufbauend eine Theorie sozialer Ungleichheit zu formulieren.


Excerpt (computer-generated)

Herr und Knecht

von: Matthias Gloser

5. Semester

 


INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung 03

2. Die Logische Struktur 04

2.1. Symmetrische Anerkennung 04
2.2. Asymmetrische Anerkennung 06

2.2.1. Der Kampf auf Leben und Tod 06
2.2.2. Herr und Knecht 07

3. Verschiedene sozialwissenschaftliche Interpretationsansätze in der Diskussion 09

3.1. Zentrale Motive der Hegelschen Parabel im Auge der Sozialphilosophie  09

3.1.1. Kampf auf Leben und Tod 09
3.1.2. Die Situation des Herrn 12
3.1.3. Die Situation des Knecht 14

3.2. Der psychoanalytische Interpretationsansatz 15
3.3. Die Anwendung der Parabel in der Geschichtsphilosophie 20
3.4. Die Befreiung - unterschiedliche Ansätze 22

4. Konklusion 25

5. Literatur 26


 

1. Einleitung

Während einer Fahrt mit dem öffentlichen Personen Nahverkehr wird die Teilung der Gesellschaft offensichtlich. Es sind heute nicht mehr Unterschiede in Rasse oder Hautfarbe, die die Teilung der Menschen in Klassen bestimmen, sondern allein der ökonomische Zustand, der einige dazu privilegiert, in besonderer Atmosphäre, isoliert von den weniger Betuchten, die Fahrt zu genießen. Da wirkt ein kurzer Blick in den Paragraphen „Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins; Herrschaft und Knechtschaft“ der Phänomenologie des Geistes, wie eine Aufforderung, mit der selben bewaffnet auf die Barrikaden zu gehen und gegen das Auseinanderfallen der Gesellschaft in Klassen zu revolutionieren. Die Analogie zu bestehenden Herrschaftsstrukturen ist infolge der Suggestivkraft des hegelschen Textes schnell gezogen, oft mit weitreichenden Konsequenzen. Doch in der heutigen Zeit sind durch die Aufdeckung der Greueltaten im Kommunismus zugleich mit dem Glauben an das Bestehende auch die Alternativen unglaubwürdig geworden. Es ist ruhig geworden in den gesellschaftskritischen Debatten, die sich darauf beschränken, einzelne bedenkliche Ausprägungen des hiesigen Systems unter die Lupe zu nehmen und kritisch zu hinterfragen. Ich möchte diese Situation nutzen, um das „Herr und Knecht“ Verhältnis, wie es bei Hegel präsentiert wird, in seiner logischen Struktur eingehend zu untersuchen und seine Anwendung auf die sozialwissenschaftlichen Problemfelder betrachten, dabei hoffe ich, daß es mir gelingen wird, die Analyse durchzuführen, ohne mich von der Wucht der Thematik zu stark beeinflussen zu lassen. Denn ob die Reaktionen, die der oberflächliche Blick in das Kapitel mit sich bringt, berechtigt sind, wird sich zum Ende der Untersuchung zeigen.

2. Die Logische Struktur

Der Paragraph „Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins; „Herrschaft und Knechtschaft“ der Phänomenologie des Geistes beschreibt die Entwicklung des Selbstbewußtseins in der Konfrontation mit einem anderen Selbstbewußtsein. Hegel setzt voraus, daß das Selbstbewußtsein zu seinem „für sich sein“ nur durch die Begegnung mit anderen selbstbewußten Subjekten gelangen kann. „Das Selbstbewußtsein ist an und für sich, indem und dadurch, daß es für ein Anderes an und für sich ist; d.h. es ist nur als ein Anerkanntes.“1 Daraus folgt, daß das Selbstbewußtsein um sich selbst zu erfahren, sich mit einem anderen Subjekten auseinandersetzen muß. Die Interaktion der Subjekte vollzieht sich im Idealfall in einer „Bewegung des Anerkennens“2. Die Analyse der logischen Struktur dieser Bewegung in der sich die interagierenden Subjekte befinden soll den Anfang der Untersuchung zum Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft bilden3

2.1. Symmetrische Anerkennung4

Zunächst wird der Unterschied zwischen dem Selbstbewußtsein, das den Bezugspunkt der Analyse bildet (Ego) und dem ihm entgegentretenden Selbstbewußtsein (Alter) gesetzt. Es ist für das Selbstbewußtsein ein anderes Selbstbewußtsein; es ist außer sich gekommen.5

Bereits in diesem Aufeinandertreffen der beiden Subjekte steckt der erste Doppelsinn. Ego „hat sich selbst verloren, denn es findet sich als ein anderes Wesen.“ Ego findet Alter, ein Wesen, das ebenso Träger eines Selbstbewußtseins ist, wie es selbst. Diese Konfrontation reicht jedoch noch nicht aus, um die Unterscheidung zu festigen, sie wird im Gegenteil sofort wieder aufgehoben. Denn „Ego stellt bei Alter keine selbständige Wesensbestimmung fest.“6 An diesem Punkt der Interaktion wird das andere selbständige Wesen noch nicht als solches anerkannt, seine Präsens bietet Ego aber die Möglichkeit seine eigene Selbständigkeit zu erfahren, in der Reflexion, die Ego durch Alter vollzieht, ist der gesetzte Unterschied wieder aufgehoben. Im Originaltext heißt es:“ zweitens, es hat damit das Andere aufgehoben, denn es sieht auch nicht das Andere als Wesen, sondern sich selbst im Anderen“ Es sieht seine eigene Fähigkeit zu selbstbestimmten Handeln, d.h. in der Autonomie des Anderen erkennt Ego seine eigene.

Es zeigt sich folgende Grundstruktur: Zunächst wird der Unterschied gesetzt, es existiert das vermittelnde Moment (Selbstbewußtsein), das den Unterschied durch den Rückbezug auf die eigene Selbständigkeit sofort wieder aufhebt. Der zweite Doppelsinn zielt auf diese Aufhebung des ersten Doppelsinns. Ego hat im ersten ein anderes Wesen gesehen, nun zielt Ego darauf ab, Autonomie gegenüber Alter zu erreichen. Man kann festhalten, daß sich Alter im ersten Doppelsinn Ego als autonomes Wesen präsentiert, d.h. Ego wird mit der Autonomie von außen konfrontiert, das erzeugt das Bedürfnis in Ego selbst Autonomie zu erlangen. Dazu muß er darauf abzielen „das andere selbständige Wesen aufzuheben, um dadurch seiner als des Wesens gewiß zu werden“7 Ego kann seiner Selbständigkeit nur im Gegensatz zur Autonomie gegenüber Alter inne werden; die Autonomie Egos gegenüber Alter ist die Aufhebung Alters. Mit dem erlangen der eigenen Autonomie gibt Ego Alter dessen Autonomie zurück, „entläßt also das Andere wieder frei“8, dieses Freilassen ist, genauso wie die eigene Autonomie, ein Akt des Aufhebens des Anderen, denn vom Bezugspunkt Ego aus betrachtet, ist Alter, sobald er wieder freigelassen wurde, d.h. in seiner Autonomie bestätigt, für Ego ideell aufgehoben. Alter ist nicht nur Mittel, um sich der eigenen Autonomie gewahr zu werden, wie im ersten Doppelsinn, sondern wird in dem bewußten Streben nach der eigenen Autonomie in seiner bestätigt. Mit der Aufhebung des Unterschiedes taucht die Gemeinsamkeit zwischen Ego und Alter auf, beide sind Wesen, die der Reflexion und zu selbstbestimmten Handlungen fähig sind. Es hebt damit sich selbst auf, „denn dies andere ist es selbst“9, Ego ist mit Alter in der Autonomie, d.h. in der Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln, identisch.

[...]


1 Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 198. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 38954 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 145)

2 ebd., S. 38954 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 146)

3 Den Bezugspunkt für die Analyse bildet der Aufsatz „Asymmetrische und reine Anerkennung. Notizen zu Hegels Parabel über Herr und Knecht" von Jürgen Ritsert.(vgl. Ritsert 2002, S.80 ff.)

4 Um die Struktur der Argumentation darzulegen, wird zur Unterscheidung der an der Interaktion beteiligten Subjekte die von Jürgen Ritsert eingeführte Terminologie verwand. Ego bezeichnet den Bezugspunkt, Alter das diesem entgegentretende Bewußtsein (vgl. Ritsert 2002, S. 89)

5 Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 198. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 38954 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 146)

6 Ritsert 2002 S.89f.

7 Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 199. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 38955 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 146)

8 ebd., S. 38955 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 146)

9 ebd. S. 38955 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 146


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