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Angela Krauß' Erzählung "Der Dienst" - eine Vatergeschichte funktionalisiert zur Aufdeckung verschleierter DDR-Geschichte

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 25 Pages
Author: Wencke Wallbaum - v. Kloeden
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Väter und Töchter in der Literatur
Institution/College: University of Paderborn
Tags: Angela, Krauß, Erzählung, Dienst, Vatergeschichte, Aufdeckung, DDR-Geschichte, Väter, Töchter, Literatur
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2001
Pages: 25
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 18  Entries
Language: German
Archive No.: V36103
ISBN (E-book): 978-3-638-35831-6

File size: 189 KB


Excerpt (computer-generated)

Angela Krauß′ Erzählung "Der Dienst" - eine Vatergeschichte
funktionalisiert zur Aufdeckung verschleierter DDR-Geschichte

von: Wencke Wallbaum - v. Kloeden

7. Semester

 


INHALT

Vorwort 3

1. Der Dienst im Überblick 5

1.1 Die Handlung 5
1.2 Die Charakterisierung des Vaters 6
1.3 Das Vater / Tochter-Verhältnis 8
1.4 Die sprachliche Gestaltung 10

2. Interpretationsansätze 11

2.1 Zur Werkgenese der Erzählung 12
2.2 Die Bedeutung der Landschaftsschilderungen 14
Exkurs: Die Geschichte Oberschlemas 15
2.3 Die verschiedenen Textfassungen 19

3. Zusammenfassung 22

Bibliographie 24


 

Vorwort

Was sich im Drama des 19. Jahrhunderts bereits abzeichnete, nämlich die Vater / Tochter- Beziehung als einen Hauptbestandteil der Handlung einzubinden, hat sich bis in die heutige Zeit hinein auch in zahlreichen Erzählungen fortgesetzt, doch im Gegensatz zu der gleichgeschlechtlichen Konstellation Vater / Sohn- bzw. Mutter / Tochter-Verhältnis ist diese weitaus weniger untersucht worden. Da mag man sich fragen warum, zumal es sich um ein durchaus interdisziplinäres Thema handelt, welches nicht nur für Literaturwissenschaftler sondern auch Psychologen, Soziologen und andere Geisteswissenschaftler von Interesse und ausrei-chend Analysematerial vorhanden wäre? Befürchtet man etwa, auf immer die gleichen Klischees wie Gewinnung der Gunst des Vaters oder Auflehnung gegen von ihm ausgehende Machtstrukturen zu stoßen, oder aber sich mit dem Thema Inzest auseinandersetzen zu müssen?

Die Analyse der als Untersuchungsgegenstand dienenden Erzählung Der Dienst von Angela Krauß hat gezeigt, daß diese Befürchtungen unbegründet sind. Schon 1994 modifizierte die Psychoanalytikerin Jessica Benjamin in ihrem Aufsatz Die Fesseln der Liebe die Thesen Freuds, und erklärte die Anziehungskraft des Vaters auf die Tochter sowie die konfliktbeladene Beziehung beider durch seine gesellschaftliche Position. Die Vaterfigur wird als Repräsentant der Außenwelt verstanden, was sich unweigerlich auch in der Literatur von Töchtern über Väter niederschlägt, und somit Inhalte über die befürchteten Klischees hinaus ermöglicht, indem durch die Auseinandersetzung mit dem Vater als Stellvertreter der Gesellschaft zwangsläufig auch immer ein Stück Zeitgeschichte eingebunden wird. Aufgabe dieser Arbeit wird es sein, dieses Charakteristikum von Vatergeschichten am Beispiel von Angela Krauß’ Erzählung Der Dienst heraus zuarbeiten. Dazu soll zunächst ein allgemeiner Überblick über den Text erfolgen, um zu sehen, wie den Rezipienten das Thema „Vater und Tochter“, sei es bezüglich der Handlung, des spezifischen Verhältnisses der beiden oder auch der sprachlichen Darbietung, hier prinzipiell vermittelt wird. Schon nach dieser Einführung wird sich zeigen, daß Der Dienst inhaltlich zwar primär auf der Rekapitulierung von dem Leben des Vaters und der aus seiner Arbeit resultierenden Abwesenheit und damit einhergehenden Vernachlässigung der Tochter bzw. Ich-Erzählerin beruht, doch durch die Anlage des Textes unterschwellig ganz andere Dinge in den Vordergrund rückt, und eine breite Palette von Interpretationsansätzen bereitstellt. Daß ausgerechnet Vater und Tochter die Protagonisten in dieser Erzählung sind, scheint eher Zufall zu sein. Angela Krauß distanziert sich in ihr von jeglichen Klischees, die mit Vater- geschichten in Verbindung gebracht werden, und nutzt die beiden Figuren lediglich stellvertretend, um ein Stück DDR-Geschichte zu erzählen.

Vater und Tochter werden im Dienst sozusagen zu Zeitzeugen gemacht, die dem Leser an Hand von Alltagsschilderungen das Leben in der ehemaligen DDR beschreiben und offenbaren können, ohne daß die Autorin ihre subjektive Sichtweise darstellen muß und negative Sanktionen durch die damals noch strenge Literaturdoktrin zu erwarten hätte. Diesen Interpretationsansatz des Dienstes zu beweisen, wird Hauptbestandteil des zweiten Teils dieser Arbeit sein, ehe im abschließenden Resümee die Analyseergebnisse noch einmal in komprimierter Form dargestellt und mit der Ausgangsfragestellung, inwieweit Vatergeschichten mit stereotypen Handlungsmustern arbeiten, in Beziehung gesetzt werden. Hier wird sich deutlich zeigen, daß solcherlei Erzählungen, zumindest was den Dienst betrifft, zwar unbestritten auch klischeehafte Handlungsteile aufweisen, doch in ihrer Intention weit über deren bloße Darstellung hinausgehen. Wie sich im Falle der untersuchten Erzählung Der Dienst von Angela Krauß zeigen wird, können stereotype Handlungsmuster wie zum Beispiel die Vernachlässigung der Tochter durch die Berufstätigkeit des Vaters so stark mit kollektiven Assoziationsfeldern belegt sein, daß diese auf Kosten der Protagonisten in den Mittelpunkt rücken und dem Text vollkommen neue Bedeutung zukommen lassen. Der Dienst wird durch die von der Autorin angelegten Assoziationsfelder funktionalisiert, um einen besonderen Aspekt verschleierter DDR-Geschichte aufzudecken.

1. Der Dienst im Überblick

1.1 Die Handlung

Die eigentliche Handlung der Erzählung1 vollzieht sich im sächsischen Radiumheilbad und erzgebirgischen Bergwerksgebiet Oberschlema der 1950 und -60er Jahre. Aus dieser Zeitspanne heraus porträtiert die Ich-Erzählerin in Form von kurzen Episoden aus der Kindheit und Jugend ihre jeweilige subjektive Sichtweise vom Leben ihres Vaters sowie seine damit in Verbindung stehende Persönlichkeit und Beziehung zu anderen Menschen, insbesondere zu ihr.

Zwar zählen auch gemeinsame Unternehmungen wie Spaziergänge, Ausflüge mit dem Auto und Badeurlaube zu den Erinnerungen der Tochter, doch quantitativ überwiegt die aus seinem Dienst als Bergpolizist resultierende Abwesenheit des Vaters. Die Ich-Erzählerin betont durch die in der Erzählung anfangs mehrfach wiederkehrende Floskel „Ich wartete“2 und Sätze wie „Jeder zählt die Zeit nach seinem eigenen Maß; ich habe Mühe, ihren Fortgang überhaupt wahr-zunehmen“ (DD, S. 10) bzw. „Allein in einem Zimmer, ein wartendes Kind, das wartet, daß die Zeit vergeht“ (DD, S. 13) oder aber „Ich wartete. [...] Ich kroch unter den Tisch und hielt still. Die Uhr tickte langsam“ (DD, S. 14 f.), wie einsam und vernachlässigt sie sich trotz Anwesenheit der Mutter, mit der sie zusammen am Fenster auf die allabendliche Heimkehr ihres Vaters nach Dienstende wartet (Vgl. DD, S. 16), fühlt. Doch auch nach seiner Rückkehr stellt sich nicht die gewünschte Nähe zum Vater ein, da er auch privat vollkommen in seinem Beruf und den damit einhergehenden Anforderungen wie Schweigepflicht und Disziplin aufgeht.

Im weiteren Verlauf der Erzählung verliert sich der Fokus des Lesers auf die Vernachlässigung der Tochter allmählich, und wird statt dessen voll und ganz auf den Werdegang und die Veränderungen der Vaterfigur gelenkt. Bezüglich seiner genauen Tätigkeit als Bergpolizist, womit vermutlich Werkschutz gemeint ist, erfährt der Leser jedoch nur andeutungsweise etwas.

[...]


1 Die Autorin selbst hat bei der Vorstellung der ursprünglichen Textfassung des Dienstes im Rahmen der Ingeborg Bachmann-Preisverleihung im Jahre 1988 in Klagenfurt den Begriff „Entwicklungsroman“ verwendet. Vgl. Franke, Konrad: Aufs Erzgebirge zu. Angela Krauß’ Prosa „Der Dienst“. In: Süddeutsche Zeitung, Jg. 46, Nr. 259 (10. / 11. November 1990), S. 24.

2 Krauß, Angela: Der Dienst. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1990, S. 13 u. 14 (Sigle DD).


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