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Berlin - Die Sinfonie der Großstadt - Charakteristika des neusachlichen Films

Scholary Paper (Seminar), 2002, 30 Pages
Author: Teresa Hochmuth
Subject: Film Science

Details

Event: Die zwanziger Jahre. Kunst und neue Medien
Institution/College: University of Potsdam
Tags: Berlin, Sinfonie, Großstadt, Charakteristika, Films, Kunst, Medien, Neue Sachlichkeit, 20er Jahre, Filmwissenschaft, Kunstwissenschaft
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2002
Pages: 30
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 24  Entries
Language: German
Archive No.: V34090
ISBN (E-book): 978-3-638-34406-7
ISBN (Book): 978-3-638-92170-1
File size: 488 KB
Notes :
Kunst- und filmwissenschaftliche Analyse des Films der Neuen Sachlichkeit


Abstract

Die Arbeit untersucht anhand einer Analyse von Berlin – Die Sinfonie der Großstadt, wie typische Elemente der neusachlichen Kunst, die sich in dieser Epoche in Malerei, Literatur, Fotografie und Architektur bereits entwickelt hatten, erstmals filmisch und mit filmspezifischen Mitteln umgesetzt wurden und inwiefern es sich bei der durch Ruttmanns Film etablierten neusachlichen „Filmsprache“ sogar um eine Weiterentwicklung des neusachlichen Kunstgedanken handeln könnte. Berlin ist einerseits als Produkt einer filmgeschichtlichen Entwicklung dieser Zeit zu sehen, andererseits auch klar als eine weitere Äußerung des Kunstgedanken der Neuen Sachlichkeit, der sich in anderen Kunstformen schon seit längerem durchgesetzt hatte. Ein kurzer filmgeschichtlicher und kunsthistorischer Überblick soll den Film in diese beiden Kontexte einordnen. Anschließend komme ich zum konkreten Vergleich der grundsätzlichen Elemente der Neuen Sachlichkeit einerseits und ihrer filmspezifischen Umsetzung andererseits. Den ersten Vergleichspunkt bildet der theoretische Grundgedanke der Epoche, welcher sich in drei Aspekte gliedern lässt: die objektive Beobachtung und Wiedergabe der Wirklichkeit, der Verzicht auf Interpretation und Analyse und die Konzentration auf die Welt der Dinge. Alle drei Merkmale finden sich auch in Berlin. Darauf aufbauend gehe ich auch auf die neusachliche Bildgestaltung und Bildästhetik ein, die im Film um die Möglichkeiten der Montage erweitert wurde. Auch in der Konzeption des Querschnittsfilms, der als ein typisch neusachliches Gestaltungsprinzip zu sehen ist, spielt die Montage eine wesentliche Rolle. Im letzten Teil des Vergleichs werden drei charakteristische Grundthemen und Motive der Neuen Sachlichkeit (die Großstadt, die Technik und die Masse) und ihre filmische Realisation gegenübergestellt. Abschließend weise ich auf neuere Filmprojekte hin, die sich auf Ruttmanns Werk beziehen und aufgrund typischer Gestaltungsmerkmale auch als neusachliche Filme gelten können.


Excerpt (computer-generated)

Berlin – Die Sinfonie der Großstadt –
Charakteristika des neusachlichen Films

von: Teresa Hochmuth

2. Semester

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

2. Kunst- und filmhistorische Voraussetzungen 3

2.1 Kunstgeschichtliche Einordnung 3
2.2 Filmgeschichtliche Einordnung 5

3. Charakteristika der neusachlichen Epoche und ihre filmspezifische Umsetzung in Berlin – Sinfonie der Großstadt 7

3.1 Der neusachliche Grundgedanke 7

3.1.1 Objektive Beobachtung und Wiedergabe der Wirklichkeit 7
3.1.2 Verzicht auf Interpretation und Analyse von Gegensätzen 8
3.1.3 Konzentration auf die Dingwelt 10

3.2 Bildästhetik und Bildgestaltung 11
3.3 Der Querschnitt als typisches Gestaltungsprinzip 14
3.4 Themen und Motive 16

3.4.1 Die Technik 16
3.4.2 Die Masse 18
3.4.3 Die Großstadt 19

4. Der neusachliche Film und seine Nachfolger 21

4.1 Leo de Laforgue: Symphonie einer Weltstadt 22
4.2 Thomas Schadt: Berlin – Sinfonie einer Großstadt (2002) 22

Anhang 25

Literaturverzeichnis 25

Sequenzprotokolle 27
 


 

1. Einleitung

„So ging ich wieder einmal, von Plänen zu einem Film aus der Großstadt erfüllt, im Abenddämmern vom Bahnhof Zoo zur Gedächtniskirche. Züge donnerten. Lichter! Autos! Menschen! Alles schnitt sich ineinander! Von den Abendglocken der Kirche überklungen. Da überkam es mich jäh. Berlin! Wunderbare Stadt! Wie – wenn man einmal an Stelle eines Schauspielers dich selbst zum Hauptdarsteller, zum Helden eines Films erwählte?“1 (Carl Mayer, Drehbuchautor) Diese Idee des Drehbuchautors Carl Mayer wurde 1927 von Regisseur Walter Ruttmann realisiert. Am 24. September 1927 feierte Berlin - die Sinfonie der Großstadt im Tauentzien-Palast Premiere, begleitet von einem Orchester mit 75 Musikern, das Edmund Meisel, der führende Filmkomponist der zwanziger Jahre, dirigierte. Erstmals wurde ein abendfüllender Dokumentarfilm in den Kinos gezeigt. 2 Euphorische Pressestimmen, wie der Film-Kurier-Kritiker Willy Haas, lobten den Film als „das größte, grundsätzlich wichtigste Filmereignis seit vielen Jahren“3. Von anderer Seite wurde er allerdings scharf kritisiert. Besonders der Rezensent und Filmanalytiker Siegfried Kracauer sah in Berlin den Niedergang, die „Erstarrung“4 des deutschen Films. Auch Carl Mayer konnte sich mit dem Endprodukt seiner Idee nicht mehr identifizieren – es sei reine „Oberflächen-Behandlung“5. Grund für diese konträre Meinungsbildung ist wohl die Tatsache, dass mit Berlin ein neues Filmgenre entstand, dessen Grundthesen in den zwanziger Jahren genauso wie heute umstritten bleiben. Der Filmhistoriker Peer Moritz zeichnet den Film als „stilbildendes Meisterwerk“6 aus – stilbildend für den Kunstgedanken der Neue Sachlichkeit im Film.

Im Folgenden soll anhand einer Analyse von Berlin – Die Sinfonie der Großstadt untersucht werden, wie typische Elemente der neusachlichen Kunst, die sich in dieser Epoche in Malerei, Literatur, Fotografie und Architektur bereits entwickelt hatten, erstmals filmisch und mit filmspezifischen Mitteln umgesetzt wurden und inwiefern es sich bei der durch Ruttmanns Film etablierten neusachlichen „Filmsprache“ sogar um eine Weiterentwicklung des neusachlichen Kunstgedanken handeln könnte. Berlin ist einerseits als Produkt einer filmgeschichtlichen Entwicklung dieser Zeit zu sehen, andererseits auch klar als eine weitere Äußerung des Kunstgedanken der Neuen Sachlichkeit, der sich in anderen Kunstformen schon seit längerem durchgesetzt hatte. Ein kurzer filmgeschichtlicher und kunsthistorischer Überblick soll den Film in diese beiden Kontexte einordnen. Anschließend komme ich zum konkreten Vergleich der grundsätzlichen Elemente der Neuen Sachlichkeit einerseits und ihrer filmspezifischen Umsetzung andererseits. Den ersten Vergleichspunkt bildet der theoretische Grundgedanke der Epoche, welcher sich in drei Aspekte gliedern lässt: die objektive Beobachtung und Wiedergabe der Wirklichkeit, der Verzicht auf Interpretation und Analyse und die Konzentration auf die Welt der Dinge. Alle drei Merkmale finden sich auch in Berlin. Darauf aufbauend gehe ich auch auf die neusachliche Bildgestaltung und Bildästhetik ein, die im Film um die Möglichkeiten der Montage erweitert wurde. Auch in der Konzeption des Querschnittsfilms, der als ein typisch neusachliches Gestaltungsprinzip zu sehen ist, spielt die Montage eine wesentliche Rolle. Im letzten Teil des Vergleichs werden drei charakteristische Grundthemen und Motive der Neuen Sachlichkeit (die Großstadt, die Technik und die Masse) und ihre filmische Realisation gegenübergestellt. Abschließend weise ich auf neuere Filmprojekte hin, die sich auf Ruttmanns Werk beziehen und aufgrund typischer Gestaltungsmerkmale auch als neusachliche Filme gelten können.

2. Kunst- und filmhistorische Voraussetzungen

2.1 Kunstgeschichtliche Einordnung

Bereits 1919 forderte der Expressionist Ludwig Meidner in seinem Septembermanifest als Gegenbewegung zur Pathetik der Ausdruckskunst einen „fanatischen, inbrünstigen Naturalismus“7. Eine solche Rückkehr zur gegenständlichen Malerei vollzog sich in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern ab Anfang der zwanziger Jahre8. Der Kunstkritiker Franz Roh grenzte die neue Strömung 1925 in seinem Buch Nachexpressionismus. Magischer Realismus gegen den Expressionismus folgendermaßen ab: „Nüchterne Gegenstände“, „eher rechtwinklig“, „miniaturartig, kühl bis kalt“ dargestellte und oft banal anmutende Motive, denen man überall auf der Straße begegnen kann, seien typische Merkmale 9.

Schöpfer des Begriffs Neue Sachlichkeit war schließlich der Direktor des Mannheimer Kunstmuseums, G.F. Hartlaub, der ab 1923 unter diesem Titel eine Ausstellung organisierte10. „Diejenigen Künstler möchte ich zeigen, die der positiv greifbaren Wirklichkeit mit einem bekennerischen Zuge treu geblieben [...] sind“11, schreibt er in einem Rundbrief. Vor allem auf Otto Dix, Max Beckmann und George Grosz, die in dieser Zeit stilbildende Gemälde schufen, trifft die Beschreibung zu. Mit Sachlichkeit bezeichnet Hartlaub sowohl die objektivistische Sichtweise der Künstler als auch die Bevorzugung von Gegenständlichkeit in der Darstellungsweise und Dingen als Objekten ihrer Werke12. Hartlaub schreibt weiter:

„Die Neue Sachlichkeit ist die allgemeine Strömung, die gegenwärtig in Deutschland herrscht, eine Strömung des Zynismus und der Resignation auf enttäuschte Hoffnungen. Der Zynismus und die Resignation stellen die negative Seite der „Neuen Sachlichkeit“ dar, ihre positive Seite ist die Begeisterung für die Sachlichkeit, der Wunsch, die Dinge objektiv zu behandeln, so wie sie sind, ohne in ihnen eine ideelle Bedeutung zu suchen.“13 Hartlaub unterscheidet im Weiteren einen rechten, konservativ-klassizistische n bzw. romantischen Flügel, der soziale Probleme ignoriert, und einen linken, sozialkritischeren Flügel, der durch die fortschreitende Technisierung eine Verminderung der gesellschaftlichen Gegensätze erwartet. Dieser zumindest ansatzweise sozialkritisc he Objektivismus lässt sich nicht nur in der Malerei, sondern auch in der Literatur (z.B. Erich Kästners Fabian) und in der Photographie finden. Hier sind Alfred Renger-Patzsch und Karl Blossfeld als die Hauptvertreter zu nennen. Mit einiger Verzögerung beginnt in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre auch im Film die Epoche der Neuen Sachlichkeit14.

2.2 Filmgeschichtliche Einordnung

[...]


1 Prinzler, Hans Helmut: Berlin. Die Sinfonie der Großstadt. In: Schadt, Thomas (Hrsg.): Berlin: Sinfonie der Großstadt. Berlin, 2001. S.148.

2 Vgl. Korte, Helmut: Die Welt als Querschnitt: Berlin – Die Sinfonie der Großstadt (1927). In: Faulstich, Werner / Korte, Helmut (Hrsg.): Fischer Filmgeschichte. Bd. 2. Frankfurt am Main, 1991. S.75.

3 Moritz, Peer: Berlin. Die Sinfonie der Großstadt. In: Töteberg, Michael (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. Stuttgart / Weimar, 1995. S.22.

4 Kracauer, Siegfried: Von Caligari bis Hitler. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Films. Hamburg, 1958. S.120.

5 Kracauer: Von Caligari bis Hitler. Hamburg, 1958. S.119.

6 Moritz: Berlin. Sinfonie der Großstadt. In: Töteberg, M. (Hrsg.): Metzler Filmlexikon. Stuttgart / Weimar, 1995. S.22.

7 Michalski, Sergiusz: Neue Sachlichkeit. Malerei, Graphik und Photographie. Köln, 1992. S.15.

8 Vgl. Michalski: Neue Sachlichkeit. Köln, 1992. S.15

9 Michalski: Neue Sachlichkeit. Köln, 1992. S.16f.

10 Vgl. Toeplitz, Jerzy: Der deutsche Film im Zeichen der Neuen Sachlichkeit. In: Toeplitz, Jerzy: Geschichte des Films. 1895 – 1927. Bd. 1. Berlin, 1985. S.429f.

11 Michalski: Neue Sachlichkeit. Köln, 1992. S.18.

12 Vgl. Michalski: Neue Sachlichkeit. Köln, 1992. S.19.

13 Toeplitz: Der deutsche Film im Zeichen der Neuen Sachlichkeit. In: Toeplitz: Geschichte des Films. Bd. 1. Berlin, 1985. S.430.

14 AFK – Zwischen den Bildern: Die Welt im Querschnitt. Walter Ruttmann und sein Montagefilm Berlin – Die Sinfonie der Großstadt. www.uni-karlsruhe.de/~afk/montage/ruttmann.html (21.06.2002)


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