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Essay, 2004, 10 Pages
Author: Julian Hamann
Subject: Sociology - Classics, Basics and Theoretical Directions
Details
Institution/College: University of Bamberg (Institut für Soziologie)
Tags: Bourdieu, Erbe, Marxismus, Hauptseminar, Pierre, Bourdieu
Year: 2004
Pages: 10
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-34015-1
File size: 145 KB
- mögliche Bezugs- und Anknüpfungspunkte von Bourdieus Überlegungen an den Marxismus - nachdem diese im Hauptteil ausführlicher untersucht worden sind, wird gegen Ende die titelgebende Problematik erneut aufgegriffen und ein Versuch der Beantwortung unternommen - eine Erläuterung des Bourdieuschen Theoriegebildes erfolgt nicht explizit, sondern anhand der o. g. Ausführungen
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Excerpt (computer-generated)
Fachgruppe für Soziologie der Universität Bamberg
Lehrstuhl für Soziologie II, WS 04/05
HS Allgemeine Soziologie: Ausgewählte Probleme – Pierre Bourdieu
5. Semester
Bourdieu als Erbe des Marxismus
von: Julian Hamann
In diesem Essay soll geprüft werden, ob und wenn ja inwieweit eine Verbindung zwischen Karl Marx und Pierre Bourdieu gesehen werden kann. Zu Beginn werden mögliche Bezugs- und Anknüpfungspunkte von Bourdieus Überlegungen an den Marxismus aufgezeigt. Nachdem diese im Hauptteil ausführlicher behandelt und untersucht worden sind, wird gegen Ende dieses Essays die titelgebende Problematik erneut aufgegriffen und ein Versuch der Beantwortung unternommen. Eine Erläuterung des Bourdieuschen Theoriegebildes wird nicht explizit erfolgen, da eine äußere Begrenzung des Essayumfangs dies zum einen nicht gestattet, zum anderen werden elementare Sachverhalte auch und besonders im Vergleich mit der und in der Abgrenzung zur marxistischen Theorie deutlich.
Die Grundformel von Bourdieus theoretischer Strukturierung kann wie folgt skizziert werden: Struktur – Habitus – Praxis (Bourdieu, 1987, S. 173/174). Nicht nur die hier deutlich werdende Fokussierung der „Praxis“ stellt einen Bezugspunkt zum Praxisverständnis der marxistischen Theorie dar. Schon Bourdieus Formulierung seiner Theorie der Praxis als eine Ökonomie der praktischen Handlungen weist in seinen Begrifflichkeiten auf eine Verbindung zu o. g. Denktradition hin, verwendet oder erweitert er doch die Marxschen Konzepte der Klassen, des Kapitals und des Klassenkampfs. Auch teilen Marx und Bourdieu die Vorstellung des Kapitalismus als zentralem Systemkonflikt.
Die praxisbezogene Produktion und Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse entlehnt Bourdieu den frühen Schriften von Marx (vgl. Miller, 1989, S. 199). Dort fordert dieser einen Praxisbegriff, der den Einfluß objektiver Strukturen nicht unnötig abstrahiert und der die wirkliche Tätigkeit als solche beschreibt. Der Zusammenhang zwischen Struktur und Handeln wird auch zum Gegenstand von Bourdieus Gesellschaftstheorie, mit der ein Verständnis der schon von Marx thematisierten Produktion und Reproduktion sozialen Lebens bei gleichzeitiger Aufdeckung der dabei wirksam werdenden Mechanismen erreicht werden soll (vgl. Münch, 2002a, S. 420-422). Vor diesem Hintergrund entwirft Bourdieu sein Konzept des Habitus als „nicht nur strukturierende, [...] sondern auch strukturierte Struktur“ (Bourdieu, 1987, S. 279), also eines Erzeugungs- und Klassifikationsprinzips, welches die Praxis der (Sozial-)Struktur anpasst und so die Reproduktion der Struktur durch Praxis gewährleistet (vgl. Bourdieu, 1987, S. 277-281). Der von Bourdieu verwendete Begriff der Habitusformen erinnert (nicht zufällig) an den Kulturbegriff, der in der englischen Marxismusdiskussion verwendet wird (vgl. Honneth, 1999, S. 182). Sowohl für Bourdieu als auch für Marx ist Praxis also mehr als soziales Handeln alleine, beide sehen in der Praxis die (Re-)Produktion gesellschaftlicher Verhältnisse.
Während man die gemeinsame Bezugnahme auf die Aufteilung der Gesellschaft in Klassen als Gemeinsamkeit sehen kann, bildet die jeweilige Konstruktion und Auslegung des Klassenbegriffs eine zentrale Differenz. Marx postuliert anhand des Verhältnisses zu Produktionsmitteln und/oder Grundeigentum die Spaltung kapitalistischer Gesellschaften in zwei antagonistische Klassen, die Bourgeoisie und das Proletariat. Auch wenn er sich stellenweise differenzierter geäußert hat, bleibt die Stellung, die Akteure innerhalb des Wirtschaftssystems haben, das entscheidende Klassifikationskriterium (vgl. von Oertzen, 1991, S. 140-153). Während Marx Klassen also ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten identifiziert, erweitert Bourdieu diesen Ansatz grundlegend. Die grobe Einteilung der kapitalistischen Gesellschaft in Klassen wird noch vom Marxismus übernommen, das Klassifizierungskriterium „Besitz von ökonomischem Kapital“ wird von Bourdieu jedoch schon durch den Besitz von symbolischem Kapital erweitert. Auf die verschiedenen Kapitalbegriffe soll jedoch später eingegangen werden. Im Gegensatz zu Marx postuliert Bourdieu, daß eine soziale Klasse nicht nur durch ein Merkmal (oder eine Merkmalskette) definiert sein sollte, sondern durch die „Struktur der Beziehungen zwischen allen relevanten Merkmalen“ (Bourdieu, 1987, S. 182, Hervorh. im Orig.). Über die Einteilung in drei Klassen (die Bezeichnungen hierfür differieren) und die Bezugnahme auf alle relevanten Merkmale einer Klasse hinaus erweitert Bourdieu sein theoretisches Gerüst mit drei Differenzierungen. Erstens führt er ein zweites Kriterium zur Bestimmung der sozialen Stellung eines Individuums ein, nämlich die Kapitalstruktur. Damit ist das relative Verhältnis von ökonomischem und kulturellem Kapital zueinander gemeint, wie viel ein Individuum also von welchem Kapital besitzt. Das soziale Kapital wird von Bourdieu in diesem Zusammenhang vernachlässigt. Neben dem Kapitalvolumen (welches, beschränkt auf dessen ökonomischen Kapitalbegriff, auch das Differenzierungskriterium zwischen Arbeit und Kapital bei Marx bildet), also dem Volumen aller Kapitalsorten, und der Struktur des Kapitalvolumens führt Bourdieu eine dritte Allokationsmöglichkeit ein.
[...]
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