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Erklärungsansätze zum Erstspracherwerb

Hausarbeit, 1992, 19 Seiten
Autor: Bernhard Tempel
Fach: Germanistik - Linguistik

Details

Veranstaltung: Einführung in die Psycholinguistik, Schwerpunkt Erstspracherwerb
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin (Fachbereich Germanistik)
Tags: Erklärungsansätze, Erstspracherwerb, Einführung, Psycholinguistik, Schwerpunkt, Erstspracherwerb
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 1992
Seiten: 19
Note: sehr gut
Literaturverzeichnis: ~ 5  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V38460
ISBN (E-Book): 978-3-638-37517-7

Dateigröße: 236 KB


Textauszug (computergeneriert)

Erklärungsansätze zum Erstspracherwerb

von: Bernhard Tempel

 


EINLEITUNG 4

DER KOGNITIVISTISCHE ERKLÄRUNGSANSATZ  5

DER INTERAKTIONISTISCHE ERKLÄRUNGSANSATZ  10

SCHLUßBEMERKUNGEN  17

LITERATURVERZEICHNIS  20


 

Einleitung

Hatte die historische Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts fast ausschließlich die Schriftsprachen europäischer Kulturvölker untersucht, befaßte sich der Anfang des 20. Jahrhunderts von de Saussure begründete Strukturalismus mit der Frage, wie die bereits ausgebildete Sprache als System von Zeichen aufgebaut sei und funktioniere. Die strukturelle Linguistik hatte sich um 1950 weitgehend durchgesetzt, und etwa zur gleichen Zeit begann die Psychologie sich für Sprache zu interessieren. Sie erkannte Sprache als Werkzeug des Menschen, mit seiner Umwelt umzugehen, und führte damit die funktionelle Sprachbetrachtung ein.

Eine Verbindung von Linguistik und Psychologie stellte Noam Chomsky Ende der 50er Jahre her, indem er fragte: "Welche Kenntnisse sind es, die dem Sprecher einer Sprache intuitiv gestatten, grammatisch richtige (wohlgeformte) Sätze von grammatisch falschen (nicht wohlgeformten) zu unterscheiden, auch wenn er den betreffenden Satz noch nie vorher gehört hat?"1 Diese Leitfrage bereitete vor, daß der Spracherwerb zum Forschungsgebiet der sich nun entwickelnden Psycholinguistik wurde. Chomsky selbst löste das Problem damals mit der Annahme von Regeln, die der Mensch unbewußt besitze und die schon angeboren sein müßten, damit kleine Kinder fähig seien, eine Sprache ohne bewußte Kenntnis ihrer grammatischen Regeln zu lernen.2

In der vorliegenden Arbeit sollen zwei mit Chomsky konkurrierende Ansätze zur Erklärung des Erstspracherwerbs vorgestellt werden. Es sind dies der sogenannte kognitivistische Ansatz Jean Piagets, der Spracherwerb als einen Teil in der Entwicklung der Intelligenz auffaßt, sowie die Theorie Jerome Bruners, die gemeinhin als interaktionistisch charakterisiert wird.

Der kognitivistische Erklärungsansatz 3

Der schweizerische Psychologe Jean Piaget hat zahlreiche Untersuchungen zur kognitiven Entwicklung des neugeborenen Kindes bis zum Erwachsenen durchgeführt und eine umfassende Theorie dazu geschaffen. Dem Erwerb der Sprache mißt Piaget in diesem Prozeß eine besondere Rolle zu, insofern er annimmt, daß sich die Ausbildung von Intelligenz und Sprache gegenseitig bedingen. Sein Erklärungsansatz des Spracherwerbs ist daher nicht ohne einen gewissen Überblick über seine Gedanken zur Psychologie des Kindes zu verstehen. Piaget teilt die gesamte Entwicklung bis zum kognitiv erwachsenen Menschen in vier große Perioden.

(1) Senso-motorische Periode 0 - 2 Jahre
(2) Präoperationale Periode 2 - 7 Jahre
(3) Periode der konkreten Operationen 7 - 11 Jahre
(4) Periode der formalen Operationen 11 - 16 Jahre

Schon von Beginn des Lebens an sieht Piaget Anzeichen für Intelligenz, die sich zunächst nur auf Wahrnehmungen und Bewegungen erstreckt. In der senso-motorischen Periode werden wichtige Grundlagen zur Ausbildung der semiotischen Funktion gelegt, die in der präoperationale Periode stattfindet, in der sich auch der Spracherwerb vollzieht. Daher sind für die vorliegende Darstellung von Piagets Spracherwerbstheorie nur die ersten beiden Stufen bis zum Alter von sieben Jahren von Bedeutung.

Ein grundlegender Gedanke Piagets ist der, daß sich beim Kind schon vor der Sprache Intelligenz beobachten läßt, und zwar in immer wiederkehrender Entwicklung. In der senso- motorischen Periode entwickeln sich aus Reflexen, z.B. dem Saug- oder Greifreflex, und spontanen Bewegungen im Laufe der ersten acht Monate Gewohnheiten, d.h. erworbene Verhaltensweisen, die den Beginn der Intelligenz markieren, sobald sie in einer bestimmten Absicht wiederholt werden. Bemerkenswert ist Piagets scharfe Abgrenzung gegenüber der behavioristischen Psychologie, die davon ausgeht, daß das Kind zahlreichen Reizen ausgesetzt ist, auf die es reagiert, wobei sich durch Kumulation dieser Erfahrungen Intelligenz entwickle. Piaget erweitert dieses einfache Reiz-Reaktions- Schema, indem er annimmt, daß der Organismus stets bestrebt sei, neue Reize an bereits bestehende Strukturen zu assimilieren. Dies zeige sich z.B. darin, daß ein Neugeborenes schon nach wenigen Tagen seinem Saugreflex sicherer nachgehe.

[...]


1 Hörmann (1981):3.

2 vgl. dazu Hörmann (1981) und Oksaar (1977), jeweils erstes Kapitel. Dort befindet sich eine ausführlichere Darstellung der Entstehung der Psycholinguistik.

3 Die folgenden Ausführungen stützen sich auf Piaget/Inhelder (1986), eine Zusammenfassung verschiedener Veröffentlichungen Piagets zur Intelligenzentwicklung von Kindern.


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