Genitiv - Verlust oder Rückwanderung? close

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Details

Institution/Hochschule: Uniwersytet Zielonogórski
Tags: Genitiv, Verlust, Rückwanderung
Kategorie: Wissenschaftlicher Aufsatz
Jahr: 2004
Seiten: 23
Note: 1-2
Literaturverzeichnis: ~ 26  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 295 KB
Archivnummer: V39366
ISBN (E-Book): 978-3-638-38152-9
Anmerkungen :
Es handelt sich um einen überarbeiteten und teilweise neu formulierten Auszug aus einer Examensarbeit zum Thema Genitiv, die von Ewa Strzalkowska an der Universität Zielona Gora vorgelegt und von Sabine Walther-Vuskans für die Veröffentlichung bearbeitet wurde. Die Arbeit wurde in Polen mit einer 4 benotet - die beste Zensur ist dort eine 5.

Textauszug (computergeneriert)

Genitiv - Verlust oder Rückwanderung?

von: Sabine Walther-Vuskans und Ewa Strzalkowska

 


Inhalt

I. Thesen zum Genitivschwund und Methodik der vorliegenden Untersuchung

I.1 Quantität

a) Literatur
b) Journalismus
c) gesprochene Sprache

I.2 Qualität

a) Literatur
b) Journalismus
c) gesprochene Sprache

II. Charakteristika des GA: Durativität und relationale Bestimmtheit

a) Durativität
b) Relationale Bestimmtheit

Literaturverzeichnis

Anhang


 

Genitiv – Verlust oder Rückwanderung?

1. Thesen zum Genitivschwund und Methodik der vorliegenden Untersuchung Die meisten Studien1 über den historischen oder den gegenwärtigen Genitivgebrauch behaupten für den Objektsgenitiv (OG) einen „Schwund“, relativieren diese Schwundthese dann aber im Hinblick auf eine generelle Zunahme der Verwendung des Genitivattributs in der Gegenwartssprache. In diesem Beitrag sollen beide Thesen modifiziert werden, indem der historisch belegte Rückgang des OG in einen Zusammenhang gebracht wird mit der – in manchen Bereichen zu beobachtenden – zunehmenden Verwendung von Genitivattributen. Da die „Schwund“-These in Bezug auf den OG hinreichend belegt ist, verzichten wir in diesem Beitrag auf eine erneute Darstellung und konzentrieren uns zunächst auf die Verwendung des Genitivattributs (GA) in der Gegenwartssprache. Wir gehen von folgenden Beobachtungen aus, die zugleich unsere Vorgehensweise bestimmen: 1. Eine quantitative Zunahme des GA lässt sich nicht für alle sprachlichen Bereiche gleichermaßen postulieren. Daher müssen bei der Analyse zunächst gesprochene Sprache und Schriftsprache gegeneinander abgegrenzt werden; es müssen des Weiteren innerhalb der gesprochenen Sprache Bildungs niveau der Sprecher sowie Redeanlässe unterschieden werden; für die Schriftsprache müssen textsortenspezifische Unterscheidungen vorgenommen werden. 2. Lässt sich auch nicht behaupten, dass in allen sprachlichen Bereichen gleichermaßen eine Zunahme der Verwendung von GA zu beobachten ist, so kann man doch formulieren, dass das Attribut zu den häufigsten Erscheinungsformen des Genitivs in der Gegenwartssprache gehört. Analysiert man dessen Verwendung aber nicht allein im Hinblick auf Quantität, sondern auch auf semantische Qualität bzw. Funktion, so wird deutlich, dass das Attribut charakteristische Merkmale zeigt, die den historischen OG auszeichneten; daher lässt sich unseres Erachtens eher von einer Rückwanderung als von einem Schwund sprechen.

Das Material, an dem wir diese Thesen überprüft haben, rechtfertigt aufgrund seines geringen Umfangs sicher noch keine Behauptung der Repräsentativität; es soll uns aber als stichprobenartige Modifizierung bisher geäußerter Thesen dienen und zu einem erneuten Hinterfragen ermutigen. Für den Bereich „gesprochene Sprache“ wurden von uns vor allem spontane Redebeiträge von Talk-Show-Gästen ausgewertet. Um zwischen verschiedenen Bildungshintergründen der Sprecher unterscheiden zu können entschieden wir uns für drei Sparten: a) Talkshows, die den Charakter von „Events“ tragen, in denen es vor allem um persönliche/private Geschichten geht und in denen i.d.R. Personen auftreten, die sich der Umgangssprache bedienen (z.B. Oliver-Geissen-Show); b) Talk-Shows, in denen Kulturschaffende im weitesten Sinne auftraten (Menschen bei Maischberger); c) Talk-Shows, in denen Politiker und führende Personen der deutschen Wirtschaft auftraten (Menschen bei Maischberger).

Für den Bereich „Schriftsprache“ unterschieden wir zwischen literarischer und journalistischer (Fach-)Sprache. Für die Auswertung der literarischen Sprache wählten wir einen diachronen Vergleich indem wir a) Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther(s)“ aus dem Jahre 1774 und b) Maxim Billers Roman „Esra“ aus dem Jahre 2003 auswerteten. Für die Auswertung der journalistischen Sprache bedienten wir uns a) der überregionalen „Bild-Zeitung“, b) der regionalen Tages-Zeitung „Weser-Kurier“ und c) der Wochenzeitung „Die Zeit“.2 Im Folgenden soll nun zunächst dargestellt werden, zu welchen quantitativen Ergebnissen wir in Bezug auf die Verwendung des GA gelangten; im Anschluss werden wir nach der Qualität fragen, was hier bedeutet, nach der stilistischen und semantischen Funktion des GA im Belegmaterial; abschließend werden wir dann beide Ergebnisbereiche in Bezug auf die oben formulierten Ausgangsthesen zusammenführen.

I.1 Quantität

a) Literatur

Obwohl Billers Roman der umfangreichere ist, tauchen im Vergleich zu Goethes Roman (410) etwa 25 % weniger GA (303) auf. 3 Bei Goethe zeigen sich Häufungen attributiver Verwendungen des Genitivs vor allem dort, wo sein Protagonist ins Schwärmen gerät oder sich besonders ereifert; so z.B. im Brief vom 12. August, in dem er im Streitgespräch mit Albert den Selbstmord als „Krankheit zum Tode“ verteidigt (17 Attribute).4 Die größte Zahl an GA verwendet er jedoch in den Passagen, in denen er aus seiner „Ossian“-Übersetzung zitiert. So z.B. auf den Seiten 104 (18 Attribute) und 106 (17 Attribute). In einer zweiten wichtigen Funktion, die das GA sowohl bei Goethe als auch bei Biller übernimmt, lässt sich den Wendungen ein adverbialer Charakter zusprechen, das heißt, es werden Zeiten, Orte oder Zahlenverhältnisse benannt, die bestimmt oder unbestimmt sein können.5 Beide Autoren verwenden solche Attribute in fast gleicher Anzahl (Goethe: 67, Biller 69 Belege). Bezogen auf die Gesamtzahl der Attribute machen solche adverbialen Wendungen bei Goethe rd. 16,3 % aus, bei Biller sind es rd. 23 %, sodass sich hierin eine wesentliche Funktion des GA erkennen lässt.

Ein bedeutender Unterschied zwischen Goethe und Biller zeigt sich dagegen in der Zahl der GA, die im Kopfteil ein nominalisiertes Verb enthalten. Prozentual gesehen ergibt sich für Goethe ein Anteil von 20% und für Biller ein Anteil von 27%. Anders verhält es sich in Bezug auf die Zahl der Attribute, bei denen im Kopfteil ein substantiviertes Adjektiv erscheint; hier sind bei Goethe 39 Belege zu finden, bei Biller sind es nur 10; prozentual gesehen (also im Hinblick auf die Gesamtzahl der Attribute) ist der Anteil bei Goethe mit 0,95% höher als bei Biller mit 0,33 %.

[...]


1 So z.B. Behaghel (1886), Kolvenbach (1973), Lauterbach (1991/93),

2 Genauere Angaben sowie Tabellen über das vorgefundene Material finden sich im Anhang

3 Eine Auflistung der Einzelbelege findet sich im Anhang.

4 A.a.O., S. 49/50

5 Z.B.: Biller: Sekunde seines Lebens, S.17, Teil der Stadt, S.21, Menge kleiner Geschäfte, S.21, Bar des Waldorf Astoria, S.25; Goethe: Teil der Zeit, S.10f, alle Stunden seines Tages, S.16, auf beiden Seiten des Ufers, S.16, Orte der Lustbarkeit, S.19.

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