Die Kindesvernachlässigung in den ersten Lebensjahren - Erscheinungsformen, Auswirkungen und sozialpädagogische Hilfs- & Interventionsmöglichkeiten

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Details
Autor: Claudia Lüttig
Fach: Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Institution/Hochschule: Fachhochschule Düsseldorf
Jahr: 2004
Seiten: 156
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 78 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 880 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-38898-6
Textauszug (computergeneriert)
FACHHOCHSCHULE DÜSSELDORF
Fachbereich Sozialpädagogik
Die Kindesvernachlässigung in den ersten Lebensjahren
Erscheinungsformen, Auswirkungen und sozialpädagogische
Hilfs- & Interventionsmöglichkeiten
Diplomarbeit
zur Diplomprüfung an der Fachhochschule Düsseldorf
vorgelegt von:
Claudia Lüttig
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 1
2 Was ist Kindesvernachlässigung? Eingrenzung und Begriffsdefinition
2.1 Die ,,Kindesmisshandlung“ als übergeordnetes Konstrukt zur Erfassung verschiedenster Gewalthandlungen an Kindern ... 4
2.1.1 Die körperliche Misshandlung ... 9
2.1.2 Die sexuelle Misshandlung ... 13
2.1.3 Die emotionale/psychische Misshandlung ... 15
2.2 Die Vernachlässigung von Kindern ... 17
2.2.1 Die Spezifika der Vernachlässigung in Abgrenzung zu anderen Gewaltformen
2.2.2 Definitionen zur Erfassung der Vernachlässigung ... 19
3 Kindliche Lebensbedürfnisse und elterliche Fähigkeiten
3.1 Kindliche Grundbedürfnisse ... 24
3.2 Kindliche Bedürfnisse aus der Sicht der Bindungstheorie ... 30
3.3 Notwendige elterliche Fähigkeiten und elterliches Verhalten in Vernachlässigungsfamilien ... 34
4 Die Formen und Erscheinung der Vernachlässigung
4.1 Die Formen der Vernachlässigung ... 37
4.2 Die Erscheinungen und Erkennungsmerkmale der Vernachlässigung ... 39
4.3 Vorkommenshäufigkeiten der Vernachlässigung von Kindern ... 42
5 Folgen von Bedürfnisrestriktion und Vernachlässigung
5.1 Allgemeine Kriterien zu den Auswirkungen der Vernachlässigung ... 46
5.2 Ergebnisse der Forschung zu den Auswirkungen ... 48
5.2.1 Die Mannheimer Risiko-Kinder-Studie
5.2.2 Die Deprivations- und Hospitalismusforschung nach Rene Spitz ... 49
5.2.3 Weitere Ergebnisse zu den Auswirkungen der Vernachlässigung ... 51
5.3 Die Auswirkungen auf Bindungsqualitäten und Bindungsmuster ... 52
5.4 Zusammenfassung der Auswirkungen auf den relevanten kindlichen Entwicklungsebenen ... 56
6 Ursachen der Vernachlässigung und mögliche Risikofaktoren
6.1 Überlegungen zum Zusammenhang von Armut und Vernachlässigung ... 57
6.2 Das Konzept der Risikofaktoren ... 60
7 Merkmale von Vernachlässigungsfamilien
7.1 Struktur und Dynamik von Vernachlässigungsfamilien ... 63
7.2 Innerfamiliäre Beziehungsmuster in Vernachlässigungsfamilien ... 65
7.3 Überlegungen zu den Persönlichkeitsstrukturen der vernachlässigenden Eltern ... 67
8 Ein Exkurs in die Praxis: Die Entwicklung einer Kindesvernachlässigung in der Familie W.
8.1 Entwicklungsverlauf und Situationsbeschreibung ... 68
8.2 Rückführung der theoretisch relevanten Aspekte auf das Praxisbeispiel ... 70
8.2.1 Zur zugrunde gelegten Definition
8.2.2 Die Bedürfnisrestriktionen der Kinder in Bezug auf die Bedürfnispyramide ... 71
8.2.3 Die Auswirkungen und Folgen der Vernachlässigung auf die Kinder ... 73
8.2.4 Risikofaktoren in der Lebenslage der Familie W. ... 74
9 Auftrag und Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe im Kontext der Vernachlässigung
9.1 Allgemeine rechtliche Grundlagen für Hilfe und Eingriff ... 76
9.2 Der allgemeine Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe und die Funktion des ASD ... 79
10 Sozialpädagogische Hilfsmöglichkeiten für Vernachlässigungsfamilien im Rahmen des Hilfeprozesses auf der Grundlage des SGB VIII ... 81
10.1 Die Hilfen zur Erziehung nach den §§ 27 – 35 SGB VIII ... 82
10.1.1 Zum § 27 SGB VIII ,,Hilfe zur Erziehung“
10.1.2 Die Erziehungsbeistandschaft nach § 30 SGB VIII ... 84
10.1.3 Die sozialpädagogische Familienhilfe nach § 31 SGB VIII ... 85
10.1.4 Die Erziehung in einer Tagesgruppe nach § 32 SGB VIII ... 89
10.1.5 Die Vollzeitpflege nach § 33 SGB VIII ... 91
10.1.6 Die Heimerziehung nach § 34 SGB VIII ... 93
10.2 Hilfeplanung und Hilfeplanverfahren bei den Hilfen zur Erziehung nach § 36 ... 96
10.3 Praxisbeispiel: Ein Hilfeplan der Familie W. für das Kind Sandra ... 97
11 Sozialpädagogische Interventionsmöglichkeiten bei einer Gefährdung des Kindeswohls durch die familiäre Kindesvernachlässigung
11.1 Die Inobhutnahme und Herausnahme eines Kindes nach den §§ 42 und 43 SGB VIII ... 99
11.2 Maßnahmen zur Sicherung des Kindeswohls nach § 1666 BGB ... 102
11.3 Reflexion über Kriseninterventionsmaßnahmen und Hilfewahl in der Familie W. ... 104
12 Aspekte zum fachlich - methodischem Vorgehen im Hilfeprozess
12.1 Prinzipien der Hilfe ... 107
12.2 Der Umgang mit Meldungen und meldenden Personen ... 108
12.3 Die Kontaktaufnahme zu der Familie ... 112
12.4 Das Erstgespräch ... 114
12.5 Sozialpädagogische Deutungsprozesse: Zur Risikoeinschätzung der Kindeswohlgefährdung bei der Vernachlässigung ... 119
12.6 Übersicht zum Vorgehen und zum Entscheidungsprozess über Hilfe und Intervention nach einer Meldung ... 123
13 Problemfelder in der sozialpädagogischen Arbeit mit Vernachlässigungsfamilien und Konsequenzen für Hilfen und Helfer
13.1 Zugangsschwierigkeiten im Kontext der Vernachlässigung von Kindern ... 124
13.2 Problemfelder in der Hilfebeziehung ... 125
13.3 Konsequenzen für die Hilfestrategien ... 130
14 Fachlich – methodisches Vorgehen in der Arbeit mit Vernachlässigungsfamilien anhand eines ausgewählten Praxismodells ... 132
15 Schlussbetrachtung und sozialpädagogische Relevanz ... 139
Literaturverzeichnis ... 141
Anhang ... 149
1 Einleitung
Gewalt gegen Kinder ist wohl eine der schlimmsten Erscheinungen unserer Gesellschaft und löst bei den meisten Menschen ein Gefühl des Unverständnisses für die Eltern und des Mitleids für die Kinder aus. In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit einer ganz besonderen Form der Gewalt an Kindern beschäftigen: Die Vernachlässigung von Kindern in den ersten Lebensjahren. Mein fachliches Interesse zur Bearbeitung dieses Themas hat sich einerseits in meiner Praktikumszeit beim Jugendamt der Stadt Oberhausen entwickelt. Hier konnte ich in der Arbeit beim allgemeinen sozialen Dienst verschiedene Familien kennenlernen, in denen Vernachlässigungsproblematiken vorlagen, die in einigen Fällen durch angebotene Hilfen kompensiert wurden, aber auch Familien, in denen sich aktuell eine krisenhafte Zuspitzung einer Vernachlässigungssituation abzeichnete. Ferner konnte ich nach meinem Praktikum bei der Stadt Oberhausen auch ein Kind, das aus einer Vernachlässigungsfamilie kam, durch eine Beschäftigung als Betreuungshelferin weiter begleiten.
Andererseits hat sich mein Interesse im Rahmen eines Seminars zum Thema Gewalt gegen Kinder an der Fachhochschule Düsseldorf entwickelt, in dem ich mich vorab schon auf einer fachlich-theoretischen Ebene mit dem Phänomen der Kindesvernachlässigung auseinandersetzen konnte.
Die Kindesvernachlässigung ist im Gegensatz zu anderen Gewalthandlungen an Kindern, wie der körperlichen Misshandlung oder dem sexuellen Missbrauch, ein eher unspektakuläres und wenig medientaugliches Geschehen; ein schleichender Prozess, der sich still und heimlich, meist im engsten familiären Nahraum, vollzieht. Aufgrund der relativen Unsichtbarkeit dieses Phänomens wurde die Vernachlässigung lange Zeit auch in der Fachdiskussion der Jugendhilfe geradezu vernachlässigt.
In der Praxis der sozialen Arbeit können SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen nahezu in jedem Arbeitsfeld den Erscheinungsformen der Kindesvernachlässigung begegnen. Die Schwierigkeit liegt jedoch nicht zuletzt darin, die Vernachlässigung zunächst einmal wahrzunehmen, zu erkennen und die Situation angemessen zu beurteilen, um infolge dessen angemessen zu handeln und adäquate Hilfsangebote einzuleiten. Professionelle Helfer sind in der Konfrontation mit einem solchen Geschehen dazu aufgefordert Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen in ihrer individuellen und subjektiven sozialen Lebenswirklichkeit zu verstehen und ihnen angemessene Hilfsangebote zu unterbreiten, um die Vernachlässigungssituation für die Kinder, durch die Stärkung der Erziehungspersonen, zu kompensieren und ihnen somit das Recht auf ihre Eltern, sowie auf ihre freie Entwicklung zu gewährleisten.
Um einen Zugang zu dem Problemfeld der Kindesvernachlässigung zu erlangen, muss man dieses Phänomen verstehen. Um die Kindesvernachlässigung jedoch zu verstehen, reichen lineare oder monokausale Erklärungen nicht aus. Sie sind in der Familie als soziale Sinnkonstruktionen zu verstehen und kommen häufig erst durch komplexe Prozesse in meist unausgesprochen ungünstigen Lebenslagen zustande.
Zunächst möchte ich mich im ersten Teil meiner Ausarbeitung dem allgemeinen Konstrukt der Kindesmisshandlung nähern, um anhand der separaten Darstellung verschiedener Gewalthandlungen an Kindern, die Spezifika und Besonderheiten der Vernachlässigung herauszustellen. Durch diese Abgrenzung soll ein eigener Zugang zu dem Phänomen der Kindesvernachlässigung geschaffen werden. Die Erörterung der einzelnen Misshandlungsformen scheint mir auch von grosser Bedeutung, da die Vernachlässigung nicht selten in Kombination mit anderen misshandelnden Verhaltensweisen vorkommt. Durch die vergleichende Darstellung verschiedener Definitionen der Vernachlässigung werde ich daraufhin versuchen, ein angemessenes Verständnis dieses Phänomens als Grundlage für die Ausgestaltung der Arbeit herauszustellen.
Im dritten Kapitel der Arbeit widme ich mich der Ausarbeitung grundlegender Bedürfnisse von Kindern aus entwicklungspsychologischer und bindungstheoretischer Sicht, um zu zeigen, was Kinder in der heutigen Zeit für eine gesunde körperliche und seelische Entwicklung benötigen und unter welchen Voraussetzungen diese gelingen kann. Im Rahmen dessen werde ich mich auch mit elterlichen Fähigkeiten und Verhaltensweisen beschäftigen, die bedeutsam sind, um diese kindlichen Entwicklungsbedürfnisse erfüllen zu können. In diesem Zusammenhang werde ich ebenfalls das elterliche Verhalten in Vernachlässigungsfamilien beschreiben.
Daraufhin werde ich im vierten Kapitel der Arbeit, die Formen der Kindesvernachlässigung und ihre Erscheinung im Alltag näher beschreiben. Dies halte ich für sehr bedeutsam, da die Vernachlässigung, je nach den Umständen des individuellen Lebenskontextes, in verschiedenen Bereichen der kindlichen Lebensbedürfnisse bestehen kann und auch in unterschiedlicher Intensität auftreten kann. Demzufolge sieht die Erscheinung der kindlichen Deprivation im individuellen Kontext sehr unterschiedlich aus.
Im fünften Kapitel werde ich die möglichen Auswirkungen und Folgen für die Kinder, die schon frühzeitig solche Deprivationserfahrungen machen müssen, näher beschreiben. Im sechsten Kapitel sollen nunmehr die Familien, in denen die kindliche Vernachlässigung häufig vorkommt, in den Blick genommen werden und deren besondere Merkmale, Beziehungsmuster und Persönlichkeitsstrukturen erörtert werden.
Im darauffolgenden siebten Kapitel möchte ich der Frage nachgehen, welche Ursachen die Vernachlässigung von Kindern hat bzw. unter welchen Umständen sich eine solche Deprivationslage für diese Kinder entwickeln kann und welche Faktoren in der individuellen Lebenswelt einer Familie dazu beitragen können.
Den zweiten Teil der Arbeit, der sich vor allem mit sozialpädagogischen Hilfs- und Interventionsmöglichkeiten beschäftigt, werde ich im achten Kapitel mit der Darstellung eines Praxisbeispieles beginnen, indem die Entwicklung einer Vernachlässigungssituation in einer Multiproblemfamilie beschrieben wird. Infolge dessen werde ich die zuvor erarbeiteten theoretischen Aspekte auf das Praxisbeispiel zurückführen.
Im neunten Kapitel sollen daraufhin allgemeine rechtliche Grundlagen bezüglich Hilfe und Intervention, sowie der Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe im Kontext der Kindesvernachlässigung erörtert werden, um daraufhin im zehnten Kapitel die ,,Hilfen zur Erziehung“ als primäre Angebote für Familien, in denen Kinder vernachlässigt werden, darzustellen.
In Kapitel elf möchte ich die Möglichkeiten der Intervention und Eingriffe, die notwendig sind, wenn die Familie mit öffentlichen und erzieherischen Hilfen nicht mehr erreicht werden können und der Kinderschutz gesichert werden muss, näher erläutern, um auf dieser Grundlage im zwölften Kapitel einige Aspekte zum fachlich-methodischen Vorgehen im Hilfeprozess darzustellen, die das Verfahren im Jugendamt bzw. im Kinderschutz-Zentrum nach dem Eingang einer ,,Meldung“ skizzieren sollen.
Im dreizehnten Kapitel werde ich mich mit den Problemfeldern, die sich besonders in der Arbeit mit Multiproblemfamilien zeigen, beschäftigen und im Zuge dessen die Konsequenzen darstellen, die sich in dieser Folge für die Hilfestrategien ergeben sollten.
Zum Schluß der Arbeit werde ich in Kapitel vierzehn eines der bislang wenigen Konzepte, das sich in der Arbeit mit Vernachlässigungsfamilien entwickelt hat, näher erläutern.
Nach Abschluß der Arbeit sollte ein umfassendes Verständnis der Erscheinungsformen und Auswirkungen der Vernachlässigung sowie deren zugrunde liegenden Bedingungen entstanden sein, damit sich auf dieser theoretischen Basis ein angemessenes Fallverständnis hinsichtlich der Kindesvernachlässigung und den Vernachlässigungsfamilien entwickeln kann. Darüber hinaus ist es mir wichtig, dass im Laufe der Ausarbeitung, die Hilfs- und Interventionsmöglichkeiten umfassend dargestellt sind und ein Eindruck von der praktischen Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe unter Berücksichtigung der gesetzlichen Grundlagen entsteht.
2 Was ist Kindesvernachlässigung?
Eingrenzung und Begriffsdefinition Die Kindesvernachlässigung wird auch in der Fachliteratur noch sehr häufig unter dem eher allgemeinen, übergeordneten Begriff der Kindesmisshandlung zusammengefaßt, obwohl die Problematik dieses Phänomens sowohl auf der fachtheoretischen Ebene und mehr noch auf der fachpraktischen Ebene, also in der Realität der Praxis von SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen, als besondere Erscheinung präsent ist. Dies führt dazu, dass ein eigener spezieller Zugang zu dem Problemfeld der Vernachlässigung von Kindern weitestgehend fehlt bzw. noch sehr unterentwickelt ist. Scheinbar kommen Formen der Vernachlässigung, im Gegensatz zu anderen Misshandlungserscheinungen, wesentlich häufiger vor und machen somit den größeren Anteil der im Jugendamt bekannten Misshandlungsfälle aus. Fachleute schätzen den Anteil der Kinder, die in Deutschland in einem entwicklungsschädigendem Milieu der Vernachlässigung aufwachsen auf 5 - 10%, was die Brisanz und Präsenz dieses Phänomens verdeutlicht.1 Um so notwendiger scheint es, einen eigenen Zugang zu dieser Problematik zu konstruieren.
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1 Esser, G.: Ablehnung und Vernachlässigung von Säuglingen. In: Zenz, W.; Bächer, K.; Blum-Maurice, R. (Hrsg.): Die vergessenen Kinder. Vernachlässigung, Armut und Unterversorgung in Deutschland. Köln: PapyRossa 2002, S. 103
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