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Naturalismus und Sozialdemokratie - unter besonderer Berücksichtigung des Dramas "Vor Sonnenaufgang" von Gerhart Hauptmann

Autor: Birthe Stolz
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

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Details

Kategorie: Zwischenprüfungsarbeit
Jahr: 2004
Seiten: 29
Note: Sehr gut / 1
Literaturverzeichnis: ~ 17  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 524 KB
Archivnummer: V37852
ISBN (E-Book): 978-3-638-37089-9

Textauszug (computergeneriert)

Universität Duisburg-Essen

Zwischenprüfungsarbeit Januar 2004
Proseminar 2: Naturalismus / SS 2003

Naturalismus und Sozialdemokratie
Unter besonderer Berücksichtigung des Dramas
„Vor Sonnenaufgang“ von Gerhart Hauptmann

von
Birthe Stolz
5. Semester

 

 

 

1 Einleitung 3

2. Der Naturalismus – Ein Überblick
2.1 Themen des Naturalismus 4
2.2 Autoren – Vorbilder – Wirkung 5
2.3 Stilistische Mittel 7

3. Naturalismus und Sozialdemokratie
3.1 Gemeinsamkeiten 8
3.2 Der Grad der Parteilichkeit 10

4. Der Naturalismus im Visier der Sozialdemokraten
4.1 Kunst vs. Kampf 12
4.2 Die Naturalismusdebatte von Gotha 15

5. Gerhart Hauptmann: Vor Sonnenaufgang
5.1 Inhaltlicher Überblick 19
5.2 Stilistische Mittel in Vor Sonnenaufgang 22
5.3 Resonanz und Reaktionen 23

6. Fazit 26

7. Schlusswort 28

Literaturverzeichnis 29

 

 

1. Einleitung 

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Naturalismus und Sozialdemokratie am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Verhältnis zwischen Naturalisten und Sozialdemokraten war ein sehr ambivalentes. Auf der einen Seite wurden beide Gruppen voneinander inspiriert und hatten viele Gemeinsamkeiten, auf der anderen Seite jedoch konnten beide Lager nicht die Vorstellungen des anderen erfüllen. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen, nicht nur zwischen den Gruppen, sondern auch intern waren die Standpunkte höchst unterschiedlich. 

Diese verschiedenen Blickwinkel möchte ich im Folgenden erläutern. Zuerst jedoch werde ich einen Überblick über den Naturalismus als solchen geben. Womit beschäftigte sich die Literatur, wer waren die Autoren bzw. ihre Vorbilder? Warum wurde der Naturalismus als literarische „Revolution“ bezeichnet? Konkret geht es in diesem Kapitel um die inhaltlichen und stilistischen Merkmale, insbesondere des naturalistischen Dramas. Im nächsten, also dritten Kapitel, werde ich die Gemeinsamkeiten von Naturalismus und Sozialdemokratie darstellen und der Frage nachgehen, warum sich so ein besonderes Verhältnis zwischen Literaten und Politikern entwickeln konnte. Speziell geht es auch um den Grad der Parteilichkeit innerhalb der Naturalisten und die Beweggründe der Schriftsteller, sich mit Themen, wie z.B. Proletariat und Revolution zu beschäftigen. Im vierten Kapitel werde ich insbesondere den Standpunkt der Sozialdemokraten und die ersten Konflikte zwischen beiden Lagern erörtern. 

Es wird um die Literaturdebatte gehen, die 1891 ihren Anfang nahm und auf dem Parteitag von Gotha 1896 endete. Dabei werde ich die bedeutendsten Wortführer der Partei, wie Wilhelm Liebknecht oder Edgar Steiger, zu Wort kommen lassen. Im fünften Kapitel gehe ich konkret auf ein literarisches Beispiel ein: Vor Sonnenaufgang von Gerhart Hauptmann. Nach einem inhaltlichen Überblick und der Herausstellung stilistischer Merkmale des Dramas werde ich aufzeigen, woran sich besonders der Zorn der sozialdemokratischen Parteimitglieder und natürlich auch der konservativen Kritiker entzündete. Neben den typischen naturalistischen Neuerungen, die das Drama aufweist, spielt das Thema Sozialismus eine tragende Rolle. Deswegen erschien es mir besonders dafür geeignet, es hier im Rahmen dieser Hausarbeit zu behandeln. Im sechsten und letzten Kapitel werde ich das Ende der Literaturdebatte bzw. deren Ergebnisse beleuchten und verschiedene Thesen über die Gründe für das schwierige Verhältnis der Gruppen untereinander aufführen.

2. Der Naturalismus – Ein Überblick


„Die janze Richtung paßt uns nicht!“1

2.1 Themen des Naturalismus

Die Literatur des Naturalismus konstituierte sich um 1885 als „Revolution“ wider eine gut bezahlt und viel gelesene Dichtung der „Lüge“ und für eine „wahre“ und „moderne“ Kunst2. Das Auftreten von neuen Themen und der sie verwendenden Autoren wurde als Bruch in der deutschen Literaturgeschichte empfunden, als ein Aufstand der Jungen gegen die Alten, der einen Anbruch der „Moderne“ signalisierte.3 Es herrschte vor allem „das Verlangen, tabula rasa zu machen, Disqualifikationen auszusprechen, gewohnte Produktions- und Rezeptionsprozesse als Rituale eines nur aufs „Schöne“ ausgerichteten Marktes zu entlarven.“4 Wichtig ist vor allem die Politizität dieser neuen und modernen Dichtung, die sich nicht um Fragen des aktuellen Interesses drückt, sondern vor allem in Bezug auf die soziale Frage Diskussionsanstöße vermitteln und Diskussionsbeiträge liefern will.5 Die junge Schriftstellergeneration wandte sich während der achtziger Jahre Themen zu , die bislang weitgehend Tabu gewesen waren: der Lage der Arbeiter, der Frauenemanzipation und der Problematik eines geistigen Widerstands bürgerlicher Künstler und Intellektueller gegen Auswüchse des Kapitals. Sie rechnete ab mit der Gründerzeit, kämpfte gegen kirchliche und staatliche Autorität, gesellschaftliche Konventionen in Familie und Ehe und begriff den Menschen als Produkt der Umstände, in denen er lebt.6

Das soziale Drama des Naturalismus war in der Regel in einem einzigen Stand angesiedelt, nämlich dem mittleren Bürgertum und Kleinbürgertum, oft sogar in ganz proletarischem Milieu wie z.B. in Hauptmanns „Weber“.7 I m Mittelpunkt des Geschehens stand nun der in seiner Menschenwürde völlig entehrte Prolet, der im Rahmen seiner ökonomischen Gebundenheit dahinvegetiert. Der Dichter warf sein Interesse nun mit brutaler Direktheit auf die Armen und Entrechteten, die Säufer und Verbrecher. Asoziale Elemente, Strolche und Zuhälter wurden zu Mittelpunktfiguren.8 „Milieuschädigung, Alkoholismus und Vererbung bildeten die Leitlinien des Lebenslaufes von Anti-Helden, von Getriebenen, von Menschen, denen die Verhältnisse zum Verhängnis wurden“.9 Es fand also eine „Demaskierung“ der ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse statt.10 Egon Friedell sagt in diesem Zusammenhang:

Die naturalistischen Werke [...] verkündeten als erste einen neuen geistigen Gehalt; die umwälzenden technischen, sozialen, industriellen, politischen Phänomene, die zahlreichen umorientierenden Perspektiven, die die moderne Psychologie zutage gefördert hatte, traten hier zum erstenmal anschaulich zusammengeballt hervor“11

2.2 Autoren – Vorbilder – Wirkung

Die meisten Naturalisten (wie z.B. Gerhart Hauptmann, Johannes Schlaf, Arno Holz, Conrad Alberti) waren Altersgenossen und in den frühen sechziger Jahren geboren worden. Sie entstammten mittelständischen Familien und wuchsen in der Provinz auf; erst später zogen sie in die Großstädte und den Zentren des Naturalismus, München und Berlin. Geprägt wurden sie durch das Dreiklassenwahlrecht, eine Staatsmacht, die sich entschieden auf die Seite der Besitzenden schlug, und die Partei, die sich für die Rechte der Armen einsetzen wollte und kurzerhand durch das Sozialistengesetz von 1878 verboten wurde. In der Schule beschäftigte man sich ausschließlich mit dem bürgerlichen Literaturkanon und vor allem mit Goethe, so entwickelte sich später ein Bedürfnis nach fremden Vorbildern, die der veränderten Zeit Rechnung trugen und nach der fortschrittlichen Literatur des Auslandes. Viele der Schriftsteller zog es zeitweise in das proletarisch-kleinbürgerliche Milieu Berlins, wo sie konkretes Anschauungsmaterial vorfanden und Studien für ihre literarischen Werke betreiben konnten. Die Stoffe des Naturalismus lagen sozusagen auf der Straße: Alkoholismus, Prostitution, Bettler, Selbstmörder, Degeneration, Ehekonflikte, Kinderarbeit, Armenkrankheiten, Maschinensklaventum usw.12

Die künstlerischen Anregungen zu dieser literarischen Revolution holten sich die Naturalisten weniger aus den Schriften von Marx und Engels, als aus der französischen, skandinavischen und russischen Literatur. So übernahmen die Autoren von Zola die Schärfe der naturalistischen Milieuschilderung, von Ibsen die Gesellschaftskritik und von Tolstoi den Bekennermut. Während sich bei Ibsen die Konflikte noch in der bürgerlichen Welt abspielen, erweitert sich das Weltbild von Zola bis in das Milieu der Kneipen, Bordelle, Markthallen und Vorstadtstraßen. Zwar gab es schon im Realismus der fünfziger Jahre Schilderungen kleinbürgerlicher Beschränktheit oder ländlicher Armut, jedoch erschienen diese Beschreibungen in einem idyllischen bzw. sentimentalen Licht.13

[...]


1 So der Berliner Polizeipräsident von Richthofen. Zit. in: Oskar Blumenthal, Verbotene Stücke. In: Deutsche Revue 25, 1900 S. 97ff, zitiert nach Schulz, S. 93

2 Vgl. Günther Mahal: Naturalismus. S. 10

3 ebd., 89

4 ebd., 41

5 ebd., 119

6 Dietger Pforte: Die deutsche Sozialdemokratie und die Naturalisten. S. 176

7 Vgl. Mahal, 85

8 Richard Hamann [u. a.]: Epochen deutscher Kultur von 1870 bis zur Gegenwart, S. 29

9 Vgl. Mahal, 127

10 Vgl. Hamann, 245

11 Egon Friedell in: Müller, Artur/Schlien, Hellmut (Hrsg.): Dramen des Naturalismus. Emsdetten 1962 zitiert nach Mahal, S. 19

12 Vgl. Mahal, 29ff

13 Vgl. Hamann, 21

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