Der Nationalismus in Québec

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Details
Autor: Arne Friedemann
Fach: Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur
Veranstaltung: PS II La France et la Francophonie
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin (Institut für Romanische Philologie)
Jahr: 2005
Seiten: 21
Note: Sehr gut
Literaturverzeichnis: ~ 14 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 405 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-38798-9
Die Einwohner der kanadischen Provinz Québec sind die größte frankophone Gemeinde Nordamerikas. Doch obwohl es der Provinz wirtschaftlich sehr gut geht und die französische Sprache in ihrem Bestand umfassend geschützt wird, gibt es seit langem separatistische Tendenzen. Diese Arbeit untersucht die historischen Ursprünge des Nationalismus in Québec und bewertet die Aussichten für eine künftige Eigenstaatlichkeit der Provinz.
Textauszug (computergeneriert)
Der Nationalismus in Québec
von: Arne Friedemann
7. Semester
INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung 4
1. Was ist Nationalismus? 4
2. Die Grundlagen des Québecer Nationalismus 8
2.1. Die Anfänge 8
2.2. La conquête 8
2.3. Die verpasste Revolution 9
2.4. Das Dominion of Canada 10
2.5. Die kanadische Vernunftehe 11
3. Der Québecer Nationalismus nach 1960 13
3.1. Die Révolution tranquille 13
3.2. Der Parti Québécois 14
3.3. Die Sprachpolitik 15
4. Der Québecer Nationalismus heute 16
4.1. Kritik des Québecer Nationalismus 19
Schlussbemerkung 20
Literatur 22
EINLEITUNG
«Être un peuple minoritaire dans une fédération, c′est être un peuple annexé.»1 – dieses Zitat des Historikers Maurice Séguin kann als exemplarisch für den heutigen Nationalismus in der kanadischen Provinz Québec gelten. Dabei verfügt der Nationalismus in Québec über wahrlich breiten Rückhalt in der Bevölkerung. So wäre es 1995 beinahe zu einem Austritt Québecs aus der kanadischen Föderation gekommen; damals sprachen sich immerhin 49,4% der Wahlberechtigten in einem Referendum für die Unabhängigkeit der frankophonen Provinz aus.2
Das Ergebnis dieses Referendums zeigt die ungebrochene Aktualität des Nationalismus in Québec, der in dieser Arbeit thematisiert werden soll. Dabei wollen wir zwecks Begriffsklärung in einem ersten Schritt versuchen, uns dem Phänomen "Nationalismus" theoretisch anzunähern. Das ist schon deshalb erforderlich, weil Begriffe wie "Nationalismus", "Nationalist", "nationalistisch" durch ihren häufigen Gebrauch im öffentlichen Diskurs stark verwässert sind und insbesondere im Deutschen eine stark negative Konnotation aufweisen. Im Gegensatz zu diesem populären Gebrauch werden sie in der vorliegenden Arbeit als objektive wissenschaftliche Begriffe verwendet. Dementsprechend sollen die Eigenheiten des Québecer Nationalismus anhand des begrifflichen Instrumentariums der Nationalismus-Theorie erarbeitet werden. Dabei liegt der Schwerpunkt der Betrachtung auf dem Zeitraum von etwa 1970 bis zur Gegenwart – mithin auf der Periode, in der der Québecer Nationalismus seine stärkste politische Bedeutung entfaltet hat. Gezeigt werden soll, was die Québécois mit anderen nationalistischen Bewegungen auf der Welt verbindet und wo die Besonderheiten dieses Nationalismus liegen, eines Nationalismus, dessen separatistische Tendenzen für den kanadischen Bundesstaat manche Zerreißprobe bedeutet haben. Gefragt werden soll schließlich auch, ob eine Unabhängigkeit Québecs in naher Zukunft wahrscheinlich ist – und inwieweit das nationalstaatliche Projekt den Interessen der dortigen Bevölkerung überhaupt entgegenkommt.
1. WAS IST NATIONALISMUS?
Nationalismus ist eine Ideologie, die für die Deckungsgleichheit von staatlichen und kulturellen Einheiten plädiert. Anders ausgedrückt: Der Nationalismus tendiert zum Nationalstaat.3 Was aber ist eine "Nation"? Zu dieser Frage hat Benedict Anderson eine überzeugende Definition eingeführt, indem er Nationen als "vorgestellte Gemeinschaften" (imagined communities) bezeichnet.4 Denn ganz gleich, auf welcher Grundlage sich eine Nation definiert – sei es Kultur, Sprache, Geschichte, Religion – entscheidend ist immer der Glaube der Mitglieder der Nation, dass sie infolge der genannten Faktoren eine Gemeinschaft bilden würden und dementsprechend auch gleiche Interessen hätten. Dieses Konzept hat mit der Wirklichkeit nur wenig gemein. Denn tatsächlich ist es so, dass die Mitglieder einer Nation einander in der Regel gar nicht kennen und dass sie auch nur selten übereinstimmende Interessen haben; statt dessen stehen sie in Bezug auf die meisten materiellen und ideellen Güter dieser Welt in Konkurrenz zueinander. Was nun die gemeinsame Kultur betrifft, die die Mitglieder der meisten Nationen für sich in Anspruch nehmen, so hält auch diese einer kritischen Überprüfung nicht stand. Nehmen wir einmal die deutsche Nation als Beispiel. Von einer einheitlichen Kultur der Deutschen kann gewiss keine Rede sein: Wo Menschen im Rheinland begeistert Karneval feiern, erfüllt diese Vorstellung Menschen in Norddeutschland mit Grausen, wo Ostdeutsche sich bei fast jeder Begrüßung die Hände schütteln, ist dies in Westdeutschland nur in formellen Zusammenhängen üblich. Auch die Sprache der Deutschen ist heterogen; sie zerfällt in eine Vielzahl von Dialekten und Soziolekten, ganz zu schweigen von denjenigen Deutschen, die, wie viele Russlanddeutsche, nicht einmal Deutsch sprechen können. Was die Religion betrifft, so gibt es Katholiken, Protestanten, Juden und viele andere Glaubensgemeinschaften – abgesehen von der Tatsache, dass die Religiosität sich in der deutschen Gesellschaft ohnehin auf dem Rückmarsch befindet. Wie man es auch dreht und wendet, das einzige objektive Merkmal, das die Mitglieder einer Nation wirklich verbindet, bleibt der gemeinsame Glaube an die Existenz dieser Nation. In diesem Sinne ist Andersons Definition als imagined communities wirklich als geglückt anzusehen.
Nationalismus ist ein, menschheitsgeschichtlich gesehen, relativ junges Phänomen, dessen Anfänge ungefähr mit Beginn der französischen Revolution angesetzt werden können. Wir haben hier, in Frankreich, den eher seltenen Fall, dass ein Nationalismus einen schon bestehenden Staat sozusagen von innen her in Beschlag nahm. Für die 200 folgenden Jahre lassen sich drei geschichtliche Phasen unterscheiden, in denen Nationalismen auf verschiedene Weisen neue Nationalstaaten hervorbrachten5:
1. Eine liberale Phase im 19. Jahrhundert. Hier ging es um die Zusammenfassung von Territorien, in die sich eine Nation zersplittert sah. Prominente Beispiele für diese Phase sind die Gründungen der Republik Italien und des Deutschen Reichs.
2. Eine Phase der Entkolonialisierung (bis etwa 1950): Hier entstanden neue Nationalstaaten durch Loslösung eines Gebietes vom entfernt gelegenen "Mutterland". Beispiele hierfür sind Staaten wie Algerien, die Elfenbeinküste, Rhodesien, Vietnam – aber auch Kanada.6
3. Schließlich gibt es den aktuellen Nationalismus. Dieser schafft neue Staaten ausschließlich durch Abspaltung von Territorien von bestehenden staatlichen Einheiten. In diesem Sinne könnte man auch von "destruktivem Nationalismus" sprechen. Beispiele hierfür sind die Nachfolgestaaten der Sowjetunion und Jugoslawiens, deren Nationen zumeist – wie etwa die ukrainische – noch nie einen eigenen Staat hatten.
Angesichts der relativen Jugend des Phänomens Nationalismus muss auf einen weiteren Irrtum der Nationalisten hingewiesen werden. Denn obwohl diese Ideologie erst gut 200 Jahre alt ist, neigen ihre Verfechter in der Regel dazu, ihrer jeweiligen Nation eine uralte Geschichte anzudichten.7 Um beim Beispiel Deutschland zu bleiben: Obwohl die deutsche Nation frühestens mit den Befreiungskriegen gegen Napoleon (also um 1813) in Erscheinung getreten ist, haben Schüler vieler Generationen gelernt, den fränkischen Herrscher Karl den Großen als "deutschen" Kaiser zu sehen. Dahinter steckte die irrige Annahme, die deutsche Nation sei schon um das Jahr 800 herum präsent gewesen.
[...]
1 Séguin, Maurice L′idée d′indépendance au Québec, Montréal 1977, 9.
2 Zit. n. <http://pages.infinit.net/histoire/referd95.html>. Siehe auch Abschnitt XY.
3 Vergl. Gellner, Ernest Nationalismus : Kultur und Macht, Berlin 1999, 19f.
4 Anderson, Benedict R. Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt/Main 1996, 10.
5 Vergl. Hobsbawm, Eric Nationen und Nationalismus : Mythos und Realität seit 1870, Frankfurt 1992, 194.
6 Vergl. die Abschnitte 2.4. und 2.5.
7 Vergl. Gellner, 147ff.
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