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Details

Veranstaltung: Hauptseminar Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten
Institution/Hochschule: Technische Universität Dresden (Zeitgeschichte)
Tags: Vertreibung, Sudetendeutschen, Tschechoslowakei, Hauptseminar, Vertreibung, Deutschen, Osten
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 28
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 16  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 281 KB
Archivnummer: V40785
ISBN (E-Book): 978-3-638-39215-0

Textauszug (computergeneriert)

Technische Universität Dresden
Philosophische Fakultät, Institut für Geschichte
Hauptseminar: Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten
8. Semester

Zur Vertreibung der Sudetendeutschen
aus der Tschechoslowakei

von: Sven Hacker

 


Inhalt

Einleitung S. 3

I Nationalismus und Nationalitätenkonflikte S. 4

II Die Sudetendeutsche Minderheit in der Tschechoslowakei S. 8

III Die Entwicklung der Pläne zum Transfer der Sudetendeutschen S. 13

1. Die Planungen der tschechoslowakischen Exilregierung S. 13
2. Die Positionen der Alliierten S. 18
3. Die Haltung der KPTsch S. 21

IV Die Dynamisierung bis zur Potsdamer Konferenz S. 23

V Zusammenfassung S. 26

Literaturverzeichnis S. 28

 


 

Einleitung

„Dieser Mann [...] ist im Londoner Exil zum Symbol des tschechischen Kampfes gegen den Nationalsozialismus und unserer demokratischen Tradition geworden; zu dem, was De Gaulle für die Franzosen und Königin Wilhelmine für die Niederländer oder auch Churchill für die Briten war.“1 So beschrieb Václav Havel 1992 den tschechoslowakischen Politiker Edvard Bene(?).

Diese Beschreibung lässt aufhorchen, ist der Name Bene(?) doch aufs Engste mit der tragischen Vertreibung Hunderttausender Sudetendeutscher verknüpft; sudetendeutschen Vertriebene nverbänden gilt er gar als der „Austreiber-Präsident“. 2 In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, wie es zu der brutalen Vertreibung einer ganzen Bevölkerungsgruppe aus ihrer Heimat kommen konnte. Dabei soll auch nach der Rolle Edvard Bene(?)` gefragt werden. Wie konnte ein, nach Havels Ansicht, so überzeugter Demokrat zu einem Befürworter radikaler Bevölkerungstransfers werden? Bei genauerer Betrachtung der Vertreibungsproblematik kommt man zu dem Ergebnis, dass die These von Bene(?) als dem Hauptverantwortlichen und „Vater des Vertreibungsgedankens“ nicht haltbar ist. Vielmehr muss eine ganze Anzahl von Faktoren Beachtung finden: Die Idee der Konfliktprävention durch Aussiedlung ethnischer Minderheiten stammt nicht von Bene(?), sondern geht einher mit dem Aufstieg des modernen Nationalismus. Dieser Themenkomplex soll im ersten Teil der Arbeit thematisiert werden.

Die Rolle der sudetendeutschen Minderheit während der ersten tschechoslowakischen Republik steht im Mittelpunkt der anschließenden Betrachtungen. Wie kam man darauf, dass die Sudetendeutschen eine Bedrohung darstellten? Der dritte Teil beschäftigt sich mit den konkreten Pla nungen zur Vertreibung der Deutschen. Dabei kann man sich nicht auf die Pläne der tschechischen Exil-Regierung unter Bene(?) beschränken. Auch die Alliierten der Anti- Hitler-Koalition sahen Bevölkerungstransfers als Notwendigkeit an, zudem wäre ohne ihre Zustimmung eine Vertreibung niemals möglich gewesen. Im letzten Abschnitt soll auf die Gründe für eine gegen Kriegsende einsetzende Dynamisierung des Vertreibungsgedankens eingegangen werden, die schließlich bis hin zur unkontrollierten „wilden Vertreibung“ Tausender Deutscher aus dem Sudetengebiet führte.

II Nationalismus und Nationalitätenkonflikte

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erlangt der Gedanke der Versicherung der eigenen Identität qua Zugehörigkeit zu einer Nation in weiten Teilen Europas eine immer größere Bedeutung; man kann von einem Zeitalter des einsetzenden Nationalismus sprechen. Die Idee der eigenen Nationalität wird zu einem identitätsstiftenden Moment und übernimmt mehr und mehr die Funktion einer kulturellen Leitideologie, die bis dato Religion oder Konfession innehatten. Dabei handelt es sich zunächst um eine Art kulturellen Nationalismus. Hiernach definiert sich eine Nation besonders durch eine gemeinsame Sprache und Kultur, ein gemeinsames historisches und kulturelles Erbe. Die Klammer, die eine Nation zusammenhält, ist das Leben im gemeinsamen Kulturkreis.

Dieser Entwurf von Nation beginnt sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu ändern. Einhe rgehend mit einer immer wissenschaftlicheren Weltsicht, besonders zu nennen ist hier der Darwinismus-Diskurs, wird Nationszugehörigkeit nicht mehr kulturell, sondern ethnisch begründet. Nationalität hat in diesem Denkmodell eine stark biologische Konnotation. Dies hat weitreichende Konsequenzen: Angehörige einer ethischen Minderheit werden nicht mehr als nationszugehörig betrachtet, selbst wenn sie sich in Sprache, Kultur und Lebensweise kaum von der ethnischen Mehrheit unterscheiden. Dies kann bis hin zu chauvinistischen Ansichten, wie etwa der Überlegenheit der eigenen Nation gegenüber anderen Nationen, reichen. Dass eine solche Denkweise leicht zu Konflikten zwischen ethnischen Gruppen, von Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsschichten bis hin zu Unterdrückung oder Repressalien führen kann, liegt auf der Hand. Peter Alter definiert den Nationa lismus folglich nicht nur als Ideologie, sondern auch als eine politische Bewegung. Durch das Appellieren an das Nationalgefühl ist es möglich, Menschen politisch zu mobilisieren. 3

Aus der Überlegung, dass ethnisch definierter Nationalismus als „geistiges Leitprinzip“ der Epoche gelten, und ganze Bevölkerungsschichten politisch mobilisieren konnte (d.h. Nationalitätenkonflikte waren stets bedrohliche Massenkonflikte und konnten leicht zu sehr ernstha ften Konsequenzen bis hin zu Kriegen führen), begann man Anfang des 20. Jahrhunderts Konsequenzen zu ziehen. Besonders während und nach dem (als Nationalitätenkonflikt begriffenen) Ersten Weltkrieg wurden verstärkt Überlegungen angestellt, wie solche Konflikte in Zukunft am besten vermieden werden könnten. Dabei kam man zu dem Ergebnis, dass die territoriale Trennung von ethnischen Gruppen die wohl wirksamste Prävention vor neuen Eskala- tionen darstellen würde. „Die nationale Mischsiedlung wurde als die Ursache von Konfliktsituationen angesehen; diese scheinen durch „Säuberung“ oder „Reinigung“ sozusagen mit der Wurzel, also dauerhaft beseitigt zu werden. Das Ergebnis einer solchen „Säuberung“ wäre eine national homogene Bevölkerung eines Stadtviertels, eines Ortes, einer Region, ja im Idealfall ganzer Staaten.“4

Konkret formuliert wurde diese Idee erstmals im Jahre 1915 durch den Schweizer Anthropologen Georges Montandon. In seiner Broschüre Frontières nationales entwickelt er die These, dass sich zukünftige Kriege wohl am besten durch eine grundlegende Umgestaltung des bestehenden Staatensystems vermeiden ließen. Die bestehenden europäischen Staaten sollten „national homogenisiert“ werden, die probaten Mittel dafür seien: „die Festlegung einer (wenn möglich) natürlichen Grenze durch die massive Verpflanzung [sic!] von Nichtangehörigen der Nation, oder von solchen, die dafür erklärt werden, in Gebiete jenseits der Grenze, ferner das Verbot des Eigentumsrechts oder selbst des Aufenthaltsrechts für Ausländer in den Grenzprovinzen“. 5 Ein weiteres Mittel zur nationa len „Entmischung“ von Staaten sei der Austausch von Siedlungen gegenseitiger Minderheiten zwischen mehreren Ländern. Eine große Bedeutung wurde der Minderheitenfrage bei der Bildung der ethnisch sehr heterogenen Staaten in Ost- und Südosteuropa kurz nach dem Ersten Weltkrieg beigemessen. Während der Balkankriege hatte es in diesem Gebiet bereits erste freiwillige Bevölkerungsaustausche zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei gegeben. Als aber am 30. Januar 1923 mit dem Vertrag von Lausanne der lange und blutige Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei endgültig beigelegt wurde, gewann die Idee des Bevölkerungsaustauschs eine ganz neue Qualität. Erstmals in der Geschichte wurde ein zwangsweiser Austausch von nationalen Minderheiten zwischen zwei Staaten vertraglich vereinbart: Möglichst alle Türken sollten Griechenland, möglichst alle Griechen die Türkei verlassen. Dem von beiden Staaten unterzeichneten Vertrag lag ein Exposé des Flüchtlingskommissars des Völkerbundes, Fridtjof Nansen, zugrunde. Dort argumentiert Nansen: „that to unmix the population of the Near East will tend to secure the true pacification of the Near East […] an exchange of populations is the quickest and most efficacious way of dealing with the grave economic results which must result from the great movement of populations which has already occurred”.6

[...]


1 Havel, Václav: Bene(?) und das „Tschechische Dilemma“. Das Drama eines europäischen Politikers, In: Neue Züricher Zeitung, 19. April 2002.

2 Vgl. Lemberg, Hans: Die Entwicklung der Pläne für die Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, In: Brandes, Detlev/ Kural, Václav (Hrsg.): Der Weg in die Katastrophe. Deutsch- tschechoslowakische Beziehungen 1938-1947. Essen 1994, S. 78.

3 „Nationalism [...] will be understood as both an ideology and a political movement which hold the nation and the sovereign nation-state to be crucial indwelling values, and which manages to mobilize the political will of a people or a large section of the population. Nationalism is hence taken to be a largely dynamic principle capable of engendering hopes, emotions and action; it is a vehicle for activating human beings and creating political solidarity amongst them for the purposes of achieving a common goal.” – Alter, Peter: Nationalism, London; New York; Sydney; Aukland 1994, S.4.

4 Lemberg, Hans: „Ethnische Säuberung“: Ein Mittel zur Lösung von Nationalitätenproblemen? In: Aus Politik und Zeitgeschichte B46, 1992, S. 28.

5 Zitiert nach: Ebd., S.29.

6 Zitiert nach: Ebd., S.31.

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